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EU-Freizügigkeit Polen hat Angst vor dem Brain Drain

Grenzöffnung für Arbeitnehmer: "Keinen Einfluss auf Migrationsströme" Zur Großansicht
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Grenzöffnung für Arbeitnehmer: "Keinen Einfluss auf Migrationsströme"

Die letzten Schranken für osteuropäische Arbeitnehmer in Deutschland fallen nun. Dabei ist nicht nur vielen Deutschen mulmig zumute. In Polen fürchtet man die Abwanderung der besten Köpfe - wie zuletzt 2004, als Großbritannien und Irland ihre Arbeitsmärkte öffneten.

Jahrelang hat Polen eine schnelle Öffnung des deutschen Arbeitsmarktes gefordert. Heftig kritisierte das EU-Land, dass Deutschland die sogenannte Freizügigkeit für Arbeitnehmer aus osteuropäischen EU-Staaten zunächst aussetzte. Am 1. Mai fallen nun die letzten Schranken, viele Menschen haben plötzlich ein mulmiges Gefühl. Und zwar auf beiden Seiten der Grenze.

Wie viele Arbeitsmigranten aus Polen und anderen Ländern Mittel- und Osteuropas tatsächlich nach Deutschland kommen, weiß so richtig niemand. Und während deutsche Arbeitnehmer Billigkonkurrenz aus dem Osten fürchten, herrscht auf der polnischen Seite Angst vor der Abwanderung der besten Köpfe des Landes in den Westen. Deutschland galt seit dem 19. Jahrhundert als Hauptziel polnischer Arbeitsmigranten, bis heute nennen Polen jede Saisonarbeit im Ausland "saksy" (Sachsen).

"Die Regierungen haben keinen Einfluss auf die Migrationsströme", gab Polens Arbeitsministerin Jolanta Fedak vor kurzem im Parlament zu. Angesichts vieler Fragezeichen bemühen sich Regierungsvertreter und Experten an der Weichsel aber, die Gemüter zu beruhigen. Eine Massenauswanderung ins westliche Nachbarland werde es nicht geben, lautet der offizielle Standpunkt. So rechnet das Arbeitsministerium in Warschau mit maximal 300.000 bis 400.000 Migranten in den nächsten drei Jahren.

"Mancher Auswanderer wird nach wenigen Monaten zurückkehren"

Eine Vielzahl von Wirtschaftswissenschaftlern teilt diese optimistische Einschätzung. Pawel Kaczmarczyk von der Warschauer Universität rechnet damit, dass die Zahl der polnischen Arbeitnehmer in Deutschland von derzeit 350.000 bis 400.000 auf maximal 600.000 wächst. Nur eine tiefe Wirtschaftskrise in Polen könne die Ausreisewelle wesentlich verstärken, sagt der Wissenschaftler, der auch Regierungschef Donald Tusk berät.

Die private Arbeitsagentur Work Express in Katowice (Kattowitz) beobachtet zwar bei ihren Kunden ein steigendes Interesse an einem Arbeitsplatz in Deutschland. "Wöchentlich gibt es rund hundert Nachfragen, doppelt so viele wie im vergangenen Jahr", berichtet Artur Ragan. Doch er prophezeit, dass mancher Auswanderer in einigen Monaten aus Deutschland enttäuscht zurückkehren wird - nicht zuletzt mangels Sprachkenntnis.

Fachkräfte wählten sowieso eher die USA oder Großbritannien als Auswanderungsland, meint der Wirtschaftswissenschaftler Sebastian Plociennik von der Universität Breslau. Für Spitzenkräfte sei Deutschland nicht attraktiv genug.

"Die meisten, die in Deutschland arbeiten wollen, sind schon da"

In Tschechien ist das Interesse an einer Auswanderung nach Deutschland noch geringer. "Die meisten sind hier nicht sehr mobil", sagt Bernard Bauer von der Deutsch-Tschechischen Industrie- und Handelskammer in Prag. Arbeitnehmer wechselten selbst innerhalb des Landes ungern von einer Stadt in die andere, die Lohnunterschiede zu Sachsen seien nicht sehr groß. Arbeitsminister Jaromir Drabek sagt: "Die meisten Leute, die in Deutschland arbeiten wollten, haben das bereits in die Tat umgesetzt."

Tatsächlich gibt es bereits jetzt viele Möglichkeiten zur Arbeit in Deutschland. Seit zwei Jahrzehnten sind polnische Saisonarbeiter in der Landwirtschaft und entsandte Bauarbeiter an deutschen Baustellen tätig. Für IT-Spezialisten, Akademiker und Selbständige ist der deutsche Markt seit Jahren offen. "Alle, die kommen wollten, sind schon längst am Rhein", sagt der Chef der polnischen Dienstleistungsbetriebe in Deutschland, Julian Korman. Wer bisher illegal gearbeitet habe, werde nun seinen Status legalisieren.

Als eine der wenigen ihrer Zunft warnt Krystyna Iglicka vom Institut für Internationale Beziehungen (CSM) vor einer Ausreisewelle aus Polen. Sie verweist auf geografische Nähe, Lohngefälle und ein Netzwerk von Bekannten als Faktoren, die für eine Abwanderung nach Deutschland sprechen.

Polen hatte bereits nach dem EU-Beitritt 2004 einen empfindlichen Arbeitskräfteverlust erlebt. Damals waren zwei Millionen Polen vor allem nach Großbritannien und Irland gegangen - Länder, die als erste ihre Märkte für osteuropäische Arbeitskräften öffneten.

Mehr in der KarriereSPIEGEL-Themenwoche "Grenzgänger":

Dienstag - Ab Mai überrollen uns die Billig-Jobber -: stimmt's?
Mittwoch - Zum Schlachten nach Dänemark
Donnerstag - "Tschechien ist gut für meine Karriere"
Freitag - Makler am Ende der Welt

dpa/mamk

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insgesamt 49 Beiträge
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1. Wie? Ganz Polen?
firem 01.05.2011
Oder doch nur eine nationalistische Presse, die im Spiegel für´s Ganze gehalten wird? Deutschland braucht billige Lohnsklaven, damit sie selbst nicht arbeiten brauchen. Die Löhne polnischer Tagelöhner haben schon die ostelbischen Junker erfreut.
2. Hass auf die EU in Rumänien
cucco 01.05.2011
Zitat von sysopDie letzten Schranken für osteuropäische Arbeitnehmer in Deutschland fallen nun. Dabei ist nicht nur vielen Deutschen mulmig zumute. In Polen fürchtet man die Abwanderung der besten Köpfe - wie zuletzt 2004, als Großbritannien und Irland ihre Arbeitsmärkte öffneten. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,759834,00.html
Es scheint in Rumänien ein ähnliches Problem wie in Polen zu geben. Als ich aus Anlass der Beerdigung eines Verwandten meines aus Rumänien stammenden Kollegen fuhr, stellte sich die EU anders dar, als wie wir darüber in den Medien lesen. Es gab nicht einen Teilnehmer, der - auf die EU angesproche - sprach von der EU eigentlich nur schlecht. Der Tenor war, dass das Siechtum in der rumänischen Wirtschafts Entwicklung der unkoordinierten unklugen Politik der EU zuzuschreiben sei. Auch hier sagte man, die EU habe sich gar nicht die Mühe gemacht, zunächst einmal die illegalen rumänischen Arbeiter abzuwehren, dann noch wie in Spanien vor 10 Jahren , um sie geworben hat. Jetzt werde alles noch viel schlimmer. Die fähigen Rumänen, die noch in RO verblieben sind, werden auch grossenteils Richtung Westen aus Rumänien verschwinden. Als wir durch die weite rumänische Landschaft fuhren, scheint dieser MEN DRAIN sehr real zu sein: weite Landflächen liegen brach, was vorher offenbar Ackerland war liegt nun brach. Unbewohnte Häuser, zerfallene Höfe. Hie hat die EU, wie so oft schon, versagt.
3. Als
cheguevara73 01.05.2011
Zitat von sysopDie letzten Schranken für osteuropäische Arbeitnehmer in Deutschland fallen nun. Dabei ist nicht nur vielen Deutschen mulmig zumute. In Polen fürchtet man die Abwanderung der besten Köpfe - wie zuletzt 2004, als Großbritannien und Irland ihre Arbeitsmärkte öffneten. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,759834,00.html
Europas größte Volkswirtschaft kann ich nicht die Menschen aussperren, auf deren Kosten wir uns unseren Wohlstand erreichen. Es ist traurig immer wieder zu erkennen, das wir zwar die Welt ausbeuten können, aber alles dafür unternehmen, uns die Opferrolle aufzuerlegen. Das wir geistig einen "Rechtsruck" vollführen und uns zu kleinen braunen Kleingeistern entwickeln scheint wohl in der Natur des Deutschen zu liegen. Zumindest scheinen ein paar Zahlen zu belegen, das es in GB positiv auf die Wirtschaft gewirkt hat. Wir sollten jetzt erstmal abwarten, welche Wirtschaftszweige davon betroffen sind, wie entwickeln sich die Gehälter. Entstehen daraus neue Arbeitsplätze usw. Danach können wir immer noch die Fackeln und Stricke auspacken und unsere Politiker steinigen.
4. Blöd??
Adran 01.05.2011
Zitat von sysopDie letzten Schranken für osteuropäische Arbeitnehmer in Deutschland fallen nun. Dabei ist nicht nur vielen Deutschen mulmig zumute. In Polen fürchtet man die Abwanderung der besten Köpfe - wie zuletzt 2004, als Großbritannien und Irland ihre Arbeitsmärkte öffneten. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,759834,00.html
Hackts? Das gegenteil ist der Fall!! Spon goes Blöd.. Ich fass das nicht..
5. .
anon11 01.05.2011
Zitat von sysopDie letzten Schranken für osteuropäische Arbeitnehmer in Deutschland fallen nun. Dabei ist nicht nur vielen Deutschen mulmig zumute. In Polen fürchtet man die Abwanderung der besten Köpfe - wie zuletzt 2004, als Großbritannien und Irland ihre Arbeitsmärkte öffneten. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,759834,00.html
War da nicht schon mal das Problem das Erntehelfer knapp wurden, da diese schon in andere Länder gehen? Als ob die fähigen Köpfe noch nach Deutschland kommen, wenn sie woanders doch längst mehr verdienen können? Aber Polen könnte einfach das Schengen-Abkommen kündigen, ;)
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Deutschland hat - wie Österreich - die Freizügigkeit für Arbeitnehmer wegen des hohen Einkommensgefälles zwischen alten und neuen EU-Mitgliedstaaten vorübergehend eingeschränkt. Dies sollte den ungezügelten Zuzug von Billiglöhnern aus den neuen EU-Ländern verhindern und damit auch Verwerfungen am Arbeitsmarkt. Vereinbart wurden deshalb Übergangsfristen von maximal sieben Jahren, in denen die Arbeitnehmerfreizügigkeit ausgesetzt werden kann. Dies betrifft derzeit noch zehn EU-Beitrittsländer. Ende April fallen die Beschränkungen für acht dieser Länder weg.
Osteuropäer jetzt freizügiger
Ab dem 1. Mai brauchen damit Arbeitnehmer aus den acht osteuropäischen EU-Beitrittsländern des Jahres 2004 - Estland, Lettland, Litauen, Polen, Slowakei, Slowenien, die Tschechische Republik und Ungarn - keine Arbeitserlaubnis für Deutschland mehr.
Letzte Hürden bis 2013
Die Freizügigkeit gilt noch nicht für Bürger aus Bulgarien und Rumänien. Die Arbeitsmarkt-Einschränkungen für diese beiden Länder, die erst 2007 der EU beitraten, fallen aber Ende 2013 weg.
Text: mamk/dpa

Fläche: 312.679 km²

Bevölkerung: 38,501 Mio.

Hauptstadt: Warschau

Staatsoberhaupt:
Bronislaw Komorowski

Regierungschef: Donald Tusk

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