Junge Gründer beim Start-up-Wettbewerb Total begeistert von sich selbst
Von der Idee zur eigenen Firma in 54 Stunden, das verspricht die Organisation Startup Weekend. Die Macher spielen mit den Träumen der Teilnehmer - und die spielen mit. Denn nur wer ganz fest ans große Geschäft glaubt, hat überhaupt eine Chance. Eine kleine.
"Diese 60 Sekunden können euer Leben verändern." Die Anmoderation von Yasha Tarani ist verlockend und beängstigend zugleich. Aus dem Lautsprecher dröhnt "The Final Countdown". Mohamed Chahin betritt die Bühne, weißes Polohemd, Föhnfrisur. Mohamed brennt. Seine Geschäftsidee: ein Nachhilfe-Netzwerk. Eine Minute hat er, um zu überzeugen. Gelingt es ihm, ist er seinem Traum näher. Pitch heißt die Tortur in der Start-up-Szene.
Rund 30 Akademiker mit Unternehmergeist sind an diesem Freitagabend zum Startup Weekend nach Lüneburg gekommen. Als Unternehmer mit Potential verlassen sie zwei Tage später die kleine Hansestadt. So lautet das Versprechen des Netzwerks für Entrepreneure. Mit mehr als 57.000 Teilnehmern und 600 Events in 300 Städten wirbt die Non-Profit-Organisation für sich. Unter den Sponsoren: Microsoft und Google.
Produziert haben die Gründerkurse laut Startup Weekend 5000 Firmen. Wie erfolgreich die sind? Schwer zu sagen. Die Macher sprechen von 36 Prozent Firmen, denen es drei Monate nach der Hochdruckgründung noch gut geht. Aber drei Monate ist eine kurze Zeit.
Mohamed wird pathetisch: "Du musst immer an deine Idee glauben", sagt der 20-Jährige. Gutaussehend, gut erzogen und gebildet - ein künftiger Chef, kein Angestellter. "Gründung ist das Ziel", eine Alternative sieht Mohamed nicht. Nun wird es laut im Saal, einem Coworking Space namens Freiraum Lüneburg. Der Moderator zählt die Stimmen. Kaum eine geht an Mohameds Idee. "Egal", findet der. Wer beim Pitch nicht punktet, schließt sich einfach einem anderen Start-up an.
Sechs Teams verfolgen sechs Ideen. Sie sitzen um weiße Tische, trinken Energie- oder Mixgetränke und referieren ihr Leben. Networking sei das Wichtigste. Sie haben BWL, Informatik und Marketing gleichzeitig studiert, stellen sich vor als "Head of Everything" oder ehemaliger CEO. Sie klappen ihre MacBooks auf, sprechen in einem Atemzug von sozialer Verantwortung und Marc Zuckerberg. Sie reden über millionenschwere Start-ups und darüber, dass Geld nicht ihr Antrieb ist. Sie schmieden Finanzpläne, erwähnen Business Angels und sagen "Word-of-Mouth-Marketing", wenn sie Mundpropaganda meinen. Sie fragen, was "catchy" ist und was "der Need" ihres Produkts ist. Sie alle sind Entrepreneure - zumindest beim Vokabular.
Mohamed hat sich nach seinem erfolglosen Pitch dem Team von GetYum.me angeschlossen. Auf dem Portal sollen Nutzer Gerichte einstellen und bewerten - ob selbst gekocht, geliefert oder im Restaurant verspeist. Das Modell ist weder neu noch konkret. Doch Ideengeber Marco kann überzeugen, mit Worten, mit Sympathie und Selbstbewusstsein. "Ich bin total begeistert, dass sich so viele gute Leute für mich entschieden haben", umschmeichelt der Chef seine Start-up-Crew, Mohamed, Tim, Robin und Elisabeth.
"Und Montag gehen die Start-ups an den Markt"
Moderator Yasha Tarani drängt das Team: "Ihr solltet schnell eure Domain sichern." Die 54 Stunden zum Gründertum sind streng getaktet. Konzepterarbeitung am Freitag, Feedback durch Mentoren am Samstag, Nachbesserung und Präsentation vor der Jury am Sonntag. "Und Montag gehen die Start-ups an den Markt", sagt Tarani und grinst. Nicht unmöglich, beteuert der 28-Jährige, selbst einst Teilnehmer und jetzt ehrenamtlicher Organisator. "Es gab schon Leute, die nach dem Startup Weekend ihren Job gekündigt haben."
Taranis Blick schweift durch den Freiraum. Bewertungsportale, soziale Netzwerke, Onlineshops. Die Geschäftsideen gleichen sich jedes Mal, sagt er. Vor Ideenklau müsse daher keiner Angst haben. "Die Idee allein ist nichts wert." Kostbarer seien die Umsetzung, das Team, vor allem die Vision. Und die ist gewaltig bei Mohamed und seinen Mitstreitern: "Wer Hunger hat, denkt automatisch an unsere App", tönt Marco vor dem Mentor, einem Marketingexperten und Investor. Der schüttelt den Kopf. Essen kochen und Essen gehen - das seien grundverschiedene Motive. "Ihr müsst euch fokussieren." Kritik, die trifft und doch hilft. Anders als sonst, sagt Mohamed, wenn Freunde, Verwandte ihn belächeln. "Das demotiviert nur."
Vor der Bühne sind Getränkekisten zu einem Pult aufgetürmt, dahinter thront die Jury: Investoren, Manager, Gründer. Es ist Sonntagabend, Zeit für die Entscheidung. Wer jetzt überzeugt, darf wieder für sich werben - vor einer Hamburger Jury, noch wichtiger als diese. Abseits bildet Team GetYum.me einen Kreis. Mohamed lobt Marco, und der lobt Elisabeth. "Wir machen weiter, egal was passiert", sagen sie. Marco muss pitchen. "Wir sind die weißen Ritter des Internets und helfen Heidi Klum", eröffnet der Wortführer seine Präsentation - das Topmodel in Lüneburg, auf der verzweifelten Suche nach gutem Sushi.
Lauter Applaus, vor den Auftritten und danach. Applaus für den dritten, für den zweiten und den ersten Sieger. Kein Preis geht an Mohameds Team. "Besser scheitern, als es nicht zu versuchen", sagt der 20-Jährige. Nur jeder elfte Teilnehmer setzt nach dem Startup Weekend seine Geschäftsidee tatsächlich um - Mohamed zählt irgendwann dazu, das weiß er.
- Ann-Kristin Mennen ist freie Journalistin und lebt in Lüneburg.

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