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Analyse von Mobbing-Fällen Und weg bist du

Analyse von Mobbingfällen: Experten zeigen Fehler auf Fotos
Corbis

3. Teil: Thorben, 30, Gruppenleiter im Controlling - Schluss mit der Kumpelei


"Meinen Einstand als Führungskraft werde ich nicht so schnell vergessen. Ich hatte eine angesagte Location am Hafen ausgewählt und ließ Essen und Getränke vom Feinsten auffahren. Seltsam - die Leute, mit denen ich bis gestern von Gleich zu Gleich zusammengearbeitet hatte, waren jetzt meine Mitarbeiter. Hey, ich bin immer noch der Thorben, sagte ich beim Sekt, aber es kam keine Stimmung auf.

So ging es weiter. Je mehr ich auf Kumpel machte, desto reservierter wurden die Ex-Kollegen. Bei einer Präsentation vor der Geschäftsführung ließen sie mich richtig hängen. Zwei Power-Point-Charts fehlten. Das und ein mir unerklärlicher Zahlendreher in einer Marktanalyse sorgten dafür, dass mich der Sprecher der Geschäftsführung wie einen dummen Jungen nach Hause schickte: "Wir sehen uns in einer Woche wieder, nachdem Sie Ihre Hausaufgaben gemacht haben!"

Die Merkwürdigkeiten häuften sich. Ein Bericht unseres Wirtschaftsprüfers verschwand. Vor wichtigen Terminen wurde ausgerechnet der jeweilige Experte in meinem Team krank. Dann begannen die Spielchen im Internet. In öffentlichen Foren wurde über mich abgelästert; jemand schlich sich in der Mittagspause an meinen Rechner, den ich nicht mit einem Kennwort geschützt hatte, und ersteigerte bei Ebay ein Sexspielzeug auf meinen Namen.

Die Gerüchte brodelten nur so: dass ich einen größeren Dienstwagen beantragt hätte; dass ich als Berater nebenher verdiene; dass ich mit dem Aufsichtsratsvorsitzenden Golf spiele. Bei einer Besprechung bekam ich einen Wutanfall, weil mich mehrere Mitarbeiter belogen - sofort wusste die ganze Firma von der Sache.

Meine Nerven lagen blank, ich schlief kaum noch, ein Ekzem, das ich ausgeheilt glaubte, kam wieder hervor. Ein Wunder, dass ich mich aufraffen konnte, Bewerbungen zu schreiben. Zwei Vorstellungsgespräche, und ich sah Licht am Ende des Tunnels. Heute macht mir der Job wieder Spaß. Führungsverantwortung habe ich allerdings nicht - und kann herzlich gern darauf verzichten."

Jörn Tschirne von der CoachAcademy Stuttgart analysiert den Fall von Thorben Zur Großansicht
CoachAcademy

Jörn Tschirne von der CoachAcademy Stuttgart analysiert den Fall von Thorben

Das sagt Jörn Tschirne von der CoachAcademy in Stuttgart dazu:

Warum gerade ich?

"Neid, Antipathie und Frust gehören zu den häufigsten Ursachen für Mobbing. Mit dem Nobel-Einstand hat Thorben seinen Kollegen signalisiert: Ich habe es geschafft - ihr nicht! Wer da nicht neidisch wird, muss ein wahrer Gutmensch sein. Doch die Feier war nur der Auftakt zu einer Reihe von Fehlern und Versäumnissen.

Vor allem hätte Thorben seine neue Rolle konsequent ausfüllen müssen. Von einem Vorgesetzten wird zum Beispiel erwartet, dass er Führungsverantwortung übernimmt, also die Mitarbeiter fördert und fordert. Damit sind zuweilen unpopuläre Entscheidungen verbunden, etwa das Delegieren zusätzlicher Arbeit oder Kritik am Leistungsverhalten.

Thorben wollte aber weiter als Kumpel gesehen werden, was den Eindruck vermittelte, er sei der Führungsaufgabe nicht gewachsen. So verspielte er den Respekt seiner Mitarbeiter und ermutigte sie zum Boykott. Die Gruppendynamik tat ein Übriges, um seinen Rückhalt im Team zu zerstören."

Wann und wie hätte ich mich wehren sollen?

"Der erste Schritt wäre gewesen, die Situation kritisch zu analysieren - gleich nach der verpatzten Feier. Wahrscheinlich schwelte bereits vor der Einladung ein Konflikt. Die Bestandsaufnahme hätte Thorben geholfen, das zu merken. Beim ersten Anzeichen eines Konflikts musste Thorben das klärende Gespräch mit dem betreffenden Mitarbeiter suchen. Zu dem Zeitpunkt hätte er es noch mit einer einzelnen oder mit wenigen Personen zu tun gehabt, nicht mit dem ganzen Team.

Solche Gespräche stärken das eigene Selbstbewusstsein und zeigen der mobbenden Person deutlich Grenzen auf. Wichtig ist es, nicht in die Isolation zu gehen. Auch als Führungskraft konnte Thorben Kollegen ins Vertrauen ziehen, die sich notfalls in den Konflikt eingeschaltet hätten. Die einschlägigen Beratungsstellen stehen übrigens jedem Mobbing-Opfer offen, unabhängig von dessen hierarchischer Stellung im Unternehmen. Niemand braucht sich zu schämen, in einer Mobbing-Situation Rat und Hilfe zu suchen."

Wie verhindere ich, dass ich erneut Opfer werde?

"Die gute Nachricht für Thorben lautet: Es gibt nicht das typische Mobbing-Opfer. Deshalb sollte er beim Antritt seiner neuen Stelle authentisch bleiben. Er muss nicht versuchen, jemand anderes zu sein. Die eigene Persönlichkeit auszuleben, setzt allerdings voraus, dass Thorben seine negativen Erfahrungen aktiv aufarbeitet. Er sorgt so dafür, dass er mit einem Maximum an Sicherheit die neue Stelle antritt.

Das Kapitel Führungsverantwortung hat Thorben vorerst abgeschlossen, wie er sagt. Das muss nicht für alle Ewigkeit gelten. Sollte er irgendwann wieder Chef werden, sieht seine Mobbing-Vorsorge so aus: Konflikte mit den Beteiligten umgehend klären, Eskalation vermeiden, im Gespräch eine konstruktive Einigung erzielen. Thorben müsste dann außerdem mehr auf die Stimmungen in seinem Team achten. Fortbildungen zu Kommunikation und Führung unterstützen bei der Wahrnehmung der Führungsaufgabe."

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insgesamt 65 Beiträge
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1. Sehe ich anders...
PolitBarometer 04.04.2012
Zitat von sysop<div class="spClearfix"><span class="sysopImage"><img src="http://cdn4.spiegel.de/images/image-334673-thumb-epwe.jpg" /><span class="spCredit">Corbis</span></span><span id="sysopText">Mobbing kann jeden treffen, von einem Tag auf den anderen. Plötzlich Opfer zu sein, bringt Menschen um ihre Motivation, ihre Selbstachtung, ihre Gesundheit. Und um ihren Job. Doch wer rechtzeitig seine Situation erkennt, kann das Schlimmste verhindern. Drei Fälle - und was Experten dazu sagen. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,825551,00.html</span></div>
Es kann nicht sein, dass das Opfer plötzlich zum Aktuer werden soll, nur weil ein deplazierter Chef meint, er könne den Laden schmeissen. Wissen Sie, was das für ein selbstzerstörerischer Kraftakt ist, wenn man immer genau das dann tun muss, wonach einem dann genau nicht ist; und das auch nur, um einem anderen zu gefallen. Insofern taugt der Tip zum Fall "Yannick" in meinen Augen überhaupt nichts. Und dann diese "hätte-kännte-müsste-Strategie". Am Ende weiss man schliesslich nicht, ob sich die Verwandlung in einen Wendehals wirklich lohnt. Manchmal ist man am Ende noch mehr der Depp und die anderen lachen sich noch mehr schlapp.
2. schon in der überschrift
autocrator 04.04.2012
im überschrift-text heisst es "Doch wer rechtzeitig seine Situation erkennt, kann das Schlimmste verhindern." Das ist leider absoluter unsinn. wenn mobbing angefangen hat, ist es schon zu spät. Da hilft nur noch eins: raus da, und das so teuer wie möglich. Denn: Es ist nicht aufgabe des mitarbeiters, mobbing oder "das schlimmste" zu verhindern. Das ist aufgabe des chefs, dafür wird er unter anderem bezahlt. Denn: Mobbing kostet so richtig viel fett geld! Ein unternehmen, das es seinem management durchgehen lässt, auf diese art und weise das geld zum fenster rauszuwerfen, verdient es auch nicht besser. Und in einem solchen unternehmen möchte man weder als gemobbter, noch als das nächste potenzielle mobbing-opfer arbeiten. In unternehmen herrscht keine demokratie, aber man kann immer noch mit den füßen abstimmen. Und es gibt keinen job, keine lebenssituation, keine aufgabenkonstellation, die es rechtfertigt, dass ich mir meine lebensqualität durch mobbing ruinieren lasse. "das schlimmste verhindern" ... das sind bloß durchhalteparolen im endk(r)ampf des aktuellen globalen weltwirtschaftskriegs. Wer sich darin verheizen lassen will, günstigstenfalls für eine lobende erwähnung im firmen-rundblättchen beim renteneintritt ... gerne. Den betriebsrentenversicherer, so es denn so einen überhaupt gibt, wenn man vorzeitig wegen stress und frust in die kiste hopst. Man muss sich immer fragen: Lohnt sich das wirklich? - Meist kommt ein ernüchterndes "nein" bei raus.
3. x
ralf_gabriel 04.04.2012
Zitat von sysop<div class="spClearfix"><span class="sysopImage"><img src="http://cdn4.spiegel.de/images/image-334673-thumb-epwe.jpg" /><span class="spCredit">Corbis</span></span><span id="sysopText">Mobbing kann jeden treffen, von einem Tag auf den anderen. Plötzlich Opfer zu sein, bringt Menschen um ihre Motivation, ihre Selbstachtung, ihre Gesundheit. Und um ihren Job. Doch wer rechtzeitig seine Situation erkennt, kann das Schlimmste verhindern. Drei Fälle - und was Experten dazu sagen. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,825551,00.html</span></div>
Fall 1) Hier wird nur aus der Sicht des Betroffenen geschaut. Ich höre immer "Fachkräftemangel". Keiner redet davon die Mitarbeiter in Watte zu hüllen, aber wenn es sich Unternehmen immer noch leisten können so einen Quatsch zu veranstalten und wertvolle finanzielle sowie personelle Ressourcen zu verschwenden, haben wir noch nicht einmal ansatzweise einen Mangel. Wer so blöd ist, fachlich kompetente, teamfähige Mitarbeiter auch noch mit Abfindungen rauszuekeln, soll nicht klagen. Es ist wie bei den Kindern und Jugendlichen. Statt sich vernünftig um die zu kümmern, die da sind, wird möglichst viel Masse gefordert, aus der man dann auswählen kann. Wohin der "Ausschuß" geht, interessiert keine Sau. Aber über die steigenden Sozialtransfers jammern alle.
4.
franko_potente 04.04.2012
Zitat von sysop<div class="spClearfix"><span class="sysopImage"><img src="http://cdn4.spiegel.de/images/image-334673-thumb-epwe.jpg" /><span class="spCredit">Corbis</span></span><span id="sysopText">Mobbing kann jeden treffen, von einem Tag auf den anderen. Plötzlich Opfer zu sein, bringt Menschen um ihre Motivation, ihre Selbstachtung, ihre Gesundheit. Und um ihren Job. Doch wer rechtzeitig seine Situation erkennt, kann das Schlimmste verhindern. Drei Fälle - und was Experten dazu sagen. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,825551,00.html</span></div>
Warum schreiben angebliche Experten so einen Mist. Gerade bem Fall Yannick. Typisches Mobbing. Eine Frau will hrter sein als Ihr Vörgägner , bekommt ANgstund beißt alles weg. Wieso soll an einem Areitsplatz genetzwerkt werden und politik betrieben werden? Dort soll man ARBEITEN geführt vom Vorgesetzen.
5. Unsere Experten
Humboldt 04.04.2012
Zitat von sysop<div class="spClearfix"><span class="sysopImage"><img src="http://cdn4.spiegel.de/images/image-334673-thumb-epwe.jpg" /><span class="spCredit">Corbis</span></span><span id="sysopText">Mobbing kann jeden treffen, von einem Tag auf den anderen. Plötzlich Opfer zu sein, bringt Menschen um ihre Motivation, ihre Selbstachtung, ihre Gesundheit. Und um ihren Job. Doch wer rechtzeitig seine Situation erkennt, kann das Schlimmste verhindern. Drei Fälle - und was Experten dazu sagen. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,825551,00.html</span></div>
Natürlich, die Mobbing-Opfer sind es doch alle selber schuld... Was hier die vermeintlichen Experten (oder sollte ich lieber Karriereberater) zum Besten geben ist wirklich das allerletzte! Natürlich ist unbestritten, dass es bestimmte Persönlichkeitsprofile gibt, welche begünstigen, zum Mobbingopfer zu werden. Nur die hier verabreichten Pseudoratschläge und "Schuld"ursachen widersprechen eindeutig neueren Mobbingforschung. Es ist eben nicht immer so, dass derjenige auch wirklich der Verursacher ist. Der Bericht nimmt mir zu sehr die Kollegen und Vorgesetzten aus der Verantwortung. Mobbing ist und bleibt eine Schweinerei und gehört auf's Schärfste unterbunden, egal wie bekloppt, nervig oder fett ein Kollege ist. Wenn einem etwas nicht passt, kann man das gefälligst demjenigen in einem sauberen offenen Gespräch mitteilen und Änderungen einfordern. Punkt!
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    • • Holen Sie Hilfe - beim Betriebsrat, Vorgesetzten, betrieblichen Sozialdienst.
    • • Sprechen Sie mit Freunden und der Familie über die Situation.
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