Protokolle: Christoph Stehr
"Meinen Einstand als Führungskraft werde ich nicht so schnell vergessen. Ich hatte eine angesagte Location am Hafen ausgewählt und ließ Essen und Getränke vom Feinsten auffahren. Seltsam - die Leute, mit denen ich bis gestern von Gleich zu Gleich zusammengearbeitet hatte, waren jetzt meine Mitarbeiter. Hey, ich bin immer noch der Thorben, sagte ich beim Sekt, aber es kam keine Stimmung auf.
So ging es weiter. Je mehr ich auf Kumpel machte, desto reservierter wurden die Ex-Kollegen. Bei einer Präsentation vor der Geschäftsführung ließen sie mich richtig hängen. Zwei Power-Point-Charts fehlten. Das und ein mir unerklärlicher Zahlendreher in einer Marktanalyse sorgten dafür, dass mich der Sprecher der Geschäftsführung wie einen dummen Jungen nach Hause schickte: "Wir sehen uns in einer Woche wieder, nachdem Sie Ihre Hausaufgaben gemacht haben!"
Die Gerüchte brodelten nur so: dass ich einen größeren Dienstwagen beantragt hätte; dass ich als Berater nebenher verdiene; dass ich mit dem Aufsichtsratsvorsitzenden Golf spiele. Bei einer Besprechung bekam ich einen Wutanfall, weil mich mehrere Mitarbeiter belogen - sofort wusste die ganze Firma von der Sache.
Meine Nerven lagen blank, ich schlief kaum noch, ein Ekzem, das ich ausgeheilt glaubte, kam wieder hervor. Ein Wunder, dass ich mich aufraffen konnte, Bewerbungen zu schreiben. Zwei Vorstellungsgespräche, und ich sah Licht am Ende des Tunnels. Heute macht mir der Job wieder Spaß. Führungsverantwortung habe ich allerdings nicht - und kann herzlich gern darauf verzichten."
Das sagt Jörn Tschirne von der CoachAcademy in Stuttgart dazu:
Warum gerade ich?
"Neid, Antipathie und Frust gehören zu den häufigsten Ursachen für Mobbing. Mit dem Nobel-Einstand hat Thorben seinen Kollegen signalisiert: Ich habe es geschafft - ihr nicht! Wer da nicht neidisch wird, muss ein wahrer Gutmensch sein. Doch die Feier war nur der Auftakt zu einer Reihe von Fehlern und Versäumnissen.
Vor allem hätte Thorben seine neue Rolle konsequent ausfüllen müssen. Von einem Vorgesetzten wird zum Beispiel erwartet, dass er Führungsverantwortung übernimmt, also die Mitarbeiter fördert und fordert. Damit sind zuweilen unpopuläre Entscheidungen verbunden, etwa das Delegieren zusätzlicher Arbeit oder Kritik am Leistungsverhalten.
Thorben wollte aber weiter als Kumpel gesehen werden, was den Eindruck vermittelte, er sei der Führungsaufgabe nicht gewachsen. So verspielte er den Respekt seiner Mitarbeiter und ermutigte sie zum Boykott. Die Gruppendynamik tat ein Übriges, um seinen Rückhalt im Team zu zerstören."
Wann und wie hätte ich mich wehren sollen?
"Der erste Schritt wäre gewesen, die Situation kritisch zu analysieren - gleich nach der verpatzten Feier. Wahrscheinlich schwelte bereits vor der Einladung ein Konflikt. Die Bestandsaufnahme hätte Thorben geholfen, das zu merken. Beim ersten Anzeichen eines Konflikts musste Thorben das klärende Gespräch mit dem betreffenden Mitarbeiter suchen. Zu dem Zeitpunkt hätte er es noch mit einer einzelnen oder mit wenigen Personen zu tun gehabt, nicht mit dem ganzen Team.
Solche Gespräche stärken das eigene Selbstbewusstsein und zeigen der mobbenden Person deutlich Grenzen auf. Wichtig ist es, nicht in die Isolation zu gehen. Auch als Führungskraft konnte Thorben Kollegen ins Vertrauen ziehen, die sich notfalls in den Konflikt eingeschaltet hätten. Die einschlägigen Beratungsstellen stehen übrigens jedem Mobbing-Opfer offen, unabhängig von dessen hierarchischer Stellung im Unternehmen. Niemand braucht sich zu schämen, in einer Mobbing-Situation Rat und Hilfe zu suchen."
Wie verhindere ich, dass ich erneut Opfer werde?
"Die gute Nachricht für Thorben lautet: Es gibt nicht das typische Mobbing-Opfer. Deshalb sollte er beim Antritt seiner neuen Stelle authentisch bleiben. Er muss nicht versuchen, jemand anderes zu sein. Die eigene Persönlichkeit auszuleben, setzt allerdings voraus, dass Thorben seine negativen Erfahrungen aktiv aufarbeitet. Er sorgt so dafür, dass er mit einem Maximum an Sicherheit die neue Stelle antritt.
Das Kapitel Führungsverantwortung hat Thorben vorerst abgeschlossen, wie er sagt. Das muss nicht für alle Ewigkeit gelten. Sollte er irgendwann wieder Chef werden, sieht seine Mobbing-Vorsorge so aus: Konflikte mit den Beteiligten umgehend klären, Eskalation vermeiden, im Gespräch eine konstruktive Einigung erzielen. Thorben müsste dann außerdem mehr auf die Stimmungen in seinem Team achten. Fortbildungen zu Kommunikation und Führung unterstützen bei der Wahrnehmung der Führungsaufgabe."
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