Analyse von Mobbing-Fällen Und weg bist du
Mobbing kann jeden treffen, von einem Tag auf den anderen. Plötzlich Opfer zu sein, bringt Menschen um ihre Motivation, ihre Selbstachtung, ihre Gesundheit. Und um ihren Job. Doch wer rechtzeitig seine Situation erkennt, kann das Schlimmste verhindern. Drei Fälle - und was Experten dazu sagen.
Warum gerade ich? Wer Opfer einer Mobbing-Attacke wird, stellt sich diese Frage Tag für Tag. Es ist eine bohrende Frage, eine Frage, die einen Menschen fertigmachen kann. Und die Experten oft leicht beantworten können. Niemand wird wirklich grundlos zum Opfer. Oft sind es kleine Fehler, die zum großen Sturm führen. Wer sie rechtzeitig erkennt, kann sich viele böse Attacken ersparen.
Drei Experten kommentieren drei Mobbing-Fälle und beantworten dabei die dringlichen Fragen: Warum ich? Wie hätte ich mich wehren sollen? Und: Wie verhindere ich, dass ich erneut Opfer werde?
Yannick, 26, Junior Produktmanager - Mein Feind, der neue Chef
"Im Bewerbungsgespräch war die Welt noch in Ordnung. Ich hatte sofort einen guten Draht zu meinem späteren Vorgesetzten. Er war fast so etwas wie ein väterlicher Freund für mich, immer ansprechbar, fair und dabei sehr anspruchsvoll. Wenn ich mal eine Marktforschung nicht optimal konzipiert oder mit unserer Agentur schlecht verhandelt hatte, nahm er mich gehörig ins Gebet. Umso mehr freute ich mich über sein Lob vor dem versammelten Team.
Pech, dass er nach anderthalb Jahren zu einer Auslandstochter versetzt wurde. Seine Nachfolgerin kam aus einer anderen Abteilung, duzte gleich jeden und war sofort beliebt. Ich glaube, mich mochte sie von Anfang an nicht, weil sie merkte, dass ich mindestens so viel konnte wie sie.
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Die Kollegen bekamen mit, dass mein Stern im Sinken war, und ließen mich links liegen. In die Kantine ging ich nur noch allein. Bald war es mir egal, ich brauchte niemanden. Und Hilfe schon gar nicht: Meine Eltern wollten, dass ich zum Betriebsrat ging, aber davon halte ich nichts. Ich wollte so wenig wie möglich mit meiner Chefin und den Kollegen zu tun haben. Urlaub und Freizeitausgleich legte ich bevorzugt auf Tage mit Teambesprechungen. Als schließlich meine Firma umstrukturierte und das Marketing zusammenstrich, griff ich als erster beim Angebot einer Vertragsauflösung mit Abfindung zu."
Das sagt Ute Bölke, Karrierecoach aus Wiesbaden, dazu:
Warum gerade ich?
"Mit dem alten Vorgesetzten funktionierte für Yannick die Zusammenarbeit nach dem Motto "Lob und Tadel". Leistung wurde belohnt, Misserfolg getadelt. Die Nachfolgerin duzte die Mitarbeiter, führte weniger hierarchisch. Sie war vielleicht gleich alt, jedenfalls kein väterlicher Freund. Yannick betrachtete den Wechsel nicht als Chance, sondern als Pech.
Er tauchte ab, weil er sich bedroht fühlte. Statt zu netzwerken und "Politik" zu machen, schmollte er. Professionell wäre es gewesen, die neue Chefin zu analysieren, auf sie einzugehen, fachlich zu brillieren und sein Revier zu verteidigen. Doch Yannick blieb im Vater-Sohn-Schema kleben.
Die neue Chefin wertete sein Verhalten als Desinteresse, vielleicht fühlte sie sich als Person abgelehnt. Das musste sie als Affront auffassen. Entsprechend reagierte sie und stellte Yannick kalt. Der nahm die Opferrolle bereitwillig an und räumte schließlich das Feld. Yannick machte sich selbst zum Opfer, ohne je über diese Entwicklung reflektiert zu haben."
Wann und wie hätte ich mich wehren sollen?
"Yannick hätte zunächst ein Status- beziehungsweise Übergangsgespräch mit dem alten Chef und dessen Nachfolgerin einfordern können. Mögliche Themen: die gegenseitigen Erwartungen, Perspektiven, Kommunikations- und Führungsstil. So hätte er erfahren, was es bedeutet, auf gleicher Ebene und sachbezogen zu diskutieren, Neuerungen anzustoßen und umzusetzen. Wichtig wäre es außerdem gewesen, die Nähe zur Chefin zu suchen und ein Netzwerk im Unternehmen aufzubauen. Mal mit Kollegen nach Feierabend ein Bier zu trinken, ist nicht verkehrt.
Angesichts der drohenden Umstrukturierung hätte er Ideen einbringen und so seine Position sichern können. Auf einen 26-Jährigen wartet nur eine magere Abfindung - gewiss kein Trostpflaster für den Jobverlust. Spätestens als Yannick merkte, dass sich sein Aufgabengebiet ändert, hätte er mit seiner Chefin reden müssen. Es geht nicht um Schuldzuweisungen, sondern darum, seine Wahrnehmungen mitzuteilen und um offenen Austausch zu bitten. Mit dem Rückzug aus dem täglichen Geschehen zeigte Yannick aber seine innere Kapitulation und verunsicherte zusätzlich die anderen Teammitglieder. So erklärte sich die zunehmende Sprachlosigkeit und Isolation."
Wie verhindere ich, dass ich erneut Opfer werde?
"Yannick muss erkennen, dass er bereitwillig die Opferrolle annahm - vielleicht weil ihm mit 26 Jahren die Reife für proaktive Konfliktbewältigung fehlte. Er kann aus dem Geschehen einiges für seine berufliche Zukunft und für die Entwicklung seines Sozialverhaltens mitnehmen. Etwa die Erkenntnis, dass Diskussionen, Konflikte, Machtkämpfe zum Berufsleben gehören, aber nicht als Bedrohung verstanden werden müssen. Ein diskussionsfreudiges Arbeitsumfeld sollte man als eine reizvolle Lebensaufgabe sehen, die einem hilft, sich soziale Fähigkeiten anzueignen. Wenn Yannick möchte, kann er, mit oder ohne externe Unterstützung, versuchen, die Situation gedanklich noch einmal durchzuspielen und Handlungsalternativen zu überlegen. Dabei würde er lernen, sein Verhalten besser zu steuern, um flexibel und gezielt auf Menschen zu reagieren. Flucht ist jedenfalls keine Lösung."
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- Der Mobbingberater Dieter Schlund gibt zehn Tipps für Arbeitnehmer, die sich im Job angegriffen fühlen:
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- • Lassen Sie sich nicht provozieren. Bleiben Sie sachlich, auch wenn es schwer fällt.
- • Gehen Sie dem Angreifer aus dem Weg.
- • Gehen Sie aus dem Konfliktfeld heraus, indem sie beispielsweise den Raum verlassen.
- • Biedern Sie sich nicht an, machen Sie sich nicht "klein".
- • Holen Sie Hilfe - beim Betriebsrat, Vorgesetzten, betrieblichen Sozialdienst.
- • Sprechen Sie mit Freunden und der Familie über die Situation.
- • Suchen Sie eine Mobbing-Selbsthilfegruppe auf, in der Sie andere Betroffenen kennen lernen.
- • Nehmen Sie die Leistungen einer Beratungsstelle oder eines Mobbingtelefons in Anspruch.
- • Kontaktieren Sie einen Rechtsanwalt mit Schwerpunkt Arbeitsrecht.
- • Tanken Sie Energie, etwa beim Sport. Suchen Sie Entspannung.
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