Protokolle: Felix Scheidl und Kathrin Kießling
Gemessen an den Temperaturen an ihren Arbeitsplätzen könnten die Jobs von Christian Matten und Veronika Heinze nicht unterschiedlicher sein: Als Elektroingenieur in einem Stahlwerk schwitzt Matten bei bis zu 45 Grad, Heinze betreut bei minus 80 Grad die Kältetherapie-Patienten in einer Klinik.
Ganzkörperkältetherapie nennt sich dieser Ansatz, er stammt aus Japan, wo erstmals in den achtziger Jahren Rheumapatienten mit Schmerzen in den Gelenken in spezielle Kältekammern geführt wurden. Durch die eisige Luft kühlt sich die Hautoberfläche rasch ab - was Schmerzen verringern soll.
Zur Ganzkörperkältetherapie gibt es zwar einige Untersuchungen, Nutzen und Wirkung sind jedoch umstritten: "Groß angelegte Studien mit großen Patientenzahlen fehlen", sagt Josef Hermann von der Medizinischen Universität Graz. Im Kurzinterview mit dem KarriereSPIEGEL beantwortet er die wichtigsten Fragen zur Kältetherapie.
Die Patienten bleiben nur wenige Minuten in der Kammer, Heinze geht immer wieder hinein. Wie sich das anfühlt, erzählt sie hier - und Christian Matten berichtet vom anderen Extrem, Arbeiten bei 45 Grad Hitze.
"Vor zehn Jahren hatte ich einen Bandscheibenvorfall - und damit starke Schmerzen. Mein Arzt hat mir damals die Kältetherapie verschrieben, bezahlt hat sie meine Krankenkasse. Minus 80 Grad sind beim ersten Besuch schon sehr gewöhnungsbedürftig. Die Kälte auf der Haut habe ich aber nicht als kalt empfunden, ich habe noch nicht mal eine Gänsehaut bekommen. Danach war ich den ganzen Tag schmerzfrei und konnte sogar Sport auf dem Laufband machen. Zwei- bis dreimal pro Woche bin ich für drei Minuten in der Kältekammer gewesen - bis ich nach zwei Jahren operiert wurde.
Eigentlich habe ich Malerin und Lackiererin gelernt. Nach meiner Elternzeit wollte ich etwas anderes machen - und zu der Zeit, als ich selber meine Kältetherapie machte, wurde genau hier ein Arbeitsplatz frei.
Bei ängstlichen Menschen komme ich mit hinein und rede ruhig auf sie ein. Normalerweise laufen die Patienten bei ruhiger Musik drei Minuten lang in der Kältekammer umher. In der Mitte steht ein Rad, an dem sie sich dabei festhalten können. Damit es auch kalt bleibt, schließen wir den Raum mit einer dicken, isolierten Tür.
Die Patienten tragen nur Badekleidung, Handschuhe, Stirnband und Schuhe - damit Zehen, Ohren und Finger nicht erfrieren. Und einen Mundschutz, damit nicht zu viel Feuchtigkeit über den Atem in die Kammer kommt. Ich selbst gehe in Jogginghose und T-Shirt hinein. Wenn der Patient im Badeanzug vor mir steht, kann ich einfach keinen Wintermantel anziehen.
Im Schnitt stehe ich zwei- bis dreimal täglich in der Kälte, das erste Mal morgens, dann kehre ich mit einem Besen Schneekristalle von den Lüftungsschächten und den Wänden. Besonders im Sommer genieße ich das, als Abwechslung zur brennenden Sonne vor der Kliniktür. Ich gehe dann ganz ohne Mundschutz und Handschuhe in die Kammer. Drinnen fühle ich mich frei und entspannt.
Kälte habe ich schon immer genossen, ich gehe auch gern vor die Tür, wenn es draußen mal minus 20 Grad sind. Für den Sommerurlaub zieht es mich aber doch eher an den Strand oder in die Wärme: Ich muss im Urlaub ja nicht jeden Tag an meinen Arbeitsplatz erinnert werden."
"Ich wusste schon früh, wohin es beruflich gehen soll. Nach dem Abitur habe ich Elektroingenieurwesen studiert und außerdem einen Abschluss als Wirtschaftsingenieur an der Fernuni gemacht. Fünf Jahre war ich in der Forschung und seit knapp vier Jahren arbeite ich nun im Warmbandwerk 2 bei ThyssenKrupp Steel Europe.
Die Öfen, in denen der Stahl erhitzt wird, erreichen Temperaturen bis 1300 Grad Celsius. Ich stehe dort oft an den Computern oder über den Anlagen, über die der glühende Stahl läuft und prüfe den Produktionsprozess. 45 Grad ist es dort heiß. Im Vergleich zum glühenden Stahl hört sich das fast lächerlich an, aber unsere Arbeitsanzüge verstärken die Wärme noch: Sie sind aus einem schwer entflammbaren, dicken Stoff gefertigt. Viel Trinken ist das A und O.
Im Betrieb kommt es auf wahnsinnig viele Einzelkomponenten an; Hauptantriebe, Messanlagen, Server - alles greift ineinander. Fällt in diesem Getriebe ein Zahnrad aus, muss schnell gehandelt werden, damit nicht alles still steht. Das ist spannend und eine tägliche Herausforderung.
Ich bin unter anderem für die Software der Prozessrechner zuständig und für die Installation von neuen Messanlagen. Ein Drittel meiner Zeit verbringe ich im Büro, ein Drittel in Besprechungen und ein Drittel in der Anlage selbst. Alle sechs bis sieben Wochen habe ich eine Woche lang Rufbereitschaft, auch nachts. Glücklicherweise ist es bis dato zu keinen größeren Schäden gekommen.
Das Schönste an meinem Job ist die Kollegialität: Es gibt einen guten Zusammenhalt unter den Kollegen. Und auch wenn wir unter Produktionsdruck arbeiten, empfinde ich die Atmosphäre an meinem Arbeitsplatz als sehr angenehm. Die Hitze ist zu meinem Alltag geworden, sie stört mich gar nicht. Und privat gehe ich auch gerne mal in die Sauna. Allerdings bin ich sehr froh, dass ich da keinen dicken Schutzanzug tragen muss."
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