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11. Juni 2012, 06:37 Uhr

Mythen der Arbeit

Es fehlen Fachkräfte, weil die Gesellschaft altert - stimmt's?

Der demografische Wandel krempelt Arbeitsmarkt und Gesellschaft kräftig um. Doch die Engpässe, die Unternehmen bei bestimmten Fachkräften bereits heute beklagen, lassen sich noch nicht auf den demografischen Wandel zurückführen, erklärt Arbeitsforscher Joachim Möller.

"Wegen des demografischen Wandels suchen die Firmen händeringend nach Fachkräften" - das erklären die Industrie- und Handelskammern, das schreiben viele Zeitungen und das hört man in Funk und Fernsehen. Die Aussage klingt erst einmal plausibel. Nur: Was plausibel klingt, muss nicht richtig sein.

Tatsächlich haben die aktuell beobachteten Schwierigkeiten von Firmen bei der Rekrutierung bestimmter Fachkräfte noch nichts mit dem demografischen Wandel zu tun. Denn derzeit gibt es so viele Erwerbstätige wie nie zuvor in Deutschland, und auch die Zahl der Menschen, die dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen - das so genannte Erwerbspersonenpotential - ist nur im Jahr 2006 einmal kurzfristig höher gewesen als heute.

Unterm Strich kann man sagen: Noch hat der Bevölkerungsrückgang den Arbeitsmarkt nicht im Griff. Im Gegenteil, wir befinden uns beim Arbeitskräfteangebot in der Nähe eines Allzeithochs. Wenn wir Rekrutierungsengpässe etwa bei Ingenieuren oder in bestimmten Sozial- und Gesundheitsberufen beobachten, dann muss dies andere Ursachen haben.

Bevölkerungsrückgang wird bisher ausgeglichen

Seit Mitte der sechziger Jahre sinken in Deutschland die Geburtenzahlen. Mit entsprechender Zeitverzögerung kommt diese Entwicklung auch am Arbeitsmarkt an. Bisher wurde der Rückgang allerdings durch Zuwanderung sowie durch steigende Erwerbsquoten der Frauen und der Älteren (und insbesondere der älteren Frauen) ausgeglichen. Das Angebot an Arbeitskräften ist deshalb in den letzten Jahren nicht gesunken, sondern sogar gestiegen. Sicher ist allerdings auch, dass das nicht so bleiben wird. Schon in wenigen Jahren wird der demografische Wandel immer stärker auf den Arbeitsmarkt durchschlagen.

Dabei ist durchaus anzunehmen, dass die Erwerbsquoten der Älteren und der Frauen weiter steigen werden. Zudem arbeiten viele Frauen heute weniger Stunden pro Woche, als sie eigentlich möchten. Jede zweite Teilzeitbeschäftigte würde gerne ihre Arbeitszeit ausdehnen. Hochgerechnet machen die Wünsche nach Ausweitung der Arbeitszeit ein Arbeitsvolumen von mehr als 40 Millionen Stunden wöchentlich aus. Nicht ganz unerheblich, denn das entspricht etwa einer Million Vollzeitarbeitskräften. Auch eine gesteuerte Zuwanderung könnte den demografischen Effekt auf das Erwerbspersonenpotential weiter abbremsen. Im Jahr 2011 ist die Nettozuwanderung auf über 200.000 angestiegen, und in einer ähnlichen Größenordnung dürfte sie sich auch im laufenden Jahr bewegen.

Dennoch: Selbst unter günstigen Annahmen über Nettozuwanderung und höhere Erwerbsbeteiligung lässt sich künftig das Schrumpfen des Erwerbspersonenpotentials nicht mehr aufhalten. In einem realistischen Szenario wird der Rückgang bis 2025 gut drei Millionen und bis 2050 sogar rund zehn Millionen betragen.

Ursachen liegen viel länger zurück - teils Jahrzehnte

Das ist kein Grund, ein Schreckensbild zu malen, denn langfristig ist die Wirtschaftsleistung pro Kopf entscheidend, und die hängt nicht von der Größe der Bevölkerung ab. In den kommenden Jahrzehnten wird es jedoch eine Übergangsphase geben, in der die schrumpfende und alternde Bevölkerung Gesellschaft und Arbeitsmarkt tiefgreifend verändert. Das betrifft allerdings die Zukunft. Hingegen haben die heute beklagten Fachkräfteengpässe, etwa bei Ingenieuren oder allgemeiner in den sogenannten MINT-Berufen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik), damit nichts zu tun. Hierfür sind andere Faktoren verantwortlich, deren Ursachen teilweise Jahrzehnte zurückliegen.

Beispiel Ingenieurmangel. Absolventen ingenieurwissenschaftlicher Studiengänge hatten nach der schweren Rezession 1993/94 durchaus Probleme, eine Stelle zu finden. Große Firmen verhängten Einstellungsstopps. Kein Wunder, dass die Studierneigung in diesen Fächern zurückging. Das ist lange her, aber die Auswirkungen sind bis auf den heutigen Tag zu spüren. In den betroffenen Altersjahrgängen - Personen, die heute zwischen 35 und 45 alt sind - finden sich vergleichsweise wenig ausgebildete Ingenieure. Seit in den letzten Jahren überall ein Ingenieurmangel beklagt wird, geschieht nun das Gegenteil: Junge Leute entscheiden sich vermehrt für ein solches Studium. Wenn dies anhält, ist in Zukunft möglicherweise wieder mit einem Überschuss von Ingenieuren zu rechnen.

Schweinezyklen am Arbeitsmarkt

Solche Wechsel von Knappheit und Überangebot von bestimmten Fachkräften sind ein bekanntes Phänomen am Arbeitsmarkt. In der Fachliteratur spricht man von "Schweinezyklen". Schweinezyklen lassen sich in der Landwirtschaft beobachten. Bei hohen Preisen für Schweinefleisch entscheiden sich viele Bauern, vermehrt Jungtiere aufzuziehen. Wenn diese schlachtreif sind, entsteht folglich ein Überangebot, das die Preise in den Keller fallen lässt. Aufgrund dessen geben viele die Schweinezucht auf, was mit entsprechender Zeitverzögerung wiederum zu einer Verknappung und einem starken Preisanstieg führt. Der Zyklus beginnt von vorn.

Fachkräfteengpässe können ihren Grund natürlich auch in unerwarteten Veränderungen der Nachfrage nach Arbeitskräften haben. Entwicklungsintensive deutsche Industrieprodukte wie Autos und Spezialmaschinen sind derzeit auf den Weltmärkten stark gefragt. Dies hat den Bedarf nach Ingenieuren in die Höhe schnellen lassen und zwar in einer Phase, in der es aufgrund der beschriebenen Entwicklung in der Vergangenheit eine Verknappung des Angebots gab. Damit wird verständlich, dass Firmen in manchen Bereichen und Regionen über Rekrutierungsprobleme klagen.

Solche akuten Fachkräfteengpässe lassen sich kurzfristig nicht leicht überwinden. Normale Marktreaktionen sind Gehaltsteigerungen und verbesserte Arbeitsbedingungen, so dass die Jobs in Mangelbereichen attraktiver werden. Dies ist in der Privatwirtschaft auch zu beobachten. Im staatlichen Bereich stehen dem starre Gehaltsstrukturen und die angespannte Kassenlage entgegen. Höhere Gehälter und attraktivere Arbeitsbedingungen in den Mangelbereichen der Gesundheits- und Sozialberufe sind aber unumgänglich.

Engpässe in den MINT-Berufen abzumildern wird wegen der langen Ausbildungszeiten nur über eine längerfristig angelegte Strategie möglich sein. Dabei gilt es, nicht über das Ziel hinauszuschießen, sonst produziert man den nächsten Schweinezyklus. Aber auch der hat mit der Demografie wenig zu tun.

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