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Speditionen ohne Fahrer "Der Lkw stört vor allem beim Rasen"

Trucker-Leben: Nur mit dem Telefon unter die Dusche Fotos

Brummifahrer werden von ihren Chefs genauer überwacht als Sträflinge auf Freigang - und sind froh, wenn ihr karger Lohn überhaupt gezahlt wird. Jochen Dieckmann schildert plastisch, warum niemand mehr Lkw fahren will. Und doch rät er keinem Neuling ab.

Die Chefin hat schon einen Besprechungsraum reserviert. Jochen Dieckmann will sich aber nicht in der Geschäftswelt unterhalten. Sondern in der Fernfahrerwelt. Und wer dort was zu quatschen hat, der setzt sich zum Beispiel an einen Tisch vor "Frankie's Imbiss", mitten im Industriegebiet der Düsseldorfer Nachbarstadt Erkrath.

"Wenn man den Leuten erzählt, dass man gestern in Madrid gewesen ist, dann wird man von vielen beneidet", sagt Jochen Dieckmann. "Aber was du von Madrid siehst, ist nur das Industriegebiet. Und ob Madrid oder Erkrath - die sehen auf der ganzen Welt gleich aus."

Eigentlich wollte Jochen Dieckmann nie Lkw-Fahrer werden. Er hatte sich sein Jura-Studium als Trucker finanziert, brach das Studium aber irgendwann ab und wurde Journalist. Doch er fand keine Festanstellung in einer Redaktion. Als er auch keine Aufträge mehr bekam, heuerte er bei einer Spedition an. Dreimal hörte er auf; dreimal schwor er, sich nie wieder hinter das Steuer eines Lastwagens zu setzen. Doch weil er keinen anderen Job fand, wurde er dreimal wieder rückfällig.

Über seine Erfahrungen als Trucker hat der 52-Jährige ein großartiges Buch geschrieben: "Geschlafen wird am Monatsende". Auf 260 Seiten zerlegt Dieckmann das Bild vom König der Landstraße, der in Wahrheit ein moderner Sklave ist. Zum Alltag in der Branche gehören laut Dieckmanns Buch: "Respektlosigkeit, Einschüchterung, Lohnkürzung, Lohnausfall sowie der ständige Druck, gegen Gesetze verstoßen zu müssen."

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Anwalt an der Autobahn: Der Trucker-Advokat
Jahrzehntelang bekam die Öffentlichkeit von diesen Zuständen wenig mit. Das ändert sich nun. Dieckmanns Buch aus dem vergangenen Jahr erscheint mittlerweile in vierter Auflage, zahlreiche Talkshows luden den Autor ein. Das ZDF sendet am heutigen Mittwochabend um 22.45 Uhr eine Reportage unter dem Titel "Prügelknaben der Straße: Der brutale Alltag deutscher Fernfahrer". Ein ZDF-Reporter arbeitete undercover bei Speditionen und berichtet in seinem Film über die teils menschenverachtenden Zustände im Transportwesen.

"Die Leute wollen die Waren am liebsten mit dem Heißluftballon"

Und die Branche selbst? Die sucht Fahrer und jammert schon über ihren Fachkräftemangel. "Davon kann im Moment noch keine Rede sein. Ich kenne genug qualifizierte Kollegen, die keinen Job bekommen", sagt Jochen Dieckmann. In einigen Jahren aber werde sich das ändern. Schon jetzt sind gerade einmal 17 Prozent der Lkw-Fahrer jünger als 35. Und weil in den kommenden Jahren knapp 40 Prozent der Fernfahrer in Rente gehen, müsste sich eigentlich die ganze Gesellschaft fragen, wer dann noch ihre Waren transportiert.

Doch die Gesellschaft tue genau das Gegenteil, sagt Jochen Dieckmann. "Die Leute wollen zwar die Waren, aber am liebsten mit dem Heißluftballon. Der Lkw stört - vor allem beim Rasen." Dieckmann kennt die Meinung der Menschen, denn in seinem neuen Job spricht er mit ihnen über ihr Verhältnis zum Lkw. Im Auftrag einer Frachtenbörse wirbt er als "Transportbotschafter" für mehr Partnerschaft im Straßenverkehr. "Hand in Hand durchs Land" lautet der Name der Aktion. "Wenn ich auf den Autohöfen mit Leuten spreche, regen sich die meisten über Elefantenrennen auf." Dieckmann antwortet den Leuten dann, in jeder Verkehrsgruppe gebe es zehn Prozent Deppen. "Außerdem ist es für viele Leute immer ein Elefantenrennen, wenn ein Lkw einen anderen überholt. Egal, wie lange das Überholen dauert."

Dauerthema Elefantenrennen

Ein weiterer Beleg dafür, dass Lkw stören: Überall in Deutschland gründen sich zur Zeit Bürgerinitiativen gegen Lkw-Parkplätze. Die Mitglieder einer Initiative mit dem Namen "Rastplatzwahnsinn" wollen sogar am liebsten bundesweit alle Parkplatzgegner vernetzen.

Stört der Lkw, stört auch sein Fahrer. Wenn er bei einem Betrieb Ware abliefere, sei es ganz normal, dass sich niemand für ihn zuständig fühle und er eine Ewigkeit hin und her laufe, sagt Dieckmann. "Dann muss ich oft noch die Ware abladen, obwohl das überhaupt nicht mein Job ist." Bezahlt wird der Fahrer für das Entladen auch nicht. Bei den meisten Unternehmen gilt als Arbeitszeit nur die Zeit, in der der Lkw bewegt wird. Und dank GPS kann die Firma problemlos erkennen, wann ihr Fahrzeug fährt oder steht.

Der Fernfahrer ist damit besser überwacht als ein Straftäter im offenen Vollzug. "Wenn ich länger als zwei Minuten stehen bleibe, leuchtet bei der Firma ein Lämpchen. Und dann klingelt sofort mein Telefon, weil die wissen wollen, was los ist", sagt Jochen Dieckmann. "Meistens bin ich aber einfach nur auf der Toilette."

Wer nicht ans Telefon geht, bekommt Gehalt abgezogen

Sein letzter Arbeitgeber habe allen Fahrern ein Schreiben mit folgendem Inhalt geschickt: Wer nicht ans Telefon geht, dem werden beim ersten Mal 250 Euro vom Lohn abgezogen. Beim zweiten Mal bekommt er die fristlose Kündigung. "Ich musste das Handy unter die Dusche mitnehmen", sagt Jochen Dieckmann.

Und das alles für ein Brutto-Gehalt von oft knapp 1700 Euro im Monat. Wobei, wie Dieckmann sagt, die Höhe des Lohns nicht die eigentliche Frage sei; sondern eher, ob das Geld am Monatsende auch wirklich überwiesen werde.

Also sind die Unternehmen Schuld an der Misere? "Die meisten können gar nicht mehr zahlen", sagt Dieckmann. "Durch die EU-Osterweiterung herrscht ein unglaublicher Preiskampf. Außerdem sind die Transporteure fast genauso schlecht organisiert wie die Fahrer." In ein paar Jahren aber, da ist sich Dieckmann sicher, müsse die Branche reagieren. Der Fahrermangel werde garantiert kommen - allein deshalb, weil im vergangenen Jahr die Wehrpflicht ausgesetzt wurde. "In meiner Generation hat mindestens ein Drittel der Fahrer den Lkw-Führerschein bei der Bundeswehr gemacht." Wer die Fernfahrerlizenz privat machen will, muss dafür tief in die Tasche greifen: Knapp 5000 Euro kostet der Lkw-Führerschein heute.

Momentan sprechen also nur sehr wenige Gründe dafür, warum ein junger Erwachsener Fernfahrer werden sollte. Trotzdem würde Jochen Dieckmann niemandem den Job ausreden. Denn wenn die Branche in ein paar Jahren ohne Fahrer dasteht, müssten sich die Arbeitsbedingungen ändern. Und außerdem gebe es auch einige Vorteile gegenüber einem Bürojob. Der vielleicht wichtigste: "Wenn man Feierabend macht, bleibt nie ein Haufen mit unerledigten Sachen auf dem Schreibtisch liegen."

  • Jette Golz
    KarriereSPIEGEL-Autor Hendrik Steinkuhl ist freier Journalist und lebt in der Nähe von Osnabrück.

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insgesamt 103 Beiträge
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1. Die Fahrer sind wirklich die Dummen...
Ex-Kölner 05.09.2012
...aber ich teile nicht nur Herrn Dieckmanns Einschätzung, daß sich der Markt für sie bessern wird. Supermarktketten und Lebensmittelproduzenten werden angesichts weiter steigender Spritpreise und einer seit Jahrzehnten vernachlässigten bzw. gar nicht mehr vorhandenen Güterbahn gar nicht anders können, als wieder mehr Rohstoffe bzw. Waren vor Ort einzukaufen. Es ist schon etwas absurd, wenn ein Supermarkt in Niederbayern Mineralwasser oder Bier aus Norddeutschland verkauft - nur, weil es einfacher ist, für alle Filialen Deutschlands beim selben Lieferanten einzukaufen und es eben jahrzehntelang viel zu billig war, das Zeug anschließend durch halb Europa zu karren. Solange es sich lohnt, Stahlrohre nur zum Biegen nach Italien und dann wieder nach Deutschland zu fahren, ist irgendetwas in unserem Wirtschaftsgefüge falsch.
2.
denkpanzer 05.09.2012
Mit dem LKW ist es wie mit der Baustelle. Alle wollen das Ergebnis, niemand will den Schritt dort hin. Alle wollen eine perfkte Straße, regen sich aber über die Baustelle auf. Alle wollen billig Einkaufen, der LKW soll aber bitte nicht dieselbe Straße benutzen. Elefantenrennen sind nervig, aber je mehr Verkehr auf die Straße kommt umso mehr werden diese stattfinden.
3.
Olaf 05.09.2012
Zitat von Ex-Kölner. Solange es sich lohnt, Stahlrohre nur zum Biegen nach Italien und dann wieder nach Deutschland zu fahren, ist irgendetwas in unserem Wirtschaftsgefüge falsch.
Das ist nicht so einfach zu beantworten. Hohe Spezialisierung bedeutet auch hohe Effektivität und günstige Kosten. Oder, um Ihr Beispiel zu nehmen, es ist nicht gesagt, dass viele kleine Stahlrohrbiegereien mit veralteter Technik besser für die Umwelt sind als wenige neue, die auf neuestem Standard arbeiten. Auch wenn dies mehr Verkehr bedeutet.
4. Speditionen ohne Fahrer
schmeken 05.09.2012
Was bis jetzt angesprochen wurde, ist ja nur die Hälfte der Wahrheit. Wenn erstmal ab 2013 alle die Qualifikationen abgelegt haben mit der Ziffer 95 in Fahrerkarte und Führerschein wird jede zweite Übertretung nicht mit Bußgeld, sondern als Vorsatz geahndet, d. h. Straftat. Denn durch die Eintragung 95 haben die Trucker bestätigt, das sie diese Übertretungen nicht begehen dürfen. Noch schlimmer ist, beim Überschreiten z. B. nach Frankreich wird die in D begangene Übertretung nach fr. Recht mit dem ca. 10fachen Satz geahndet, obwohl in D begangen. Dies ist der Anfang vom Ende. Prost Mahlzeit in Zukunft, Ihr armen Trucker und Buschauffeure. Zieht Euch warm an, der Spaß ist vorbei.
5.
silberstern 05.09.2012
Zitat von denkpanzerMit dem LKW ist es wie mit der Baustelle. Alle wollen das Ergebnis, niemand will den Schritt dort hin. Alle wollen eine perfkte Straße, regen sich aber über die Baustelle auf. Alle wollen billig Einkaufen, der LKW soll aber bitte nicht dieselbe Straße benutzen. Elefantenrennen sind nervig, aber je mehr Verkehr auf die Straße kommt umso mehr werden diese stattfinden.
Nonsense. Bei einer vernünftig geförderten Bahninfrastruktur, könnte der Gütertransport bis zur "letzten Meile" komplett auf die Schiene verlagert werden. Die Milliardeninvestitionen dazu kann man aus dem Straßenneubau abziehen. Aber daran ist keine Lobbygruppe interessiert, weil damit nur die Bahn Gewinne machen würde - welche im Staatsbesitz ist. Gleich unverschämt finde ich die Aussage, dass LKWs nur das Rasen behindern. Im Gegenteil: Mit dem typischen Fahrstil der Walrosse der Landstraße (Stadt ~30, Landstraße kurvig ~50-70, gerade ~110), bleibt einem nur der 50er Schnitt hinter dem LKW oder konsequentes Überholen. Viel zu selten sind die Situationen, in denen der LKW-Fahrer die Geraden mal nicht ausfährt und die 20-30 Fahrzeuge hinter ihm wahr nimmt.
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