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21. Februar 2013, 14:00 Uhr

Fahrradwerkstatt auf Zuruf

Die mobilen Flicker

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Das Fahrrad zur Reparatur zu bringen, macht ungefähr so viel Spaß, wie Altglas zu entsorgen - und so lange steht es häufig auch rum, bis Besitzer es endlich wegbringen. Die Rettung: Fahrradmechaniker kommen zu ihren Kunden nach Hause oder ins Büro und werkeln in Garagen, Hinterhöfen oder Kellern.

Es ist Samstagmittag, das Thermometer zeigt minus fünf Grad. Kein ideales Wetter zum Radfahren - aber auf Ullrich Christ ist Verlass. Auf einem mit drei Kisten und vier Taschen bepackten Rad kommt er angerollt, um andere Fahrräder zu reparieren. Auf dem Hof, im Hausflur, im Keller - wo auch immer.

"Am liebsten arbeite ich im Freien", sagt der Berliner, Jahrgang 1959, "da ist das Licht am besten." 2003 gründete er seine Ein-Mann-Firma Dienstrad. Platte Reifen, klemmende Bremsen, störrische Schaltungen - er repariert fast alles, was Werkstätten auch tun. Nur dass er eben zum Kunden kommt und nicht der Kunde zu ihm. "Eine 'Stern'-Reportage in den achtziger Jahren hat mich auf die Idee für eine mobile Fahrradwerkstatt gebracht", sagt er. "Darin wurde beschrieben, dass Radmechaniker vor großen Fabriken in China regelrecht Spalier standen. Die Arbeiter gaben ihr Rad früh ab - und bekamen es abends repariert zurück."

Christs Werdegang ist nicht untypisch für das ehemalige alternative West-Berlin. Er war Hausbesetzer, hat als Fahrradkurier gearbeitet und beim legendären Radio 100. Auf einer seiner Werkzeugkisten prangt ein Aufkleber "Atomkraft - nein danke!" Das Fahrrad wurde schließlich zu seiner größten Leidenschaft. "Das Entscheidende bei einem Rad ist der Service", sagt er, der Preis sei weniger wichtig. "Ich will auch ein 300-Euro-Rad dazu bringen, dass es gut fährt."

Wer Christ bucht, muss meist etwas mehr bezahlen als in einer Werkstatt. Aber der Kunde kann dafür, wenn er möchte, auch beim Schrauben zuschauen. Gewissenhaft inspiziert Christ die Räder, bei einem Test eines Fernsehsenders entdeckte der Berliner sämtliche versteckte Mängel. Das gelang nicht allen Werkstätten.

Christ kalkuliert mit 40 Euro Stundenlohn. Auf seiner Webseite sind Dutzende Einzelleistungen aufgelistet. Die Reparatur einer Reifenpanne kostet beispielsweise 14,30 Euro, für die Montage neuer Bremsschuhe an der Felgenbremse inklusive Einstellung werden 19 Euro berechnet. Hinzu kommt jeweils eine Auftragspauschale von 15 Euro. Ohne die Pauschale geht es nicht, denn Berlin ist groß - die Anfahrt zum Kunden kann sehr weit sein. "Ich fahre viel S-Bahn", sagt Christ. Das spare Kräfte, und damit komme er auch bequem zu Kunden, die etwas weiter draußen wohnten.

Seine Kundschaft ist ganz gemischt, quer durch alle Berufe. Viele arbeiten in der IT-Branche, es rufen aber auch Anwälte oder Zeitungsausträger an. Bei etwa 60 Prozent der Aufträge fährt Christ zu seinen Kunden. Er schraubt dann auf dem Hof oder in der Tiefgarage.

Logistisch ist die mobile Fahrradreparatur eine Herausforderung: In drei Kisten und vier Taschen transportiert Christ Dutzende Schrauben in diversen Größen, Schläuche und Mäntel von 24 bis 28 Zoll, Speichen, Ketten, Bowdenzüge und Bremsbeläge. Bei komplizierteren Reparaturen befragt er seine Kunden genau, bevor er losfährt, damit er auch die richtigen Teile dabei hat. Auch Rollstühle oder Kinderwagen repariert er. Wenn Christ abends nach Hause kommt, muss er jede verbaute Schraube in seinen Kisten ersetzen.

Mobile Pannenhilfe für Briefträger

Mobile Fahrradmonteure gibt es mittlerweile in vielen Städten. Nicht nur in Berlin, auch in Köln, Hamburg und Leipzig düsen die Schrauber meist selbst mit dem Fahrrad zum Kunden. Sie profitieren vom generellen Fahrradboom und der knappen Zeit ihrer Kunden, die es selbst kaum schaffen, ihr Rad in eine Werkstatt zu bringen.

Reifenflicken vor Ort ist zuweilen sogar günstiger. Die Deutsche Post zum Beispiel reparierte die Räder der Briefträger bis vor zwei Jahren noch in zentralen Werkstätten. Dann entdeckte sie die mobile Reparatur - die geht schneller und soll Kosten sparen. Seither werden die 1200 radelnden Postboten in Hessen von der firmeninternen Pannenhilfe versorgt: Sieben Servicetechniker kümmern sich um Defekte an den gelben Lastenrädern. Weil sie ganz Hessen abdecken müssen, düsen die Mechaniker in einem zur Werkstatt umgebauten Lieferwagen zu den Zustellern.

Ein Händchen fürs Schrauben, Erfahrung mit Pannen aller Art und Neugier auf Menschen - das sind ideale Voraussetzungen für den Beruf als mobiler Radmonteur. "Ich habe viele Stammkunden", berichtet Christ. Fast 30 haben einen Wartungsvertrag mit ihm abgeschlossen. Das heißt: Er kommt viermal im Jahr zu einer Inspektion vorbei. Und wenn Reparaturen nötig sind, bezahlt der Kunde nur für die Teile.

Ein gelber Engel auf zwei Rädern

Mittlerweile hat der Berliner aber immer öfter auch Firmen als Auftraggeber. "Die buchen mich für einen oder mehrere Tage. Ich komme dann in die Firma und repariere die Räder der Angestellten." Die Arbeitskosten von Christ übernimmt dabei meist die Firma, die Angestellten zahlen nur die Materialkosten. "Diese Art von Aufträgen nimmt zu", sagt Christ. Man merke, dass sich beim Thema Fahrrad eine Menge bewege. "Im letzten Jahr hat mich ein Unternehmen gleich eine ganze Woche engagiert. Ich kann das Firmen nur empfehlen, es ist eine tolle Mitarbeitermotivation."

Christ träumt davon, eines Tages als Gelber Engel für Radfahrer unterwegs zu sein. Sein Vorbild ist der Autofahrerclub ADAC, der nicht zuletzt wegen seiner Pannenhilfe Millionen Mitglieder hat: Autofahrer können bei technischen Problemen rund um die Uhr gratis einen Monteur anfordern. Christ findet, der Fahrradfahrerclub ADFC könne doch einen ähnlichen Service anbieten.

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