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Kunst im Büro "Das ist kein Esoterikquatsch"

Mein Büro als Museum: Kunst für die Firma Fotos
Sven Paustian/ Museum Ritter

Lichtkunst für den Lampenhersteller, eckige Bilder für die Firma mit der quadratischen Schokolade: Viele Unternehmen sammeln Kunst. Wozu? Die Werke sollen Wanddeko sein und Führungsqualitäten fördern. Nur für die Steuer bringen sie meist nichts.

Das Schwarze Quadrat. Das wär's. Was sonst sollte ein Unternehmen zum Kern seiner Kunstsammlung erklären, die sich auf Quadrate spezialisiert hat, als diese 79,5 Zentimeter mal 79,5 Zentimeter große Leinwand.

Aber jenes berühmte Kunstwerk von Kasimir Malewitsch aus dem Jahr 1915, Inbegriff der Moderne und des Futurismus, ist selbst für eine Traditionsfirma wie den baden-württembergischen Schokoladenriesen Ritter Sport unerschwinglich.

Aber immerhin für eine Malewitsch-Skizze von 1915 hat es gereicht. Die sei der "Nukleus" ihrer Sammlung, erklärt Marli Hoppe-Ritter, Miteigentümerin des Konzerns. Sie begann vor rund 30 Jahren, Künstler zu fördern, mittlerweile hat sie 900 Werke in jenem Format. Ihre Privatsammlung, betont sie. Trotzdem sind die meisten Stücke direkt neben der Firmenzentrale in einem eigenen Museum untergebracht, außerdem kann sich jeder Mitarbeiter was fürs eigene Büro ausleihen.

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Bürgermeisterzimmer: Mein Büro ist ein Museum
Die Quadrat-Sammlung ist wie die meisten deutschen Firmenkollektionen im "Kulturkreis" des Bundesverbands der Deutschen Industrie organisiert. Dieser 400 Mitglieder starke Verein, der sich unternehmerischer Kulturförderung widmet, ist 1951 entstanden - nur zwei Jahre nach der Gründung des BDI selbst. Seit vier Jahren gibt es sogar einen eigenen Arbeitskreis "Corporate Collecting". Einige Firmen wie Bayer sammeln schon seit hundert Jahren, andere haben erst mit dem Kunstmarktboom der Nullerjahre begonnen.

Hoppe-Ritter hat sich die Quadrate zum Thema gemacht, aber auch andere Unternehmen widmen sich einem mehr oder weniger strengen Konzept. So sammelt Osram Lichtkunst, das Europäische Patentamt mit Sitz in München hat sich auf Werke spezialisiert, die sich mit Naturwissenschaft und Technik auseinandersetzen, und die Deutsche Bank hat seit 35 Jahren ausschließlich Zeitgenössisches im Blick. "Die internationale Ausrichtung der Sammlung spiegelt die Internationalität unserer Bank", erklärt Friedhelm Hütte, der sich um das weltweite Kunstengagement des Konzerns kümmert, seien es die Werke für die Bank-Filialen oder die Ausstellungen in der Berliner Kunsthalle.

Kunst soll bloß kein Investment sein

Jene Sammlungen gehören in der Regel zur Abteilung "Corporate Social Responsibility" (CSR). "Als Unternehmer ist man gehalten, sich für die Gesellschaft zu engagieren, vor allem für das örtliche Umfeld", erklärt etwa Hoppe-Ritter. Und natürlich haben Firmen damit auch ihr Image im Sinn: CSR ist eben eine Strategie, Talente zu gewinnen.

"Der Kampf um die Besten hat längst begonnen", sagt Stephan Frucht, der vom Musiker und Dirigenten zum Geschäftsführer des BDI-Kulturkreises wurde. "Der Nachwuchs will nicht in einem gesichtslosen Unternehmen arbeiten." Kein Wunder also, dass das auch bei der Deutschen Bank eine Rolle spielt: "Wir haben 600 Werke aus unserer Sammlung dem Städel hier in Frankfurt als Dauerleihgaben gegeben", erklärt Friedhelm Hütte, "weil wir uns der Stadt Frankfurt verpflichtet fühlen und auch dazu beitragen wollen, sie attraktiv zu halten."

Zu sagen, dass die "Corporate Collections" auch eine Investition sind, ist verpönt. Dabei hat selbst Sotheby's für derlei Sammlungen seit Ende der neunziger Jahre eine eigene Abteilung, um "behilflich" zu sein, "deren Wert zu maximieren". Es klingt ein bisschen wie das Prinzip der Kunstkabinette, die in der Renaissance so populär wurden, als Fürsten, Aristokraten und Händler ihren Reichtum zur Schau stellten: in Räumen, die bis unter die Decke vollgehängt waren mit gesammelten Werken.

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In der anhaltenden Wirtschaftskrise überlegen sich Firmen allerdings gleich doppelt, was sie mit ihrem Geld anstellen. Wer denkt, Unternehmen können über ihre Kunstsammlungen Steuern sparen, muss mit dem Bundesfinanzhof rechnen: Der unterscheidet Werke von "anerkannten" und "nicht anerkannten" Künstlern, notfalls wird das mit Hilfe eines Expertengutachtens entschieden. Wer sich einen Klassiker in die Lobby hängen will, sollte bedenken, dass der Staat von Wertzuwachs ausgeht - der besteuert wird. Die anderen können unter Umständen als Dekozweck durchgehen und steuerlich abgeschrieben werden. Zudem sind seit dem 1. Januar für Kunstverkäufe 19 Prozent Mehrwertsteuer fällig - bislang waren es sieben.

BDI-Mann Frucht bemerkt, dass viele Firmen zögerlicher werden, sagt aber auch: "Die Unternehmen stehen zu ihrem Engagement", Vertrag ist Vertrag. "Sie haben ihre Sammlungen nicht eingeschmolzen - andererseits aber auch nicht ausgebaut." Damit sei die Situation besser als etwa in den USA, wo in großen Kultureinrichtungen ganze Schauen weggebrochen seien.

Ist es unter 500.000 Euro schon sinnvoll?

Und noch etwas hat sich gewandelt: "Man merkt, dass das Controlling heute stärkeren Einfluss hat. Die jüngere Managergeneration fragt nur: cui bono?", sagt Frucht. Seine Standardantwort auf diese Frage nach dem Nutzen: "Das ist kein Esoterikquatsch." Kunst vermittle Managern alles, was sie tagtäglich brauchen: "Mut zur Kreativität, Risikobereitschaft, Selbstdisziplin, Verantwortung." Ginge es nach ihm, wäre regelmäßiger Kunstdiskurs Pflicht für Führungskräfte.

Dass die Werke mehr sind als nur Deko-Kram, hat auch Hoppe-Ritter festgestellt: "Wer in einem solchen Unternehmen arbeitet, lebt in einer Zahlenwelt, man denkt immer nur strategisch und auf Effizienz ausgerichtet. Die Kunst dient als Gegenpol", sagt sie, das fördere die Toleranz.

Auffällig ist, dass die meisten auf der Sammlungsliste des BDI zum Finanzsektor gehören, seien es Versicherungen, die Deutsche Börse oder eben: Banken. Man könne sich ja kaum Geld an die Wand hängen, erklärt Hütte: "Das Bankgeschäft ist virtuell, wir stellen nichts Anfassbares her, wie etwa die Autoindustrie oder ein Möbelbauer." Dazu komme, dass man schließlich keine Werkhallen habe, sondern viele Büros: "Kunst auszustellen bietet sich bei einer Bank schon aus architektonischen Gründen an." Und gerade in dieser auf Beratung spezialisierten Branche habe Kunst an den Wänden noch einen Effekt: Sie provoziere Gespräche, fördere die Kommunikation - und zwar unter den Mitarbeitern wie mit den Kunden.

Bleibt die Frage, wie viel Schotter man in die Hand nehmen muss für eine solche Sammlung. Ausgerechnet hier scheiden sich die Geister. Kulturkreis-Geschäftsführer Frucht betont, es sei keine Geldfrage, Marli Hoppe-Ritter erklärt aber: Unter 500.000 Euro im Jahr mache es wenig Sinn, allein wegen Pflege und Präsentation. Ausgerechnet Deutsche Bank-Mann Hütte, der eine der internationalsten Kollektionen verwaltet, wiegelt ab. "Der Preis der meisten Werke, die wir ankaufen, liegt zwischen 1000 und 12.000 Euro", sagt er. "Das könnte sich auch ein mittelständisches Unternehmen leisten."

  • KarriereSPIEGEL-Autorin Anne Haeming (Jahrgang 1978) ist freie Journalistin in Berlin.

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