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Firmenjets Die Welt der wahren First Class

Businessjets: Wer vom Privatterminal abhebt Fotos
Corbis

Der Firmenjet oder die NetJets-Kundenkarte gilt als ultimativer Statusbeweis. Für wen lohnt sich der Abflug in höhere Sphären, welche Top-Manager sind mit Falcon und Gulfstream unterwegs? Wer am Boden bescheiden tut, lässt es in der Luft oft kräftig krachen.

Von der Konzernzentrale bis zum Abflug dauert es kaum länger als 40 Minuten. Wenn Daimler-Chef Dieter Zetsche, 58, um neun Uhr in Stuttgart-Untertürkheim losfährt, erreicht er mit seinem Dienstwagen um acht Minuten vor halb zehn die Zufahrt zum Rollfeld des Flughafens in Echterdingen.

Ein kurzer Gang durch die Sicherheitsschleuse des Privatterminals, zurück in die Limousine, und weiter geht es in Richtung Vorfeld. Keine fünf Minuten später steht Zetsche vor der heruntergeklappten Gangway einer Gulfstream G 550: Zwei Flugbegleiterinnen und drei Piloten nehmen ihn in Empfang. Mit eingezogenem Kopf und schnellen Schritten eilt er an der langezogenen Pantry vorbei in die Passagierkabine.

Die Ähnlichkeiten mit dem Innenraum einer Maybach-Limousine sind nicht zu übersehen. Dunkle, mit Wurzelholzfurnier verschalte Wände, dicke blaue Teppiche; acht extrabreite Sitze, mit fein gegerbtem weißem Rindsleder bezogen. Die beiden Bänke im hinteren Teil lassen sich bei Nachtflügen mit wenigen Handgriffen zu vollwertigen Betten aufmöbeln. Bis zum Start dauert es jetzt nur noch wenige Minuten.

Der Preis für Freiheit und Komfort

Ist die Maschine erst in der Luft, kann der Daimler-Chef übergangslos weiterarbeiten wie gewohnt - anders als in der First- oder Business-Class der internationalen Fluggesellschaften ohne unerwünschte Zuhörer, dafür aber mit der Möglichkeit, zu telefonieren und jederzeit Mails zu empfangen.

Das entscheidende Plus: Für einen Trip, der ihn zuerst ins Werk nach Tuscaloosa in Alabama führt und ihm im Anschluss noch einen Abstecher zur Detroit Motorshow erlaubt, braucht Zetsche eineinhalb bis zwei Tage weniger als mit einer Linienmaschine.

Zwischen 3000 Euro auf Kurzstrecken und 12.000 Euro auf Langstrecken kostet die Flugstunde derzeit in einem Privatjet. Es ist der Preis für Freiheit und Komfort, von dem auch First-Class-Passagiere nur träumen können.

Kaum ein anderes Privileg dokumentiert Position und Status eines Konzernhierarchen deutlicher als der unbeschränkte Zugang zum Firmenjet. Und nichts hebt den vermeintlichen oder tatsächlichen Geldadel deutlicher vom fliegenden 08/15-Manager ab als der Privatjet im Hangar oder die Kundenkarte eines Charterdienstes wie NetJets.

Jetsetterei - nicht nur etwas für Konzernspitzen

Josef Ackermann, 64, etwa hat seit Jahren keine Linienmaschine von innen gesehen. Die Strecken zu den Kunden in den USA, Dubai oder Shanghai bewältigte die langjährige Nummer eins der Deutschen Bank ausschließlich im Privatflieger. "Sicherheitsgründe", heißt es dazu im Konzern, und dass sein Pensum in der Business-Class gar nicht zu schaffen gewesen sei. Auf diese Weise jettete sich Ackermann in die Top Ten der europäischen NetJets-Kunden hinein.

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Kundenkartei: Die diskrete NetJets-Liste
Elf der 30 Dax-Konzerne nutzen die Dienstleistungen des US-Anbieters oder anderer Charterfirmen, jedes dritte Unternehmen im Dax besitzt gar seine eigenen Jets. Die Orakel berufsmäßiger Wahr- und Vorhersager stützen die Zuversicht, mit der die Branche ihre Geschäfte rund um die Vielfliegerei betreibt - zumindest auf längere Zeit. Die Consultants von Roland Berger rechnen in einer Studie vor, dass sich der Markt der in Europa verkauften Businessjets bis 2020 um acht Prozent im Jahr erhöhen wird; in den USA und China erwarten die Luftfahrtexperten Wachstumsraten von 4,8 und 20,4 Prozent.

Derzeit allerdings wäre die Innung schon froh, wenn das Wachstum wenigstens in diesem oder im nächsten Jahr wieder kräftig anziehen würde. Denn seit nunmehr drei Jahren geht der Verkauf von Geschäftsflugzeugen in den USA, dem wichtigsten Markt, zurück; allein im Krisenjahr 2009 schrumpfte der Absatz um gewaltige 35 Prozent.

Wer am Boden bescheiden tut, lässt es in der Luft oft krachen

Dabei gehört die Jetsetterei keineswegs nur zu den Grundübungen der Konzernspitzen. Mittelständische Unternehmer und Mitglieder der großen Familienclans heben beinahe ebenso häufig vom Privatterminal ab.

Wenn Anton Schlecker, 67, früher zusammen mit seiner Frau Christa donnerstagmittags aufbrach, um die Filialen seiner Drogeriekette zu inspizieren, dann flog er für Entfernungen von über 400 Kilometern bevorzugt seine bei NetJets vorgebuchten Stunden ab.

AWD-Gründer Carsten Maschmeyer, 52, besaß eine Zeitlang selbst einen Flieger, bevor er auf NetJets umstieg, weil das für ihn günstiger war. Auch Verleger wie Heinz Bauer, 72, und Hubert Burda, 72, verfügen über eigenes Fluggerät.

Der schwäbische Schraubenfabrikant Reinhold Würth, 76, der gern selbst im Cockpit sitzt, gebietet gleich über fünf Jets. In unmittelbarer Nähe auf dem Flugfeld in Schwäbisch Hall stehen die vier Maschinen des knauserigen Lidl-Konzerns. Der Heizungs- und Sanitäranlagenbauer Viessmann lässt seine Manager in einer firmeneigenen Cessna Citation vom nordhessischen Allendorf aus in die große weite Welt fliegen. Und der Teil der Hamburger Reeder, der am Boden hanseatisch bescheiden tut, lässt es in der Luft umso kräftiger krachen.

Überbuchte Maschinen, enge Slot-Zeiten, Warteschleifen: passé

Selbst das Management der Deutschen Bahn schätzt die Vorzüge der Privatfliegerei. Wenn es ganz wichtig und eilig ist, verzichten Bahn-Chef Rüdiger Grube, 60, und Kollegen auf den ICE und greifen auf die Piloten der Berliner Charterfirma Windrose Air zurück.

Dennoch präsentiert sich die Branche anfällig für konjunkturelle Böen. Bau und Vermietung von Privatjets stehen, wie Marktforscher ermittelten, in unmittelbarem Verhältnis zu den Gewinnen der Firmen, die sie nutzen. "Nachfrage und Charterraten", sagt Gerald Wissel von der Hamburger Beratungsfirma Airborne Consulting, "bewegen sich im Takt mit den Kursen der Dax-Konzerne und den Boni der Investmentbanker."

Mitte der neunziger Jahre erhielt das Geschäft mit der Vermietung von Privatjets oder dem Teileigentum daran (das zu einer bestimmten Anzahl von Flugstunden im Jahr berechtigt) sein heutiges Gepräge; in der Neuen Wirtschaft erlebte es seine erste Blüte. Hatte den Exekutiven bis dahin die erste Klasse bei Linienflügen wohl oder übel genügt, entdeckten Investmentbanker und Spitzenmanager, Edel-Advokaten und Dotcom-Leute nun die Freuden des privaten Reiseverkehrs.

Seinen vorläufigen Höhepunkt erreichte der Rummel Mitte des vergangenen Jahrzehnts: Die Private-Equity-Firma Permira kaufte der Münchner Familie Hirschmann den Weltmarktführer Jet Aviation ab - und reichte ihn später für 1,5 Milliarden Euro an den US-Konzern General Dynamics weiter.

Adieu, Erniedrigungen des Linienverkehrs!

Seit 2008 jedoch herrschen in der Gilde äußerst unglückliche Umstände: Rückschritt und Niedergang, Abstieg und Schrumpfung allenthalben. Allein NetJets, der US-Primus mit einem Marktanteil von fast 50 Prozent, musste 2009 knapp 500 Piloten an die Luft setzen.

Der Europa-Ableger der Privatlinie, die mehrheitlich dem US-Großinvestor Warren Buffett gehört, verbuchte im selben Jahr einen Schwund von 20 Prozent. Den US-Verfolgern Flight Options (Marktanteil: zwölf Prozent), der Bombardier-Firma Flexjet (neun Prozent) und Cessnas Citation Air (sieben Prozent) erging es nicht besser. Eine Reihe von Firmen, darunter Richard Bransons Virgin Charter, schlossen ihre Schalter gar für immer.

Dabei ist, zumindest für die potenten Kunden, die Geschäftsidee nur allzu verführerisch: Wer den Status der Senator- und HON-Circle-Karte hinter sich gelassen hat und in den Terminals der Privat- und Business-Flieger angekommen ist, sagt weitgehend Adieu zu den täglichen Erniedrigungen des Linienverkehrs: kein endloses Geschiebe und Gedränge vor der Sicherheitsschleuse, kein Abtasten in engen Kabinen, keine im Handgepäck wühlenden gummibehandschuhten Finger mehr. Das Schuhe-an-Schuhe-aus-Ritual ist ebenso gestrichen wie das Gürtel-raus-Gürtel-rein-Gefummel und die Warterei bis zur Rückkehr des Laptops von der Sprengstoffpartikelanalyse. Überbuchte Maschinen, enge Slot-Zeiten, Warteschleifen: passé.

Stattdessen: Piloten, die abrufbereit auf dem Vorfeld stehen. Zoll- und Passbeamte, die direkt zum Flieger kommen. Und Dispatcher, die zu nachtschlafender Zeit Landegenehmigungen für eigentlich geschlossene Flughäfen organisieren, und Firmen, die mit dem Versprechen werben, ihre Maschinen auch dann in die Luft zu kriegen, wenn isländische Vulkane Rauchwolken ausspeien und japanische Atomkraftwerke explodieren.

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insgesamt 44 Beiträge
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1. Solange als Kosten absetzbar
Spiegelwahr 07.05.2012
Solange Manager diese Protzerei als Geschäftskosten absetzen können und damit die Allgemeinheit ein Teil der Kosten trägt (größer als ein Hartz4 Satz) wird es diese Fliegerei geben. Beendet das Steuerprivileg und die Manager werden wieder Linie fliegen und nicht diese unverschämten Kosten produzieren für ihr privates Ego. Schließlich kann man die Kosten für eine Yacht auch nicht bei der Steuer absetzen.
2. Wenn..
auweia 07.05.2012
Zitat von sysopDer Firmenjet oder die NetJets-Kundenkarte gilt als ultimativer Statusbeweis. Für wen lohnt sich der Abflug in höhere Sphären, welche Top-Manager sind mit Falcon und Gulfstream unterwegs? Wer am Boden bescheiden tut, lässt es in der Luft oft kräftig krachen. Firmenjets: Top-Manager in der Welt der wahren First Class - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,828232,00.html)
..ich die Möglichkeit hätte würde ich NUR so fliegen. Die Umweltaspekte, dieser Art zu reisen mal ausgeblendet - Die im Artikel zitierten Erniedrigungen im Sicherheitsbereich, das würdelose Gerangel um einen ordentlichen Sitzplatz (Easyjet), die standardisierte, nicht sehr wohlschmeckende und meistens zu kalte Bordverpflegung in der Economy-Klasse, die engen Sitzabstände, die Einschränkungen von Rechner und Telefon, die unbequemen Abflugszeiten, das gestresste Airlinepersonal, die optischen, akustischen und olfaktorischen Zumutungen durch die lieben Mitreisenden....Ich kann Tyler Brulé gut verstehen, Fliegen hat keinen Glamour mehr. Es sollte in Zukunft einer finanziell gut ausgestattenen Elite vorbehalten bleiben, dann wären auch die Ökos zufrieden. Oh HErr, meinen Lottogewinn gib mir heute ;-)
3. Wenn...
auweia 07.05.2012
Zitat von sysopDer Firmenjet oder die NetJets-Kundenkarte gilt als ultimativer Statusbeweis. Für wen lohnt sich der Abflug in höhere Sphären, welche Top-Manager sind mit Falcon und Gulfstream unterwegs? Wer am Boden bescheiden tut, lässt es in der Luft oft kräftig krachen. Firmenjets: Top-Manager in der Welt der wahren First Class - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,828232,00.html)
..ich die Möglichkeit hätte würde ich NUR so fliegen. Die Umweltaspekte, dieser Art zu reisen mal ausgeblendet - Die im Artikel zitierten Erniedrigungen im Sicherheitsbereich, das würdelose Gerangel um einen ordentlichen Sitzplatz (Easyjet), die standardisierte, nicht sehr wohlschmeckende und meistens zu kalte Bordverpflegung in der Economy-Klasse, die engen Sitzabstände, die Einschränkungen von Rechner und Telefon, die unbequemen Abflugszeiten, das gestresste Airlinepersonal, die optischen, akustischen und olfaktorischen Zumutungen durch die lieben Mitreisenden....Ich kann Tyler Brulé gut verstehen, Fliegen hat keinen Glamour mehr. Es sollte in Zukunft einer finanziell gut ausgestattenen Elite vorbehalten bleiben, dann wären auch die Ökos zufrieden. Oh HErr, meinen Lottogewinn gib mir heute ;-)
4. Wo keine Kontrollen....
unangepasst 07.05.2012
Zitat von sysopDer Firmenjet oder die NetJets-Kundenkarte gilt als ultimativer Statusbeweis. Für wen lohnt sich der Abflug in höhere Sphären, welche Top-Manager sind mit Falcon und Gulfstream unterwegs? Wer am Boden bescheiden tut, lässt es in der Luft oft kräftig krachen. Firmenjets: Top-Manager in der Welt der wahren First Class - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,828232,00.html)
...liessen sich doch, ohne daß der Manager was merkt, von und durch wen auch immer, Sprengsätze ins Handgepäck schummeln. Die (Sprengsätze) wiederum könnte man doch sicher gut mittels Fernbedienung über Atomkraftwerken zünden. Unfassbar, wie gefährlich diese sogenannte Eliten auch in diesem Bereich für die Allgemeinheit sind.
5. Egelsbach schliessen
friedrich1954 07.05.2012
Wenn ich die Stundensätze dieser Fluggesellschaften mir ansehe,dann frag ich mich,warum sie nicht auch den Frankfurter Flughafen benutzen, statt nach Egelsbach auszuweichen und in 150-350 m über unsere Köpfe hinwegdonnern,um zu diesen Todesflughafen zu gelangen, der nur auf Sicht angeflogen wird.Den Frankfurter Tower in Anspruch zu nehmen kostet nämlich Geld. Weil wir durch diese Privatjets einen Fluglärm wie an einem Bombodrom haben, sehe ich nicht ein, dass sich einigenauf kosten unserer Gesundheit bereichern. Das Ego einiger Konzernlenker hat zudem sehr groteske Züge.Ihre Mitmenschen sind denen völlig egal.
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