Pionier-Pilotinnen "Are you a madam, Sir?"
Sie starteten eine kleine Revolution in der Fliegerei: Als erste Frauen übernahmen Evi Hetzmannseder und Nicola Lisy vor 25 Jahren Cockpits von Lufthansa-Flugzeugen. Dem dollen Duo sind aber nicht viele gefolgt. Woran liegt das bloß?
Evi Hetzmannseder kennt schöne Geschichten aus der Geschichte der Gleichstellung von Mann und Frau. Zu Beginn ihres Arbeitslebens als Pilotin der Lufthansa saß sie im Cockpit einmal neben einem sehr erfahrenen Kapitän. Nach dem Flug wandte er sich ihr zu und sagte erst etwas Schlimmes, dann etwas Freundliches: Er stehe nun drei Monate vor der Rente und habe gehofft, dass dieser Kelch an ihm vorüberziehe - dass zumindest er selbst nicht mehr mit einer Frau fliegen müsse. Aber, so schloss er den Satz: Der Flug mit Evi Hetzmannseder sei so nett gewesen, er würde es jederzeit wieder machen.
Vor 25 Jahren, am 23. August 1988, beendeten Evi Hetzmannseder und Nicola Lisy ihre fliegerische Grundausbildung bei der Lufthansa und wechselten in den sogenannten Liniendienst, ins Cockpit von Passagierflugzeugen. Das Datum markiert nicht nur zwei persönliche Jubiläen. Lisy und Hetzmannseder wurden die ersten Pilotinnen der Fluglinie seit ihrem Neubeginn im Jahr 1955; beide wurden im Jahr 2000 zur "Kapitänin" befördert.
Über viele Jahrzehnte lagen die Lufthansa-Steuerknüppel ausschließlich in Männerhänden. Mal behauptete man, Frauen würden der jahrelangen körperlichen Beanspruchung beim Fliegen nicht gerecht. Mal hieß es, eine Mutterschaft sei ohnehin nicht mit dem Pilotendasein vereinbar. Es waren eigenartige Argumente vor der Kulisse eines bestimmten Zeitgeists. "Die Männer verdienten das Geld, die Frauen kümmerten sich um die Kinder", erinnert sich Evi Hetzmannseder an die Welt, in der sie groß wurde.
Die Zweifel: "Ich bin zu klein, ich bin zu blöd, ich bin eine Frau"
Hetzmannseder, heute 48, wuchs in den siebziger Jahren auf dem oberbayerischen Land nahe Traunstein auf. "Mit 17 bin ich am alten Münchner Flughafen vorbeigekommen und sah ein Flugzeug im Landeanflug. In dem Moment ging in meinem Gehirn eine Lampe an, ich dachte: Da möchte ich vorne drin sitzen." Sie wälzte die Informationsblätter zur Berufskunde und las, wie toll der Pilotenjob sein kann. Sie las von den Voraussetzungen, vom vertrackten Aufnahmetest, von den Männern und stellte erschrocken fest: "Ich bin zu klein, ich bin zu blöd, ich bin eine Frau."
Trotzdem bewarb sie sich. Genau zur rechten Zeit, wie sich herausstellen sollte. Bei der Lufthansa hatte man beschlossen, die Türen zu den vordersten Abteilen der Verkehrsflugzeuge endlich auch für Frauen zu öffnen. So kam es, dass Evi Hetzmannseder ein Stück Firmengeschichte schrieb.
Rund 6000 Piloten fliegen heute für die Konzernteile Lufthansa Passage, Cargo und Germanwings, darunter gut 300 Frauen. Dafür, dass vor einem Vierteljahrhundert noch keine einzige Frau für das Unternehmen flog, ist die Zahl vielleicht nicht schlecht. Dafür, dass die Gesellschaft schon so lange über die berufliche Gleichstellung von Mann und Frau diskutiert, ist sie mau.
Auch eine Frage des Selbstvertrauens
Victoria Beck, 31, hat den Weg beschritten, den Evi Hetzmannseder vorausging. Sie fliegt seit 2007 und ringt mit der Frage, warum immer noch so wenige Frauen den Weg an den Steuerhebel finden. Sie selbst hatte beste Voraussetzungen für den Job, etwa ein hervorragendes Abitur mit voller Punktzahl in Mathematik. Eine Lehrerin empfahl ihr sogar ausdrücklich, Pilotin zu werden. "Aber mir fehlte das Selbstvertrauen für eine Bewerbung", erzählt Beck. Sie glaubt, dass es vielen Frauen so geht.
Zunächst tastete sich Victoria Beck als Flugbegleiterin in die Branche vor und klopfte dann an die Tür zur Pilotenkanzel. Ein Kapitän nahm sie mit in den Flugsimulator und verstärkte ihre Begeisterung. Sie meldete sich zum Aufnahmetest an, an dem sich bisweilen 6000 Menschen versuchen und den höchstens zehn Prozent aller Teilnehmer bestehen. Beck schaffte es.
Taugt der Hinweis auf fehlendes Selbstvertrauen als Erklärung dafür, dass die Zahl der Pilotinnen seit Jahren bei rund sechs Prozent dümpelt? Victoria Beck und Evi Hetzmannseder glauben, dass Frauen vor allem von den Arbeitszeiten abgeschreckt werden. Schade, sagt Hetzmannseder, Mutter von zwei Söhnen im Alter von zwölf und 14 Jahren. "Mein Mann ist Elektroingenieur in einem Planungsbüro", erklärt sie ihre Alltagsorganisation. "Wir haben anfangs beide Teilzeit gearbeitet. Er war immer vor Ort und immer zu Hause. Er arbeitet in einem kleinen Planungsbüro und kann dort auch mal kurzfristig Termine umschmeißen."
Männer finden für Pilotinnen keine Kopfschublade
"Die Zeit der Verwunderung über eine Frau im Cockpit ist vorbei", sagt Victoria Beck und zuckt mit den Schultern. Ihre Kollegin sieht es ähnlich. "Für die jungen Co-Piloten ist es ja auch normal, dass eine Frau einen Bus, eine Tram oder einen Zug fährt", so Evi Hetzmannseder.
Trotzdem gibt sie in einem leisen Nachsatz zu, dass sogar sie aufmerkt, wenn sie unterwegs auf Pilotinnen trifft. Einfach weil Pilotinnen so selten sind. Hetzmannseder gesteht, dass sie eine Strickjacke über die Uniform zieht, wenn sie in die Kabine gerufen wird. Damit die Passagiere nicht beunruhigt sind. Und weil sie nicht der Anlass für Verblüffung sein will.
Überhaupt dosieren Evi Hetzmannseder und Victoria Beck die Nachricht sparsam, dass sie Pilotinnen sind. "Man wird dann oft so distanziert behandelt, weil die Menschen nicht einschätzen können, wer man ist", sagt Evi Hetzmannseder. "Die Leute überlegen, ob man nun wohl eine besonders taffe Frau ist oder gleich ein Typ mit starken Ellenbogen." Victoria Beck erlebt verunsicherte und irritierte Männer, die für das Wort "Pilotin" keine Schublade im Kopf finden. "Flugbegleiterin", klar, das wäre leicht. Aber Pilotin?
Immerhin, deutsche Männer teilen ihre Irritation mit Männern auf der ganzen Welt. Als Evi Hetzmannseder einmal nachts über Afrika flog und ihre Position an einen Controller am Boden durchgab, antwortete der nach einer Pause mit einem Satz, den Hetzmannseder gern über ihre Biografie schreiben möchte:
"Are you a madam, Sir?"
- KarriereSPIEGEL-Autor Peter Wagner ist freier Journalist in München und Herausgeber der Zeitschrift "Das Buch als Magazin".

- Homepage: "Das Buch als Magazin"
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