Berufspendler Mein Buch ist mein Schutzschild
Zur Arbeit pendeln nervt. Vor allem, wenn man zur Stoßzeit in Bussen und U-Bahnen feststeckt. Glücklich, wer dann ein Buch dabei hat. Wie toll das ist, zeigen zwei Bloggerinnen, die als literarische Voyeure andere Pendler beim Lesen beobachten.
Die Szene ist wie eines dieser Bilder, auf dem ein Fehler versteckt ist: ein Schnappschuss aus der New Yorker U-Bahn, ein Passagier starrt ins Leere, eine Mitfahrerin fummelt an ihrem Smartphone rum, die daneben hat Kopfhörer auf und die Augen geschlossen. Und daneben sitzt er, dieser junge Mann in Shorts mit grellgelbem T-Shirt, die Sonnenbrille nach oben geschoben. Er ist hellwach, hat den Blick geheftet auf dieses offene Buch auf seinen Knien. Ach was, Buch - ein Schmöker, kiloschwer, in Leder gebunden, mit Goldschnitt. Zur Hälfte ist er durch. Es ist "David Copperfield" von Charles Dickens, ausgerechnet. Diese Geschichte aus der Ära der Industrialisierung, lange bevor auch nur die Straßenbahn erfunden wurde.
Ourit Ben-Haim hat das Bild gemacht. Auf ihrem Fotoblog Underground New York Public Library zeigt sie Menschen, die in der U-Bahn lesen. Pendler, die diesen Ort und diesen Zeitblock unterwegs zur Arbeit oder nach Hause nutzen, um das zu machen, wozu sie sonst eher selten kommen: Sie lesen ein Buch. Ohne Unterbrechung, voller Konzentration.
Gut 40 Prozent der Berufstätigen in Deutschland pendeln täglich, Tendenz steigend. Eine enorme Zielgruppe für Verlage. Der Fischer-Verlag hat zum Beispiel darauf reagiert, indem er vor mittlerweile sechs Jahren eine Buchreihe im Handtaschenformat gestartet hat, Bücher aus dem normalen Programm, nur in klein, für unterwegs eben. Es scheint Bedarf zu geben: Manche der Titel verkauften sich in dieser Reihe über 100.000-mal, teilt der Verlag mit. Kein Wunder: Wer zur Stoßzeit dicht gedrängt in stickigen Bussen oder U-Bahnen feststeckt, kann so zumindest in seiner Phantasie woanders sein.
Die vielen Reaktionen auf Ourit Ben-Haims Fotoblog zeigen, wie viele Menschen sich davon angesprochen fühlen und auf dem Weg zur Arbeit immer ein Buch zur Hand haben. Ben-Haim lichtet sonst Straßenszenen ab, aber im vergangenen Jahr stellte sie fest, dass sie immer mehr Unterwegs-Lesende knipste. Im Dezember 2011 eröffnete sie dann online ihre "U-Bahn-Stadtbücherei", die bibliografischen Details über das jeweilige Buch liefert sie als Bildunterschrift meist gleich mit. Das erste Foto, das sie online stellte, bewies auch gleich die kommentatorische Kraft dieses Projekts: Es zeigt einen Jungen, vertieft in "Im freien Fall - Vom Versagen der Märkte zur Neuordnung der Weltwirtschaft" von Nobelpreisträger Joseph E. Stiglitz. Seither erscheinen jeden Tag eine Handvoll neuer Lektürefotos, mindestens.
Gleich mehrfach unterwegs - in der U-Bahn, im Kopf
"Ich mag, dass sie unterwegs sind - und sich gleichzeitig auch in ihren Gedanken fortbewegen, woandershin", sagt Ourit Ben-Haim. "Die U-Bahn strahlt eine gewisse Behaglichkeit aus", findet sie, "man ist Fremden so nah wie sonst nirgends, es hat eine gewisse Intimität." Und so können sich die Menschen selbstvergessen in diese Geschichten vor ihrer Nase fallen lassen: Sie fläzen sich in die Sitze, lehnen sich an die Haltestangen, spielen dabei mit ihren Haaren, im dichtesten Rushhour-Gedränge oder mit Bergen von Tüten um sich herum.
Die Leute auf ihren Bildern lesen mal im teuren Hardcover, mal in halb zerfledderten Taschenbüchern. Nur freitags gibt's einen Schuss Digitales, wenn Ourit Ben-Haim Menschen mit E-Reader zeigt, wie übrigens gut die Hälfte der Lesenden, die sie unterwegs trifft. Nur dass man bei ihnen nie wissen kann, welchen Text sie da gerade vor sich haben.
Das ist eine der häufigsten Fragen, die ihr gestellt werden: Woher sie denn immer genau wisse, was da gelesen wird, obwohl der Buchtitel oft nicht im Bild zu sehen ist. Dazu sagt Ben-Haim, dass das Foto ja nicht zeige, welche Sicht ihr noch auf das Geschehen gewährt wird, vorher oder nachher. Ebenso spannend die Frage nach der Fotogenehmigung, die man zumindest in Deutschland von den Gezeigten einholen müsste, bevor man ihre Gesichter öffentlich zeigt. Ben-Haim hat keine, zieht oft unbemerkt weiter. In den USA sind die Regeln aber nicht so streng.
Kleine Fiktionen über reale Menschen mit echten Büchern
Auch Julie Wilson ist fasziniert von Menschen, die mit Buch in der Hand im Öffentlichen Nahverkehr zur Arbeit schaukeln. Alles fing an, als die Kanadierin in Toronto in einem Buchverlag arbeitete, drei Jahre lang pendelte sie die immer gleiche Strecke. Und sah Menschen beim Lesen zu. Sie notierte Buchtitel, manchmal auch die exakte Seite, und überlegte dann, wer das wohl ist, der da dieses Buch liest. Diese Mikrofiktionen veröffentlichte sie in ihrem Blog "Seen Reading", jetzt sind die Texte über ihre U-Bahn-Begegnungen als Buch erschienen. "So ein Buch ist wie ein Schutzschild", sagt Wilson. "Man wird nicht von anderen gestört, wenn man gerade in sein Buch versunken ist."
Die meisten, erzählt sie, lesen Krimis, und das passt, findet Wilson: "Wer eine Krimireihe liest, verschlingt einen Band nach dem anderen. Es ist Routine. Genau wie das Pendeln." Sie sah Menschen lauthals losprusten, sie sah sie weinen, die Stirn runzeln. Alles vor den Augen der Öffentlichkeit, denn öffentlicher und zugleich intimer als eine U-Bahn-Fahrt zur Rushhour geht es kaum. Passend nennt sich Wilson eine "literarische Voyeurin". Mittlerweile twittert sie auch - und viele andere Berufspendler twittern mit, geben unter #seenreading durch, wen sie gerade wo mit welchem Buch entdeckt haben.
Nun, da gerade in einer Studie herausgekommen ist, dass die zwei Top-Krankmacher von Berufstätigen in Deutschland tägliche Pendelei und ständige Erreichbarkeit sind, scheint das Unterwegs-Lesen in einem Buch wie die perfekte Lösung: Wenn man schon pendeln muss, taucht man eben ab in eine andere Welt. Unerreichbar.
Sie auch, liebe Leser?
Was lesen Sie denn so unterwegs, in den Bussen, S-Bahnen, U-Bahnen, Straßenbahnen dieser Republik? Was eignet sich besonders gut - und warum? Schreiben Sie es uns, wir sind gespannt!
- KarriereSPIEGEL-Autorin Anne Haeming (Jahrgang 1978) ist freie Journalistin in Berlin.

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Julie Wilson:
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