• Drucken
  • Senden
  • Nutzungsrechte
 

Frauen-Autohaus "Hier klappert es. Das darf nicht sein"

Frauen-Autohaus: Mit Kussmund und Pendelstütze Fotos
Andrea Reidl

Autohäuser sind Männerspielplätze, Frauen betreten sie nur im Notfall. Maria Erkner will diese Regel brechen: Seit eineinhalb Jahren betreibt sie ein Autohaus speziell für Frauen. Bisher aber besuchen mehr Männer als Frauen "Señorita Maria".

Rote Wände, Küsschenmund - das reicht nicht, um eine Frau in das Autohaus Señorita Maria nahe Berlin zu locken. Aber Knutscher und Wandfarbe sind Teil des Konzepts, mit dem Maria Erkner sich von den üblichen Autosalons abheben will - die sie für Servicewüsten hält.

Bei Señorita Maria sollen sich die Kundinnen rundum wohl fühlen. Das beginnt mit der Sprache - Fachjargon im Kundengespräch ist so lange verpönt, bis jemand signalisiert: Ich bin vom Fach. Serviceberaterin Jennifer Dambeck erklärt: "Wenn ich sage, die Pendelstützen an ihrem Wagen sind ausgeschlagen, weiß keine Frau, wovon ich rede."

Sie nimmt die Kundinnen lieber mit in die Werkstatt. Während das Auto auf der Hebebühne steht, rüttelt Dambeck an den Pendelstützen, den kleinen, aber wichtigen Stangen in der Radaufhängung, und erklärt: "Hier klappert es. Das darf nicht sein." Das versteht jeder und jede.

Jennifer Dambeck, eine Frau mit blondem Kurzhaarschnitt, berlinert sich durch die Kundengespräche: etwas schroff, frei von der Leber weg, mit viel Herz. Sie hat die Idee zum Autohaus von Frauen für Frauen mit auf den Weg gebracht. Weil sie in ihrer Ausbildung mit Autoputzen und Kaffeekochen unterfordert war, fragte sie ihren Chef, Inhaber von mehreren Autohäusern im Osten Berlins: "Haben Sie eigentlich was gegen Frauen?" Das hörte dessen Tochter, Maria Erkner.

Sie schrieb gerade ihre Diplomarbeit und sah als angehende Betriebswirtin ihre Chance, sich vom Vater freizustrampeln. Die Studentin redete mit ihrem Vater, mit seinen Mitarbeiterinnen, mit dem Autohersteller Seat und den Banken. Zwei Monate später eröffnete sie in Hennigsdorf das Seat-Autohaus Señorita Maria. Das ist anderthalb Jahre her. Ihr Vater spendierte 25.000 Euro Startkapital zur GmbH-Gründung, gute Händlerkonditionen und ließ neben Jennifer Dambeck zwei weitere Auszubildende und fünf Angestellte mit ihr ziehen.

Was in Autohäusern Frauen von Männer unterscheidet

Beratung, Verkauf, Reparaturen - alles fest in Frauenhand. "Jetzt müssen wir beweisen, dass unser Konzept funktioniert", sagt Erkner. Die Professorin Doris Kortus-Schultes, Leiterin des Kompetenzzentrums Frau und Auto an der Fachhochschule Mönchengladbach, glaubt an die Idee. Ihre Forschung zeigt: Frauen betreten ein Autohaus nur im Notfall, nämlich wenn sie dringend ein Auto brauchen. Ihr Vorgehen unterscheidet sich komplett von dem der Männer.

Wenn Männer in ein Autohaus gehen, haben sie monatelang recherchiert und kennen die technischen Daten ihrer Favoriten. Vor Ort genießen sie es, allein zwischen den Fahrzeugen umherzuschlendern. Treffen sie auf einen Verkäufer starten sie das Ping-Pong-Spiel "Wer weiß mehr?". "Dabei übertrumpfen sie mit ihrem Detailwissen sogar oft den Experten", sagt die Professorin.

Frauen sind nicht aufs Modell, sondern auf den Einsatzzweck fokussiert. Der Zukünftige soll zu ihrem Leben passen und es ihnen bequem machen. Wenn sie den Vordersitz zurückklappen, testen sie, ob die Oma gut ein- und aussteigen kann. Sie kontrollieren auch, ob sie die Wasserkisten in den Kofferraum schieben können oder sie erst über eine Ladekante wuchten müssen.

"Frauen wollen an der Tür abgeholt werden, der Verkäufer soll ihnen das Auto plaudernd präsentieren, und sie müssen Vertrauen zu ihm fassen", so Kortus-Schulze. Das klappt besser, wenn sie sich in ihrer Umgebung wohl fühlen.

"Man muss den Mut haben und in die Zentren gehen"

Wer bei Señorita Maria durchs Portal tritt, blickt sofort auf die Wände in seat-typischem Rot, auf weiße weiche Ledersessel, eine Spielecke mit Rutscheautos und kindergroßen Kuschelteddys. Von dem Moment ist man in weiblicher Hand. "Frauen lassen sich lieber von Frauen beraten", sagt Erkner und fügt hinzu: "Da müssen sie sich nicht schämen."

"Der Sitzhebel ist unten rechts", sagt Geschäftsführerin Erkner. Sie lehnt am Griff der offenen Fahrertür und lächelt der Kundin aufmunternd zu. Die sitzt mit offener Winterjacke auf dem Fahrersitz, sucht den Hebel, tastet im Fußraum. Erkner lächelt. Die Kundin sucht weiter. Ihre Hand fährt an der Sitzunterseite entlang. Erkner beobachtet sie. Die Sekunden verstreichen. Es ist heiß. Nichts. Die Kundin: konzentriert, tastend. Fast möchte man rufen: reeechts! Erkner schweigt. Dann schiebt sich der Sitz ein Stück zurück und rastet ein. Beide lächeln.

Die Geschäftsführerin ist zufrieden. Nach anderthalb Jahren sind sie bei Señorita Maria ein eingeschworenes Team. Sie haben das Autohaus gemeinsam aufgebaut. Sie sind Kolleginnen, keine Freundinnen fürs Leben. Das gefällt allen. Auch, dass sie ihren Umsatz kennen. Erkner lässt die Angestellten in die Bücher blicken. Das spornt die Frauen an.

Nach anderthalb Jahren im Geschäft liegt der Umsatz vom Autohaus beim Händlervergleich im Mittelfeld. Sonderbar: Die Kundschaft ist mit 70 zu 30 klar männlich. "Das liegt vielleicht am Standort", überlegt Doris Kortus-Schultes. Der ist in Hennigsdorf im Norden Berlins, vis-à-vis einer Plattenbausiedlung, nicht optimal. Da hat man beim Objekt vielleicht ein bisschen gespart, schätzt sie. "Dabei ist das Konzept erfolgversprechend, die Kundinnen warten auf derlei Angebote. Man muss nur den Mut haben und in die Zentren gehen."

Andrea Reidl ist Autorin des Auto-Ressorts von SPIEGEL ONLINE. Dort erschien dieser Artikel zuerst.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 61 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Pendelstützen?
_unwissender 03.10.2011
Pendelstab ist laut Wikipedia ein Begriff aus der Baustatik. Ist im Artikel der Panhard-Stab gemeint?
2. Pendelstab
fritzz 03.10.2011
Zitat von _unwissenderPendelstab ist laut Wikipedia ein Begriff aus der Baustatik. Ist im Artikel der Panhard-Stab gemeint?
Der Pendelstab ist als Ersatzteil zu beziehen: OE-Nr: 7D0399207F Suche nach Pendelstab und SEAT! ;-)
3. Von Andrea Reidl
loncaros 03.10.2011
Es arbeiten also nur Frauen in dem Autohaus? Wie ist das denn mit Männerquote, Männerbeauftragter, Minderheitenschutz und Gleichberechtigung? Ich finde es toll wie uns hier jede Woche ein feministisches, erfolgloses Unternehmen als Vorreiter und Paradebeispiel der Emanizpation aufgezeigt wird.
4. Toller Artikel....
CMH 03.10.2011
Aus dem Artikel: "Sie nimmt die Kundinnen lieber mit in die Werkstatt. Während das Auto auf der Hebebühne steht, rüttelt Dambeck an den Pendelstützen, kleinen, aber wichtigen Stangen in der Radaufhängung, und erklärt: "Hier klappert es. Das darf nicht sein." Das versteht jeder und jede." Vielleicht sollten sich die Frauen, die so etwas brauchen, auch ohne Narkose operieren lassen. Dann kann der Chirurg direkt erklären: "Hier ist die Arterie verstopft. Das darf nicht sein."
5. Das Geschäftsmodell
bambus07 03.10.2011
ist doch von der Idee hier ziemlich gescheitert, wenn 70% der Kunden Männer sind. Das ist eigentlich auch folgerichtig, wenn man auf das im Artikel geschilderte Beispiel blickt. Da ist eine Kundin nicht in der Lage, die simple manuelle Verstellung des Fahrersitzes in angemessener Zeit vorzunehmen. Man stelle sich vor, diese Dame muß in einer Extremsituation im Straßenverkehr eine Vollbremsung durchführen. Die wird vermutlich erst die Warnblickanlage anstellen oder ähnliches und dann irgendwann mehr oder minder zufällig auf die Bremse treten.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik KarriereSPIEGEL
RSS
alles aus der Rubrik Berufsleben
RSS
alles zum Thema Weiberwirtschaft - KarriereSPIEGEL
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen



Fotostrecke
Mäglis Mädels: Von einem Reeder, der nur Frauen wollte
Verwandte Themen

Fotostrecke
Buhmann Baby: Schon wieder schwanger - zwölf Mütter erzählen



Social Networks