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Frauen im Handwerk Willkommen in der Weiberwerkstatt

Tischlerinnen: Abgesägte Klischees Fotos
Pia-Luisa Lenz

Wer dem Handwerker seine Haustür öffnet, der rechnet noch immer mit einem kräftigen Mann in Arbeitskleidung und dreckigen Schuhen. Dabei sind Frauen im Handwerk keine Ausnahme mehr. Vier Hamburger Tischlerinnen behaupten sich seit Jahren in diesem Männerberuf - und sägen an den alten Klischees.

In einer "Frauenwerkstatt" liegt nicht so viel Dreck herum, es riecht eher nach "Milles fleurs" als nach Werkstoffen und mit den regelmäßigen Kaffee- und Klatschpausen lässt es sich sehr entspannt arbeiten. Wer weiter dieser romantischen Vorstellung anhängen möchte, der sollte besser nicht weiterlesen. Wo Tischlerarbeiten verrichtet werden, kreischt die Säge in gleichmäßigem Takt, frische Holzspäne sammeln sich auf dem Boden, der ansonsten mit Farbklecksen übersät ist.

Ganz egal, ob Frau oder Mann hinter der Werkbank steht - auf der Werkbank wird dieselbe Arbeit verrichtet. Und doch gilt es als etwas Besonderes, Frauen in Handwerksberufen anzutreffen.

Sabine Hausherr trägt dicke Ohrenschützer, konzentriert schaut sie immer wieder auf ihren Plan und verstellt die Säge um wenige Millimeter. "Unser Job erfordert Kreativität und Präzision", sagt die 43-jährige Tischlerin. Kunden kämen meist mit einem Problem, das zu lösen sei. Dann heißt es: Idee entwickeln, Zeichnung machen, mit der Arbeit loslegen und schließlich beim Kunden montieren.

Seit sieben Jahren tun Sabine Hausherr, Lore Penske, Scholastica Dey und Christiane Kummer das mit großem Erfolg. Die vier Frauen haben sich vor über zehn Jahren beim Hamburger Verein Berufliche Autonomie für Frauen kennengelernt. Nach Auflösung des Vereins übernahmen sie dessen Geräte, um ihre eigene Werkstattgemeinschaft zu gründen, die Werkstatt im Hof. "Wir haben uns gut verstanden und wollten einfach weiter in einem so entspannten Umfeld arbeiten", erzählt Penske, 53. Die großen Maschinen und die Miete teilen sie sich nun.

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Theoretisch arbeiten hier vier Konkurrentinnen unter einem Dach. Da müsste der Ärger eigentlich programmiert sein. Denn alle vier bauen ähnliche Möbel - Tische, Schränke, Regale, Tresen. "Nein, ein Konkurrenzdenken gibt es bei uns nicht", sagt Scholastica Dey, 59. Das sei der große Unterschied zu einem männerdominierten Arbeitsumfeld. Die Arbeit unter Männern sei ruppiger. "Bei uns geht es nicht um Hierarchien und Positionen, wir stehen in keinem Wettstreit zueinander", sagt Dey. Unter männlichen Kollegen sei das anders. Das verbrauche viel Energie - die man besser in die Arbeit stecken könne.

"Wollen sie mit 50 etwa auf Baustellen Fenster einbauen?"

Frauen hatten lange Zeit nichts in Handwerksberufen verloren. Diese Erfahrung haben auch die vier Hamburgerinnen machen müssen. "Die Zeit in der Lehre war schon manchmal hart", erzählt Penske. Wenn man die gestandene Frau heute sieht, kann man sich das kaum vorstellen. Von ihrem Chef und den Kollegen sei sie nur "Fräulein Penske" gerufen worden und in den vier Berufschulklassen habe es insgesamt nur zwei weitere Frauen gegeben. "Wollen sie mit 50 etwa auf Baustellen Fenster einbauen?", ist ihre Kollegin Scholastica Dey einmal gefragt worden. Daraufhin ist sie für einige Jahre nach England gegangen, um Erfahrungen im Handwerk zu sammeln.

Heute ist die Situation ganz anders: Laut Zentralverband des Deutschen Handwerks sind in diesem Jahr fast 27 Prozent aller neuen Auszubildenden im Handwerk weiblich. Mehr als 20 Prozent aller Meisterprüfungen werden von Frauen abgelegt: der Anteil von Frauen mit Meister hat sich somit in den vergangenen Jahren fast verdoppelt.

Auch den Schritt in die Selbstständigkeit wagen Frauen im Handwerk immer öfter. Die Weiberwirtschaft in Berlin ist ein Gründerinnennetzwerk, das Frauen in ihrer Selbstständigkeit unterstützt. In einem Gewerbehof in Mitte finden zukünftige Chefinnen neben der Beratung auch preisgünstige Geschäftsräume, ein dichtes Netzwerk sowie eine Kindertagesstätte. Mittlerweile haben sich hier über 70 verschiedene Kleinunternehmen angesiedelt - alle in der Hand von Frauen.

Führen Frauen anders?

Warum brauchen Frauen anscheinend gezielter Unterstützung als ihre männlichen Kollegen? "Frauen haben in der Regeln schlechtere Rahmenbedingungen als Männer", sagt Katja von der Bey, Geschäftsführerin der Weiberwirtschaft. Frauen hätten meist weniger Kapital und weniger Unterstützung durch das Umfeld. Sie könnten daher kein so hohes Risiko eingehen wie männliche Gründer. Außerdem tragen Frauen meist privat die größere Verantwortung. Fast jede Frau frage sich erst mal: "Was ist mit meiner Familie?", sagt Bey. Deshalb wüssten sie bereits vor der Gründung: "Ich habe nur diese eine Chance".

Das wussten auch Sabine Hausherr, Lore Penske, Scholastica Dey und Christiane Kummer. Alle vier mussten hart arbeiten, doch können heute gut davon leben. Doch noch immer hätten zu viele Frauen Angst, einen eigenen Handwerksbetrieb zu gründen, sagt Lore Penske: "Frauen müssten durch Förderprogramme noch mehr ermutigt werden, ins Handwerk zu gehen." Initiativen wie der "Girls Day" oder die Roadshow "Meine Zukunft. Chefin im Handwerk" vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend zielen in diese Richtung.

"Frauen führen Betriebe letztlich gar nicht so anders", erzählt Bey. Auffällig sei, dass die Qualifikation von Frauen in den vergangenen Jahren enorm zugenommen habe. Kommunikativer seien sie ohnehin. Dennoch gründeten Frauen immer noch kleiner und seien weniger risikofreudig. Das geht auch aus einer aktuellen Studie der Förderbank Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) hervor. In der Weiberwirtschaft organisieren Frauen sich in kleinen "Erfolgsteams", um sich über Erfahrungen und Fehler auszutauschen.

Ähnlich läuft es auch bei den Hamburger Tischlerinnen. "Wir haben immer ein offenes Ohr für die anderen, auch für Kritik", sagt Scholastica Dey. Es falle Frauen tatsächlich leichter, Hilfe und Kritik anzunehmen, glaubt sie. Jeden Freitag treffen die vier sich zu einer Arbeitsbesprechung, um einen Plan für die kommende Woche zu machen. Da ist tatsächlich Zeit für ein kleines Kaffeekränzchen. Doch dann geht jede wieder an ihre Arbeit.

  • Michael Wagenhäuser
    Pia-Luisa Lenz (Jahrgang 1986) ist freie Journalistin in Hamburg. Für den NDR hat sie zusammen mit Christian von Brockhausen die Dokumentation "Hudekamp - ein Heimatfilm" gedreht.

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insgesamt 12 Beiträge
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1. Null Neuigkeitswert
hissho 05.10.2011
Seit 30 Jahren lesen und hören auf allen Kanälen solche Beiträge über Frauen in Männerberufen: wie schwer es für sie gewesen sei, gegen welche Widerstände sie haben ankämpfen müssen und das sie doch die besseren Menschen sein weil sie besser kommunizierten, Konkurrenz und Hierarchie gäbe es unter ihnen auch nicht. So die üblichen Klischees halt. Wann haben wir eigentlich mal einen Ernst zu nehmenden Bericht über Männer in Frauenberufen gelesen? Wie kommt ein Erzieher in so einem Hyänenrudel aus Erzieherinnen zu Recht? Mit welchen Ressentiments hat er zu kämpfen? - Soll mir bloß keiner sagen es gäbe keine! Warum finden Männer für ihre Belange keine Aufmerksamkeit? Weil wir weniger jammern?
2. uralte Klischees
spügel 05.10.2011
Zitat von sysopVier Hamburger Tischlerinnen behaupten sich seit Jahren in diesem Männerberuf -*und sägen an den alten Klischees.
Das sind aber uralte Klischees - ich habe Anfang der 80er eine Tischlerlehre durchgemacht, damals waren mindestens ein drittel Frauen dabei. Die sind auch viel feinfühliger und geduldiger für solche Arbeit.
3. Frauen im Handwerk...
fatherted98 05.10.2011
...sind nun wirklich nichts neues. Im Friseur, Goldschmiede, Bäcker, Fleischer usw. Handwerk sind Frauen schon seit Jahren die wichtigsten Leistungsträger...das sie nun auch Tischler, KFZ Mechaniker, Elektriker usw. werden ist sehr erfreulich aber absehbar, da die Berufe durch technische Erleichterungen der Arbeit auch für Frauen "stemmbar" werden...das hat doch nix mit Emmanzipation sondern mit Änderungen der Gegebenheiten zu tun. Das noch "ewig Gestrige" Frauen im Handwerk ablehnen wird sich in den nächsten 20 Jahren auflösen...die neue Generation steht vor der Tür.
4. Frauen sind effizienter
hierro 05.10.2011
Zitat von sysopWer dem Handwerker seine Haustür öffnet, der rechnet noch immer mit einem kräftigen Mann in Arbeitskleidung und dreckigen Schuhen. Dabei sind Frauen im Handwerk keine Ausnahme mehr. Vier Hamburger Tischlerinnen behaupten sich seit Jahren in diesem Männerberuf -*und sägen an den alten Klischees. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,790077,00.html
Eigentlich kann dieser Artikel nur den Bürger dieses Landes überraschen, der den Alltag blind und taub bewältigt. Natürlich gibt es mehr Frauen im Handwerk als man zu wissen glaubt. Das ist auch erfreulich, denn die Frauen sind ohnehin die besseren Handwerker. Sie bewältigen ihre Aufträge präzise, konsequent, effizient und außerdem noch mit Charme. Ich wünsche mir, dass in Zukunft möglichst viele Frauen die mürrischen männlichen Handwerker ersetzen, die oft nicht einmal mit den Grundrechnungsarten klar kommen und auch mit dem Lesen des Zollstockes schon ihre Probleme haben, geschweige denn, dass sie am frühen Nachmittag den Alltag wegen erhöhter Promillewerte nicht mehr klar sehen.
5. Tragen privat die größere Verantwortung
ditor 05.10.2011
An manchen Textstellen kommt einem durchaus das Zweifeln. ZB: "Außerdem tragen Frauen meist privat die größere Verantwortung. Fast jede Frau frage sich erstmal: "Was ist mit meiner Familie?"" An die Familie denken Männer natürlich nicht. Vor allem in den letzten Jahrzehnten riskierten sie nur dass der Großteil des gemeinsamen Einkommens beim Scheitern der Selbstständigkeit wegfallen könnte. Das sehen alle Familienväter bekanntlich besonders locker. Oder: ""Bei uns geht es nicht um Hierarchien und Positionen, wir stehen in keinem Wettstreit zueinander", sagt Dey. Unter männlichen Kollegen sei das anders. Das verbrauche viel Energie - die man besser in die Arbeit stecken könne." Die Handwerkbetriebe die ich kenne haben eigentlich ziemlich klare Positionen und Hierachien. Vielleicht gibt es bei diesen Frauen keinen Wettstreit untereinander weil sie sich noch im Kampf gegen die "Männerwelt" ereint sehen? Und ist es für mich als Kunde überhaupt erstrebenswert dass Handwerksbetriebe keinen Wettstreit untereinander pflegen?
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Männer und Frauen - die Führungsstile
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Lob und Tadel
Insgesamt halten sich die Vor- und Nachteile im Chef-Gebaren die Waage. Frauen punkten vor allem beim Gespräch: Sie gelten als verständnisvoll, haben häufiger ein offenes Ohr für Probleme und sind großzügiger mit Lob und Anerkennung. Die Hälfte der Befragten sieht es als besondere Stärke, dass weibliche Vorgesetzte auch über ihr Privatleben sprechen. Männliche Vorgesetzte treten hingegen bevorzugt sachlich und bestimmend auf, dulden seltener Widerspruch. Insgesamt sieht die Studie allerdings nur recht geringe Unterschiede in den Urteilen von Mitarbeitern über männliche und weibliche Bosse.

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