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IT-Pionierinnen "Frauen sind Naturtalente im Programmieren"

IT-Pionierinnen: Als die Informatik weiblich war Fotos
U.S. Army Photo

Schülerinnen erwärmen sich nur selten für ein Informatikstudium. Dabei waren die ersten Programmierer der Welt weiblich. In den USA galt Software-Entwicklung früher sogar als Frauenberuf.

Quergestreiftes Hängerkleidchen, Perlenohrringe und hochtoupierte Haare - das Foto aus der amerikanischen "Cosmopolitan" ist leicht auf die sechziger Jahre zu datieren. Dann fällt der Blick auf die Bildunterschrift: Ann Richardson ist Programmiererin bei IBM, heißt es dort.

Eine Frauenzeitschrift druckt in den sechziger Jahren einen Artikel über eine Informatikerin? Was sich kurios anhört, liest sich auch so. "Programmieren ist wie Abendessen vorbereiten", wird eine Wissenschaftlerin zitiert. "Man muss vorausplanen und alles so terminieren, dass es fertig ist, wenn man es braucht. Das geht nur mit Geduld und dem Blick für Details. Frauen sind Naturtalente im Programmieren."

Mit ähnlich überzeugenden Argumenten versuchen seit Jahren diverse Kompetenzzentren, Politiker und Manager, Frauen für die sogenannten MINT-Fächer Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik zu begeistern. Drei Millionen Euro steckt das Bundesministerium für Bildung und Forschung jedes Jahr in die Kampagne Komm mach MINT, mehr als tausend Angebote für Mädchen und junge Frauen sind auf ihrer Aktionslandkarte verzeichnet.

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Informatikerinnen: Hardware und Lippenstift
330.000 Akademiker werden bis 2013 in den MINT-Berufen fehlen, rechnet das Bundesministerium vor: "Angesichts dieses Fachkräftemangels können wir es uns nicht leisten, auf das Potential von Frauen zu verzichten."

Wer vor 40 Jahren in den USA lebte, dürfte diesen Satz schon einmal gehört haben. Der amerikanischen Computerindustrie fehlten damals so viele Fachkräfte, dass eine IT-Firma aus New York 1968 sogar Gefangene der legendären Vollzugsanstalt Sing-Sing anwerben wollte.

Vor diesem Hintergrund ist es gar nicht so verwunderlich, dass die "Cosmopolitan" 1967 neben dem Artikel "Why a Girl Should Own a Pooch", warum ein Mädchen ein Hündchen besitzen sollte, einen Artikel über Frauen in der IT druckte.

Dass gezielt Frauen für die Informatikjobs angesprochen wurden, hatte aber noch einen anderen Hintergrund: "Programmieren war anfangs als Arbeit für Bürokräfte mit niedrigem Status gedacht - also für Frauen. Die Disziplin wurde erst nach und nach bewusst in ein wissenschaftliches, männliches Fach mit hohem Status transformiert", schreibt der amerikanische Historiker Nathan Ensmenger in einem Aufsatz mit dem Titel "Wie Programmieren eine Männerdomäne wurde".

Die vergessenen Programmiererinnen

Die Frau, die im "Cosmopolitan"-Artikel Programmieren mit dem Vorbereiten von Essen vergleicht, heißt Grace Hopper - und ist eine der Pionierinnen der Informatik. Sie arbeitete an der Uni Harvard mit dem ersten vollelektronischen Rechner der Welt, dem Mark I. Später benannte sie den Computer-Bug, erfand den Compiler, eine Software, die Programmierkommandos in Maschinensprachcode umwandelt, und entwickelte die erste Programmiersprache, die mit umgangssprachlichen Worten funktioniert.

Auch der Nachfolger des Mark I, der Eniac, wurde von Frauen programmiert. Es gibt Fotos von ihnen: Mit nachdenklichen Gesichtern, hochgesteckten Haaren und flachen Schuhen stehen sie vor der monströsen Maschine. Das seien doch nur Pappaufsteller, bekam Kathy Kleiman, eine Informatikstudentin der Harvard Universität, vierzig Jahre später zu hören. Sie wollte das nicht glauben, fing an zu recherchieren - und stieß schließlich auf die weltweit ersten Programmiererinnen. "Ich konnte es nicht fassen, dass sich niemand mehr an sie erinnert hat", sagt Kleiman.

Bei der offiziellen Vorstellung des Eniac im Februar 1946 hatte man nur die an dem Projekt beteiligten Männer gewürdigt; die sechs Programmiererinnen blieben unerwähnt. Kleiman fand ihre Adressen heraus, interviewte sie - und ging mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit. Mit Erfolg: Im Juni 1997 wurden die Eniac-Frauen bei einem Festakt im Silicon Valley ausgezeichnet.

Die letzte der sechs Programmiererinnen starb im März 2011. Kleiman hat Interviews mit allen aufgezeichnet, sie will einen Dokumentarfilm zusammenstellen, doch es hapert an der Finanzierung.

Veronika Oechtering von der Uni Bremen kennt das Problem. Seit Jahren sammelt die auf Genderforschung spezialisierte Informatikerin die Geschichten von Wissenschaftlerinnen aus der IT, nach denen man in Schulbüchern vergeblich sucht. Ihre Artikel hat sie auf einer eigenen Webseite zusammengestellt, Lehrer können sie bei ihr auch als CD bestellen.

Weibliche Vorbilder gesucht

"Die Materialien werden von den Schulen gern genommen, aber Fördergelder gibt es für diese Art der Forschung kaum", sagt Oechtering. Ein großer Fehler, wie sie meint: "Wenn man anerkennt, welch wichtige Rolle Frauen in der Entwicklung der Informatik gespielt haben, kann man auch die Leistungen von Frauen in der Gegenwart leichter beachten."

1987 waren in den USA 42 Prozent der Software-Entwickler weiblich. Ein Wert, von dem mittlerweile alle westlichen Industrieländer weit entfernt sind. Einer Umfrage des IT-Verbands Bitkom zufolge sind in deutschen Hightech-Unternehmen im Durchschnitt nur 15 Prozent der angestellten Fachkräfte Frauen.

"Es fehlen einfach weibliche Vorbilder, die Szene ist zu männerdominiert", sagt Oechtering. Selbst wenn die Leistungen der IT-Pionierinnen bekannter wären, als "Role Model" taugten sie heute kaum noch: "Historische Forschung spricht Schülerinnen bei der Berufswahl ja nur bedingt an."

Oechtering setzt auf praktische Kurse für Mädchen - und Informatikkurse von Frauen für Frauen. Jedes Jahr treffen sich mehr als 150 Informatikerinnen aus aller Welt in Bremen zur Sommeruni Informatica Feminale, rund ein Drittel von ihnen hat das Studium schon abgeschlossen - und viele verlassen die Fachtagung mit einem Job in der Tasche. Netzwerken mit anderen Frauen, das sei der Schlüssel zum Erfolg, ist Oechtering überzeugt.

  • Autorin Verena Töpper (Jahrgang 1982) ist KarriereSPIEGEL-Redakteurin.

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insgesamt 107 Beiträge
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    Seite 1    
1. What about ADA ?
cirruspl 03.08.2012
Auszug aus http://de.wikipedia.org/wiki/Ada_Lovelace : Ada Lovelace, Countess of Lovelace, geboren als Augusta Ada Byron[1] (* 10. Dezember 1815 in London; † 27. November 1852 ebenda) war eine britische Mathematikerin. Sie war die Tochter Lord Byrons und Mitarbeiterin von Charles Babbage. Ihre schriftlichen Kommentare zur mechanischen Rechenmaschine Analytical Engine enthielten den ersten Algorithmus. Aus diesem Grund wird sie als erste Programmiererin der Welt – noch vor dem ersten männlichen Kollegen – bezeichnet.[2][3] Die Programmiersprache Ada[4] und die Lovelace Medal wurden nach ihr benannt.
2. so furchtbar
realburb 03.08.2012
Mal ganz naiv gefragt: Wenn Frauen/Mädels keine Lust haben zu Programmieren, ist das dann so furchtbar?
3.
eduardschulz 03.08.2012
Zitat von realburbMal ganz naiv gefragt: Wenn Frauen/Mädels keine Lust haben zu Programmieren, ist das dann so furchtbar?
Natürlich ist das furchtbar. Über Jahrtausende hinweg programmierten Frauen Rechner, die die Sprache einer der ihren verstanden. Erst mit der Einführung neuer natürlich von Männern entwickelten Sprachen verließ die Frauen die Lust am Programmieren.
4.
genlok 03.08.2012
Aber das ist doch schon immer klar gewesen. Es ist doch allseits bekannt dass Frauen alle Berufe in denen hauptsächlich Männer aktiv sind schon immer besser konnten. Ich als Informatiker, hätte mir schon mehr als 3 Frauen auf 250 Studenten gewünscht damals während des Studiums. Normalerweise interessieren sich Menschen doch automatisch für Dinge wo sie ein Talent haben. Komisch nur dass an der TU Kaiserslautern nur zu 3 Frauen reichte.
5. @cirruspl Genau das habe ich mich...
wp40548 03.08.2012
..beim lesen des Artikels auch die ganze Zeit gefragt. Die Geschichte von Ada Lovelace und Charles Babbage lernte man zu mener Zeit noch im Informatik-Grundstudium. Und das eine der wichtigsten, aber den wenigsten bekannte Programmiersprachen speziell für Luft- und Raumfahrt nach ihr benannt wurde, das weiss auch kaum eine(r). Sie war ohne Zweifel die erste Programmiererin der Welt.
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