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Highheels-Kurs Catwalk? Kopfsteinpflaster!

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Auf 14-Zentimeter-Absätzen schwanken selbst "Topmodel"-Finalistinnen - erst recht über Gitter und Pflasterstein. Aber souverän Stöckeln ist lernbar. Ksenia Kotina hat einen Beruf daraus gemacht: Die Hürden des Alltags zu meistern, bringt sie Frauen in Kursen bei. Oder auch Männern.

Der Lauf über das Schachtgitter ist die Abschlussprüfung. Jetzt nur nicht hängenbleiben. Ferse hoch, zügig drüber. Wie es geht, zeigt Ksenia Kotina, 28. Ihre Schuhe sind 14 Zentimeter hoch, die Absätze wenige Millimeter breit. Über das Gitter läuft sie, als wäre es ein Catwalk. Nur wer ganz genau hinschaut, sieht, dass ihre Absätze gar nicht den Untergrund berühren. Das ist der Trick bei der Übung.

Ein Streifenwagen fährt vorbei, die Polizisten verrenken sich die Hälse - zu eigenartig ist das Bild, das sich ihnen bietet: Vier junge Frauen in grellen hohen Schuhen und mit großen bunten Handtaschen stehen mitten in Berlin-Wilmersdorf im strömenden Regen um ein Schachtgitter herum und schauen zu, wie eine von ihnen über das Hindernis balanciert. "Sex and the City" für Arme? Ein neuer Monty-Python-Sketch? Nein, ein Stöckelschuh-Kurs. Ein Outdoor-Stöckelschuh-Kurs. Kopfsteinpflaster statt Catwalk. Deichmann statt Louboutin.

"Walk on Heelz" nennt Ksenia Kotina ihr Angebot, mit Z am Ende, das sieht nach Ghetto aus, nach Avantgarde und harten Beats. Die Variante mit S hat sie sich auch als Domain registrieren lassen, sicher ist sicher.

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Stöckeln auf Highheels: Zehn Tipps für den Alltag

99 Euro kostet der Kurs, zweimal eineinhalb Stunden, Laufen mit Hüftschwung, mit Musik, mit überkreuzten Beinen und schwingenden Armen, zehn Schritte vor, zehn zurück. Erst drinnen, dann draußen. Das ist die wahre Herausforderung. Laufen auf dem Catwalk kann ja jeder: "Da liegt nichts im Weg, alles ist glatt und gerade, das ist einfach", sagt Kotina. Dass es vielleicht doch nicht so einfach ist, weiß jeder, der schon mal bei "Germany's Next Topmodel" reingezappt hat. Unter den strengen Augen von Model-Mutti Heidi Klum werden die Finalistinnen am Donnerstagabend um die Wette stöckeln.

"Das hier ist der Kurs für normale Frauen"

Vanessa, 18, hat offenbar häufig reingezappt. Es hat sie aber eher motiviert als eingeschüchtert. Sie ist an diesem Tag die einzige, die ihre Stöckelschuhe nicht verschämt aus der Tasche pult, sondern schon stolz auf ihnen in den Kursraum wackelt. Bereitwillig macht sie beim ersten Probelauf den Anfang - und hinterlässt bei jedem Schritt auf dem roten Filz, den Ksenia Kotina als Teppichersatz auf den Parkettboden geklebt hat, einen kleinen schwarzen Dreckfleck.

Der Filz endet an der Wand, vor einem surrealistischen Gemälde, auf dem ein Fisch Luftblasen blubbert. Vanessa fixiert den Fisch, streckt die Hüfte raus, reckt das Kinn nach oben, so mag es Heidi Klum gern. Verunsicherte Blicke am anderen Ende des Teppichs. Kichern. Lachen. "Das hier ist der Kurs für normale Frauen", sagt Ksenia Kotina. "Da musst du nicht posieren. Für Models gibt es einen eigenen Workshop." Vanessa grinst verschämt. Nein, nein, hier ist sie schon richtig.

Ksenia Kotina hat drei Angebote im Programm: Laufen auf Highheels für Models, für Tänzer - und für Dummies. Tausend Frauen haben ihr Training in den letzten drei Jahren mitgemacht, schätzt sie. Und ein Dutzend Männer.

"Ein Berater hat mir gesagt, ich müsste meine Zielgruppe definieren, aber irgendwie hat das nicht geklappt", sagt Kotina. Junge Frauen zwischen 16 und 25 Jahren, die Highheels im Alltag tragen wollen, das hatte sie dem Gründungscoach geantwortet. Dann meldete sich eine 76-Jährige an. Ein Transvestit. Ein Model. Eine Revue-Tänzerin. Die Top-Managerin eines großen Kosmetikkonzerns wurde zwangsangemeldet: Ein Unternehmensberater war der Meinung, ihr Stil sei zu rustikal für die Firma. Sie bekam Einzelunterricht, pro Stunde 60 Euro.

Ein Angebot, das viele Frauen gern nutzen. Denn der Lauf auf dem roten Filz offenbart schnell die Schwächen: Alicia rollt ihre Füße nicht richtig ab, Cindy lässt die Schultern hängen, Isabella schaut immer nach unten. Das ist witzig für alle, die zuschauen. Und doof für diejenige, die läuft. Auch das kennt man aus dem Fernsehen.

Vom Kurs zum Orthopäden

Kotina hat auch schon Frauen nach Hause geschickt: "Manche denken, sie könnten auf Highheels laufen, dabei müssten sie dringend zum Orthopäden." Mit Haltungsfehlern kennt sich die Russin aus. Neun Jahre war sie alt, als die Ballettakademie des berühmten Moskauer Bolschoi-Theaters sie aufnahm. Mit 13 Jahren bekam sie ein Angebot vom Stuttgarter Ballett. Dort sollte sie die Ausbildung fortsetzen und zwei Jahre später im Ensemble anfangen. Dazu kam es nie: Gesundheitliche Probleme beendeten ihre Karriere als Balletttänzerin, bevor sie überhaupt angefangen hatte.

Kotina fand ein neues Berufsziel - Musicaldarstellerin. Sie zog von Stuttgart nach Hamburg, bekam ein Stipendium für die Stella Academy. Doch mit dem Gesang wollte es nicht recht klappen: "Für die hinteren Reihen reicht's, aber eine Sängerin werde ich nicht mehr." Sie sattelte eine Ausbildung zur Choreografin drauf, gab Ballettunterricht für Kinder, wurschtelte sich durch. Dann kam ihr die Idee mit den Highheels. In Berlin wollte sie eigentlich nur Urlaub machen, doch schon beim Ballettschläppchenkauf ergaben sich die ersten Kontakte, "da habe ich gedacht, das ist meine Stadt".

Ein eigenes Studio hat Kotina nicht, sie mietet sich in verschiedenen Tanzstudios ein, auch in Stuttgart, Düsseldorf, Frankfurt oder Leipzig. An diesem Tag findet der Kurs in einer Berliner Altbauwohnung statt, sie gehört einer Zahnärztin, die darin ein kleines Kulturzentrum eröffnen will. Deshalb der blubbernde Fisch an der Wand.

To-do-Anleitung zum Nachlesen

Große Pläne hat Ksenia Kotina, sie kann sich hier eine Kooperation mit einer Stylistin vorstellen oder einer Visagistin. Die Kontakte hat sie schon, die Wohnung wäre groß genug. Und ein Buch möchte sie schreiben, eine To-do-Anleitung für das Laufen auf Highheels: "Ich werde sowieso ständig kopiert, da kann ich das auch gleich so verkaufen."

In den letzten drei Jahren haben Frauen in München, Hamburg und Stuttgart Highheels-Schulen eröffnet. Kotina sagt, sie sei die Erste gewesen: "Ich habe diesen Beruf nach Deutschland gebracht." Die erste Highheels-Lehrerin war aber auch die Russin nicht. In London und New York gab es solche Stöckel-Workshops schon vor Jahren, auf YouTube finden sich zahlreiche Lernvideos.

Die Konkurrenz störe sie nicht, sagt Kotina, nur auf zwei Mädels sei sie sauer: "Sie haben meinen Kurs mitgemacht, mich heimlich aufgenommen und alles eins zu eins kopiert." Das Aufwärmtraining für die Füße mit Gummiband, die Übungen im Stehen an der Wand, den Trick mit den überkreuzten Beinen.

Der geht so: Man mache mit dem rechten Bein einen großen Schritt nach vorne links und drehe dabei den Fuß nach rechts. Verlagere das Gewicht auf das rechte Bein, kreuze nun das linke darüber, drehe den Fuß nach links. Das Ergebnis fühlt sich nach einem Knoten an, sieht aber gar nicht so schlecht aus, denn beide Füße stehen am Ende auf wundersame Weise parallel. Und was noch wichtiger ist: Nachdem man so zehn Schritte vor und zehn zurück gemeistert hat, ist geradeaus laufen ein Klacks.

Derart gestärkt, gelingt nach drei Unterrichtsstunden auch allen Teilnehmerinnen die dreiteilige Härteprüfung: drei Stockwerke die Treppe hinab, auf gerader Linie übers Kopfsteinpflaster und dann einmal übers Schachtgitter. Vergessen sind die Strauchler und Wackler auf dem roten Filz. Laufen auf dem Catwalk? Das kann ja jede.

  • Autorin Verena Töpper (Jahrgang 1982) ist KarriereSPIEGEL-Redakteurin.

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insgesamt 39 Beiträge
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1. Respekt
JohannWolfgangVonGoethe 07.06.2012
Wie soll ich jemanden für voll nehmen, der sich freiwillig so etwas (High Heels) antut? Das Selbstwertgefühl einiger Frauen scheint echt von der Höhe ihrer Absätze abzuhängen.
2. Männer würden das nie machen - warum die Frauen?
nocreditoexperto 07.06.2012
Es ist mir ein Rätsel, warum Frauen soch leicht manipulierbar sind und ihre Füße und Lendenwirbel schädigen. Männer würden das nie tun. Liegt es daran, dass Männer praktischer veranlagt sind als Frauen? Oder legen Frauen mehr Wert auf schein statt sein im Vergleich zu Männern?
3. Ganz einfach
frankanord 07.06.2012
Zitat von nocreditoexpertoEs ist mir ein Rätsel, warum Frauen soch leicht manipulierbar sind und ihre Füße und Lendenwirbel schädigen. Männer würden das nie tun. Liegt es daran, dass Männer praktischer veranlagt sind als Frauen? Oder legen Frauen mehr Wert auf schein statt sein im Vergleich zu Männern?
Ganz einfach: Frauen wollen sich schön fühlen. Was die Selbstschädigung angeht - das können beide Geschlechter auf ganz eigene Art und Weisen ganz gut. Egal, was Mann oder Frau sich davon verspricht.
4. ?
marcuspüschel 07.06.2012
Zitat von nocreditoexpertoEs ist mir ein Rätsel, warum Frauen soch leicht manipulierbar sind und ihre Füße und Lendenwirbel schädigen. Männer würden das nie tun. Liegt es daran, dass Männer praktischer veranlagt sind als Frauen? Oder legen Frauen mehr Wert auf schein statt sein im Vergleich zu Männern?
Deine Frage kann doch nur rhetorisch gemeint sein. Ein Spaziergang durch die Innenstadt, wo auf ein Herrenmodengeschäft etwa 20 Shops für Frauen kommen, plus einen kurzen Blick auf die Angebotspalette irgendeiner Drogerie sollte als Antwort genügen. Dazu kommt noch dieser ganze Schwachsinn, mit dem das Weibsfolk unsere Behausungen vollstellt. Die Fensterbank wirk mit bekloppten Nippes dekoriert, bis man das Fenster selbst nicht mehr öffnen kann - dann wird gemeckert, dass Mann nicht lüftet. Ich wäre sofort dafür zu haben, wenn jemand den Weibern das Wahlrecht wieder abspricht... (ich wünschte man würde diesen Beitraarrgh bei SPON durchwinken ;)
5. große Freude!
Spiegelleserin57 07.06.2012
Zitat von sysopSelbst "Topmodel"-Finalistinnen schwanken auf 14-Zentimeter-Absätzen. Erst recht über Gitter und Pflasterstein. Aber souverän stöckeln ist lernbar. Ksenia Kotina hat einen Beruf daraus gemacht. Die Hürden des Alltags zu meistern, bringt sie Frauen in Kursen bei. Oder auch Männern. Frauen und Männer lernen im Kurs das Gehen auf Highheels - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,837146,00.html)
Da freuen sich alle Orthopäden und Unfallchirurgen. Das bringt Geld in die Kassen , gebrochene Knöchel , später Arthrose in den Knien und Hüftprobleme. Männer finden das auch noch toll, dann dürfen sie auch später ihre armen Frauen pflegen.
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