Von Andreas Voigt
Als Monika Staab sechs Jahre alt war, träumte sie vom Kicken. Für Mädchen und Frauen war Deutschlands Volkssport Nummer Eins in den sechziger Jahren so weit weg wie die Erde vom Mond. Bis 1970 "durften sie nicht Fußball spielen", erinnert sich Staab - und wurde trotzdem "nicht mit Puppen, sondern mit dem Ball groß". Bereits als Elfjährige spielte sie in einer Frauenmannschaft. Wegen seiner enthusiastischen Tochter schloss ihr Vater, ein Bäckermeister, sogar eine Fenster-Spezialversicherung ab: Zu oft gab es Glasbruch beim Spielen im Hof und auf der Straße.
Monika Staab spielte für Vereine wie Kickers Offenbach, Queens Park Rangers oder die SG Praunheim, führte später die Frankfurterinnen als Trainerin zu vier Deutschen Meisterschaften, fünf Pokalsiegen und zum Uefa-Cup-Gewinn. Nur wenige haben die Anfänge des Frauenfußballs so hautnah erlebt. "Anfangs durften wir nur mit Schuhen ohne Stollen und mit einem leichteren Ball spielen", erinnert sie sich. Männliche Funktionäre glaubten, die Frauen vor der Härte des Sports schützen müssen; eine Partie dauerte zunächst nur 60 statt 90 Minuten.
Anfangs mussten Fußballerinnen auch um alles betteln: um einen schlechten Hartplatz am Ende des Vereinsgelände, um halb aufgepumpte Bälle und darum, mal die Umkleidekabinen zu benutzen. "Wir waren das fünfte Rad am Wagen und durften nur dann ran, wenn die Männer mit dem Training fertig waren", so Staab. Fußballerinnen wurden verhöhnt als "Mannweiber" oder auch "Weiber mit drei Bällen". Es hieß, "die bekommt keinen Mann ab oder kann keine Kinder kriegen", erzählt Staab.
Langsames Heranrobben an Profi-Bedingungen
Als Nia Künzer sechs Jahre alt war, sah die Fußballwelt schon anders aus. 1974 wurde die erste Deutsche Meisterschaft der Frauen ausgetragen; acht Jahre später debütierte die erste deutsche Frauen-Nationalelf beim 5:1 Sieg gegen die Schweiz. Dennoch spielte Künzer, wie so viele spätere Spitzenfußballerinnen, bis zu ihrem 14. Lebensjahr als einziges Mädchen in einer Jungenmannschaft - "Mädchenteams gab es ja nicht".
Zwölf Teams rangen ab 1997 in der eingleisigen Bundesliga um die Meisterschaft, langsam trat Frauenfußball aus dem Schatten. Die SG Praunheim ging 1998 im neu gegründeten 1. FFC Frankfurt; Manager Siegfried Dietrich gewann nach und nach zahlreiche Sponsoren wie die Commerzbank. Er ließ ein Logo mit einer stilisierten Fußballspielerin vor der Frankfurter Skyline entwickeln, mietete das Stadion am Brentanobad mit über 1000 Sitzplätzen, schuf sogar einen Vip-Bereich.
"Die besitzen alle medienwirksamen Attribute"
Der ambitionierte Club konnte seinen Jahresetat von anfangs 200.000 auf 1,8 Millionen Euro in der kommenden Spielzeit ausbauen - und Profi-Strukturen schaffen: zwei Damen- und vier Mädchen-Teams, betreut von vier hauptamtlichen Trainern; dazu drei Ärzte, zwei Physiotherapeuten, ein sportlicher Leiter. Auch die Zeiten der Aufwandsentschädigungen sind vorbei. Die Frankfurter Kickerinnen können nicht entfernt etwa mit den Gehältern der Männer von der Frankfurter Eintracht mithalten, verdienen aber immerhin "Monatsgehälter im unteren und mittleren vierstelligen Bereich", verrät Dietrich.
Hinzu kommen bei mancher Spitzenspielerin lukrative Werbeverträge. "Wer im Frauenfußball zur Elite gehöre, "kann davon inzwischen gut leben", so Manager Siegfried Dietrich, der auch eine Sportmanagement-Agentur betreibt. Dietrich macht es ähnlich wie Uli Hoeneß, der stets die besten Liga-Spieler nach München lotste und so zugleich die Konkurrenz schwächte.

Drei Spitzenclubs, dahinter lange nichts
Doch Meister wurde zuletzt dreimal in Folge Turbine Potsdam, Dauerrivale neben dem FCR 2001 Duisburg. Der Verein ist nicht minder gut organisiert. Zwar sind Etat (500.000 Euro) und Betreuerstab (teils ehrenamtlich) nicht annähernd so groß wie beim FFC Frankfurt. Doch die Potsdamer kooperieren vor Ort eng mit einer Sportschule und dem Olympiastützpunkt. "Unsere Spielerinnen sind dadurch technisch, konditionell und taktisch auf dem allerhöchsten Niveau", sagt Turbine-Sprecherin Nadine Bieneck.
Der Club baut mehr auf den Nachwuchs als auf teure Zugänge. Fast die Hälfte der Frauen im aktuellen 24er-Kader stammt aus der eigenen Jugend. Sie alle können mittlerweile von ihrem Fußballerinen-Gehalt leben. Doch die meisten sind nebenher "Schülerinnen, Studentinnen oder arbeiten in einem Teilzeitjob", so Bieneck.
In der Oberhaus-Realität des Frauenfußballs kommt hinter dem Trio Frankfurt, Duisburg, Potsdam lange nichts. Allein mit den Zuschauereinnahmen können etliche kleinere Vereine - bei einem Liga-Schnitt von knapp 1000 Besuchern pro Spiel - kaum auf die Überholspur wechseln. Und auch die 180.000 Euro, die jedes Team für die Fernsehrechte von den öffentlich-rechtlichen Anstalten erhält, reichen bei weitem nicht.
Globetrotter Monika Staab fängt immer von vorn an
Viel hängt also von Sponsoren ab. Aber die suchen den Glamour: Wer keine Stars und keine Medienpräsenz hat, wird es schwer haben, seinen Verein auf Dauer konkurrenzfähig zu halten. Anders bei der Frauen-Nationalelf: Ihre Spiele werden bei großen Turnieren regelmäßig live übertragen, derzeit mit riesiger Resonanz. Der DFB hat den Frauenfußball längst für sich entdeckt, nicht nur aus Gründen der Gleichberechtigung. Die Zeiten, als man den Europameisterinnen 1989 als Dankeschön ein Kaffeeservice kredenzte, sind passé. Hätten die deutschen Damen den Titel geholt, wäre jede von ihnen um 60.000 Euro reicher geworden.
Wegen der Weltmeisterschaft im eigenen Land sieht Siegfried Dietrich einen "weiteren Schub" für den Frauenfußball - und prophezeit der Liga einen Verdrängungswettbewerb. Vereine wie der VfL Wolfsburg oder Bayer Leverkusen entdecken stärker den Frauenfußball und können für kleinere Clubs zur Bedrohung werden.
Nia Künzer war das "Golden Girl", sie schoss bei der WM 2003 im Finale gegen Brasilien das "Golden Goal". Seit dem Ende ihrer aktiven Karriere engagiert sie sich für zahlreiche Wohltätigkeitsprojekte, ist Sportbotschafterin des Landes Hessen und ARD-Fußballexpertin bei der WM.
Monika Staab zog es in die weite Welt. Sie arbeitet inzwischen als Fifa-Beraterin in Frauenfußball-Entwicklungsländern, bereiste bereits 59 Länder, war Fußballtrainerin im Irak, in Pakistan oder Katar. "In diesen Ländern fange ich jedes Mal dort an, wo ich vor 40 Jahren in Deutschland begonnen habe", sagt sie.
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