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14. November 2012, 15:44 Uhr

Konzerne mit Frauenquote

Wo Frauen am schnellsten an die Spitze kommen

Die EU will eine Frauenquote für Aufsichtsräte, doch für die Unternehmen bleibt das Thema ein juristisches Minenfeld. Arbeitsrechtler Christof Kleinmann nennt die Dax-Konzerne, in denen Frauen die größten Karrierechancen haben - und erklärt, wo Männer mit einer Klage ansetzen könnten.

Um Frauenquoten wird derzeit hart gerungen. Am Mittwoch hat die EU-Kommission beschlossen, dass bis 2020 alle Aufsichtsräte in Europa zu mindestens 40 Prozent mit Frauen besetzt sein sollen. Bereits einmal war EU-Kommissarin Viviane Reding mit diesem Vorhaben gescheitert, unter anderem an der deutschen Regierung.

Die Debatte hat aber dazu geführt, dass viele Unternehmen schon eigene Quoten geregelt haben. Wir von der Wirtschaftskanzlei Graf von Westphalen haben dazu eine Statistik des Bundesfamilienministeriums ausgewertet. Danach setzen 18 der Dax-30-Unternehmen für ihre deutschen Standorte auf Quoten, um schnell mehr Frauen in Führungspositionen zu befördern. Aus diesen Daten lässt sich außerdem ablesen, in welchen Unternehmen die Karriereaussichten für Managerinnen derzeit besonders rosig aussehen.

So will Adidas bis Ende 2015 mehr als ein Drittel aller Chefsessel in Deutschland mit Managerinnen besetzen. Volkswagen, Allianz und Beiersdorf peilen immerhin 30 Prozent an. Der Wolfsburger Autoriese hat dabei zugleich den größten Nachholbedarf unter allen Dax-Konzernen. Von den geplanten 30 Prozent hatte Volkswagen Ende vergangenen Jahres gerade einmal 8,5 Prozent erreicht. Daraus folgt: Hier sind die Karrierechancen für Frauen gut.

Denn es spielt für karrierebereite Frauen eine große Rolle, wie sich ihr Wunschkonzern in den kommenden Jahren aufstellen möchte. Je größer die Lücke zwischen aktuellem Frauenanteil und dem Quotenziel desto mehr Führungsjobs gehen demnächst vor allem an weibliche Bewerber.

Die Flop-5 der Dax-Unternehmen heißen damit für Karrierefrauen Daimler, Deutsche Lufthansa, Münchner Rück, BASF und Kali + Salz AG. Alle fünf Konzerne haben ihr Quotenziel in weiter Ferne angesetzt. Bis auf K+S haben die Flop-5 zudem schon relativ viele Frauen in Führungspositionen - bei der Münchner Rück etwa über 20 Prozent - und daher nur wenig Nachholbedarf.

Die Quote ist ein rechtliches Risiko

Werden die begehrten Führungsjobs in den kommenden Jahren also vorrangig nach Quote vergeben? Das befürchten viele Männer, die jahrelang auf den Aufstieg hingearbeitet haben und sich nun übergangen fühlen. Und nicht wenige Managerinnen sorgen sich, dass die Quote Akzeptanzprobleme bei Kollegen und Mitarbeitern mit sich bringt.

Auch für die Unternehmen ist die Quote rechtlich nicht ohne Risiko. Jedes Unternehmen, das sich öffentlich verpflichtet, den Frauenanteil in Führungspositionen zu erhöhen, sollte nicht zu viel damit werben. Denn so gut sich die Quote in der öffentlichen Meinung auch macht - bei Personalentscheidungen ist es gefährlich, wenn sie eine Rolle spielt.

Nach wie vor gilt: Unternehmen müssen sämtliche offenen Positionen geschlechtsneutral ausschreiben. Auch mit Quote dürfen weibliche Bewerber nur dann zum Zuge kommen, wenn sie zumindest die gleiche fachliche Qualifikation und persönliche Eignung mitbringen wie ihre Mitbewerber.

Eine unternehmensinterne Frauenquote macht diese Entscheidung allerdings schwieriger. Allgemeingültige Vorgaben, wann Qualifikation und Eignung noch vergleichbar sind, gibt es nämlich nicht. Das kann zu Konflikten mit abgelehnten Bewerbern führen. Ist im Unternehmen bekannt, dass es eine Frauenquote gibt, steigt dieses Risiko sogar.

Mehr Frauen, höherer Bonus?

Werden männliche Kandidaten trotz besserer Eignung abgelehnt, können sie das Unternehmen unter Umständen wegen geschlechtsbezogener Diskriminierung auf Entschädigung oder Schadensersatz verklagen. Der Arbeitgeber muss dann darlegen, dass seine Entscheidung über die Stellenbesetzung nicht von einer Quotenvorgabe bestimmt wurde. Einen nachvollziehbaren Grund muss der Arbeitgeber auf jeden Fall nennen. Kann oder will er das nicht, darf das ähnlich wie ein Hinweis auf die Quotenregelung im Ablehnungsschreiben als Indiz für eine geschlechtsbezogene Diskriminierung ausgelegt werden, entschied der Europäische Gerichtshof.

Von einigen Dax-30-Unternehmen ist bekannt, dass sich der Bonus für Führungskräfte erhöht, wenn sie bei Personalentscheidungen die geschlechtsbezogenen Zielvorgaben erreichen. Ignoriert ein personalverantwortlicher Mitarbeiter jedoch eine erkennbar geschlechtsbezogene Zielvorgabe, darf sein Bonus nicht deshalb gekürzt werden. In der Praxis dürfte er das freilich kaum verhindern können. Denn er wird selten beweisen können, dass er nur deshalb sein Ziel nicht erreicht hat, weil er gesetzeswidrige Anordnungen nicht befolgt hat. Diese Spannung zwischen Zielvereinbarung und gebotener juristischer Vorsicht bei der Umsetzung der Frauenquote birgt zusätzliches Konfliktpotential.

Flexibel ist gerichtsfest

Gut beratene Unternehmen legen daher keine starren Quoten fest, sondern arbeiten allenfalls mit sogenannten flexiblen Entscheidungsquoten. Damit kann die Personalabteilung einzelne Bewerber trotz gleicher Qualifikation aufgrund "sonstiger Gründe" bevorzugen oder ablehnen. Dazu gehört auch die Quote - ein Kriterium, das mit der fachlichen Qualifikation oder der persönlichen Eignung der Bewerber nichts zu tun hat. Der Europäische Gerichtshof hat die Rechtmäßigkeit einer solchen Regelung bereits bestätigt.

Mit dieser Form der Quote können Unternehmen rechtssicher agieren. Die Juristen im Haus von Bundesfamilienministerin Kristina Schröder dürften zum gleichen Urteil gekommen sein. So ist der Name ihres Vorschlags für eine rechtlich verbindliche Frauenquote folgerichtig: Flexiquote.

Damit beruhigt sie nicht nur viele CDU-Wähler, die eine zu große Einmischung des Staates in Firmenangelegenheiten aus Prinzip fürchten. Sie dürfte damit auch eine vergleichsweise rechtssichere Variante gewählt haben. Mit dem Beschluss der EU-Kommission ist Schröders Flexiquote nicht unbedingt vom Tisch. Zum einen muss der Beschluss noch vom EU-Parlament und vom Ministerrat abgesegnet werden - beim Ministerrat ist die Zustimmung nicht sicher. Zum anderen sind noch nicht alle Details bekannt. Im Gespräch war unter anderem, nationale Sonderwege zu ermöglichen, so lange sie mehr Beteiligung von Frauen sicherstellen.

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