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Freie Journalisten Arm, aber verblüffend glücklich

Selbständig in den Medien: Freie Journalisten als Niedriglöhner Fotos
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Sie gehen ihrem Beruf mit Elan nach, haben eine gute Ausbildung - aber verdienen teils schlechter als Putzfrauen. Freie Journalisten rutschen in den Niedriglohnsektor und halten sich nebenher oft mit PR-Aufträgen über Wasser. Trotz mieser Bezahlung macht Freelancern ihre Arbeit Freude.

So hatte sich Antonia Schäfer, 25, ihren Start als Freiberuflerin nicht vorgestellt. Wochenlang recherchierte sie für ein Magazin an einem Justizskandal, dann das: Ein anderes Blatt veröffentlichte das Thema zuerst. Dutzende Arbeitsstunden vergebens - denn für ihren Auftraggeber war der Artikel nicht mehr interessant. Immerhin bekam sie ein "ordentliches Ausfallhonorar".

Entspannt spricht Schäfer an diesem sonnigen Nachmittag in einem Münchner Biergarten über ihre Zukunftspläne: "Eine Stelle in einer Redaktion kann ich mir derzeit kaum vorstellen. Das wäre mir zu festgefahren. Als Freie bin ich flexibel und kann über die Themen berichten, die mir am Herzen liegen." Für einige namhafte Zeitungen schreibt sie bereits, arbeitet seit einem halben Jahr freiberuflich zwischen 35 und 40 Stunden pro Woche. Und kommt auf knapp tausend Euro brutto im Monat - davon kann man im teuren München kaum leben.

"Ich muss mich schon ordentlich einschränken", so Schäfer. Mittelfristig, mit mehr Aufträgen, rechnet sie mit 2000 Euro monatlich, "bei entsprechend höherer Arbeitszeit". Und das, obwohl sie zwei Studiengänge plus Ausbildung an einer Journalistenschule absolviert hat. "Natürlich würde ich in anderen Berufen mehr verdienen, aber da hätte ich nicht so viel Spaß."

Den Journalismus-Forscher Siegfried Weischenberg überrascht das nicht: "Nach wie vor sind viele freie Journalisten mit ihrem Beruf zufrieden - obwohl immer weniger davon leben können", sagt der Hamburger Professor. Gut 25.000 Journalisten arbeiten hauptberuflich frei, schätzt der Deutsche Journalisten-Verband. 2008 verdienten sie laut DJV-Umfrage im Schnitt lediglich rund 2150 Euro brutto monatlich - trotz 40 bis 50 Wochenstunden Arbeit. Nur jeder siebte der 2200 befragten Freiberufler erreichte ein Brutto-Einkommen von über 3000 Euro; bei fast 40 Prozent waren es unter 1000 Euro. Im Saarland und Mecklenburg-Vorpommern etwa kamen freie Journalisten auf Stundenlöhne von fünf bis sechs Euro.

"Freier Journalismus verkommt zum Niedriglohnsektor"

"Nicht wenige rutschen so auf das Niveau von Hartz IV", sagt DJV-Sprecher Hendrik Zörner. Zudem werden viele Printmedien durch schrumpfende Auflagen und Anzeigeneinnahmen gebeutelt. Zahlen der Künstlersozialkasse zeigen: Auf knapp 17.000 Euro schätzten selbständige Journalisten, die dort renten- und krankenversichert sind, ihre Jahreseinnahmen 2010 im Durchschnitt. Davon müssen sie sich noch absichern und ihre Einkommensteuer bestreiten; krank werden sollten sie besser nicht. Und Urlaubs- oder Weihnachtsgeld sind ohnedies Wohltaten für Festangestellte. Zum Vergleich: Vollzeitbeschäftigte Arbeitnehmer in Deutschland verdienten 2010 durchschnittlich 42.500 Euro brutto.

"Es ist ein Skandal, dass der freie Journalismus zunehmend zum Niedriglohnsektor verkommt", schimpft Cornelia Haß, Geschäftsführerin der Deutschen Journalistinnen- und Journalisten-Union. Die Ver.di-Gewerkschafterin warnt vor einer "tickenden Zeitbombe" - weil wegen niedriger Beiträge Altersarmut drohe.

Dabei sei die Ausbildung der freien Journalisten so gut wie nie zuvor, erläutert Wissenschaftler Weischenberg. Zwei Drittel haben heute ein Studium, 40 Prozent zudem ein Volontariat in einer Redaktion absolviert. "Doch die Bildungsabschlüsse lassen sich nicht in höhere Honorare ummünzen", so Weischenberg. Der Strom junger Menschen in die Branche lasse nicht nach.

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Genug vom "Irgendwas mit Medien"-Job: Kaffee kochen statt Filme drehen
Besonders mies zahlen private Hörfunksender, aber auch Zeitungen. Zeilengelder von 35 Cent oder noch weniger sind bei Lokalblättern verbreitet. So müssen sich manche Reporter auf dem Land mit 30 Euro pro Artikel begnügen - mitunter deckt das Honorar gerade die Spritkosten. Rebellion? Heikel, wenn man weiter Aufträge bekommen möchte. Zwar haben sich die Gewerkschaften DJV und DJU mit dem Zeitungsverlegerverband auf eine Mindestvergütung geeinigt. Die gilt in den meisten Bundesländern seit zwei Jahren, ist aber nicht bindend. "Fast kein Blatt hält sich daran", sagt Cornelia Haß.

Trotz allem eine verblüffende Zufriedenheit

Die Folgen erklärt die Gewerkschafterin am Beispiel einer bayerischen Zeitung: Anstelle von freien Journalisten berichteten dort "Rentner und pensionierte Lehrer zum Nulltarif aus dem Umland". Auch bei anderen Lokalblättchen landen bisweilen Spielberichte eines Trainers ungefiltert im Sportteil. Schlecht für die Leser, gut für die Verleger.

Forscher Weischenberg warnt vor einer "Deprofessionalisierung der freien Journalisten". Die Recherchezeit gehe seit Jahren zurück, "da wird an jedem Anruf gespart". Obendrein übernehmen Freelancer oft nebenbei auch weit lukrativere PR-Aufträge von Unternehmen, weil sie "ohne diese Einnahmen nicht mehr über die Runden kommen", so Weischenberg. Es häuften sich Fälle, in denen Texte aus Firmenzeitungen "eins zu eins einer Redaktion angeboten werden". Zugleich lasse die Kontrolle in Verlagen wegen ausgedünnter Redaktionen nach.

Hendrik Zörner vom DJV sieht trotz "guter Arbeit eines Großteils der freien Journalisten" die Qualität der Berichterstattung in Gefahr. Und DJU-Kollegin Haß gar "den demokratischen Diskurs gefährdet": Wie sollten Journalisten objektiv über bestimmte Firmen schreiben, wenn sie für eben die auch arbeiten?

Dumping-Honorare, soziale Unsicherheit, oft Nacht- und Wochenendarbeit - das macht Medien-Freiberuflern arg zu schaffen. Und doch belegte eine psychologische Studie der Fernuni Hagen jüngst eine überraschende Berufszufriedenheit. Viele Freelancer schätzten vor allem ihr eigenverantwortliches, kreatives Arbeiten, so die Forscher.

Frank Überall, 41, ist einer dieser Zufriedenen. Seit gut zwei Jahrzehnten ist der Kölner Politologe freier Journalist und kommt derzeit auf einen Umsatz von bis zu 8000 Euro monatlich, mit einer 60-Stunden-Woche. Erfolgsgeheimnis: "Ich bin sehr breit aufgestellt und verkaufe meine Geschichten meist nicht nur an ein Medium." Er arbeitet für WDR und Deutschlandradio, große Tageszeitungen und Online-Medien (darunter SPIEGEL ONLINE).

Keine Scheu vor Selbstmarketing

Überall hat sich mit Beiträgen über Korruptionsthemen einen Namen gemacht und rät auch Berufsanfängern, sich möglichst rasch zu spezialisieren, denn "man kann nicht alles machen". Die Pflege eines guten Kontaktnetzes sei für seinen Beruf ebenso unerlässlich wie "das Talent für die Auftragsakquise". Das Wichtigste, was junge Menschen für seinen Job mitbringen müssten, sei jedoch "Herzblut für den Beruf".

Frank Überalls Empfehlungen treffen den Kern: Übergangsfreie, die nur eine Warteschleife vor Redaktionstüren drehen, lassen sich oft kaum ernsthaft aufs Abenteuer Selbständigkeit ein. Wer sich aus Überzeugung und auf Dauer frei etablieren will, muss als Profi agieren: Expertise in einem Fachgebiet anhäufen, Rechercheergebnisse mehrfach verwerten, für verschiedene Medien arbeiten. Von erfahrenen Kollegen lernen, sich geschickt vernetzen und gemeinsam statt einsam für die eigenen Interessen einsetzen. Gut bezahlte "Schwarzbrot"-Beiträge mischen mit Feinkost, mit persönlichen Herzensthemen. So können sie ordentlich von ihrer Arbeit leben.

Es hilft, wenn man außer schreiben auch ein bisschen rechnen kann. Svenja Hofert, gelernte Journalistin und KarriereSPIEGEL-Autorin, sieht die Selbstvermarktung als große Schwäche vieler Freelancer. Marketing habe das Image einer "Schicki-Micki-Disziplin", schreibt die Hamburger Karriereberaterin in ihrem frisch veröffentlichten Buch "Erfolgreich als freier Journalist". Ihre zentrale These: "Jeder Journalist ist auch ein Unternehmer", mit "Gewinnerzielungsabsicht", wie Finanzbeamte sagen. Das müssen auch empfindsame Kreative lernen - wenn sie keine Hunger-Künstler sein wollen.

Stefan Schneider (Name geändert) hat dagegen genug vom Freelancer-Dasein. "Irgendwann will ich ja auch eine Familie ernähren", sagt der 24-Jährige. Der gelernte Volkswirt wollte nicht dauerhaft als freier Journalist für wenig Geld viel arbeiten - er wechselte in eine Unternehmensberatung.

Tobias Lill (Jahrgang 1977) absolvierte die Deutsche Journalistenschule und arbeitet als Journalist in München.

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insgesamt 39 Beiträge
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1. Nedienberufe? Besser nicht...
amazingdoppelgaenger 15.06.2012
Das betrifft nicht nur die redaktionelle Seite. Auch die Techniker speziell beim TV bekommen für ihre Arbeit zumindestens hier in Berlin immer weniger bzw. Tagesgagen wurden schon seid Jahren nicht mehr erhöht was bei steigender Inflation also ehr einer Kürzung entspricht. Das gilt übrigens für alle Sender ob sie nun privat oder öffentlich rechtlich sind. Warun auch sollen Journalisten, Kamerateams und Cutter mehr erhalten als Pförtner oder Frisöre? Oder man greift gleich auf Praktikanten zurück. Qualität will doch eh keiner sehen bzw. der Zuschauer merkt doch keinen Unterschied und ob Du Deinen Job gut machst interessiert jemanden der nur Rechnungen kontrolliert auch nicht.
2.
scream queen 15.06.2012
Zitat von sysopSie gehen ihrem Beruf mit Elan nach, haben eine gute Ausbildung - aber verdienen teils schlechter als Putzfrauen. Freie Journalisten rutschen in den Niedriglohnsektor und halten sich nebenher oft mit PR-Aufträgen über Wasser. Trotz mieser Bezahlung macht Freelancern ihre Arbeit Freude.
Sprich (hier Medienberuf Ihrer Wahl einsetzen) sind bettelarm, aber kreuzglücklich. Wie schön. Dann kann ja alles so bleiben, wie es ist.
3. Tja ...
momentum 15.06.2012
is wohl fast in jeder Sparte so. Aber Deutschland bleibt Exportweltmeister - wo geht da bloß der Gewinn hin ?! Bestimmt nach Griechenland.
4. Arme Journalisten...
strandtiger 15.06.2012
Zitat von sysopSie gehen ihrem Beruf mit Elan nach, haben eine gute Ausbildung - aber verdienen teils schlechter als Putzfrauen. Freie Journalisten rutschen in den Niedriglohnsektor und halten sich nebenher oft mit PR-Aufträgen über Wasser. Trotz mieser Bezahlung macht Freelancern ihre Arbeit Freude. Freie Journalisten: Arm, aber verblüffend glücklich - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,838734,00.html)
Macht es wie ich: Sucht Euch einen Partner der noch Geld verdient und hofft auf die Herdprämie als Weihnachtsgeldersatz..:-)
5. Genau
Tangy 15.06.2012
Genau wir verdienen alle viel zu viel. Arm sein macht glücklich. Wir haben stattdessen zu viele Manager, Politiker und Arbeitgeber die unglücklich sind. Aber die habe alle ein großes Herz. Sie geben statt Geld uns viel Glück. Die Studie stammt wohl vom Arbeitgeberverband???
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