Frührenten-Berater Ausmusterer vom Dienst
2. Teil: Zu krank, um zu arbeiten - besser kann es gar nicht gehen
2010 bearbeitete die Deutsche Rentenversicherung 361.963 Anträge auf Erwerbsminderungsrente. Ziemlich genau die Hälfte wurde bewilligt, die andere Hälfte abgelehnt, davon 114.000 aus medizinischen Gründen. Zickenrott vermutet bei den Gutachten oft Willkür. Darauf könne man sich "gar nicht gut genug vorbereiten". Tatsächlich zeigte eine Studie, dass Gutachter einen konstruierten Testfall völlig unterschiedlich bewerteten.
Vor der Begutachtung durch die Rentenversicherung absolvieren die meisten von Zickenrotts Kunden wochenlang in der Reha tägliche Therapiesitzungen. Ein Leben unter Beobachtung, das für Zickenrott nur eines zum Ziel hat: Die Reha-Einrichtung muss zum Ergebnis kommen, dass sie seine Kunden nicht rehabilitieren kann. "Das ist der härteste Teil", sagt Zickenrott, "in dieser Zeit ist unsere Betreuung engmaschig, wir telefonieren oftmals täglich."
Er verhelfe seinen Kunden zu einem "optimalen Verhalten". In der Reha heißt das für seine Kunden etwa: Sollen sie am therapeutischen Malen teilnehmen? "Ich sage, welches Bild was für einen Eindruck auf einen Therapeuten macht, und was jemand malen soll, wenn er gar keine Idee hat."
Spezialgebiet psychische Störungen
Ist das überhaupt legal? Nicht immer lief alles glatt für Zickenrott: Die Staatsanwaltschaft durchsuchte seine Räume, Steuerfahnder waren auch schon da. Wegen Beihilfe zur Wehrpflichtentziehung wurde er verklagt, wegen Anstiftung zur Täuschung. Alles erfolglos. Der Verband der Rentenberater schickte Zickenrott einen Brief, schließlich müssen Rentenberater behördlich registriert sein, so einfach geht das nicht. Doch Zickenrott änderte den Text auf seiner Homepage, schließlich gehe es bei ihm um "die medizinischen Aspekte" und nicht um die Bürokratie. Der Verband war besänftigt - Zickenrott kriegt keiner klein.
Er holt den Entlassungsbericht eines Kunden, der vor einem Jahr in der Reha war. Der Mittfünfziger arbeitet im Finanzsektor und wartet gerade auf das abschließende Gutachten. Im Bericht ist von "nicht realisierten Therapiezielen" die Rede, von "ausbleibendem Behandlungserfolg", kurz: Der Patient sei nicht in der Lage, wieder ins Erwerbsleben zurückzufinden.
Zu krank, um zu arbeiten: Besser kann es Zickenrotts Kunden gar nicht gehen.
Feindkontakt brachte Zickenrott vor ein paar Jahren auf die neue Geschäftsidee: Ein Mitarbeiter des Kreiswehrersatzamtes wollte wissen, ob er ihm in die Frührente verhelfen könne. "Er wollte da raus", erinnert sich Zickenrott, der ablehnte: "Damals war ich noch nicht vorbereitet auf so einen Job."
Heute ist er vorbereitet. Zickenrott kann seine Erfahrung nutzen, sein Wissen über psychische Erkrankungen, die Adressen von Ärzten in ganz Deutschland, die nicht so kritisch seien wie andere: "Sie diagnostizieren mehr im Sinne meiner Kunden." Er hat sich den Persönlichkeitstest MMPI-2 besorgt, mit dem Gutacher bei der Deutschen Rentenversicherung arbeiteten. Er kennt nun alle rund 600 Sätze, zu denen seine Kunden Stellung nehmen müssen, ob sie zutreffen oder nicht. Sätze wie "Ich wäre gerne Florist" oder "Zuweilen möchte ich am liebsten etwas kaputtschlagen". Zickenrott hat sich schlau gemacht, was in welcher Kombination besser nicht zutreffend sein sollte. Ob gewaltbereite Floristen bessere Chancen auf Frührente haben.
"Wenn jemand ein Dauergrinsen im Gesicht hat, ist das ein Problem"
Um sich fortzubilden, fuhr er zu einer Tagung nach Köln, unter falschem Namen angemeldet. Allerhand Experten von Versicherungen und Anwälte sprachen dort über Missbrauch bei der Berufsunfähigkeitsversicherung.
"Dort wurde zum Beispiel eine Fangfrage vorgestellt, die Gutachter den Menschen stellen sollen: Beschreiben Sie Ihre Schlafstörungen. Denn sie wissen: Nur wer wirklich Schlafstörungen hat, erzählt detailliert darüber." Solche Informationen sind wichtig für Zickenrott, er arbeite "nur mit psychischen Erkrankungen", wie er sagt. Ein einträgliches Geschäft: Die Zahl der Menschen mit Burnout, Depressionen, psychischen Leiden steigt rasant.
"Einmal stand ein Mann vor mir", erzählt Zickenrott, "oder besser ein Männchen: kaum mehr als 1,60 Meter groß, schwerbehindert nach einer Polioerkrankung. Nur: Er lachte ständig, seine Augen blitzten." Keine Chance, befand Zickenrott, "wenn jemand ein Dauergrinsen im Gesicht hat, ist das ein Problem".
Schließlich müssen er und seine Kunden Haus- und Fachärzte, Psychotherapeuten und Rehakliniken überzeugen, dass der Spaß vorbei ist. "Alle vier müssen möglichst ähnlich klingende Diagnosen erstellen, mit denen wir den Gutachter erschlagen", sagt Zickenrott.
Ist ein Antrag bewilligt, hört sein Job nicht auf: Oft müssen seine Kunden nach drei Jahren zu einer Nachbegutachtung, manchmal folgen zwei weitere. "In dieser Zeit sollte man nicht ins Ausland ziehen, sonst ist Florida-Rolf gleich in den Köpfen der Gutachter. Das kann nicht gutgehen."
Bis jetzt habe er einige Dutzend Kunden in die Frührente verholfen. Ob darunter auch Simulanten waren? "Ich hoffe immer, keinen Simulanten zu erkennen", sagt Zickenrott.

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Alarmierend ist der TK zufolge die hohe Zahl von Burnout-Patienten. 2008 sind demnach "ausgebrannte" Berufstätige fast zehn Millionen Tage krankgeschrieben worden. Damit fehlten rund 40.000 Menschen das ganze Jahr über am Arbeitsplatz. Dies entspricht einer Zunahme von 17 Prozent verglichen mit 2003.
Berufstätige Eltern geraten der Studie zufolge besonders häufig an ihre Belastungsgrenze. Ihre größte Sorge sei, dass die Familie zu kurz kommt. Doch auch 90 Prozent der Schüler klagen über Stress. Jeder Dritte steht nach eigener Aussage permanent unter Leistungs- und Prüfungsdruck.
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Raus bist du. Und du. Und du. Von einem Jahrgang junger Männer rückt nicht mal jeder Sechste in die Kaserne ein, fast die Hälfte wird ausgemustert. Sieben Wehrpflichtige erzählen, wie leicht sie dem Militär entkamen:
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