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08. Januar 2013, 09:03 Uhr

Nach Diktat verreist

Am Ende gewinnt immer Mutti

Führen wie eine Frau - das ist die neue Devise von Mittelmanager Achtenmeyer. Allerdings macht er damit durchwachsene Erfahrungen, wie Klaus Werle in seiner Karriere-Kolumne schreibt: Mutti hat nicht immer die größten Erfolge, aber oft die größte Genugtuung.

Zum Jahresbeginn wird Achtenmeyer regelmäßig philosophisch. Sicher, das geht vielen Menschen so, aber die meisten ziehen Bilanz in eigener Sache, blicken zurück auf ein Jahr, das gut gelungen ist oder so war wie immer. Achtenmeyer dagegen weitet die Perspektive, nimmt größere Zusammenhänge ins Auge, das big picture. Wir leben in einer Zeit, sinniert er this year, in der die Mutterwelt an Bedeutung verliert und die Vaterwelt an Bedeutung gewinnt. Jetzt mal ökonomisch betrachtet.

In der Mutterwelt trocknen einen sanfte Hände nach dem Baden ab und reichen einen Becher heißen Kakao. Es gibt Lob selbst für die nichtigsten Erfolge, und auch wenn Achtenmeyer das niemals einem reality check unterworfen hat, ist er sich einer Sache sicher: Hätte er zu seiner Mutter gesagt, dass er jetzt eine Bank ausrauben gehe, wäre die Antwort gewesen: "Ist gut, Schatz, aber pass bitte auf, dass du dich nicht mit dem Revolver verletzt. Und zieh dir einen Schal an, sie haben Frost angesagt!"

Die Vaterwelt dagegen: Disziplin, Erwartungen, Key Performance Indicators (KPIs) - "Schon wieder eine Vier in Mathe? Und wie weit bist du in Sport gesprungen?" Väter meinen es nicht so, das weiß Achtenmeyer natürlich, sie sind eben fokussiert auf Ergebnisse. Auch sie lieben ihre Kinder, und wollen sie eben deshalb möglichst gut aufgestellt sehen im Leben.

Nun war die Wirtschaft in Deutschland über lange Zeit eine Mutterwelt. Exportweltmeister, satte Zuwachsraten, bewährte Geschäftsmodelle, Urlaubs- und Weihnachtsgeld, Lohnfortzahlung, Sozialpartnerschaft. Alles lief gut, alle waren gut drauf. In den vergangenen Jahren hat die Vaterwelt Boden gutgemacht: cost-cutting, strengere Regeln, Effizienzsteigerung, das Kennzahlen-Regime herrscht.

Parole: antizyklisch denken, mehr Mutter wagen

Plötzlich muss Achtenmeyer an den Otto-Katalog denken, ein Trumm der Verlässlichkeit, ein Bollwerk, so schien es, zusammengestellt von einem Unternehmen, in dem, so stellte Achtenmeyer sich das immer vor, nachmittags gerne selbstgebackener Kuchen gereicht wurde, wo "sozial" mehr war als ein Schlagwort. Jetzt muss Otto gegen Mega-Wettbewerber wie Amazon bestehen, Sparrunden werden ausgerufen, und die "Bild"-Zeitung kräht frech: "Wann wird der letzte dicke Otto-Katalog gedruckt?" Kurz: Die KPIs haben das Sagen. Und wo die nicht gut aussehen, ist schneller Schicht im Schacht, als man "Restrukturierung" sagen kann.

Die Frage ist jetzt, wie Achtenmeyer die historische Gefechtslage zu seinem persönlichen Vorteil nutzen kann. Wenn er eins gelernt hat in seinem Job, dann dies: antizyklisch denken! Die Vaterwelt ist auf dem Vormarsch? Dann wird er eben mehr Mutter wagen. Er beginnt damit, sich nach dem Befinden seiner Mitarbeiter zu erkundigen. Er verteilt bewusst unwichtige, leicht lösbare Aufgaben, um das Selbstbewusstsein seiner Leute mit dem Pflücken dieser low hanging fruits zu heben. Und: Achtenmeyer lobt, was das Zeug hält. Frau Schnitzel für das zauberhafte Blumenarrangement im Vorzimmer. Herrn Ahneheim für die originellen Zwischentitel in der Präsentation. Den Borgstein für die Harmonisierung der Einkaufsprozesse in der Türkei.

Selbst als Bindeler den quarterly report der Abteilung in den Sand setzt, weil er vor lauter Smartphone-Gefummel zu glauben scheint, "Addition" wäre eine neue App, flippt Achtenmeyer nicht aus, sondern knufft Bindeler freundlich in die Seite und sagt: "Wirklich ein sehr, sehr schöner report, den Sie da erarbeitet haben. Jetzt gehen Sie bitte noch mal alle Zahlen durch, könnte ja sein, dass irgendwo noch ein kleines Fehlerteufelchen lauert."

Vertrauen ist doch keine Einbahnstraße

Im Überschwang neuer Mütterlichkeit weist er Bindeler sogar an, den überarbeiteten report direkt an Dr. Karl zu mailen. Grundvertrauen ist ja so wichtig, und Vertrauen ist schließlich keine Einbahnstraße. Zudem sind die Rechenfehler so offensichtlich, dass sie jedem sofort ins Auge springen müssen.

Das tun sie tatsächlich, nur, dass die Augen, in die sie geradewegs und fröhlich hineinhüpfen, die von Dr. Karl sind. Dr. Karl ist selbstverständlich ein kristallklarer Repräsentant der Vaterwelt. Als solcher hat er wenig Verständnis für den pädagogisch wertvollen Ansatz Achtenmeyers, Bindeler behutsam an Kulturtechniken wie eigenverantwortliches Arbeiten, Einhalten von deadlines und korrekte Addition heranzuführen. Stattdessen kriegt Dr. Karl einen Schreianfall und haut Achtenmeyer die missglückten Quartalszahlen um die Ohren, dass das Blumengesteck im Vorzimmer vor Schreck die Hälfte seiner Blätter verliert.

Und was tut Achtenmeyer? Er sitzt lächelnd in seinem Büro und nippt an der Tasse mit heißem Kakao, die Frau Schnitzel ihm vorsorglich hingestellt hat, weil sie schon ahnte, wie das face-to-face mit seinem Vorgesetzten enden würde. Achtenmeyer hat nicht vor, den Kakao ganz auszutrinken, und das ist auch der Grund für sein Lächeln. Den Rest wird Frau Schnitzel nachher Dr. Karl aus Versehen über seinen geliebten Zegna-Anzug kippen.

Denn das ist der Lauf der Dinge: Die Vaterwelt kann bessere Ergebnisse vorweisen. Aber am Ende gewinnt immer Mutti.

+++ Lessons learned +++

1. Verhältnismäßigkeit wahren: Bilanz ziehen am Jahresende, ob persönlich, unternehmensseitig oder gleich global, ist eine schöne Sache. Gute Vorsätze auch. Ob gleich jeder Vorsatz, der am Morgen nach einer durchfeierten Silvesternacht auf einem mit Lametta verklebten Zettel steht, umgesetzt werden muss, ist fraglich. Manchmal lohnt es sich auch, nur nachzudenken und das Umsetzen zu unterlassen.

2. Sic transit gloria mundi: Ja, die Zeiten ändern sich, und ja, es gab auch schon mal weniger stressige Epochen für Manager. Nachtrauern ist aber keine Option. Weltschmerz und Melancholie stehen einer Führungskraft kaum gut zu Gesicht.

3. Vertrauen ist gut: Aber Kontrolle ist besser. Sicher, Bindeler zeigt eine frustrierend flache Lernkurve. Doch auch Achtenmeyer macht den gleichen Fehler zweimal, indem er einem offenkundig überforderten Mitarbeiter weiter blind vertraut. Der gute Vorgesetzte weiß die Balance zwischen Freiheit und Kontrolle zu wahren.

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