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Konzert-Dolmetscherin für Gehörlose Die mit den Händen singt

Anja Tiedge

Sie steht auf der Bühne, aber gehört nicht zur Band. Sie tanzt im Rampenlicht, will aber gar nicht auffallen: Laura Schwengber übersetzt Konzerte in Gebärdensprache. Davon sind nicht nur Gehörlose begeistert.

"Wer is sie denn jetze?" Die Dame im Publikum ist irritiert. Eigentlich war Keimzeit angekündigt, eine Band, in der nur Männer spielen. Stattdessen betritt eine junge Frau die Open-Air-Bühne. Sie stellt sich rechts ins Scheinwerferlicht, reckt die Arme nach oben und wedelt mit den Händen. Backgroundsängerin? Dafür steht sie zu weit vorn. Tänzerin? Dafür ist sie zu schlicht gekleidet, in ihrem dunklen Outfit verschwindet sie fast vor dem schwarzen Hintergrund.

Laura Schwengber ist Gebärdensprachdolmetscherin. Ihr Job ist es, an diesem Sommerabend im brandenburgischen Bad Belzig alles zu übersetzen, was Keimzeit singt, sagt und spielt. Mit dem Händewedeln fängt sie an, denn Gehörlose klatschen nicht, indem sie ihre Handflächen aneinanderschlagen, sondern ihre Arme nach oben strecken und winken.

Übersetzungen für Hörgeschädigte kennen die meisten nur aus der "Tagesschau" mit Gebärdensprache, wo rechts oben ein Fenster eingeblendet ist, in dem jemand lebhaft gestikuliert. Mund, Arme und Hände des Dolmetschers sind ständig in Bewegung, der Rest des Körpers bleibt starr. Bei Schwengber auf der Bühne ist das anders. Sie wiegt sich im Rhythmus der Musik, wirft ihren Kopf nach hinten, zuckt, lächelt, zieht Grimassen. Für Hörende ist manchmal schwer zu sagen, ob sie tatsächlich dolmetscht oder einfach nur ausgelassen tanzt.

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Konzert in Gebärdensprache: Zeig doch noch mal "Fernsehturm"
"Man muss schon eine Rampensau sein, um Konzerte zu übersetzen", sagt Schwengber. Als freiberufliche Dolmetscherin auf Kongressen oder bei Uni-Vorlesungen ist sie es zwar gewohnt, dass ihr viele bei der Arbeit zusehen. Emotionen und ihre eigene Interpretation spielen dabei aber keine Rolle. Auf der Konzertbühne kann sie gar nicht anders, als die poetischen Texte zu deuten. "Das ist manchmal gar nicht so einfach", sagt sie. "Wenn sie zum Beispiel von der 'Nachtvorstellung der Verrückten' singen - ist eine Vorstellung im Theater gemeint? Oder die im Kopf?" Manchmal nutzt sie beide Hände, um für ein Wort zwei Gebärden gleichzeitig zu zeigen.

Ohne Vorbereitung geht das nicht: Ein paar Wochen vor dem Konzert bekommt sie die Liste der Lieder, die gespielt werden sollen. "Dann warne ich die Nachbarn, drehe die Musik laut auf und übe, bis ich's drauf hab." Auch für Instrumentalstücke überlegt sie sich Gebärden. Denn selbst, wenn auf der Bühne keiner singt, steht Schwengber nicht still. "Ich bastele ein Bild zur Melodie", erklärt sie. "Ein Instrumentalstück ist zum Beispiel einer Insel gewidmet. Dann zeige ich Fische oder Wellen, die sich in hohe Töne verwandeln." Gebärdenpoesie nennt sich das.

Hauptsache, der Bass ist stark

Fragt sich nur: Wer braucht das? Gehörlose, klar. Einer von ihnen ist Sebastian Pöppel, der vor der Bühne steht, nur ein paar Meter von Schwengber entfernt. Er ist zusammen mit drei tauben Freunden aus Berlin gekommen, eine Stunde haben sie mit dem Auto gebraucht. Aber warum geht er überhaupt zu einem Konzert, wenn er die Musik nicht hören kann? Pöppel lächelt, er scheint die Frage zu kennen.

Mit der flachen Hand klopft er sich auf die Brust. "Wenn der Bass stark genug ist, spüre ich das im Brustkorb", übersetzt eine Bekannte. "Und ich mag die Stimmung und die Lichtshow." Techno und House mag der 33-Jährige am liebsten, auf dem Unterarm trägt er ein Tattoo von Deadmau5, einem House-DJ aus Kanada. Schwengber kennt er von einem Berliner Gehörlosenstammtisch. "Ich war neugierig, wollte wissen, wie das Dolmetschen auf Konzerten funktioniert. Laura macht das gut."

Beinahe wäre Schwengber selbst Musikerin geworden. In ihrem Heimatort Lübben im Spreewald nutzte die heute 23-Jährige so ziemlich alles, was es an Musik- und Tanzunterricht gab. Gebärdensprache sah sie zum ersten Mal als Kind im Fernsehen: "Ich war total fasziniert", sagt sie. Als Jugendliche erfand sie gemeinsam mit ihrem besten Freund eine eigene Zeichensprache: Er litt an einer seltenen Krankheit, ertaubte und erblindete innerhalb weniger Monate. "Wir dachten uns für jeden Buchstaben eine Art Klopfzeichen aus, das ich an seinen Arm tippte."

180 Gehörlose teilen sich einen Übersetzer

Nach dem Abi studierte Schwengber Gebärdensprachdolmetschen, zunächst in Magdeburg, dann in Berlin. Ihre Eltern waren mäßig begeistert. "Und was machst du dann damit?", war ihre erste Frage. Doch die Auftragslage sei "unglaublich gut", sagt die Übersetzerin. Rund 80.000 vollständig Gehörlose in Deutschland sind auf Menschen wie sie angewiesen, sei es beim Arzt, in der Schule, beim Arbeitsamt oder im Gottesdienst. Von solchen Aufträgen lebt auch Schwengber hauptsächlich, die Keimzeit-Konzerte oder Musikvideos, die sie für den NDR übersetzt, sind Zuverdienste.

Sie ist eine von gerade mal 450 ausgebildeten Dolmetschern, die sich im Bundesverband GebärdensprachdolmetscherInnen (BGSD) zusammengeschlossen haben. Sie sind staatlich geprüft oder haben einen Diplom-, Bachelor- oder Masterabschluss. Im Schnitt müssen sich damit 180 Gehörlose einen Übersetzer teilen - obwohl Gebärdensprache 2002 mit dem Behindertengleichstellungsgesetz als vollwertige Sprache anerkannt wurde. Gehörlose haben damit das Recht auf einen staatlich finanzierten Dolmetscher.

Auch die Vergütung ist gesetzlich geregelt, zumindest, wenn für staatliche Einrichtungen wie Gerichte, Polizei oder Finanzämter übersetzt wird: 55 Euro beträgt das Honorar pro Stunde. Wie viel Schwengber für ihre Konzert-Übersetzung bekommt, möchte Keimzeit-Manager Dirk Tscherner nicht sagen: "Es sind aber weit mehr als 55 Euro die Stunde." Anja Hemmel, Vorsitzende des BGSD, schätzt das Bruttoeinkommen der meisten Übersetzer auf 2000 bis 5000 Euro monatlich.

Die Ausbildung dauert in der Regel drei bis fünf Jahre. Theoretisch kann sich aber jeder Dolmetscher nennen, der in der Volkshochschule ein paar Gebärden gelernt hat, denn die Berufsbezeichnung ist nicht gesetzlich geschützt. "Wir treten dafür ein, dass sich das so schnell wie möglich ändert", sagt Hemmel. Sorgen bereitet ihr aber auch, dass es vor allem auf dem Land kaum Übersetzer gibt. Da die meisten Gebärdensprachschulen in Nord- und Ostdeutschland sind, klagen vor allem die südlichen Bundesländer über Dolmetschermangel.

Keimzeit ist derzeit wohl die einzige deutsche Band, die regelmäßig eine Gebärdensprachdolmetscherin auf die Bühne holt. "2006 haben wir das schon mal versucht, aber keinen Veranstalter gefunden, der mitmachen wollte", erzählt der Keimzeit-Manager. Manchmal sei schlichtweg die Bühne zu klein. Viele Veranstalter und Bands hätten aber auch Bedenken, dass sich hörende Konzertbesucher gestört fühlen könnten.

Auf 20 bis 30 schätzt Tscherner die Zahl der Gehörlosen an diesem Abend. "Genau wissen wir das nicht, sie stehen ja nicht alle zusammen in einer Ecke." So solle es auch sein: "Wir haben Laura nicht engagiert, weil wir uns mehr Umsatz durch sie erhoffen, sondern weil wir Gehörlose mit einbeziehen wollen." Schwengber sei für ihn deshalb nicht nur Übersetzerin. "Sie transportiert Stimmungen und ist Teil der Performance."

Nach dem Konzert sitzt die Gebärdensprachlerin mit am Autogrammtisch, die meisten Fans wollen auch eine Unterschrift von ihr. "Sie gehört ja mit zur Band", sagt eine ältere Frau. Schwengber wirkt gelöst. Sie hat ihr erstes Fangeschenk bekommen, einen Teddy mit extragroßen Händen, selbst genäht. "Ich hab die Musik zwar gehört, aber nur dich gesehen", sagt ein Verehrer. Nur eine jüngere Frau wagt Kritik: "Ich finde, sie nimmt auf der Bühne zu viel Raum ein und lenkt von der Band ab." Schwengber hat es nicht gehört. Schon drängelt sich der nächste weibliche Fan zu ihr an den Tisch. "Das war wirklich ganz, ganz toll", sagt sie. "Ich war echt sprachlos."

  • Anja Tiedge (Jahrgang 1980) arbeitet als freie Journalistin in Hamburg.

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insgesamt 13 Beiträge
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    Seite 1    
1. Keimzeit
stephan@mcsteph.com 03.08.2013
Ich find klasse, was Keimzeit dort macht. Ich bin schon lange Fan und finde, die werden immer besser. Weiter so, Jungs! Und: Danke!
2.
bhomburg 03.08.2013
Das wird ja hier als etwas ganz Neues beschrieben. Dabei gehören Gebärdendolmetscher bei Festivals in den USA und auch UK seit Jahren zum Alltag... Ich finde es fanzinierend wie manche das umsetzen.
3. Pearl Jam - Touring Band DVD
Börnherr 03.08.2013
Auf der Touring Band-DVD aus dem Jahre 2000 von Pearl Jam gibt es auch einen tollen Moment, als Eddie Vedder die Gebärdendolmetscherin dem ganzen Publikum vorstellt und dann am Ende des Songs Given To Fly noch mit ihr tanzt.
4. Hinweis
ozk-berlin 03.08.2013
Ein sehr schöner Artikel. Nur noch ein kleiner Hinweis an die Autorin. Meiner Meinung nach sollte man in Texten über Gehörlose auf das Wort "taub" im Zusammenhang mit einer Hörschädigung verzichten, denn es ist - verkürzt dargestellt - dazu geeignet bei manchen Betroffenen ähnliche Empfindungen zu wecken wie bei anderen Menschen das Wort "Neger". Schlimmer wäre nur noch "taubstumm".
5. Wise Guys
S.Albrecht 03.08.2013
Ich hab das neulich bei einem Wise Guys Konzert zum ersten Mal selber live gesehen. Coole Sache, auch als Hörender bekommt die Bühnenshow dadurch noch eine zusätzliche Komponente, die Stimmung wurde gut rübergebracht und ergänzt. Sehr schade fand ich, dass die Übersetzerinnen (es waren zwei, die sich abgewechselt haben) nicht vorgestellt wurden. Ton, Licht, allen wurde gedankt, aber die beiden wurden nicht erwähnt.
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