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Gehaltsreport Hauptsache, ich kriege mehr als du

Neid auf das Gehalt der Kollegen: Immer unzufrieden, wenn der andere mehr verdient Zur Großansicht
Corbis

Neid auf das Gehalt der Kollegen: Immer unzufrieden, wenn der andere mehr verdient

Wie viel wir verdienen, ist eigentlich egal. Bekommt der Kollege mehr, sind wir in jedem Fall unzufrieden. Wissenschaftler erforschen, ab wann Geld nicht mehr glücklicher macht und warum Boni Leistungskiller sind.

Wenn Kinder schmollen, weil ihr Stück vom Kuchen kleiner ausgefallen ist, kann das noch niedlich wirken. Bocken Erwachsene, weil sie sich benachteiligt fühlen, wird's dagegen schnell peinlich; man denke nur an den berühmten Kosakenzipfel-Sketch von Loriot. Oder an Peer Steinbrück: "Nahezu jeder Sparkassendirektor in Nordrhein-Westfalen verdient mehr als die Kanzlerin", polterte der SPD-Mann, der in diesem Jahr Kanzler werden will. Selbst Ex-Star David Hasselhoff beklagte sich in einem Interview darüber, dass sein Imitator mehr verdiene als er selbst.

Die Nörgler werden belächelt - dabei sprechen sie nur aus, was insgeheim alle denken. Denn wenn es ums Geld geht, vergleicht sich jeder mit seinem Nächsten: "Das liegt in der Natur des Menschen", sagt der Schweizer Wirtschaftswissenschaftler Bruno S. Frey, der sich mit ökonomischer Glücksforschung beschäftigt. "Nicht die absolute Höhe unseres Einkommens entscheidet darüber, wie zufrieden wir sind, sondern wie viel wir im Vergleich zu anderen verdienen." Als Maßstab dienen Personen, die so alt sind wie wir, einen vergleichbaren Beruf ausüben und eine ähnliche Ausbildung haben: Kollegen, Familienangehörige, Freunde, Bekannte.

Doch auch in unserem näheren Umfeld messen wir uns nicht mit irgendwem. "Wir orientieren uns immer an denjenigen, die mehr bekommen als wir", sagt Frey. "Menschen, die weniger verdienen, berücksichtigen wir nicht." Es ist also egal, ob wir 30.000 oder 200.000 Euro jährlich bekommen - wenn der Kollege vom Schreibtisch gegenüber mehr verdient, sind wir in jedem Fall unzufrieden.

Und noch etwas hat der Glücksforscher beobachtet: Wer mehr verdient als sein Kollege, schreibt das seinen eigenen Fähigkeiten zu. Wer dagegen schlechter abschneidet, fühlt sich vom Chef ungerecht behandelt. "Anstatt die Ursache bei uns selbst zu suchen, geben wir unseren Mitmenschen die Schuld daran, dass wir weniger verdienen."

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Sind Arbeitnehmer wirklich beleidigt, wenn der Kollege mehr verdient? Glaubt man einer Studie britischer und deutscher Ökonomen, trifft das zu - allerdings nur für Ältere. Demnach sind vor allem Menschen über 45 unglücklich, wenn jemand in ihrem Umfeld mehr verdient als sie. Bei den Jüngeren soll es sich laut der Untersuchung umgekehrt verhalten: Sie wurden zufriedener, wenn ein Altersgenosse mit ähnlicher Bildung mehr verdiente als sie. Die Theorie der Forscher dazu ist folgende: Die Jungen fühlen sich durch das höhere Gehalt des Kollegen angespornt und hoffen, dass auch sie eines Tages den Gehaltssprung schaffen werden.

"Ältere sind dagegen weniger flexibel und mobil. Zieht ein Kollege gehaltlich an ihnen vorbei, wirkt sich das negativ auf ihre Lebenszufriedenheit aus", sagt Max Steinhardt vom Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut (HWWI), der an der Studie mitgearbeitet hat. Gemeinsam mit seinen britischen Kollegen wertete er Daten des Sozioökonomischen Panels (SOEP) aus, für das in Deutschland jährlich mehr als 20.000 Menschen befragt werden.

Auch andere Forscher bedienten sich an den SOEP-Daten: Sie beschäftigten sich mit der Frage, ob Geld wirklich glücklich macht. Für den Zeitraum von 1985 bis 2003 fanden sie heraus: Mehr Einkommen erhöht die Lebenszufriedenheit. Doch das Glück lässt sich nicht unendlich steigern: Je höher der Verdienst ausfällt, desto geringer ist die Freude über mehr Geld. Wer 2000 Euro monatlich verdient, wird eine Gehaltserhöhung von 1000 Euro bejubeln - bei einem Verdienst von 10.000 Euro fällt sie dagegen viel weniger ins Gewicht. Ökonomen nennen diesen Effekt den abnehmenden Grenznutzen des Geldes.

Man gewöhnt sich an alles

Bei welchem Gehalt die Glücksgrenze erreicht ist, ist unter Forschern allerdings umstritten. "Die Zahlen sind recht unterschiedlich", sagt Nico Rose, Coach und Autor des Buchs "Lizenz zur Zufriedenheit". "Im Durchschnitt liegen sie bei einem Jahresgehalt von etwa 100.000 Euro brutto. Wer so viel verdient und eine Gehaltserhöhung bekommt, den macht das zusätzliche Geld nicht zufriedener."

Können sich Arbeitgeber Gehaltserhöhungen für Spitzenverdiener also sparen? "Nein, denn man gewöhnt sich an alles und will immer noch mehr - egal wie viel man verdient", sagt Rose. Das erhöhe zwar nicht das Lebensglück, aber die Zufriedenheit mit dem Arbeitgeber - zumindest für eine Weile. Denn Mitarbeiter möchten bei Laune gehalten werden. Der Effekt, den Wissenschaftler "hedonisches Hamsterrad" nennen, lässt sich in jeglicher Lebenslage beobachten, zum Beispiel beim Kauf eines Fernsehers: "Am Anfang sitzt man ständig davor und probiert alle Knöpfe aus. Aber schon nach ein paar Wochen hat man sich daran gewöhnt und findet den Fernseher nicht mehr so wahnsinnig interessant."

Auch die Wirkung von Boni wird Rose zufolge überschätzt. Der Coach bezeichnet sie als "Leistungskiller". "Die Mitarbeiter rechnen fest damit, dass sie am Ende des Jahres einen Bonus ausgezahlt bekommen. Sie sehen ihn als festen Bestandteil ihres Gehalts." Deshalb wirkt die leistungsabhängige Bezahlung kaum motivierend. Im Gegenteil: Wird der Bonus nicht ausgezahlt, kann der Arbeitseifer sogar sinken.

Geld ist ohnehin kein Mittel, um seine Mitarbeiter nachhaltig glücklich zu machen, glaubt Rose. "Wirklich zufrieden machen uns nur Jobs, in denen wir eigene Entscheidungen treffen und unsere Stärken ausleben können." Dafür könne vor allem der Chef mit einer entsprechenden Führungskultur sorgen. Doch auch Mitarbeiter könnten ihr Glück am Arbeitsplatz beeinflussen: "Meditation ist eines der wirksamsten Werkzeuge, um die eigene Zufriedenheit zu steigern", sagt Rose. "Wer regelmäßig meditiert, kommt auch damit klar, dass der Nachbar mehr verdient."

  • Anja Tiedge (Jahrgang 1980) arbeitet als freie Journalistin in Hamburg.

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insgesamt 47 Beiträge
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1. Olle Kamellen
vrdeutschland 21.01.2013
Nun ja, nicht wirklich was Neues. Noch ein Punkt: Geld ist nicht die treibende Kraft, wer einen Job wegen seines Aufgabengebiets aufgibt, geht auch wieder wegen des Aufgabengebiets. Sprich: die Motivation - Geld oder "spannende " Aufgabe - ist immer die gleiche. Man kommt und man geht wieder aus dem gleichen Grund.
2. Nur eine Seite der Wahrheit
lotoseater 21.01.2013
Zitat von sysopWer mehr verdient als sein Kollege, schreibt das seinen eigenen Fähigkeiten zu. Wer dagegen schlechter abschneidet, fühlt sich vom Chef ungerecht behandelt. "Anstatt die Ursache bei uns selbst zu suchen, geben wir unseren Mitmenschen die Schuld daran, dass wir weniger verdienen."
Das ist nur eine halbe Wahrheit: Ja, es stimmt: Die Schuld am eigenen Misserfolg wird oft geleugnet. Das ist nicht immer komplett richtig, weil oft auch ein Anteil an schlechter Eigenleistung vorhanden ist. Andersrum muss man aber auch sehen: Den eigenen Erfolg allein seinen eigenen Fähigkeiten zuzuschreiben, ist ebenso falsch. Von erfolgreichen Menschen wird meiner Erfahrung nach sehr häufig der Beitrag von Glück und Beziehungen geleugnet.
3. optional
ARIAGNI 21.01.2013
Diese Welt ist gefährlicher als die Dschungel. Hier kann man seine beste Eigenschaften verlieren. Sie funktioniert wie eine Falle. Man sieht sie nicht, später ist es sehr schwierig, herauszugehen und sich zu befreien.
4. Und das soll Wissenschaft sein?
donnerfalke 21.01.2013
Zitat von vrdeutschlandWissenschaftler erforschen...
Heute braucht man also Wissenschafler um zu wissen dass Boni ohne Gegenleistung ein Leistungskiller ist? Und dann werden sie auch noch wütend wenn man sich über sie lustig macht.
5. optional
SenseSeek 21.01.2013
Offenbar gibt es bei den meisten Menschen einen Gerechtigkeitssinn, der bei vielen aber immer nur dann aktiviert wird, wenn sie sich selbst benachteiligt sehen. Es liegt aber auch daran, dass Menschen immer bestrebt sind, vorwärts zu kommen und ihren Status zu verbessern. Die immer weiter auseinanderklaffende Schere zwischen arm und reich unterstützt natürlich noch diese Unzufriedenheit der Menschen. Dazu kommt oft das Gefühl der Ohnmacht an seiner Situation nichts ändern zu können und fremdbestimmt zu sein. So etwas führt früher oder später zu Aufständen. Es spielt dann keine Rolle, wie hoch der Lebensstandard trotz Armut noch immer ist. Alleine das Gefühl der Ungerechtigkeit und der ungleichen Behandlung von Menschen reicht völlig aus.
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