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18. Februar 2013, 09:37 Uhr

Gehaltsreport

Unterm Strich wird's weniger

Von Martin Scheele

Wer wenig verdient, konnte sein Gehalt zuletzt überdurchschnittlich steigern. Doch das macht Deutschland nicht zum Land der knallenden Korken. Jeder Vierte arbeitet befristet, jeder Fünfte ist Niedriglöhner. Und die Inflation sorgt weiter für sinkende Reallöhne.

Deutschland 2013 - ein Land ist im Wahlkampf. Endlich möchte die SPD die schwarz-gelbe Regierung ablösen und stellt für das Vorhaben Fragen der sozialen Gerechtigkeit in den Vordergrund. Deutschland sei nach wie vor sehr stark, aber die Schere zwischen Arm und Reich gehe immer weiter auseinander. Daran trage die Kanzlerin eine erhebliche Mitschuld, sagt SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück. Als Beispiel zählte Steinbrück die Lohnentwicklung auf, überteuerte Wohnungen, Probleme der Altersversorgung und die "Zwei-, wenn nicht Drei-Klassen-Medizin" in Deutschland. Die SPD werde sich in diesem Wahlkampf um Gerechtigkeit kümmern", so Steinbrücks Fazit.

Da kommt für den Merkel-Herausforderer eine Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) ungelegen. Die Experten haben errechnet, dass sich die Schere bei den Einkommen zwischen 2005 und 2010 ein wenig geschlossen hat. Als Grund nennen die Forscher die positive Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt.

Grundlage der Untersuchung sind die Daten vom sogenannten Sozio-oekonomischen Panel (SOEP), einer regelmäßigen Befragung von Haushalten. Die neuesten im Jahr 2011 erhobenen Daten beziehen sich auf 2010.

Konkret: Zwischen 2009 und 2010 konnten die unteren 40 Prozent der Bevölkerung ihr verfügbares Einkommen real um etwa zwei Prozent und damit überdurchschnittlich steigern. Die mittleren und oberen Einkommen stagnierten dagegen, vor allem wegen eines Rückgangs der Einkommen aus Vermögen - wohl eine Folge der Finanzkrise.

Jeder Vierte arbeitet befristet, jeder Fünfte erhält unter 10,36 Euro

Das DIW gilt als SPD- und arbeitnehmernah, auch damit ist das Ergebnis für die Opposition kaum angreifbar. Mehr noch: Das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln bestätigt die Zahlen und spricht von einem "Trendbruch". IW-Experte Christoph Schröder sagt: "Wir bewerten das genauso". Auffällig: Ausgerechnet nach den Hartz-IV-Reformen wird Deutschland also ein bisschen gleicher. Vor allem zwischen 2000 und 2005 hatte die Einkommensungleichheit in der Republik deutlich zugenommen. In der Folge rückte das Thema in den Mittelpunkt der politischen Diskussion.

Passend zu dem Trend ist der Anteil der Hartz-IV-Empfänger und Sozialhilfeempfänger im Jahr 2011 erneut zurückgegangen. Zum Jahresende 2011 erhielten rund 7,3 Millionen Menschen und damit 8,9 Prozent der Bevölkerung Transferleistungen zur Sicherung ihres Lebensunterhalts. Das ist der niedrigste Wert seit der erstmaligen Berechnung im Jahr 2006.

Deutschland - ein Land der vielfach steigenden Einkommen? Gewiss nicht. Wer Fragen sozialer Gerechtigkeit thematisiert, hat dazu weiter guten Grund. So ist die Zahl der Niedriglohnempfänger in den vergangenen Jahren gestiegen. Der Anteil lag 2010 bei 20,6 Prozent der Erwerbstätigen, die für weniger als 10,36 Euro die Stunde arbeiten.

Jeder vierte Arbeitnehmer verfügt über einen befristeten Arbeitsvertrag oder verdient als Minijobber, Zeitarbeiter oder Teilzeitkraft seinen Lebensunterhalt. Der Präsident des Statistischen Bundesamtes, Roderich Egeler, warnte bei der Vorstellung der Zahlen: "Niedriglohn heute bedeutet niedrige Rente morgen." Das Problem breitet sich aus.

Die Reallöhne sinken weiter

Und zwar bereits jetzt. Noch vor Jahren lag der prozentuale Anteil der Niedriglohnempfänger in der Bundesrepublik bei 18,7. Unter den atypisch Beschäftigten bekommt rund die Hälfte einen Niedriglohn von weniger als 10,36 Euro. Unter den Arbeitnehmern in einem "normalen" Arbeitsverhältnis sind es dagegen nur 10,8 Prozent.

Im internationalen Vergleich sieht Deutschland damit schlecht aus. Mit einem Fünftel Niedriglöhnern liegt die Bundesrepublik spürbar über dem EU-Durchschnitt von 17 Prozent. Zudem erhöht sich das Risiko, in einem gering vergüteten Arbeitsverhältnis zu stehen, wenn der Arbeitsvertrag befristet ist. Mehr als jeder Dritte mit einem befristeten Vertrag in Deutschland arbeitet für einen Niedriglohn. Nur in den Niederlanden und in Polen sind die Werte höher.

Trotz der Erfolgsmeldung vom DIW ist auch die Armutsquote annähernd gleich geblieben: 14 Prozent im Westen und 19 Prozent im Osten, daran hat sich zwischen 2005 und 2010 kaum etwas geändert. Als armutsgefährdet gilt, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Haushaltsnettoeinkommens der Gesamtbevölkerung zur Verfügung hat.

So viel zur Entwicklung im unteren Bereich des Lohngefüges. Doch auch dort, wo der Boom am Arbeitsmarkt spürbar sein müsste - die Zahl der Erwerbstätigen stieg seit 2005 um drei Millionen Personen auf jetzt knapp 42 Millionen - ist das Bild bei näherer Betrachtung nicht allzu rosig. Denn ein Großteil der Arbeitnehmer muss seit Jahren sinkende Reallöhne hinnehmen.

Laut einer Studie der Vergütungsberatung Personalmarkt und des Mannheimer Ökonomen Tom Krebs ist das Gehalt von Akademikern ohne Personalverantwortung zwischen 2005 und 2011 zwar um sechs Prozent gewachsen. Durch die Inflationsentwicklung musste die Gruppe aber einen Reallohnverlust von rund vier Prozent hinnehmen. Ein ähnliches Bild zeigt sich bei Angestellten ohne Hochschulzeugnis. Ob da die Entwicklung kurz vor Schluss bereits einen "Trendbruch" darstellt, wie die Forscher der Deutschen Wirtschaft behaupten, ist eher zweifelhaft.

Derweil wuchs die Wirtschaft im gleichen Zeitraum um fast vier Prozent. Und die Gehälter der Führungskräfte stiegen im gleichen Zeitraum um rund 14 Prozent an. Auch nach Abzug der Inflation ergibt sich bei den Chefs noch ein Zuwachs von real vier Prozent.

Der sinkende Reallohn der Arbeitnehmer ist kein kurzfristiges Phänomen. DIW-Mann Karl Brenke erklärt den Trend mit den Arbeitsmarktreformen, schwachen Gewerkschaften und einem stärker werdenden Dienstleistungssektor. Dort würden in der Regel niedrigere Löhne als in der Industrie gezahlt. Die Folge dieses Mixes: Seit der Jahrtausendwende sinken die Reallöhne. "Dabei müssten sie eigentlich steigen, weil es immer mehr hochqualifizierte Angestellte und anspruchsvolle Tätigkeiten gibt, während einfache Arbeiten weniger werden."


Gehaltsreport 2013

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