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Geheimberuf Redenschreiber Die Vordenker im Hintergrund

Seltene Gelegenheit: Hier sehen Sie eine echte Redenschreiberin, Minita von Gagern Zur Großansicht

Seltene Gelegenheit: Hier sehen Sie eine echte Redenschreiberin, Minita von Gagern

Manche lügen, sobald die Sprache auf ihren Beruf kommt. Bei Redenschreibern gehört Diskretion zum Geschäft, fast nie geben sie sich zu erkennen. Minita von Gagern erklärt, warum sich kein Politiker mit seinem Ghostwriter fotografieren lässt - und warum sie diesen Job dennoch liebt.

Minita von Gagern hat 1998 den Verband der Redenschreiber deutscher Sprache mitgegründet, um den Beruf aus der Schmuddelecke zu holen - denn einst seien Redenschreiber behandelt worden "wie Prostituierte". Gemeinsam mit Thilo von Trotha lehrt Gagern in der Akademie für Redenschreiben.

"Jeder Mensch, der seine fünf Sinne beisammen hat, kann sich denken, dass ein Unternehmensvorstand oder ein Politiker keine Zeit hat, seine Reden selbst zu schreiben. Sonst täte er nichts anderes mehr.

Etwas Fremdgedachtes vorzutragen gilt hierzulande immer noch als ehrenrührig. Dabei ist das natürlich Quatsch. Jeder nutzt das Wissen der Jahrtausende. Es ist immer alles schon gedacht. Originell sind letztlich nicht die Ideen, sondern die neue Ordnung, in die ich das Wissen bringe. Trotzdem sind die Leute so wahnsinnig stolz auf ihre Gedanken.

Dass man seine Kleider und Haare nicht selbst macht, versteht sich von selbst. Aber Schneider und Friseure haben sich durchgesetzt, Redenschreiber nicht. Kein Politiker der Welt würde sich mit seinem Redenschreiber fotografieren lassen. Die Schwierigkeiten, die das nach sich zieht, kann sich der Außenstehende nur schwer vorstellen.

Allenfalls im Stillen auf die Schulter klopfen

Redenschreiber werden selten weiterempfohlen. Sie dürfen sich, wenn die eigenen Werke im Bundestag zu hören sind, allenfalls still auf die Schulter klopfen, können sich mit ihren eigenen Reden nicht weiter bewerben, Referenzen fallen praktisch weg, Mundpropaganda verbietet sich von selbst. Trotzdem müssen wir irgendwie an Aufträge kommen.

Natürlich spreche ich nicht über Kunden. Nicht mit der Familie und auch nicht mit Kollegen. Das gehört dazu. Manche Kollegen leiden darunter, dass sie immer nur die Prügel bekommen, das Lob und den Applaus hingegen nicht. Um so zu arbeiten, braucht der Schreiber ein stabiles Selbstbewusstsein. Es gibt immer wieder Leute, die es nicht aushalten, in der zweiten Reihe zu stehen. Ich habe daran meine stille Freude. Wer sich darüber ärgert, dass der eigene Name nicht auftaucht, hat schnell ein Problem. Wer diesen Beruf ergreift, sollte seine Eitelkeit sehr gut einschätzen können.

Mir liegt nichts daran, mir die Reden, die ich schreibe, anzuhören. Viele gute Reden werden durch den Vortrag schlechter. Oft liegt das daran, dass manche Redner das angelieferte Manuskript übernehmen, ohne selbst noch einmal Hand anzulegen.

Das ist aber nicht Sinn der Sache. Im Grunde mache ich eine Recherchearbeit, bündle den Stoff vor und liefere eine Arbeitsgrundlage. Ein guter Redner wird sich immer die Mühe machen, den Stoff noch einmal zurechtzuschneidern, bis er zu seinem Typ passt. Die Aufgabe des Redenschreibers ist die Vorarbeit, nicht das Endprodukt. Wenn das allen Beteiligten klarer wäre, würde die Geheimhaltung vielleicht eine geringere Rolle spielen.

Helmut Schmidts Redenschreiber outete sich

Das Bild des Redners, der seinen Stoff aus sich selbst holt, ist eine Illusion. Ein ernstzunehmender Redner wird sich immer zusätzlich schlau machen, bevor er vor ein Publikum tritt - oder jemanden dafür bezahlen, dass er ihn schlau macht. Wer als brillanter Redner gelten will, wird in der Regel sagen: 'Ich habe doch keinen Redenschreiber!' Und nicht: 'Ich bin nur deshalb so ein guter Redner, weil ich einen erstklassigen Redenschreiber habe.' Erstens will er die Lorbeeren für sich allein, und zweitens möchte er den Redenschreiber nicht mit anderen teilen, gerade wenn er gut zu ihm passt.

Darum ist unsere Werbesituation so mies. Es ist schlicht unmöglich, über aktuelle Auftraggeber zu sprechen, ohne den Auftrag zu riskieren. Deshalb sprechen wir über ehemalige Kunden. Aber auch das wird nicht gern gesehen. Helmut Schmidt zum Beispiel war der brillanteste Redner der Nachkriegszeit. Und er war nicht begeistert, als sein Redenschreiber Thilo von Trotha sich als sein Redenschreiber outete. Ihm gelang es trotzdem, seine weitere Karriere darauf aufzubauen.

Wie der Umgang mit der Geheimhaltung in der Praxis aussieht, lässt sich selbst unter Redenschreibern nicht genau sagen. Wir haben keinen hippokratischen Eid, eher ungeschriebene Gesetze. Vielleicht ist die Geheimhaltung eine Zeiterscheinung. Heute kann ein junger Mensch sagen: 'Ich will Redenschreiber werden'; das war früher undenkbar. Ähnlich verhält es sich bei Ghostwritern, die als Autoren der Autobiografien von Prominenten den gleichen Schweigegeboten unterliegen wie wir.

Ghostwriter ist ein ehrenwerter Beruf und sowohl der Sache als auch dem Autor und vor allem dem Publikum dienlich. Das Schweigen gehört dazu, schon weil das Publikum will, dass alles selbst geschrieben wird, die Autobiografie und die Rede. Deshalb ist die Geheimhaltung letztlich nicht nur der Eitelkeit des Redners geschuldet, sondern auch der Neigung des Publikums."

  • KarriereSPIEGEL-Autorin Carola Dorner ist freie Journalistin und lebt und arbeitet in Berlin. Sie schreibt vor allem über schräge Typen und deren merkwürdige Berufe.

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insgesamt 4 Beiträge
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1.
BettyB. 03.05.2012
Da greift die Frau von Gagern wohl doch etwas kurz, denn das gilt nur für die Arbeit für ´neue Klienten´, eine gut geschriebene Rede ist aber dem Redner so ´auf den Leib` geschrieben, dass er eben etwas ändern kann, aber nicht muß, und trotzdem identisch wirkt. Gerade wenn man für Nachfolger im Amt auch schreibt, die eben ´anders´ sind und anders rüberkommen wollen, merkt man, was eine gut geschriebene Rede ausmacht...
2.
rishikesh 03.05.2012
interessanter artikel, ist nach meiner erfahrung jedoch zu pauschal. in unternehmen wird man als redenschreiber nicht unbedingt fotografiert, aber auch nicht in der schreibkammer versteckt. professionelle vorstandskommunikation hat viel außenkontakt zu konferenzveranstaltern und denen ist - genauso wie der presse - ganz klar, wer die rede schreibt.
3. optional
tschott 10.05.2012
Zum Teil eine etwas seltsame Berufsauffassung, finde ich. Denn die Leistung eines Redenschreibers beschränkt sich doch nicht nur aufs "Schreiben", auf die „Vorarbeit“ und das „Abliefern eines Textes“... Einen guten Job hat der Redenschreiber vielmehr gemacht, wenn die gehaltene Rede gut ist. Daher kann eine gute Rede auch nur in intensiver Zusammenarbeit von Redenschreiber und Redner entstehen. Sich die geschriebenen Reden also NICHT anzuhören - sogar nicht anhören zu WOLLEN (!) - geht daher an der eigentlichen Aufgabe vorbei.. Für einen Redenschreiber ist es sogar unerlässlich, den Redner zu kennen, ihm regelmäßig beim Reden zu hören und auch mit ihm über das Reden und die gehaltenen Reden zu sprechen.
4. optional
Siggi_Paschulke 26.03.2014
In meinem Ministerium ist es bekannt, wer der Redenschreiberin der Ministerin ist, sooooo geheim ist das also nicht :-)
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