• Drucken
  • Senden
  • Nutzungsrechte
 

Fehlzeiten im Beruf Chef darf nicht zum Krankfeiern aufrufen

Experimente unter Kollegen (hier ein LSD-Test): Fühlst du schon was? Zur Großansicht
Corbis

Experimente unter Kollegen (hier ein LSD-Test): Fühlst du schon was?

Ist die Luft in den Arbeitsräumen vergiftet? Davon war ein Filialleiter einer Bank überzeugt und forderte seine Mitarbeiter dazu auf, sich krankzumelden. Grund genug für eine fristlose Kündigung, befanden die Arbeitsrichter.

Es gibt Sätze, bei denen sich die meisten Chefs eher die Zunge abbeißen würden als sie auszusprechen. "Bleib doch lieber noch mal einen Tag zu Hause", gehört dazu. In einer hessischen Bankfiliale war das anders. Hier forderte der Filialleiter seine Mitarbeiter zum Krankfeiern auf. Das kostete ihn nun den Job: Die Richter des Hessischen Landesarbeitsgerichts in Frankfurt entschieden, dass es eine "grobe Pflichtverletzung" ist, gesunde Untergebene aufzufordern, sich krankzumelden. Seine fristlose Entlassung sei deshalb rechtens (Aktenzeichen: 6 Sa 944/12).

Der Filialleiter hatte in Besprechungen, in privaten E-Mails und sogar in nächtlichen Telefonaten mehrere Mitarbeiter gebeten, "einen Krankenschein" zu nehmen. Einige Kollegen soll er bis zu vier- bis fünfmal am Tag kontaktiert haben. Der Grund: Er war überzeugt, dass die Raumluft in der Bank giftig sei.

Seit seiner Versetzung in die Filiale Anfang 2010 war der Familienvater wiederholt arbeitsunfähig krank gewesen. Auch mehrere seiner 16 Mitarbeiter litten an teils massiven Beschwerden, die sogar den Einsatz eines Notarztes und einen anschließenden Krankenhausaufenthalt erforderlich machten.

"Husten können Sie auch hier"

Zitate starten: Klicken Sie auf den Pfeil

Der Filialleiter hatte sich daraufhin an den Betriebsrat gewandt, und im April 2010 wurde die Filiale von den Betriebsärzten und den Prüfdiensten Dekra und Fresenius gecheckt. Die Messungen ergaben keine Auffälligkeiten. Gesundheitsgefahren bestünden nicht, so die Gutachter. Sie empfahlen lediglich regelmäßiges Lüften.

Mit den hohen Fehlzeiten seiner Mitarbeiter wollte der Mann diese Ergebnisse in Frage stellen. Er selbst hatte schon eine eigene Untersuchung in Auftrag gegeben, diese hatte seine Theorie der vergifteten Luft bestätigt. Weitere von der Bank beauftragte Experten des TÜV Hessen konnten allerdings kein Gift in den Räumen finden.

Konspiratives Treffen auf dem Parkplatz

Ab dem 28. März 2011 meldete sich der Filialleiter dauerhaft krank und ging nicht mehr zur Arbeit. Am 2. oder 3. Mai 2011 rief er einen Mitarbeiter von seinem Handy aus an: Er solle doch bitte mal auf den Parkplatz hinter der Filiale kommen, dort sitze er in seinem Auto. Auf dem Parkplatz forderte er seinen Mitarbeiter dann auf, sich an bestimmten Tagen krankzumelden. Es sei besser, wenn an den Tagen, an denen Gutachter durchs Haus gehen, die Filiale möglichst leer sei.

In Einzelgesprächen mit dem Personalbetreuer, dem kommissarischen Leiter der Filiale und dem Vorsitzenden des Betriebsrats berichteten schließlich drei Mitarbeiter von den konspirativen Treffen auf dem Parkplatz und der Aufforderung zum Krankmachen. Daraufhin kündigte die Bank dem Filialleiter fristlos. Dagegen zog der Mann vor Gericht. An dem Tag des angeblichen Treffens auf dem Parkplatz habe er in der Praxis seiner Ärztin Infusionen bekommen und sei danach gar nicht in der Lage gewesen, das Haus zu verlassen. Doch wie zuvor schon das Arbeitsgericht Frankfurt am Main wies nun auch das Landesarbeitsgericht die Kündigungsschutzklage ab.

Dass er ausschließlich im Interesse der Gesundheit seiner Mitarbeiter gehandelt habe, nahmen die Richter dem Filialleiter nicht ab. Als er die Mitarbeiter zum Krankfeiern aufgefordert habe, sei er selbst schon länger krank gewesen und habe den aktuellen Gesundheitszustand der Beschäftigten daher gar nicht gekannt. Auch seien die Untersuchungen schon voll im Gange und sogar das Regierungspräsidium eingeschaltet gewesen. Der Filialleiter habe daher darauf vertrauen können und müssen, dass die Behörden die Filiale schließen, wenn tatsächlich eine Gesundheitsgefahr besteht.

jur/vet

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 15 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Vielleicht gut gemeint, aber ...
kumi-ori 09.08.2013
... solche Nickelikeiten können nicht auf dem Rücken der Solidargemeinschaft ausgetragen werden. Der Chef und seine Mitarbeiter hätten entweder gegen die Firma klagen oder eine andere Stelle suchen müssen.
2. TÜV - Testergebnisse
MtSchiara 09.08.2013
Zitat von sysopCorbisIst die Luft in den Arbeitsräumen vergiftet? Davon war ein Filialleiter einer Bank überzeugt und forderte seine Mitarbeiter dazu auf, sich krank zu melden. Grund genug für eine fristlose Kündigung, befanden die Arbeitsrichter. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/gerichtsurteil-chef-darf-seine-mitarbeiter-nicht-zum-krankfeiern-auffordern-a-915469.html
Natürlich darf er dazu nicht auffordern. Auf der anderen Seite stellt sich die Frage, warum ihm seine Bank nicht eine andere Stelle anbietet, wenn dort in der Raumluft eine Substanz ist, die er nicht verträgt. Er wird sicherlich bei seinem Arbeitgeber darum gebeten haben. Und was eine solche TÜV-Untersuchung betrifft: der TÜV arbeitet nur eine Positivliste ab. Alle Substanzen, die nicht auf der Liste stehen, werden vom TÜV nicht geprüft. Und aufgrund der immensen Rekombinationsmöglichkeiten bei organischen Molekülen und auch der beständigen Neuverwendung bisher ungenutzter Substanzen bedeutet dies, daß zahlreiche Substanzen vom TÜV nicht geprüft werden und daß bei vielen Substanzen nicht mal Erfahrungen über ihre Bioverträglichkeit vorliegen.
3. Recht so!
JaguarCat 09.08.2013
Die Bank muss nicht jede Verschwörungstheorie ("Die Luft macht krank, aber keiner außer mir merkt's") eines Filialleiters hinnehmen. Jag
4. weltfremd
eigene_meinung 09.08.2013
"Der Filialleiter habe daher darauf vertrauen können und müssen, dass die Behörden die Filiale schließen, wenn tatsächlich eine Gesundheitsgefahr besteht." Dies zeigt einmal mehr, wie weltfremd Richter urteilen. In einem bayerischen Gymnasium wurde immer wieder (jahrelang) von gesundheitsgefährlichen Stoffen in der Luft berichtet, mehrere Bedienstete wurden schwer krank (u.a. Krebs, teilweise mit Todesfolge). Die Behörden legten immer wieder sogenannte "Gutachten" vor, die eine Gesundheitsgefährdung bestritten. Erst nach Jahren reagierten die Behörden und beschlossen, nunmehr aufgrund ungefälschter Gutachten, eine Totalsanierung der Schule. Menschenleben zählen nichts mehr, nur noch Geld, Geld, Geld.
5. jein
mrotz 09.08.2013
Zitat von JaguarCatDie Bank muss nicht jede Verschwörungstheorie ("Die Luft macht krank, aber keiner außer mir merkt's") eines Filialleiters hinnehmen. Jag
wenn empfohlen wurde, zu Lüften, dann wird es vermutlich schon nach irgendwas gerochen haben - nehm ich mal an. neuwagengestank bereitet mir auch immer kopfschmerzen. der tüv macht keine wissenschaft, sondern ist eine behörde, die ihre listen durchhakt. daß der tüv nichts findet, sagt nichts darüber, ob da auch nichts da ist. mfg
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik KarriereSPIEGEL
RSS
alles aus der Rubrik Berufsleben
RSS
alles zum Thema Arbeitsrecht - KarriereSPIEGEL
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Fotostrecke
Arbeitsrechts-Urteile: Abgemahnt, gefeuert, geklagt
Verwandte Themen

Fotostrecke
Asbest, Uran: Der verzweifelte Kampf der Berufskranken


Social Networks