ThemaJuraRSS

Alle Artikel und Hintergründe


  • Drucken
  • Senden
  • Nutzungsrechte
 

Gerichtszeichnerin Die einzige Zeugin

Gerichtszeichnerin: Mit Stiften und Block zum Prozess Fotos
DPA

Sobald ein Prozess läuft, müssen Fotografen und Kameraleute vor die Tür. Gerichtszeichner bleiben und liefern den Medien Szenen aus den Verfahren. Darauf hat die Hamburgerin Nancy Tilitz sich spezialisiert. Ihre Zeichnungen interessieren oft auch besondere Kunden - die Angeklagten.

Flink huscht die Hand von Nancy Tilitz über das Papier auf dem Zeichenbrett. Mit brauner Kreide malt sie in Sekundenschnelle die Umrisse des Angeklagten, der Richterin und der Staatsanwältin. In ihrem Zeichenkasten stapeln sich Dutzende Kreidestifte. Seit 2005 hält die Hamburger Gerichtszeichnerin Szenen aus norddeutschen Gerichten fest und verkauft sie an Zeitungen und Fernsehsender.

In Deutschland dürfen Prozessbeteiligte im Gerichtssaal in einem laufenden Prozess nicht fotografiert oder gefilmt werden. Nur vor Beginn einer Verhandlung kann das Gericht Fotos zulassen, danach müssen die Fotografen und Kameraleute hinaus.

Vor dem Hamburger Amtsgericht muss sich an diesem Morgen ein 36-Jähriger wegen fahrlässiger Tötung verantworten. Er hatte in einem Schrebergarten einen Ast abgesägt und dabei einen Freund aus Versehen tödlich verletzt. Schon nach wenigen Minuten sind die Protagonisten auf dem Papier gut zu erkennen. Nun beginnt die Feinarbeit, denn auf die Nuancen kommt es an.

Schaut der Angeklagte böse, unglücklich oder teilnahmslos?

Tilitz studiert genau die Gesichtsfarben ihrer Figuren und greift zu verschiedenen hautfarbenen Tönen. Erst setzt sie einige grobe Kreidestriche in die Kopfumrisse des Angeklagten und verteilt sie mit ihrem Finger, dann sind die schwarzen Roben an der Reihe, die braune Anklagebank, der blaue Hintergrund - bis keiner ihrer Finger mehr ohne Farbe ist. Zwischendurch pustet Tilitz immer wieder über das Bild, um Kreidekrümel zu entfernen.

Im Gerichtssaal sucht die gebürtige Amerikanerin sich stets einen Platz, von dem aus sie den Angeklagten besonders gut beobachten kann. Der mutmaßliche Täter ist in Tilitz' Bildern meist die Hauptperson, deshalb malt sie ihn im Vergleich zu den anderen Figuren überproportional groß. Beim Zeichnen blickt die Künstlerin immer wieder auf und studiert das Gesicht des Angeklagten. Schaut er böse, unglücklich oder desinteressiert?

Anders als bei Fotos kann der Gerichtszeichner subjektive Empfindungen einfließen lassen. Tilitz zeichnet Mund und Augen in einer Art, die gleich erkennen lässt, dass der 36-Jährige traurig über den von ihm verschuldeten Unfall ist.

"Gerichtszeichner haben die Möglichkeit, die Prozessbeteiligten über einen längeren Zeitraum zu beobachten und Umstände, die ihnen auffallen, mit in das Bild hineinzubringen", erklärt Conrad Müller-Horn, Sprecher des Hanseatischen Oberlandesgerichts in Hamburg. Nancy Tilitz achtet auf die Details: In der Zeichnung hält sie zum Beispiel fest, wie der Angeklagte mit einem Stift spielt - "das zeigt dem Betrachter, wie nervös er ist".

Nach dem Prozess ist sie voller Kreidestaub

Bei ihrer Arbeit im Gericht trägt sie immer Schwarz. Am Ende der Verhandlung zeigt sich warum: Jeans und Oberteile sind voller Kreideflecken, die sich bei schwarzer Kleidung leichter auswaschen lassen. Tilitz versucht schon mal, den gröbsten Kreidestaub abzuklopfen. Ihr Auftraggeber für diesen Prozess ist der Norddeutsche Rundfunk. Kaum ist das Urteil gesprochen, filmt ein Kamerateam das Bild für einen Fernsehbeitrag ab.

Einen klassischen Bildungsweg zum Gerichtszeichner gibt es nicht, auch keinen bundesweiten Berufsverband - jeder werkelt für sich. Für die meisten ist es ein Nebenjob, oft bessern sich Künstler oder Grafiker mit den Aufträgen ihr Budget auf. Reich werden Gerichtszeichner nicht: Die Honorare liegen in der Regel bei 100 bis 200 Euro für ein Bild, oft gibt es noch weniger.

Schnelligkeit und Können sind für diesen Job Voraussetzung. Manchmal bleiben nur wenige Minuten, um Porträts anzufertigen. Denn wenn das Gericht die Öffentlichkeit ganz von einer Verhandlung ausschließt, muss auch ein Zeichner gehen.

Nancy Tilitz wurde in Amerika einst darin ausgebildet, medizinische Illustrationen von Skeletten und Organen anzufertigen: "Dieses realistische Training hilft mir heute bei meiner Arbeit." Sie lebt nicht allein von Gerichtszeichnungen, sondern hat sich in ihrer Galerie im Hamburger Dammtorbahnhof auf das Malen von Porträts spezialisiert.

Tilitz ist bereits bei Hunderten Prozessen dabei gewesen. Viele Zeichnungen aus Gerichtssälen bewahrt sie in ihrer Galerie auf und behält die Rechte an den Werken. Nicht nur Medien interessieren sich dafür: "Erstaunt bin ich immer wieder, dass so viele Angeklagte mir die Bilder nach den Verhandlungen abkaufen wollen", sagt die Zeichnerin.

Stephanie Lettgen, dpa/jol

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik KarriereSPIEGEL
RSS
alles aus der Rubrik Berufsleben
RSS
alles zum Thema Jura
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH