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Busen, Nase, Fettpolster Das Geschäft mit der Schönheit

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Ein neuer Busen auf Groupon-Gutschein? Um sich straffen, polstern oder liften zu lassen, legen sich jährlich Tausende Frauen und Männer unters Messer - ein hart umkämpfter Markt mit teils dubiosen Angeboten. Daran verdienen nicht nur Ärzte, denn der Begriff "Schönheitschirurg" ist nicht geschützt.

Mit typischen Männerberufen wie Feuerwehrmann oder Maschinenbauer konnte Amir Roushan nie etwas anfangen. Für den heute 33-Jährigen war schon als Kind klar, dass er mit Menschen arbeiten, sie verändern will - und zwar im wörtlichen Sinn: "Seitdem ich denken kann, wollte ich plastischer Chirurg werden." Roushan stammt aus dem Iran. Er kam mit seinen Eltern nach Deutschland, als er zehn war. Die Zeit in seinem Geburtsland hat ihn geprägt: "Dort ist eine Schönheitsoperation ein Statussymbol." Damals habe er gern gezeichnet, am liebsten Porträts. "Dabei habe ich immer auf eine gewisse Einheit in den Gesichtern geachtet."

Wenn Roushan über seine Arbeit redet, vermeidet er den Begriff Schönheitschirurg. Da die Berufsbezeichnung in Deutschland nicht geschützt ist, kann sich jeder so nennen, ob Dermatologe, Zahnarzt oder Heilpraktiker. Der studierte Mediziner durchläuft derzeit eine Weiterbildung an der Klinik für Plastische, Hand- und Wiederherstellungschirurgie in Hannover, um sich nach sechs Jahren "Facharzt für plastische und ästhetische Chirurgie" nennen zu dürfen.

Er selbst war erstaunt, wie komplex die Ausbildung ist. "Viele denken bei plastischer Chirurgie nur an Brustvergrößerungen und aufgespritzte Lippen", sagt der Assistenzarzt. Dabei ist die ästhetische Chirurgie - also das, was gemeinhin als Schönheitschirurgie bezeichnet wird - nur eins von vier Fachgebieten. Der angehende Facharzt wird auch in rekonstruktiver Chirurgie, in Verbrennungs- und Handchirurgie ausgebildet.

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Das Geschäft mit der Schönheit: Brust raus, Bauch rein
Plastische Chirurgen führen hochkomplizierte Operationen durch, sie nähen abgetrennte Gliedmaßen nach Unfällen wieder an oder ersetzen verlorene Finger durch eigene Fußzehen - Eingriffe, die nur wenige Patienten über sich ergehen lassen müssen. Dagegen sind Bauchdeckenstraffung und Facelift salonfähig geworden. Laut einer Patientenbefragung, die die Deutsche Gesellschaft für Ästhetisch-Plastische Chirurgie (DGÄPC) einmal im Jahr durchführt, haben 2011 fast alle ästhetisch-plastischen Eingriffe an Popularität gewonnen.

Demnach ist die Brustvergrößerung der mit Abstand beliebteste Eingriff bei Frauen: Der DGÄPC schätzt die Zahl der Brustvergrößerungen hierzulande auf bis zu 20.000 pro Jahr. Fast jede vierte plastische Behandlung ist eine Busen-OP. Den zweiten Platz nehmen mit rund 18 Prozent Fettabsaugungen ein, gefolgt von Lidstraffungen mit 14 Prozent.

Doch längst nicht nur Frauen lassen sich straffen, polstern oder liften: Rund 16 Prozent der Operationen werden mittlerweile bei Männern durchgeführt. Sie lassen sich am häufigsten Fett absaugen (19 Prozent), die Lider straffen (18 Prozent) und die Nase korrigieren (13 Prozent).

Botox spritzen zum Dumpingpreis

Wie viele Eingriffe es tatsächlich gibt und wie viel die Deutschen dafür ausgeben, ist unklar. Zwar gibt die Bundesärztekammer die Zahl der deutschen Fachärzte für Plastische und Ästhetische Chirurgie mit 916 an. Doch auch Ärzte, die ansonsten wenig im Bereich Bauch, Beine, Po zu tun haben, dürfen dort "wunscherfüllende" Eingriffe vornehmen, wie Fachleute die Schönheitsoperationen nennen.

Anfang 2011 erlaubte das Bundesverfassungsgericht sogar einem Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgen, eine Schönheits-OP durchzuführen. Der Arzt dürfe Brüste vergrößern, sofern dies nicht überhand nehme und er in der Lage sei, seinen Patienten nach den Regeln der ärztlichen Kunst zu behandeln. Die obersten Richter beriefen sich dabei auf die im Grundgesetz garantierte Berufsfreiheit.*

"Ich sehe die Rechtsprechung in diesem Punkt kritisch", sagt Peter Vogt, Direktor der Klinik für Plastische, Hand- und Wiederherstellungschirurgie in Hannover. Er steht dem zweiten Fachverband der Branche vor, der Deutschen Gesellschaft der Plastischen, Rekonstruktiven und Ästhetischen Chirurgen (DGPRÄC). "Bauchdeckenstraffungen und Nasenkorrekturen kann man nicht auf einem Wochenendseminar lernen." Die Kunst der Chirurgie fange erst an, wenn bei der Behandlung Probleme auftreten: "Jeder Arzt sollte unbedingt darin geschult sein, mit eventuellen Komplikationen umzugehen, bevor er ästhetische Eingriffe vornimmt." Vogt plädiert deshalb dafür, dass nur ausgebildete Fachärzte Schönheitsoperationen durchführen dürfen.

Der Klinikdirektor findet den Wettbewerb auf dem Markt der plastischen Chirurgie bedenklich: "Leider herrscht in unserem Bereich ein Preiswettkampf." Zwar müssen die Ärzte ihre Verjüngungsmaßnahmen im Rahmen der Gebührenordnung abrechnen. Bei Eingriffen, die nicht medizinisch notwendig sind, haben sie aber einen großen Spielraum. Botox-Behandlungen kosten von 120 bis über 1000 Euro, Fettabsaugungen zwischen 2000 und 10.000 Euro, für Brustvergrößerungen müssen Patientinnen zwischen 5000 und 8000 Euro zahlen.

Rechtliche Grauzonen

Dabei gilt wie bei allen Dienstleistungen: Wer einen guten Namen hat, kann höhere Preise verlangen. "Manche Kollegen werben gelegentlich mit Maßnahmen, die nicht mit unserem Berufsethos vereinbar sind", sagt Vogt. Besonders Gutscheine von Online-Auktionen wie Groupon sind ihm ein Dorn im Auge. "Die Gutscheine haben meines Erachtens nichts mit seriöser Patientengewinnung zu tun." So wirbt etwa eine Naturheilpraktikerin bei Groupon für eine Faltenunterspritzung: "Das Zaubermittel beinhaltet zwar einen kleinen Pieks von einer Spritze, aber hey!, für knitterfreie Jugend nimmt man so einiges in Kauf, nicht?". Die Behandlung bietet sie auf dem Gutscheinportal für 119 Euro statt sonst für 320 Euro an.

Solche Lockvogelangebote, bei denen der Arzt den Patienten noch nie gesehen hat, findet Vogt unseriös. "Um einen Preis für Schönheitseingriffe festzulegen, sind vorherige Untersuchungen und eine ausgiebige Beratung nötig. Dabei kann auch herauskommen, dass der Patient lieber in fünf Jahren wiederkommt, wenn das Facelifting wirklich Sinn macht."

Wer angesichts rechtlicher Grauzonen und einem Wirrwarr an Berufsbezeichnungen vor dem Skalpell zurückschreckt und trotzdem länger straff bleiben will, wählt die schonendere Variante: Auch die Kosmetikindustrie profitiert vom Wunsch der Deutschen, ewig jung und schön zu bleiben. Sie verzeichnete nach Zahlen des Verbands der Vertriebsfirmen Kosmetischer Erzeugnisse 2011 ein überdurchschnittliches Umsatzplus von 5,2 Prozent auf 1,8 Milliarden Euro. Anti-Aging lautet hier das Zauberwort - ob in Form von Q10, Kollagen oder Retinol.

"Das Kosmetikgeschäft war 2011 unser am stärksten wachsende Bereich", sagt Mathias Bork, Marketingchef des Teleshoppingsenders QVC Deutschland. Knapp 200 Millionen Euro setzte das Unternehmen im vergangenen Jahr im Beauty-Bereich um, und damit 12 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Im vergangenen März startete QVC sogar einen eigenen Schönheitskanal: Bei QVC Beauty dreht sich 24 Stunden am Tag alles um die Themen Schönheit, Wellness und Fitness. "Es gibt ein natürliches Bedürfnis nach Schönheit, Pflege und Entspannung, dass bei unserer überwiegend weiblichen Zielgruppe besonders ausgeprägt ist."

Jungmediziner Roushan weiß, dass der Markt umkämpft ist. Nach dem Abschluss seiner Weiterbildung in zwei Jahren will er zunächst in einer Klinik arbeiten. Irgendwann möchte er aber vielleicht doch eine eigene Praxis für ästhetische Chirurgie aufmachen. Wegen des Geldes, sagt er, mache er die Weiterbildung jedoch nicht: "Da kann man in anderen Fächern mehr verdienen - und die Ausbildung ist in anderen Berufen auch kürzer."

  • Anja Tiedge (Jahrgang 1980) arbeitet als freie Journalistin in Hamburg.

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