Vor gut 150 Jahren lebte in Amerika ein Mann, der im Alter von 23 Jahren seinen ersten Job und seinen ersten Wahlkampf verlor. Als er 26 war, musste er seine Geliebte zu Grabe tragen. Zwei seiner Söhne starben im Kindesalter. Mit 27 erlitt er einen Nervenzusammenbruch und verlor mit 29 seinen zweiten Wahlkampf. Mit 34 Jahren unterlag er im Kongress, ebenso mit 39. Gleich zweimal, im Alter von 45 und 49 Jahren, versagte er im Kampf um ein Senatorenamt und verfehlte mit 47 sein Ziel, Vizepräsident zu werden.
Mit 52 Jahren wurde Abraham Lincoln dann zum Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika gewählt.
"Chapeau!" möchte man zu diesem Mann sagen, der sich von solch einer Serie an Tiefschlägen nicht in die Knie zwingen ließ. Dass die Story dennoch kein gutes Ende nahm (Lincoln wurde vier Jahre später bei einem Theaterbesuch in Washington erschossen), ändert daran nichts. Viel wichtiger: Wie kommt es, dass manche solche Steherqualitäten haben, während andere angesichts der vielen Steine auf ihrem Lebensweg kapitulieren?
Gründungsfaulheit aus Angst vor Fehlschlägen
Die Herkunft ist ein mögliches Kriterium. In den USA ist nicht Scheitern das Tabu, sondern Aufgeben. Man zollt jenen Anerkennung, die sich wieder aufrappeln. Bei uns wird oft übersehen, dass viele, die es weit gebracht haben, erst einmal scheiterten. Wir werden sozialisiert mit dem Anspruch: Erfolg ist alles. Scheitern hingegen ist immer noch ein Stigma, ein verwirrender, schlecht einzuordnender Bruch in der Biografie.
Die Ursachen sind wohl auch in einer veränderten Arbeitswelt zu suchen. Die Kontinuität, die noch vor einer Generation im Erwerbsleben herrschte, ist passé. Berufsbilder in der Arbeitswelt 2.0 haben eine Halbwertszeit von wenigen Jahren. Wo früher eine geradlinige Laufbahn vor uns lag, zweigen heute viele Weggabelungen ab: Praktikum statt Anstellung, lebenslanges Lernen statt solider Ausbildung, Job-Nomadentum statt goldener Uhr zum Dienstjubiläum nach 25 Jahren - die Unsicherheitsfaktoren wachsen.
Mit einer Bauchlandung ist man in bester Gesellschaft
Was wir brauchen: gute Beispiele in Sachen Scheitern, Role Models. Sie sollen zeigen, wie es in dieser veränderten Arbeitswelt funktionieren kann - dass nach dem Tief ein Hoch kommen kann, dass etwa eine Zeit der Arbeitslosigkeit nicht unweigerlich das Ende bedeutet. Die Basis für einen positiven Umgang mit dem Scheitern liegt gerade darin, Fehler machen zu dürfen. Wer einkalkuliert, dass auch einmal etwas in die Hose gehen kann, geht die Sache gleich viel entspannter an.
"Wenn du verlierst, verliere nicht den Lerneffekt", lautet eine von 19 Lebensregeln des Dalai Lama: Gib nicht auf, sondern mache es beim nächsten Mal besser. Und irgendwann dreht sich die Aufwärtsspirale aus der Baisse wieder nach oben.
Wer doch einmal eine Bauchlandung hinlegt, befindet sich zumindest in guter Gesellschaft. Henry Ford schaffte es erst im dritten Anlauf, seine Ford Motor Company zu gründen. Astrid Lindgren fand für die erste Version ihrer "Pippi Langstrumpf" keinen Verleger. Thomas Alva Edison probierte um die 9000 Glühfäden aus, bis er jenen fand, der die Glühbirne erstmals dauerhaft zum Leuchten brachte.
Versuch und Irrtum ist das Wesen des Fortschritts
Auch Global Player gehen mitunter mit einer Idee baden. So startete Coca-Cola 1985 mit großem Tamtam einen Relaunch: "New Coke" sollte fortan für Erfrischung sorgen. Die Markenstrategen ersetzten den geschwungenen Schriftzug durch Blockschrift. Die Telefone des Kundendienstes liefen heiß. Nach 79 Tagen hatte der Spuk ein Ende, das Management erkannte den Fehler, die braune Brause hieß wieder Coca-Cola.
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In der Wissenschaft regiert das Prinzip von Trial and Error. Das Aufzeigen von Widersprüchen, das Infragestellen von Hypothesen machen Fortschritt und Innovation erst möglich. Sir Karl Popper sah das so: "Jedes Mal, wenn es uns gelingt, eine Theorie zu falsifizieren, machen wir eine neue wichtige Entdeckung. Falsifizierungen sind höchst wichtig. Sie lehren uns das Unerwartete."
Beim japanischen Automobilhersteller Toyota hat man die Bedeutung einer funktionierenden Fehlerkultur längst verinnerlicht. Seit den siebziger Jahren setzt der Konzern auf die Optimierungsmethode Kaizen, ein Modell zur kontinuierlichen Prozessverbesserung in allen Unternehmensbereichen. Herzstück des Denkansatzes: Man nutzt das Wissen über Fehler und Irrtümer, um Abläufe schrittweise zu verbessern. Mitreden darf vom Personaldirektor bis zum Fließbandmonteur jeder, dem eine noch so kleine Schwachstelle im System aufgefallen ist.
Sekundenentscheidungen sind nicht die besten
Eine solche Politik der kleinen Schritte verlangt nach gründlichem Nachdenken. Das gilt für einen multinationalen Konzern wie für den kleinen Selbständigen. Will man achtsam und klug entscheiden, braucht es vor allem eines: Zeit. Die Multitasking-Gesellschaft muss wieder lernen, dass Sekundenentscheidungen selten die besten sind. Die Balance zwischen Beschleunigung und Verlangsamung zu finden, wird zur neuen Kernkompetenz.
Der dänische Philosoph Søren Kierkegaard sagte: "Man versteht das Leben nur rückwärts, aber leben muss man es vorwärts." Wenn wir uns also im Blindflug durchs Leben bewegen, ist dann Scheitern überhaupt vermeidbar? Und muss es überhaupt vermieden werden? Fehler passieren tagtäglich und werden zum Riesenproblem, wenn man über sie nicht diskutiert, sondern sofort Konsequenzen einfordert - ohne jeden Moment der Reflektion.
Eine Regel, die jeder befolgen sollte: Einmal öfter aufstehen als man hinfällt - so haben wir alle als Kinder das Gehen geübt. Laufen lernt man durch Hinfallen, und eine gescheiterte Idee muss nicht das Ende aller Bemühungen sein. Gönnen wir uns selbst und anderen mehr als nur einen Versuch, leben wir eine Kultur der zweiten Chance!
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