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14. Februar 2012, 06:42 Uhr

Geschichte der Stechuhr

Wer falsch sticht, fliegt raus

Von Markus Flohr

Sie brachten den Kapitalismus so richtig in Gang: Seit mehr als hundert Jahren mahnen Stechuhren die Arbeiter zur Pünktlichkeit, denn die Arbeitszeit gehört dem Chef. Allmählich weichen sie subtileren Methoden der Überwachung. Eine Zeitreise.

Benediktiner-Mönche leben nach dem Grundsatz "Ora et labora et lege", also "Bete, arbeite und lies". Dieses Motto könnte für viele geistliche Brüder und Schwestern im Kloster gelten, doch die Benediktiner haben sich einen Mythos erarbeitet: Sie gelten als die "ersten Berufstätigen" des Abendlands.

Schon Jahrhunderte, bevor in Europa Fabrikschlote den Himmel vollqualmten und die Heere des Proletariats allmorgendlich am Fabriktor von der Stempeluhr registriert wurden, wussten die Benediktiner, was der Schlüssel zu Produktivität und Effizienz ist: ein strukturierter Tagesablauf, das Zügeln der Zeit.

Benediktiner hatten natürlich keine Stechuhren, keine Stempelautomaten, keine Dienstpläne oder Arbeitszeitkonten - die Tage bekamen früher ihren Rhythmus durch die Glockenschläge, die vom Kirchturm herunter klangen, und den Schatten, den die Sonnenuhr warf.

Für die breite Masse bekam so etwas wie Pünktlichkeit, ein klarer Beginn und ein klares Ende der Arbeitszeit erst mit Beginn der Industrialisierung eine Bedeutung. "Zeit ist Geld", soll Benjamin Franklin gesagt haben, einer der Gründerväter der USA. Die Fabrikbesitzer hatten ein Interesse daran, die Arbeitszeit ihrer Angestellten genau zu kontrollieren; Verstöße gegen die Vorschriften sanktionierten sie mit Strafen.

Echte Stechuhren hatten nur die Nachtwächter

Pünktlichkeit wurde zur Tugend des Kapitalismus: Ohne sie gab es keine Akkordarbeit, es konnten nur schwer Produktionsziele, Zeiträume und Mengen über Wochen im Voraus geplant werden. Die Arbeit in der Fabrik erforderte Zeitdisziplin von den Angestellten, und die Kontrolle sollte dafür sorgen, dass sie sich diese Disziplin als Lebenskonzept antrainierten.

Mitte des 19. Jahrhunderts begannen die Arbeitgeber damit, am Eingang der Fabrik die Namen der ankommenden Arbeiter aufzuschreiben. Etwas später gab es die ersten Kontroll-Systeme mit Nummernschildern, die am Eingang an ein Brett gehängt wurden - schließlich standen Ende des 19. Jahrhunderts die ersten "Arbeiter-Kontrollapparate" in den Fabriken.

Echte "Stechuhren" waren die meisten dieser Geräte jedoch nicht. Die Arbeiter mussten ihre Arbeitszeit auf kleine Kärtchen stempeln, oder ein Apparat warf einen Zettel mit Ende und Beginn des Tagewerks aus. Echte Stechuhren trugen nur Nachtwächter mit sich herum: In diesen Geräten war eine Papierrolle eingezogen. Die Wächter stachen bei ihren nächtlichen Kontrollgängen an verschiedenen Stationen Löcher hinein, um zu dokumentieren, dass sie ihre Runde auch vollständig gemacht hatten.

Weniger Uhren, mehr Kontrolle

Das Wort "Stechuhr" ist trotzdem die Metapher für die Zeitkontrolle und das Arbeits-Überwachungs-Regiment im Kapitalismus geworden. Die Form der Zeiterfassung steht symbolisch für den Herzschlag der industriellen Produktion mit den täglichen rituellen Wiederholungen und den nie enden wollenden Schleifen an Werktischen, Fließbändern und Produktionsstraßen.

Heute gibt es Stempeluhren und mechanische Arbeitszeitkontrollen nicht mehr so häufig. Trotzdem erfassen laut einer Umfrage der Fachhochschule Furtwangen 70 Prozent der Betriebe weiterhin die Arbeitszeiten der Mitarbeiter. Computer und Chipkarte haben Stech- und Stempeluhr abgelöst, doch die Kontrollmöglichkeiten der Arbeitgeber sind dadurch nur gestiegen: Mit einer Chipkarte dokumentiert ein Arbeitnehmer häufig nicht nur seine Arbeitszeiten, er öffnet auch Sicherheits-Türen am Arbeitsplatz, bezahlt sein Essen damit - und die meisten Karten lassen sich mit moderner Radio-Frequenz-Technologie überall orten.

Bei den Benediktinern dagegen gibt es bis heute keine Stechuhr, keine Stempeluhr. Und Chipkarten schon gar nicht.

Wie sich die Zeitmessung in der Arbeitswelt im Laufe der Jahrhunderte verändert hat, sehen Sie in dieser Fotostrecke.

Anm. d. Red.: In einer früheren Version dieses Textes stand, Benjamin Franklin sei US-Präsident gewesen; das ist falsch. Wir haben diesen Fehler inzwischen korrigiert und bitten um Entschuldigung.

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