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Gewalt am Arbeitsplatz "Man sollte sehen, dass man wegkommt"

Angestellte als Zielscheibe: Was tun, wenn es brenzlig wird? Zur Großansicht
TMN

Angestellte als Zielscheibe: Was tun, wenn es brenzlig wird?

Schlagen, kratzen, beißen - Attacken und Übergriffe sind in Risikojobs nicht selten. In Trainings lernen Busfahrer, Verkäufer oder Krankenschwestern brenzlige Situationen zu meistern. Deeskalation mit kühlem Kopf ist gut, manchmal aber hilft nur noch eines: nichts wie weg.

Silvia Neumeier (Name geändert) wollte eigentlich nur einen neuen Patienten begrüßen. Doch das hatte der Patient, ein älterer Herr, offenbar nicht erwartet. "Er holte mit der Hand aus und kratzte mir mit dem Fingernagel die Lippe auf", sagt die Krankenschwester. Auf der psychiatrischen Station einer Thüringer Klinik erlebt sie immer wieder, dass Patienten aggressiv werden.

Attacken kennt sie schon aus ihrem vorherigen Job in der Behindertenbetreuung. "Ich war vor einer Operation bei einem Anästhesie-Gespräch dabei, da hat mich der Patient gekratzt und gekrallt", erzählt Neumeier. Als Krankenschwester gehört sie zu einer Gruppe, in der es häufiger als in anderen Berufen zu gewalttätigen Übergriffen von Patienten oder Kunden kommt.

2011 gab es bei ihren Kollegen in ganz Deutschland 292 meldepflichtige Arbeitsunfälle durch "Gewalt, Angriff oder Bedrohung durch betriebsfremde Personen", wie die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV) meldete. Darunter fallen laut Statistik nur Übergriffe, die zu einer Arbeitsunfähigkeit von mehr als drei Tagen oder gar zum Tod führen. Kleinere Übergriffe wie bei Silvia Neumeier sind da noch nicht mitgezählt.

Die meisten Angriffe erlebten Verkäufer

Krankenschwestern und Pfleger sind keineswegs allein mit dem Problem: 2011 wurden insgesamt fast 6000 Übergriffe gemeldet; die meisten erlebten Verkäufer. Laut der DGUV sind sie jedoch nicht besonders gefährdet - es sei nur ein Beruf, in dem besonders viele Menschen arbeiten. Daneben tauchen in der Statistik auch Taxifahrer, Rettungskräfte, Freizeit- und Wellnesspersonal, Wach- und Sicherheitsleute, Polizisten und Schaffner oder Lokführer auf.

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Risikojob Zugbegleiter: "Wir sind kein Freiwild"
In vielen Berufen mit intensivem Kontakt zu Kunden, Patienten oder Klienten kennen Angestellte das Risiko von Beleidigungen oder massiven körperlichen Attacken. Auch Mitarbeiter von Jobcentern erleben das immer wieder. Ein drastischer Fall ereignete sich im September 2012, als ein 52-Jähriger in Neuss in Nordrhein-Westfalen mit einem Messer auf eine Mitarbeiterin des Jobcenters einstach, die an den Verletzungen starb.

Wie lassen sich solche Übergriffe vermeiden? Viele fordern für die Mitarbeiter dann Glaswände als Schutz. Laut Christian Otto geht es jedoch vor allem darum, ganz natürliche Instinkte wieder zu aktivieren. Der Sozialpädagoge bietet seit 2004 bundesweit Deeskalationstrainings an.

Für ganz wesentlich hält Otto es, genau hinzusehen und hinzuhören: "Ist die Stimme laut und gepresst, stammelt jemand, kommt der Atem stoßweise und kurz, hat er geschwollene Adern, einen roten Kopf, große Augen? Es gibt 30 bis 40 Anzeichen, die wir kennen, man muss nur das Bauchgefühl aktivieren." Kämen einige Anzeichen zusammen, empfiehlt Christian Otto, auf Versuche der Deeskalation zu verzichten, dann helfe nur noch eines: "Man sollte sehen, dass man wegkommt."

"Nicht in die Opferhaltung gehen"

Ist die Situation weniger dramatisch, können die richtige Körperhaltung und Sprache für Entspannung sorgen. "Man sollte immer vermeiden, in die Opferhaltung zu gehen, sich kleinzumachen und ängstlich zu schauen", so Otto. Von oben herab dürften Mitarbeiter dann aber auch nicht reden.

Mitunter empfinden Angreifer dann schon den Gebrauch von Fachwörtern als provozierend. Und die Aufforderung, ruhig zu bleiben, sorge meist eher für das Gegenteil. Um einen kühlen Kopf zu bewahren, sollte man sich klarmachen: "Der beleidigt nicht mich als Person, sondern die Position, in der ich stecke", sagt Otto.

Nicht immer lassen sich Angriffe vermeiden. Dann besteht die größte Herausforderung darin, anschließend trotzdem wieder zur Arbeit zu gehen. Silvia Neumeier hatte damals nur etwas Angst vor dem kratzenden Herrn. "Mir hat es geholfen, das im Team durchzusprechen, wo man sich untereinander tröstet und aufbaut und klärt, ob man einen großen Fehler gemacht oder angemessen gehandelt hat." Genau das richtige Verhalten, findet Psychologe Gerd Reimann, der sich mit Opfern von gewalttätigen Übergriffen beschäftigt: "Soziale Kontakte zu nutzen, ist in jedem Fall der richtige Weg. Völlig falsch ist dagegen, die Situation zu meiden." In vielen Jobs ist das ohnehin nicht möglich, wenn man nicht den Beruf ganz aufgeben will.

Darüber hinaus helfe es, das negativ besetzte Ereignis neu zu bewerten und Positives darin zu sehen, sagt Reimann: "Ich weiß jetzt, dass ich in solche Situationen geraten kann. Ich kenne wichtige Signale, die sie ankündigen. Ich bin vorbereitet. Ich habe mehrere Möglichkeiten zu reagieren. Ich kenne hilfreiche Unterstützungsmöglichkeiten."

Doch Risikogruppen sollten sich auch vor einem eventuellen Übergriff schon vorbereiten, um das Erlebte später besser zu verarbeiten, so Reimann: "Das Wichtigste ist, sich klarzumachen, dass so etwas passieren kann. Das nimmt dem Ganzen schon viel von der traumatisierenden Wirkung."


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DPA

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insgesamt 16 Beiträge
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1.
hansmaus 23.05.2013
Zitat von sysopTMNSchlagen, kratzen, beißen - Attacken und Übergriffe sind in Risikojobs nicht selten. In Trainings lernen Busfahrer, Verkäufer oder Krankenschwestern, brenzlige Situationen zu meistern. Deeskalation mit kühlem Kopf ist gut, manchmal aber hilft nur noch eines: nichts wie weg. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/gewalttaetige-uebergriffe-am-arbeitsplatz-a-900578.html
Och leute das ist doch nicht neu! Nichts wie weg und blos nicht helfen denn dann warten auf einen lustige Anzeigen und harte Strafen. Täterschutz geht vor Opferschutz und das ist auch gut so, wäre ja noch schöner.
2. .
frubi 23.05.2013
Zitat von sysopTMNSchlagen, kratzen, beißen - Attacken und Übergriffe sind in Risikojobs nicht selten. In Trainings lernen Busfahrer, Verkäufer oder Krankenschwestern, brenzlige Situationen zu meistern. Deeskalation mit kühlem Kopf ist gut, manchmal aber hilft nur noch eines: nichts wie weg. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/gewalttaetige-uebergriffe-am-arbeitsplatz-a-900578.html
Wer sich nicht mit Händen und Füßen verteidigen kann, sollte sich legale Abwerhwaffen wie Pfefferspray und Taser kaufen. Wer z. B. als Busfahrer/in nicht auf solche Hilfsmittel zurück greift, handelt fahrlässig denn es kann einem immer und überall etwas passieren und besonders die Nachtfahrten, wo man die skurilsten Gestalten durch die Gegend fährt, muss man immer mit Übergriffen rechnen.
3.
John.Moredread 23.05.2013
Zitat von hansmausOch leute das ist doch nicht neu! Nichts wie weg und blos nicht helfen denn dann warten auf einen lustige Anzeigen und harte Strafen. Täterschutz geht vor Opferschutz und das ist auch gut so, wäre ja noch schöner.
Aha. Wenn sie also in ihrem Beruf angegriffen werde, würden sie sich selbst nicht helfen sondern davon laufen. Wobei, Moment, genau das rät ja auch der Artikel. Also... was genau wollen sie uns eigentlich bezogen auf den Artikel sagen?
4. Die Würde des Busfahrers
Olaf 23.05.2013
Zitat von sysopTMNSchlagen, kratzen, beißen - Attacken und Übergriffe sind in Risikojobs nicht selten. In Trainings lernen Busfahrer, Verkäufer oder Krankenschwestern, brenzlige Situationen zu meistern. Deeskalation mit kühlem Kopf ist gut, manchmal aber hilft nur noch eines: nichts wie weg. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/gewalttaetige-uebergriffe-am-arbeitsplatz-a-900578.html
Dieses Training ist sicherlich eine gute Sache. Trotzdem finde ich, dass man es sich zu einfach macht und diese Berufsgruppen mit ihren Problemen alleine lässt. Auch ein Sachbearbeiter im Jobcenter oder ein Busfahrer hat eine Grundgesetzlich geschützte Würde und muss sich nicht beschimpfen, beleidigen, bespucken oder gar schlagen lassen. Auch solche Leute haben mal Probleme im privaten Bereich, fühlen sich schlecht und dann entgehen ihnen vielleicht die drohenden Anzeichen eine aggressiven Kunden. Aber dann sind sie ja selber schuld.
5. optional
maturin001 23.05.2013
Mehrere Jahre des Nachts als Taxler in München haben auch mir die Lust auf diesen Beruf genommen. Als Katalysator für Aggression dient immer wieder die Volksdroge Alkohol. Die Folge von Frustration und Perspektivlosigkeit ist dann eben immer öfter nackte Gewalt, besonders bei den Jungen. Polizisten und Zugschaffner können dies sicher bestätigen. Allerdings habe ich die Erfahrung gemacht, daß die Polizei bei einfachen Körperverletzungen oder kleinen Sachbeschädigungen nur sehr unwillig hilft, wenn überhaupt.
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