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13. Februar 2013, 16:06 Uhr

Geheimberuf Doktormacher

"Ich verhelfe Nieten zum Karriereschub"

Von Fabienne Hurst

Christian Arnig könnte Dutzende Doktortitel vor seinen Namen stellen - er ist Doktor-Ghostwriter, vier Dissertationen schreibt er im Jahr für fremde Auftraggeber. BWL, Jura, Kunstgeschichte? Kein Problem. Seine Jobwahl, sagt er, hat zwei Gründe: Er ist einfach zu schlau und die Uni zu unfähig.

Gerade ist wieder was reingekommen. Zweihundert Seiten in vier Wochen, Betriebswirtschaftslehre, auf Englisch. Christian Arnig* sitzt in seinem kleinen WG-Zimmer in Frankfurt. Er trägt Wollpulli, Halstuch, Brille und bequeme Hausschlappen. Sein Zimmer ist spartanisch eingerichtet: ein Bett, ein Schreibtisch und ein verglaster Wandschrank voller Bücher. Darin stehen Ordner und Gesetzestexte neben einer Reihe gelber Reclam-Klassiker. Jetzt liest er gerne Prosa und Dramen, früher mussten es immer Sachbücher sein. "Als ich 14 Jahre alt war habe ich mir Nietzsche zu Weihnachten gewünscht", sagt der 33-Jährige und grinst.

Christian Arnig ist schlau. Wenn man ihm glaubt: etwas zu schlau. Ihm bleibe kaum etwas anderes übrig, als für andere Diplom-, Magister- und Doktorarbeiten zu verfassen. Vor vier Jahren, nach der Promotion im Fach Philosophie, hatte er sich mit seinem Dr. phil. bei einem Buchverlag beworben und bekam eine Absage. "Ich war für die Stelle zu hoch qualifiziert", sagt er. Zu teuer, zu anspruchsvoll. Er hatte damit gerechnet.

In einer Fachzeitschrift für Geisteswissenschaften las er von Ghostwriter-Agenturen. Davon gibt es schätzungsweise eine Handvoll in Deutschland. Mit einer Hausarbeit fing es an, bald kamen Großaufträge: Doktormacher-Texte für die Fächer Jura, Politik, BWL, Kunstgeschichte und Soziologie. "Ich finde es toll, Dinge zu entdecken. In keinem anderen Beruf könnte ich mir so ein vielseitiges Wissen aneignen", sagt er.

Oft wird ihm nur das Studienfeld mitgeteilt, Thema und Fragestellung legt er selbst fest. Manchmal kennt er die Unis, die Namen der Doktorväter und Klienten nie. Per E-Mail tauscht er sich anonym mit seinen Auftraggebern aus, immer nur so viel wie nötig. Aber er liest zwischen den Zeilen: "Das sind intellektuell vollkommen ambitionslose Leute. Man merkt schon an den Rechtschreibfehlern, dass sie auf normalem Wege nie einen Doktortitel erlangen würden." Christian Arnig sorgt dafür, dass sie ihn trotzdem bekommen.

Der schlanke Mann wirkt abgeklärt, Runterbrechen auf das Wesentliche ist seine Methode. Wie kann er sich so schnell in neue Themen einarbeiten? "Natürlich braucht man eine hohe Allgemeinbildung, um ein Thema einzuschätzen. Wenn mich etwas interessiert, greife ich zu Enzyklopädien, eigne mir die Fachbegriffe an, stelle den Strukturplan auf und fülle nach und nach die Seiten." Er selbst hat für seine Arbeit fünf Jahre gebraucht, viel Schweiß, Leidenschaft und Stipendiengelder darauf verwendet. Nun benötigt er pro Arbeit drei Monate, bisher sind alle durchgekommen. Lächerlich, dass es auch so klappt.

Die Gier nach Titeln wird immer größer

Christian Arnig wundert das nicht. "Das Betreuungsverhältnis von Professoren gegenüber ihren Doktoranden beschränkt sich oft auf ein faules Durchwinken", sagt er. Er vermutet, dass es stets die Gleichen sind, die den Betrug zulassen. "Ein richtiger Doktorvater würde erkennen, dass Stil und intellektuelles Niveau der Texte nie im Leben von der Person stammen, die ihm bei den Rückspracheterminen gegenübersteht", sagt Arnig. Deswegen habe er auch kein schlechtes Gewissen. "Wenn die Universität funktionieren würde, gäbe es meinen Job nicht."

Anerkennung von außen brauche er nicht, die hatte er nach seiner eigenen Promotion. Jetzt bekommt er dafür immerhin Geld. Zwischen 60 und 100 Euro kostet eine Seite, die Hälfte davon behält die Agentur. Bei besonders schwierigen Themen wird verhandelt. Die Gier nach Titeln wird in Deutschland immer größer: Seit Anfang der Nullerjahre steige die Zahl der Fremdautoren, so Arnig, die Preise fallen. Einen Guttenberg-Knick habe es nicht gegeben, im Gegenteil: Dadurch hätten viele erst von der Existenz der Agenturen erfahren.

Die wohl älteste und angeblich größte Ghostwriting-Agentur in Deutschland besteht seit über 20 Jahren. Weil sich ein Konkurrent in einem Prozess am Berliner Landgericht durchsetzen konnte, darf sie die Zahl ihrer Beschäftigten nicht mehr nennen. "Genaue Angaben kann ich nicht machen", sagt der Gründer des Unternehmens, "aber es ist durchaus möglich, eine fünfstellige Anzahl an Ghostwritern zu beschäftigen."

Auf seiner Internetseite nennt er seine Agentur "wissenschaftliches Text- und Schreibbüro". Man schreibe dort keine Abschlussarbeiten für faule Karrieristen, sondern ausschließlich wissenschaftliche Auftragstexte von Wirtschaftsunternehmen und Universitäten, so der Agenturchef. Das seien zum Beispiel medizinische Studien für die Pharmaindustrie, wer genau sie schreibe sei "völlig egal." Texte in den Bereichen Sprach-, Literatur-, Musik- oder Kunstwissenschaft würden von universitären Arbeitsgruppen aus Kapazitätenmangel bei ihm bestellt.

Andere Agenturen werben ganz offen dafür, überforderten Akademikern die Arbeit abzunehmen. Sie sichern sich rechtlich ab, indem sie ihre Klienten eine Erklärung unterzeichnen lassen, dass die erstellten Texte nur "zu Übungszwecken" verwendet würden. Daran zweifelte das Oberlandesgericht Düsseldorf. In einem Urteil hieß es im vergangenen Jahr, dass bei den Summen, die an die Ghostwriter gezahlt werden, allen Beteiligten klar sei, dass die Arbeiten auch eingereicht würden. Ghostwriting sei eine "verbotene Dienstleistung" und eine Tätigkeit, die "gegen die guten Sitten" verstoße, so das Gericht.

Passierscheine für fremde Karrieren

Je nach Prüfungsordnung riskieren Kunden von Ghostwritern mindestens die Aberkennung des Grades, in manchen Fällen auch hohe Geldbußen. Die meisten Unis verlangen eine Erklärung, dass die Arbeit selbständig verfasst wurde. Vor Gericht kann es damit brenzlig werden. "Das finde ich gut, akademischer Betrug ist schließlich keine Lappalie", sagt Arnig. Er meint es ernst. Der Ghostwriter verachtet das System, von dem er selbst am meisten profitiert.

Für einen Aspekt seiner Arbeit scheint sich Arnig zu schämen: Er schafft keine relevanten Wissenschaftstexte, sondern lediglich Passierscheine für fremde Karrieren. Er schlägt die Beine übereinander: "Ich finde es unappetitlich, dass ich intellektuellen Nieten zu einem Karriereschub verhelfe." Viele stünden im Berufsleben, verdienten gut, brauchten den Titel um weiterzukommen. Die 20.000 Euro für die Arbeit kratzten sie kaum. So werden dank Leuten wie Arnig Reiche noch reicher. "Das ist ein strukturelles Problem. Alles lässt sich kaufen: Sex, Menschen, Doktorarbeiten. Ich bin im Uhrwerk des Kapitalismus doch nur ein ganz kleines Rädchen."

"Die Uni ist ein inzestuöses Zitierkartell"

Es ist eine Arbeit ohne Kollegen, Chefs und persönlichen Kontakt. Eigentlich müsste Christian Arnig die Hausschlappen nie ausziehen. Ausgleich findet er als Regisseur in einem Amateurtheater, zweimal die Woche sind abends Proben. Ein Hauptberuf am Theater kommt für ihn nicht in Frage, wie kaum eine andere Arbeit. Essayist? Dafür ist er zu unbekannt. Verlagslektor? Zu qualifiziert. Journalist? Zu wissenschaftlich interessiert.

Auch habilitieren will sich Arnig nicht, dann müsste er auf die vielen anderen Fachbereiche verzichten. Prekäre Lebensbedingungen sind in seinem Fachbereich die Regel, außerdem wolle man dort nur Spezialisten. An der Hochschule, so scheint es, sind Generalisten wie er nicht gefragt. Auf dem Markt der Eitelkeiten umso mehr.

*Name von der Redaktion geändert.

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