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Finanzminister beim Paartherapeuten Immer wieder fängst du mit der Troika an!

Schäuble (links) und Varoufakis: All die schönen Momente sind vergessen Zur Großansicht
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Schäuble (links) und Varoufakis: All die schönen Momente sind vergessen

Zerrüttet scheint die Beziehung von Wolfgang Schäuble und Giannis Varoufakis. Wie würde ein Psychologe einen Rosenkrieg verhindern? Paartherapeut Wolfgang Schmidbauer gibt Tipps.

Zur Person
  • Wolfgang Schmidbauer, Jahrgang 1941, ist einer der bekanntesten Psychoanalytiker Deutschlands. Er ist Autor von mehr als 30 Sachbüchern, viele davon behandeln Themen wie Liebe und Partnerschaft. Schmidbauer lebt in München und Dießen am Ammersee.
  • Mehr Infos auf seiner Website.
KarriereSPIEGEL: Herr Schmidbauer, lebten Deutschland und Griechenland in einer Ehe, wäre laut einer Umfrage klar: Wir reichen die Scheidung ein. Ist es zu spät?

Schmidbauer: Es wäre eine herrliche Sache, wenn man Gehirnzellen abstimmen lassen könnte. Aber solche gefühlsgetriebenen Entscheidungen dauern länger. Man redet doch nur von Scheidung, man zieht das nicht gleich durch.

KarriereSPIEGEL: Also nur eine Drohgebärde? Puh.

Schmidbauer: Nun ja, die Phase der Drohungen ist aber auch ein Signal: Ich bin am Ende, ich kann nicht mehr, heißt das. Auf beiden Seiten herrscht ein enormer Empathiemangel, keiner kann sich in den anderen hineinversetzen.

KarriereSPIEGEL: Stattdessen zicken sich Varoufakis und Schäuble dauernd in aller Öffentlichkeit an: "Du hast mich beleidigt!" - "Nein, habe ich nicht!" - "Du sollst nicht immer Troika sagen!". Wieso hören die nicht auf?

Schmidbauer: Wenn einer anfängt mit so einer Rhetorik, sollte der andere nicht auch noch mitmachen. Dahinter steckt die Angst vor Prestigeverlust, die Angst zu scheitern. Nach dem Motto: Wir haben beide schon so viel investiert in diese Beziehung, wir können jetzt nicht einfach aufhören. Das ist in jeder Ehe der Punkt, an dem man sich fragen muss, was besser ist: Ein Schrecken ohne Ende oder ein Ende mit Schrecken.

KarriereSPIEGEL: Naja, es sind zwei Männer unterschiedlicher Generationen, beides Alphatiere - das kann doch nur schiefgehen!

Schmidbauer: Nein, das glaube ich nicht. So wie die sich beharken, ist das vor allem Show für die Wähler. Bis es zur Scheidung kommt, dauert es. Noch dazu bei zwei derartig hoch emotionalen Partnern. Normalerweise vermittelt in solchen Fällen ja das Gericht als neutrale Schiedsstelle. Das sagt: Versucht mal bitte, Eure Emotionen runterzufahren. Aber das gibt es hier ja nicht.

KarriereSPIEGEL: Wäre der Job nicht was für Sie?

Psychologie im Berufsalltag
Schmidbauer: Ich bin doch nicht größenwahnsinnig! Aber ein Mediator wäre gut, deren Arbeit ist mit unserer verwandt, angesiedelt zwischen Juristen und Psychologen. Bei einer echten Therapie müsste man Zeit mitbringen, um Konflikte zu lösen. Für schnelle, plakative Aktionen taugt das nicht.

KarriereSPIEGEL: Vor allem, wenn auf einmal wieder jahrzehntealte Vergehen rausgeholt werden: Typisch!

Schmidbauer: Die Griechen sagen: "Ihr seid nicht anders als die Hitler-Deutschen, ihr habt uns schon immer unterdrückt und betrogen!" Und die Deutschen antworten: "Wir haben uns doch schon so viel Mühe gegeben - und so wird's einem gedankt!" Diese "Immer-Nie"-Rhetorik ist ein klassisches Zeichen für gestörte Beziehungen. Aber wenn der aktuelle Anlass so starke Affekte hervorruft, vergisst man in der Beziehung den Frieden, den man gefunden hatte - und kehrt an den Ursprung des Konflikts zurück. Auch wenn der Jahre her ist.

KarriereSPIEGEL: An all die schönen Momente denkt keiner mehr. Was ist Ihr Rat?

Schmidbauer: In einer Paartherapie würde man zu den beiden sagen: Was ist euer aktuelles Anliegen? Wie finden wir eine gemeinsame Basis? Da darf man unter keinen Umständen unlösbare Probleme - also die unverarbeitete Vergangenheit - mit lösbaren Problemen - die aktuelle wirtschaftliche Situation - mischen.

KarriereSPIEGEL: In Ihrem aktuellen Buch über "Die deutsche Ehe" schreiben Sie, typisch deutsch in Partnerschaften sei eine "rechthaberische Aggressivität". Hat die deutsch-griechische Ehe vor allem ein kulturelles Problem?

Schmidbauer: Ich denke schon. Es fällt uns als Folge des "Dritten Reichs" immer noch schwer, Gnade vor Recht ergehen zu lassen, zu sagen: Schwamm drüber, jeder macht mal Fehler. Unser Selbstgefühl ist immer noch geschwächt - die oberlehrerhafte Attitüde kompensiert diese Unsicherheit. Und dann stellen wir uns hin und sagen: Schaut, wie fleißig wir waren, wir wissen jetzt, wie's geht, Ihr müsst jetzt auch so sein.

KarriereSPIEGEL: Wie sollten binationale Partnerschaften das lösen?

Schmidbauer: Man muss akzeptieren, dass es kulturelle Unterscheide gibt. Wenn man darauf beharrt, dass alles super ist, endet das meist in Schuldzuweisungen, wenn dann doch was nicht klappt. Besser wäre, einfach mal zu sagen: Du, ich mache mir Sorgen, wie sollen wir denn damit umgehen?

KarriereSPIEGEL: Viel gegenseitiges Verständnis ist da nicht zu sehen.

Schmidbauer: Nein, leider. Ich kann zwar nachvollziehen, dass die Deutschen sich ärgern, aber man sollte erkennen: In einer Situation wie der, in der sich die Griechen gerade befinden, ist es normal, dass sie aggressiver und weniger vernünftig sind. Man sollte so souverän sein, es ihnen einfach nachzusehen. Der Stärkere muss lernen großzügiger sein - und der Schwächere, Dankbarkeit zu artikulieren.

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insgesamt 84 Beiträge
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1. nette Idee...
lscpilot 14.03.2015
einen Paartherapeuten zu befragen, allerdinmgs stimmt bereits der Ansatz nicht. Es geht eben nicht um das Paar Schäuble/Varoufakis, es geht noch nicht einmal um Deutschland/Griechenland, sondern es geht schlicht um die Gruppe der EU Mitglieder in Sonderheit die mit Euro Währung und einem weiteren nominellen Mitglied, das sich zu Recht oder Unrecht anders verhalten will als der Rest der Gemeinschaft. Es sind schon viel psychopathologische Überlegungen zu diesem aktuellen Thema angestellt worden. Interessanterweise besonders im deutschsprachigen Raum (Deutschland/ Österreich) Siegmund Freund lässt grüßen! Doch die Weltpolitik richtet sich erfahrungsgemäß nicht nach nach Arzt/Patienten Beziehungen, sonder allein nach Macht und Interessen. Ich fürchte, die Griechen haben da sehr schlechte Karten.
2. Deutschland hat sich zum Geldeintreiber der Banken degradieren lassen
prologo1, 14.03.2015
Das Ergebnis sieht man jetzt mit Griechenland. Unsinnige Euro Rettungsmilliarden für die Banken, die sich mit Griechenland bereichert haben, zu Lasten des griechischen Volkes. Das ist Fakt. Für diese Bankenabkocherei wird das griechische Volk schon 5 Jahre ausgebeutet und gequält, ohne jegliche Aussicht, dass Griechenland mit dem Euro, und der Euroverschuldung jemals wieder gesundet. Aber genau das wird verschwiegen und es wird gelogen ohne Ende. Deutschlands Regierung müsste ja zugeben, dass der ganze Eurorettungswahnsinn mit Griechenland ihr großer Fehler war!! Und das jetzt der Zeitpunkt ist, endlich diesen Eurorettungswahn für Griechenland einzustellen! Dieses Fiasko beenden unsere Eurofanatiker in Berlin nicht. Dann werden sie ja für die 27,1 %, also rund 60 Milliarden Kosten für Deutschland verantwortlich gemacht. Beenden können das nur die Griechen selbst. Und wir können nur hoffen, sie schaffen das auch. Sie sind auf gutem Weg! prologo
3. Ich fand es
teloudis 14.03.2015
sehr gut von Schmidbauer erklärt, hatte oft ein Lächeln im Gesicht. Mein dazwischen Ruf. Schäuble ist der lieb gewordener Partner abhanden gekommen, der zu alles ja gesagt hat, herr Samaras, und nun wird er mit einem neuen Partner konfrontiert, der immer wieder nein sagt. Daraus wird nichts gutes rauskommen. Schäuble möchte begat..en und darf nicht, was für ein Elend, immer mit denen, wenn es darauf ankommt, Kopfschmerzen haben
4. Um beim Thema Ehe zu bleiben...
horstma 14.03.2015
Griechenland hat sich die Ehe mit der Euro-Gemeinschaft in betrügerischer Absicht durch Fälschung von Dokumenten erschlichen und danach den eigenen Staat in den Bankrott gewirtschaftet. Aufgrund des ersten Fakts würde jeder Scheidungsrichter diese Ehe sofort annullieren - sie ist rückwirkend unwirksam. Zwar wird bei realen Scheidungen das Schuldprinzip nicht mehr angewendet, aber in der restlichen Rechtsprechung schon. Im Fall Griechenland braucht es keinen Paartherapeuten, sondern EU-Politiker, die geschlossene Verträge konsequent anwenden. Solange das nicht passiert, hängt das ganze Euro-Gebilde in einem rechtsfreien Raum, was Griechenland jetzt ausnutzt.
5. Lieber prologo1
teloudis 14.03.2015
Ich als Grieche, der seit ca 40 Jahren in D lebt, möchte zu deinem Kommentar meine volle Zustimmung zu kommen lassen. Und es mag komisch sein, ich würde mir wünschen, dass die Griechen den Euro Stecker ziehen werden, egal was danach kommen mag, schlimmer kann es doch nicht werden, denn es ist bereits schlimm genug. Das muss man sich vorstellen, eine gewählte Regierung in Deutschland, die nicht selbst entscheiden darf, und alles von der Troika diktiert wird, als Beispiel
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  • Das Interview führte KarriereSPIEGEL-Autorin Anne Haeming (Jahrgang 1978), freie Journalistin in Berlin.
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