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Hundefriseure bei der Arbeit "Ich hab auf Terrier gelernt"

Fellpflege für Hunde: Groomer, übernehmen Sie! Fotos
Stefanie Maeck

Schuppen, fettiges oder juckendes Fell und Flöhe? Ein Fall für Groomer. In einer Akademie lernen Hundefriseure das ABC des Trimmens und Sätze wie "Der Rüde läuft mit gutem Schub". Kunde Luis, preisgekrönter Zwergdackel, wurde kastriert. Nennt man das Dankbarkeit?

Die Grenze zwischen Gut und Böse verläuft für Ute Klaßen präzise zwischen Scheren und Trimmen. Scheren steht für das Böse, Trimmen für "haarartgerechte Hundefellpflege". Ute Klaßen, 49, Vorsitzende des Berufsverbands der Groomer, steht im Schulraum der Groomer Academy in Castrop-Rauxel. An die Tafel schreibt sie, wie das Scheren das Fell der meisten Rassen grau macht - aus "Faulheit" und "Unkenntnis". Wer ein farblich ansprechendes Fell will, der "trimmt".

Astrid Minz, 41, hat am höhenverstellbaren Trimmtisch mächtig zu tun. Am kommenden Wochenende muss die Trimmschülerin bei der Groomer-Prüfung beweisen, dass sie das Zeug zur Hundefriseurin hat. Geprüft wird, ob sie nach 256 Schulstunden und 2555 investierten Euro nach Rassestandard des Hundezüchter-Dachverbands FCI frisieren und Fell typgerecht in Form bürsten kann. Was ihr auf dem Trimmtisch begegnet, ist geheim: zickiger Dackel oder verspielter Terrier, seltener Bouvier oder Pudeldame?

Zum Training hat die Lehrerin einige Kunden aus der Modellkartei des Schulsalons bestellt. Für Mischling Nora eine Premiere: "Zwei Fingerbreit kommen ab", entscheidet Minz. Wenn alles glatt läuft, wird die Personalfachkauffrau ihrem Bürojob ade sagen und als Groomerin durchstarten, zu Deutsch Hundefriseurin ("to groom" heißt "pflegen", "striegeln", "zurechtmachen").

Seit 30 Jahren im Hundebusiness

Minz arbeitet vom Nacken zur Rute, knöpft sich ganz nach dem Groomer-Handbuch die Seitenpartien vor, mit Schere statt Rasierer. Im Regal neben dem Riesenfön stehen Rasiermodelle wie der "Power Groom", doch das wäre nichts für Langhaartyp Nora. Sie hält die Augen geschlossen, ein Top-Kandidat im Salon. Hinter einem Kindergitter zerren aber schon zwei weitere Stammkunden: Schröder, 4, und Harley, 1. Die beiden Welsch-Terrier, Profis im Salongehen, wollen einen typgerechten Fell-Cut. Wie bei allen Modellhunden sind ihre Haare top in Form, flott frisiert.

Seit 1980 gibt es die Akademie, angegliedert an den Berufsverband der Groomer e.V. "Schicksalhaft" war für Gründerin Ute Klaßen die Begegnung mit Groomer-Koryphäe Jacqueline van Tilburg-Leinders. Die Niederländerin ist mehrfache, in der Szene bewunderte Meisterin der Hundefriseure und Autorin des Standardwerks "Der Hund im Salon". So kam Ute Klaßen die Idee einer Groomer-Schule als Holland-Import. "Ich hab' auf Terrier gelernt", erzählt sie von ersten "Trimmtrainings".

Was ihr missfällt: Hundefriseur kann sich jeder nennen, auch wenn er nur einen zwielichtigen Kellersalon mit Gerümpel unterm Tresen führt. Da könne schon eine einfache "Modeschur" von Pudeln im Desaster enden: "An der Art, wie Leute mit Hunden umgehen, sehe ich meist schon am ersten Tag, ob es ein erfolgversprechendes Gewerbe wird", sagt Klaßen, die ihre Schüler auch in BWL und Management unterrichtet.

Ondulieren ist Schnickschnack

Seit über 30 Jahren ist sie im Hundebusiness. Klaßen studierte Medizin, Chemie und BWL, arbeitete als Pathologin in Bochum. Die Ausbildung der Hundefriseure ist ihr Herzensanliegen, Schnickschnack wie Haarfärben oder Ondulieren ein Graus: In der Groomer Academy wird keine Zeit mit Shampoonieren verplempert.

Hinter ihr stehen weiße Riesenplüschhunde in Reih und Glied. Pudel mit säulenartig frisierten Beinen, Terrier mit Rundgesichtern und Spitzöhrchen, Modelle aus der "Hochläufer-" und "Niederläuferklasse". Auch "Fussel von Minzberg", den Astrid Minz zur Übung erschaffen hat. Ein gewisses Auge für Proportionen müsse ein Groomer-Aspirant mitbringen, sagt die Dozentin und vergleicht es mit Bildhauerei: "Was ich brauche, lasse ich dran, der Rest kommt ab."

Schröder ist an der Reihe. Bevor die 9,3 Kilo des quirligen Terrierrüden aufs Pult gewuchtet wurde, musste ihm rasch der Popo gewischt werden. Schröder schätzt perfektes Styling, hat aber auch viele andere Ideen. Er reckt den Kopf, sein linker Vorderlauf zittert vor Aufregung. "Das Muskelzittern ist terriertypisch", erklärt Ute Klaßen und beäugt über ihre Lesebrille, wie Astrid Minz mit dem Trimmmesser agiert und ob sie Unfug macht. Manchmal beginnt das schon beim falschen Scherkopf - "die meisten Pflaster brauchen aber glücklicherweise die Kursteilnehmer".

Die mit den Hunden gähnt

Rote Punkte auf einer Deutschlandkarte markieren Salon-Standorte von Klaßens Absolventen. Friseursalons für Menschen heißen gern "Haarmonie", "Haareszeit" oder "Haargenau". Und Tiercoiffeure punkten mit "Fellfaktor" oder "Pfotenpalast". Zur Palette gehören neben Fell- und Typberatung auch "Ohren- und Krallenpflege", Zahnsteinbehandlung, "Pfoten- und Ballenservice", "Dog Wellness", dazu Pflegeserien für alle Felltypen plus Mundspray. In Castrop-Rauxel geht's eher bodenständig zu, doch mancher Groomer greift zur Fellaufbauspülung, Glanz Finish, Styling Mousse und Produkten für Hundeallergiker.

Julia Wilmsmann, 27, hat in der Akademie gelernt und gute Erinnerungen, bis auf Falco, einen "von Grund auf bösen Riesenschnauzer". Heute führt sie den Essener Salon "Furry Tail". Sie kennt fettiges, schuppendes, flohiges und juckendes Fell ebenso wie Besitzer, die den Preis drücken wollen. Wilmsmann verrät Tricks: "Zum Beispiel das Gähnen - bei Hunden eine Beschwichtigungsgeste." Im Salon gähnt oder schnalzt der Groomer quasi als Hundeflüsterer zur Beruhigung. Die ganz Ängstlichen bekommen Bachblüten.

Kollegin Silke Schulz hat nach ihrem Groomer-Diplom "Fellfaktor" eröffnet und arbeitet ausschließlich mit Einzelterminen: "Heiße Hündinnen" müssen bei ihr angekündigt werden, "wegen der Rüden".

Luis ist doch nicht dick!

Trimmschülerin Minz macht sich an ihren ersten Rauhaardackelschnitt. Schüchtern kauert Zwergdackel Luis, dreieinhalb, unter einem Stuhl. "Ist der Luis dicker geworden?", fragt Ute Klaßen. "Nein, der Doktor sagt, er ist nicht zu dick", antwortet Luis' Frauchen, die eine goldene Dackelanhängerkette trägt.

Luis schaut verstimmt mit seinen mandelrunden Augen, er ist ja nicht irgendwer. Dreimal wurde er mit der Note "vorzüglich" Bester seiner Klasse. Danach wurde ihm etwas anderes abgeschnitten als die Haare - Kastration. Dankbarkeit hatte Luis sich sicher anders vorgestellt. Nun wird er per Hand "gestrippt", graue Härchen verschwinden, der Dackel gewinnt an Kontur und Farbe. Im Salon kostet die Prozedur bis zu 35 Euro. Das Finish am Kopf macht die Dozentin.

Taille reintrimmen, Form modellieren - Groomer können mit der Schere fast zaubern. Und das gibt auch dem Pudel Schwung. Ute Klaßen erzählt von Riesenpudel Bobby. Selbst im Alter habe er noch den Salon geliebt: "Wir haben ihm die Pfötchen gemacht und den Körper", hernach sei er wie ein Zweijähriger stolziert.

Mit goldenen Reflexen im Haar ist jetzt Frosty, 8, zum Bade avisiert. Am "Champion International de Beauté" stimmt jedes Detail: Frisur, Kopfproportionen, Eleganz des Ausdrucks. Als der Cockerspaniel in den Salon federt, umweht ihn der weltläufig-lässige Glanz des Beaus. Wenngleich um die Schnauze erstes Grau schimmert.

Frostys Fell ungepflegt? Skandal!

In der Ecke stehen seine Pokale, internationale Richter lobten: "Sehr gut aufgebauter roter Rüde, harmonisch in allen Teilen, läuft mit gutem Schub." Frosty gehört Ute Klaßen. Einmal vergaß sie, ihm die Wimpern für eine Schau zu schneiden. Und einmal rügte eine Richterin, sein Fell sei nicht topgepflegt. Skandal! "Können Sie sich das vorstellen?", zischt Klaßen.

Frosty schließt die Augen. Seine Schlappohren werden gebürstet, es folgen das milde Hafershampoo, der kuschlig warme Fön, das vorgewärmte Handtuch plus Antistaticspray. Und dann: Relaxen. Oder? Kaum ist all das Kämmen und Föhnen vorbei, stupst Frosty seinen Groomer mit der Pfote: Weitermachen!

Ute Klaßen hat eine Idee. "Warum rufen wir nicht die spanischen Wasserhunde Fee und Floyd an?" Sie greift zum Telefon, flötet, ob Frauchen kommen könne. Für Schützling Astrid Minz eine Trainingschance auf exotischen Rassen.

Plötzlich weitet sich Klaßens Blick: Terrier Schröder hat die Salonecken markiert. Sie schimpft. Schröder legt den Kopf schief, blinzelt, der Lauf zittert wieder: Der Salon, es ist einfach sein Revier.

  • KarriereSPIEGEL-Autorin Stefanie Maeck (Jahrgang 1975) ist Absolventin der Zeitenspiegel Reportageschule und arbeitet als freie Journalistin in Hamburg. Sie studierte Germanistik, Philosophie und Romanistik und promovierte in Literaturwissenschaft.

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insgesamt 8 Beiträge
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    Seite 1    
1. Von Hundefriseuren und Doktoren
LeToubib 16.03.2012
Mich wundert, dass der Cocker so still hält! Meine English-Springer-Hündin lässt sich nicht einmal das Fell an den Pfoten stutzen, obschon man das bei Spaniels regelmässig machen muss, weil das Fell ansonsten die Zehen zu weit auseinander drückt. Und bei ihrem Freund, einem Cocker-Rüden, ist es genau dasselbe.
2. Abartige Prozeduren
Ylex 16.03.2012
Zitat: „...Vorsitzende des Berufsverbandes der Groomer...“ Die Welt wird immer verrückter, und die Groomer, neudeutsch Hundefriseure, sind ein Ausweis dafür. In dem Artikel klingt kaum Kritik an, schon deshalb ist er suboptimal, aber auch wegen der „lustigen“ Detailbeschreibungen, wie man einen Hund verunstaltet. Ein Hund ist ein Tier, das hat die Autorin, Frau Maeck, in ihrer kindlichen Begeisterung ganz vergessen, und ein Hund sollte wie Tier behandelt werden – und nicht wie ein Ausstellungsstück, das der Eitelkeit ihres Besitzers schmeichelt. Es gibt Hunde, denen muss man in ihrem Interesse gelegentlich die Haare schneiden oder das Fell stutzen, aber wenn man den Augenausdruck der Hunde beim Einseifen oder „Trimmen“ beobachtet, dann wird einem klar, dass die meisten dieser abartigen Prozeduren an Tierquälerei grenzen.
3. Erleichternd locker
garbanzo 16.03.2012
Mit diesem, endlich mal wieder, lockeren und trotzdem sprachlich gekonnten Artikel fühle ich mich in den Genuß früherer SPIEGEL-Zeiten zurückversetzt. Genau diese augenzwinkernde positive Ironie wünsche ich mir wieder öfters als Kontrast zu den leider in den letzten Jahren immer verbisserener und manipulativer werdenden Artikeln. Hoffentlich schade ich der Autorin mit solchen Lob nicht.
4.
lokken 16.03.2012
Zitat von YlexZitat: „...Vorsitzende des Berufsverbandes der Groomer...“ Die Welt wird immer verrückter, und die Groomer, neudeutsch Hundefriseure, sind ein Ausweis dafür. In dem Artikel klingt kaum Kritik an, schon deshalb ist er suboptimal, aber auch wegen der „lustigen“ Detailbeschreibungen, wie man einen Hund verunstaltet. Ein Hund ist ein Tier, das hat die Autorin, Frau Maeck, in ihrer kindlichen Begeisterung ganz vergessen, und ein Hund sollte wie Tier behandelt werden – und nicht wie ein Ausstellungsstück, das der Eitelkeit ihres Besitzers schmeichelt. Es gibt Hunde, denen muss man in ihrem Interesse gelegentlich die Haare schneiden oder das Fell stutzen, aber wenn man den Augenausdruck der Hunde beim Einseifen oder „Trimmen“ beobachtet, dann wird einem klar, dass die meisten dieser abartigen Prozeduren an Tierquälerei grenzen.
5.
lokken 16.03.2012
Zitat von YlexZitat: „...Vorsitzende des Berufsverbandes der Groomer...“ Die Welt wird immer verrückter, und die Groomer, neudeutsch Hundefriseure, sind ein Ausweis dafür. In dem Artikel klingt kaum Kritik an, schon deshalb ist er suboptimal, aber auch wegen der „lustigen“ Detailbeschreibungen, wie man einen Hund verunstaltet. Ein Hund ist ein Tier, das hat die Autorin, Frau Maeck, in ihrer kindlichen Begeisterung ganz vergessen, und ein Hund sollte wie Tier behandelt werden – und nicht wie ein Ausstellungsstück, das der Eitelkeit ihres Besitzers schmeichelt. Es gibt Hunde, denen muss man in ihrem Interesse gelegentlich die Haare schneiden oder das Fell stutzen, aber wenn man den Augenausdruck der Hunde beim Einseifen oder „Trimmen“ beobachtet, dann wird einem klar, dass die meisten dieser abartigen Prozeduren an Tierquälerei grenzen.
Wer lesen kann, ist klar im Vorteil. Im Artikel klingt schon Kritik an den Salons/Hundefriseuren an, die Hunde färben oder sonstwie "unsachgemäß" behandeln. Ansonsten gibt es, bei genauem Lesen, einige Beschreibungen, wie der Hund gerade eben nicht verunstaltet wird. Und wenn ich mir den Augenausdruck der abgebildeten Hunde ansehe, kommen die mir keineswegs "gequält" vor.
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