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Artgerechte Mitarbeiterhaltung Wider das Großraumbüro!

Großraumbüro in Kalifornien: "Ruuunter!", "Raaauf!" Zur Großansicht
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Großraumbüro in Kalifornien: "Ruuunter!", "Raaauf!"

Die Großraumisierung der Berufswelt schreitet voran. Dabei sind die Riesenbüros Blödsinn: Stimmen plappern, Flüche hallen, Stühle quietschen - nirgendwo werden Mitarbeiter besser von der Arbeit abgehalten, beobachtet Karrierecoach Martin Wehrle.

Zum Autor
  • Martin Frommann
    Martin Wehrle (Jahrgang 1970) war Manager, bevor er Karriereberater und Gehaltscoach wurde. Er ist Autor der Bücher "Lexikon der Karriere-Irrtümer", "Ich arbeite in einem Irrenhaus" und "Bin ich hier der Depp?".
Wände werden eingerissen, Schreibtische zusammengerückt, Mitarbeiter auf engsten Raum gepfercht: Das Einzelbüro stirbt aus, vom Großraumbüro verdrängt. Mittlerweile versammeln sogar traditionsbewusste Mittelständler ihre kleine Belegschaft in riesigen Büros, als wären sie Start-up-Unternehmen. Wenn alle in einem Raum sitzen, sitzen sie angeblich in einem Boot. Das Gemeinschaftsgefühl soll gestärkt, die Kommunikation erleichtert werden.

Dabei ist ein Großraumbüro der idealste Ort der Welt, um Menschen von der Arbeit abzuhalten: Stimmen plappern, Flüche hallen, Stühle quietschen. Ein Handy dudelt gegen das Klirren der Kaffeebecher an. Mit dem ewigen "Schnipp-schnapp" ihres Nagelknipsers trennt eine Kollegin die Nerven ihrer Sitznachbarn durch. Und alle hören mit, wie der Einkäufer mit gequetschter Stimme zum dritten Mal ohne Erfolg versucht, seinen Zahnarzttermin doch noch in diese Woche zu legen.

Im Großraum rasen die Gedanken durch den Kopf wie ein außer Kontrolle geratenes Jahrmarktkarussell. Brillante Einfälle sind ebenso unwahrscheinlich wie ungestörte Telefonate. Dauernd muss man erklären: "Affengeschnatter im Hintergrund? Nein, das sind drei Kollegen, die es für intelligent halten, alle zur gleichen Zeit zu reden."

Großraumbüros wirken sich auf die Produktivität der Mitarbeiter aus wie ein Ameisenbär auf den Ameisenhaufen. Der Preis dafür, dass keiner mehr aus der Reihe tanzt, besteht darin, dass keiner mehr etwas auf die Reihe bekommt. Die Nobelpreisträger wissen schon, warum sie ihre Geniestreiche an den einsamsten Orten vollbringen: in Kellerlaboren und stillen Schreibkammern.

Grippe für alle!

Aber natürlich hat das Großraumbüro auch eine Lobby: die Grippeviren. Wenn einer erkältet ist, sollen alle etwas davon haben! Freudig springen die Viren von Tisch zu Tisch. Oft wird ihre Arbeit durch verordnetes Händeschütteln erleichtert. Oder durch eine Putzkolonne, deren Etat derart massakriert wurde, dass sie sich mit Türklinken nicht mehr aufhält. Immerhin eine Kurve steigt in solchen Firmen noch: die Krankheitsrate.

Großraumbüros sollen zweierlei erhöhen: den Profit der Unternehmen und die Kontrollierbarkeit der Mitarbeiter. Jedes Einzelbüro erfordert eine Einzelheizung, eine Einzelbeleuchtung, ein Einzelnamensschild. Dagegen lassen sich Dutzende Mitarbeiter in ein Großraumbüro quetschen, jeder auf die Fläche eines Bierdeckels. Weniger Heizkörper, weniger Deckenleuchten, weniger Kosten! Und zudem: weniger Individualität. Niemand kocht mehr sein eigenes Süpplein, alle essen aus demselben Topf.

Für Privates bleibt den Mitarbeitern kein Raum. Jeder Kuss, den einer ins Telefon haucht, wird von zwei Dutzend Ohren aufgesaugt. Jede Seite, die einer im Internet aufruft, macht dem Hintermann Stielaugen. Und wer bei seiner Rückkehr aus der Mittagspause erlebt, dass sich vor seinem Schreibtisch eine Horde drängt, nur um das kleine Foto seiner neuen Liebsten zu besichtigen und zu kommentieren, wird künftig nur noch unverdächtige Devotionalien aufstellen. Etwa ein Bild seines verehrten Chefs!

Doch im selben Maß, in dem Motivation und Arbeitsfähigkeit in den Sinkflug gehen, nehmen die Arbeitszeiten zu. Wer es wagt, pünktlich um 17 Uhr die Firma zu verlassen, hört von den Kollegen: "Na, heute wieder mal einen halben Tag Urlaub?" Kollegen werden zu Aufsehern. Und ausgerechnet die heißen Burnout-Kandidaten, die im Großraumbüro campieren, geben den Arbeitsrhythmus der ganzen Truppe vor. Keiner will früh gehen, keiner spät kommen. Niemand lebt mehr seinen eigenen Rhythmus; alle unterwerfen sich dem Diktat der Gemeinschaft.

Stets zur Flucht bereit

Aber profitieren die Firmen am Ende nicht doch? Ja, die Kommunikation unter den Mitarbeitern nimmt zu. Aber die meisten Gespräche laufen so ab:

"Runter!", fordert der eine.

"Bist du wahnsinnig?", antwortet die andere. "Rauf!"

"Runter, sage ich!"

"Rauf, sage ich!"

"Ruuunter!"

"Raaauf!"

Natürlich geht es um die Temperatur der Heizung. Nahezu dieselbe Diskussion entbrennt über die Position der Jalousie. Die einen wollen Sonne im Raum, die anderen Schatten. Und tagelang wird gestritten, ob Gabis Parfüm noch eine hoch dosierte Geschmacksverirrung oder schon ein Gasangriff aufs ganze Büro ist. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann diskutieren sie noch heute - statt effektiv zu arbeiten!

Der Umweltpsychologe Gary Evans von der amerikanischen Cornell-Universität fand in einer Studie heraus: Der Körper schüttet im Großraumbüro doppelt so viele Stresshormone wie im Einzelbüro aus. Rund um die Uhr sind die Mitarbeiter zum Kampf oder zur Flucht bereit. Sie fühlen sich eingeengt, ihnen fehlt das eigene Revier. Das Krankheitsrisiko steigt.

Über artgerechte Hühnerhaltung wird viel gesprochen. Wann kommt das Thema "artgerechte Mitarbeiterhaltung" auf die Agenda?

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insgesamt 52 Beiträge
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    Seite 1    
1. Nun ja....
h0wkeye 26.01.2016
So sehr ich normalerweise die Beiträge des Herrn Wehrle schätze, dieser hier ist meiner Erfahrung nach undifferenzierter Unsinn. Wenn man moderne, durchdachte Großraumbüros anschaut, dann findet man keinen der Nachteile, die im Artikel angesprochen werden. Außer vielleicht die Virenschleider Lobby. Ich hatte selber immer größere Vorbehalte gegen die Trennwandabteilungen, habe mich aber eines Besseren belehren lassen. Und was die Virenverteilung Lobby angeht: Welches moderne Büro hat keinen zentralen Treffpunkt? Die werden eingerichtet um die Kommunikation unter den Mitarbeitern anzuregen. Da ist es völlig egal, ob die Lobby oder die Kaffeeküche zentral in einem Großraumbüro liegt oder abseits, wo dan alle hingehen.
2. 100 % Zustimmung
Hornet63 26.01.2016
Ich hatte auch einmal das Pech, einem Geschäftsbereichsleiter in die Hände zu fallen, der lediglich an der Senkung seiner Immobilienkosten interessiert war und das Großraumbüro seinen Mitarbeitern als Kommunikationsverbesserung und Ideenschmiede verkauft hat. Nach dem Umzug trat so ziemlich das ein, was in dem Artikel beschrieben ist. Einige Mitarbeiter haben dann mit den Füßen gezeigt, was sie davon halten, ich auch.
3. Na ist doch toll..
ferdi111 26.01.2016
so können sich die Mitarbeiter gegenseitig kontrollieren und wenn nötig...beim vorrübergehen einen Side-Kick ins Ohr husten. Auf diese Art und Weise werden unproduktive Mitarbeiter ganz schnell rausgekickt. Das ist die Perfekte Umgebung und ehrlich...wir alle wollen es doch so, oder? Hier wird nach Leistung bezahlt, oder? Hier muss jeder gleich behandelt werden, oder? Unproduktive müssen was anderes machen, oder? Ja..hört sich gut an...diese Idee. In 5 Jahren in SPON: "Also hier bei uns ist alles ausgeglichen und gerecht. Jeder mobbt den anderen, wir wissen alle gar nicht mehr , wer wen mobbt..aber das ist okay! Das spornt an....und unser Chef ist zufrieden. Und seit wir alle freiwillig 2 Stunden länger bleiben (hat sich so ergeben, ein paar von uns fingen damit an...) hat unser Chef für seine Freundin auch nen Porsche geschenkt. Die kam früher mit einem alten Golf. Aber ehrlich...dafür sind ihre Haare immer zersauselt, wenn sie kommt! Das war früher nicht so. Das sieht komisch aus. Da mache ich mir zur Zeit am meisten Sorgen.! Ob das am Porsche liegt?" .
4.
rumpel84 26.01.2016
Naja, wenn man im Großraumbüro etwas mehr Platz pro Mitarbeiter ist und zwischen den Tischgruppen trennende Wände oder Schränke / Stehtische stehen, finde ich es in Ordnung. Bei einem Kunden war ich mal in kleinen 4er Büros und fand es unangenehm. Wenn einer telefoniert geht das nicht im Rauschen unter, sondern man bekommt zwangsläufig das ganze Gespräch mit und muss warten bis er fertig ist. Dann noch Mief und Kolleginnen mit tausend Blumen und Parfüm.... Dann rennt man ständig in andere Büros um mit einem zu sprechen, der ist dann nicht da, also nochmal.... Einfach mal rüber rufen ist schon einfacher... Und Einzehaft ist auch nichts.
5.
mantrid 26.01.2016
Ein Großraumbüro ist so etwas wie die Legebatterie für Hühner ist. Innenarchitekten designen solche Massenhatung recht elegant und leider völlig unpraktisch. Folge ist permanenter Lärmteppich, der die Konzentration stört. Das ist genauso bescheuert wie Transparenz mit Glaswänden und Glastüren. Menschen kommunizieren vorrangig nonverbal, also mit Mimik und Gestik. Vertrauliche Gespräche sind dann ausgeschlossen. In so einem Laden möchte ich kein Kundengespräch führen.
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