• Drucken
  • Senden
  • Nutzungsrechte
 

Gutachten für den Naturschutz Die Krötenzählerin

Am Puls der Saiblinge: Friederike Eggers versteht sich als Anwältin der Natur Zur Großansicht
Eggers

Am Puls der Saiblinge: Friederike Eggers versteht sich als Anwältin der Natur

Wieso verhindern Juchtenkäfer, Feldhamster oder Kammmolche große Bauprojekte? Weil sie's können. Biologen wie Friederike Eggers sind der Schrecken von Bauträgern und Investoren. Mit Gummistiefeln und Notizblock stapft sie durch die Natur - und findet meist einen Kompromiss.

Klingelt bei Friederike Eggers, 54, in Hamburg das Telefon, dann ist am anderen Ende meist eine Behörde oder ein Bauherr. Sie wollen ein unabhängiges Gutachten. Eines, das aussagt, ob es seltene Tiere und Pflanzen in dem Gebiet gibt, wo jetzt ein Möbelhaus, ein Golfplatz oder eine Reihenhaussiedlung entstehen soll.

Dann greift Eggers zu Gummistiefeln, Taschenlampe und Block. Im Frühjahr zum Beispiel macht sie sich um 5 Uhr nachmittags auf den Weg und lauert Fröschen, Kröten und Molchen auf. Denn sobald die aus der Winterstarre erwachen, wollen sie nichts anderes als zum Laichen ans Wasser: "Dann ist ihnen kein Weg zu befahren."

Regen, Dämmerung und Temperaturen um die fünf Grad Celsius sind Spitzenbedingungen zum Zählen. Eggers sieht sie, wie sie aus ihrem Winterquartier kriechen. Es sind die Männchen, die voraneilen, am Wasser auf die Weibchen warten. Bis Mitternacht harrt Eggers aus, zählt manchmal bis zu 200 Stück.

Experten wie die selbständige Biologin sind der Schrecken von Bauinvestoren. Sämtliche Rote Listen der gefährdeten Arten hat sie verinnerlicht. "40 Prozent aller wildlebenden Tiere in Deutschland finden sich darauf", sagt Eggers.

Fotostrecke

17  Bilder
Blockiergetier: Wenn kleine Tiere große Projekte stoppen
Sie weiß um die Lebensgewohnheiten der zu schützenden Tiere, untersucht den Boden, den Sand, die Vegetation, die Bäume, die Gewässer, die Böschungen. Sie hält Ausschau. Vögel balzen, rufen und fliegen. Hamster erkennt sie an ihren Gängen. Bei Insekten gestaltet sich die Suche schwieriger.

Tiere suchen Nischen. So findet Eggers manchmal auch seltene Fledermausarten in alten Häusern. Sie zählt die Tiere, schreibt ihre Beobachtungen nieder, um dann eine Einschätzung zu geben, nach der gehandelt werden soll.

"Ein dickes Fell kann nicht schaden"

Den Schutz der Natur regelt die Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie von 1992. Sie ist zum europäischen Recht geworden und benennt Tiere und Pflanzen, die zu Blockierern für Bauvorhaben werden könnten. So manches Tier hat es deswegen schon auf die Titelseiten der Zeitungen gebracht. Dann wird über den Juchtenkäfer diskutiert, über Wachtelkönige, Kammmolche oder Fledermäuse, über Feldhamster oder Tellerschnecken.

Ist es sinnvoll, für ein paar Käfer ein millionenschweres Infrastrukturprojekt abzublasen, das viele Arbeitsplätze bringen könnte? Auch wenn sie nach gesetzlichen Vorgaben wissenschaftlich neutral arbeitet, sieht sich Eggers als Anwältin von Tier und Pflanze. Sie sagt: "Der Verlust biologischer Vielfalt ist genauso bedrohlich wie der Klimawandel."

Eine Untersuchung kann für den Bauherrn unangenehme Folgen haben. Sie kann dazu führen, dass sich Bauvorhaben zeitlich stark verschieben, dass Bäume und Vögel geschützt, Tiere und Pflanzen umgesiedelt werden. "Konflikte bleiben bei dem Job nicht aus. Ein dickes Fell kann nicht schaden". so Friederike Eggers.

Kernauftrag: Schadensbegrenzung

Schon ihre Familie, mit einem Bauernhof nahe dem Atomkraftwerk Stade, engagiert sich in der Anti-Atomkraft-Bewegung. "Das prägte mein Bewusstsein für Umweltfragen. Ich hatte immer das Gefühl, ich muss etwas tun." Eggers studierte Biologie, schloss 1986 mit dem Diplom ab, in einer Zeit, in der es wenig Stellen für Absolventen des Studienfaches gab. Zusammen mit einem Freund entdeckte sie eine Marktlücke: Sie wollte Gutachten schreiben, sich selbständig machen, Jobs übernehmen, die zu der Zeit noch von den Universitäten erledigt wurden. Sie reiste quer durch Deutschland, sprach mit den damals erst neu entstehenden Naturschutzbehörden und konnte überzeugen.

1987 eröffnete sie in Hamburg das erste Büro für biologische Gutachten. "Du musst sehr gute Artenkenntnisse haben, wetterfest sein und auch etwas von Projektmanagement und Finanzen verstehen", beschreibt Eggers die Anforderungen.

Manchmal steht sie stundenlang im Wasser. Wenn die Biologin für eine Behörde eine Wassergüteuntersuchung durchführt, watet sie in Neoprenhose mit Kescher und Sieb durch hüfthohe Flüsse und nimmt Proben von Tieren. Die Köcherfliegen, Flohkrebse, Tellerschnecken und Zuckmückenlarven füllt sie in Behältnisse, die aussehen wie Marmeladengläser. Unter einer großen Lupe untersucht sie die Wassertiere im Labor, zählt und bestimmt und schreibt eine Liste. Sie verbringt aber auch viel Zeit im Büro und Labor, wertet Proben und Daten aus und fasst Ergebnisse zusammen.

Am Ende steht immer ein Gutachten. Im Falle der Kröten sind die Empfehlungen dann etwa so: "Amphibienzäune aufstellen, Tunnelsysteme errichten, also die Frösche auf andere Wege umleiten, weil sie sonst nicht überleben würden." Dass Bauvorhaben ganz gestoppt werden, kommt selten vor. Im Alltag von Friederike Eggers heißt es meist: Schäden begrenzen und Kompromisse machen.

  • KarriereSPIEGEL-Autorin Katja Kasten arbeitet als freie Journalistin in Hamburg.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 22 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Diesen Irrsinn leistet sich nur Deutschland !
herbert 21.06.2013
Zitat von sysopEggersWieso verhindern Juchtenkäfer, Feldhamster oder Kammmolche große Bauprojekte? Weil sie's können. Biologen wie Friederike Eggers sind der Schrecken von Bauträgern und Investoren. Mit Gummistiefeln und Notizblock stapft sie durch die Natur - und findet meist einen Kompromiss. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/gutachten-fuer-die-natur-die-kroetenzaehlerin-a-906711.html
Denn hinter diesen Figuren der Verweigerer stehen oft politische Figuren, die einen anderen Staat wollen. Ein Staat ohne Autos und die Abschaffung der Flughäfen! Deutschland ist ein Industriestaat und kein Biotop für Träumer und Spinner! Ein vernünftiger Umweltschutz macht Sinn, aber in Deutschland ist das Thema reif für die Klapse geworden, denn man tut hier so, als wenn Deutschland das Klima der Welt retten kann. Deutschland ist ein Fliegenschiss auf der Weltkarte! Jetzt fehlt nur noch als nächste Stufe, das man doch Juchtenkäfer, Feldhamster oder Kammmolche kleine Mäntelchen nähen sollte, damit sie im Winter nicht frieren. Frageß Wer schützt uns vor den Umweltschützern ?
2. ...
litholas 21.06.2013
Zitat von herbertDenn hinter diesen Figuren der Verweigerer stehen oft politische Figuren, die einen anderen Staat wollen. Ein Staat ohne Autos und die Abschaffung der Flughäfen! Deutschland ist ein Industriestaat und kein Biotop für Träumer und Spinner! Ein vernünftiger Umweltschutz macht Sinn, aber in Deutschland ist das Thema reif für die Klapse geworden, denn man tut hier so, als wenn Deutschland das Klima der Welt retten kann. Deutschland ist ein Fliegenschiss auf der Weltkarte! Jetzt fehlt nur noch als nächste Stufe, das man doch Juchtenkäfer, Feldhamster oder Kammmolche kleine Mäntelchen nähen sollte, damit sie im Winter nicht frieren. Frageß Wer schützt uns vor den Umweltschützern ?
Sie haben den Artikel offensichtlich gar nicht gelesen. Er endet mit: "Am Ende steht immer ein Gutachten. Im Falle der Kröten sind die Empfehlungen dann etwa so: "Amphibienzäune aufstellen, Tunnelsysteme errichten, also die Frösche auf andere Wege umleiten, weil sie sonst nicht überleben würden." Dass Bauvorhaben ganz gestoppt werden, kommt selten vor. Im Alltag von Friederike Eggers heißt es meist: Schäden begrenzen und Kompromisse machen "
3. Die FFH-Richtlinie
tfjljfds 21.06.2013
ist zunächst einmal nicht zu verwechseln mit der in einer Bildunterschrift genannten Umweltverträglichkeitsprüfung. Diese Prüfung ist im Übrigen schon seit Jahren Pflicht, bei der Planung von Autobahnen etwa (dort ist es die SUP Strategische Umweltprüfung - bei der erst einmal grob geschaut wird, ob es für die Trassenlegung umweltfreundliche Alternativen gibt). Und bei Bauprojekten generell - dort ist es eben die UVP. Das Ergebnis dieser Prüfung wird dann abgewogen - das heißt es kann sehr wohl sein, dass manchmal die Faktoren Wirtschaft / Standortanschluss usw. nachher schwerer wiegen und dem Projekt Vorrang gegeben wird. Aber DASS erst einmal geschaut wird: was ist da, was könnte bedroht sein - ist grundsätzlich richtig. Es wird ja andersherum auch eine Aufstellung gemacht, was die Vorteile eines Bauprojekts sind. Wenn jetzt jemand denkt: hui, so viele Kosten ... der hat nicht bedacht, wie kostenintensiv es sein kann (oder am Ende unmöglich), eine Art zu erhalten, deren letzten Lebensraum gerade zerstört wurde. Ich erinnere da an die Plakate, auf denen uns der Tiger anschaut und gewarnt wird: zerstört nicht meinen Lebensraum, den Urwald. Das gilt eben auch für andere (kleinere) Tierarten - und: eine bauliche Veränderung stellt immer einen empfindlichen Eingriff in ein Ökosystem dar!
4. Grundlage für den Artenschutz ist Europäisches Recht
dipl_biol_schmidt 21.06.2013
Die ganze Sache mit den Gutachten geschieht nicht auf Bestreben der Umweltschützer, sondern ist spätestens seit 1992 fest im europäischen und Recht verankert (Richtlinie 92/43/EWG (Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie)) sowie Vogelschutzrichtlinie (79/409/EWG) Die Richtlinie wurde maßgeblich von Klaus Töpfer (CDU) vorbereitet, genau wie die Umweltverträglichkeitsprüfung - alles unter der CDU-Regierung von Helmut Kohl. Wenn man so will, ist die CDU an den ganzen Umweltgutachten schuld. Allerding wurden die Richtlinien erst später konsequent durchgesetzt, nachdem Deutschland und diverse andere europäische Staaten schon mehrfach abgemahnt und teilweise bestraft worden waren, weil sie die Richtlinie nicht konsequent genug umgesetzt hatten. Dies fiel dann in die Zeit der Rot-Grünen Schröder-Regierung. Mittlerweile wurde das deutsche Naturschutzrecht auch an die Richtlinie angepasst: Bundesartenschutzverordnung und Bundesnaturschutzgesetz. Etwa seit 2005 werden die Gesetze auch sinnvoll umgesetzt (zu diesem Zeitpunkt erfolgten letzte Anpassungen an den Gesetzen, um Schlupflöcher zu schließen und Klarheit zu schaffen) Seitdem gibt es auch einen Verfahrensvorschlag für die Artenschutzgutachten vom LANUV NRW (Landesamt für Umwelt- und Verbraucherschutz). Dieser wurde von anderen Bundesländern in ähnlicher Form übernommen und wird seitdem umgesetzt.
5. Warum muss das immer Anti-AKW Sozialisation sein?
Jan-Christian_Lewitz 21.06.2013
Das ist schön, dass Frau Eggers "nach gesetzlichen Vorgaben wissenschaftlich neutral arbeitet" und "sich ... als Anwältin von Tier und Pflanze" sieht. Ganz ohne Ironie. Zur Sozialisation erfahren wir: "Schon ihre Familie, mit einem Bauernhof nahe dem Atomkraftwerk Stade, engagiert sich in der Anti-Atomkraft-Bewegung. 'Das prägte mein Bewusstsein für Umweltfragen. Ich hatte immer das Gefühl, ich muss etwas tun.' " Warum wird nur bei der friedlichen Nutzung der Kernenergie immer die wissenschaftliche Neutralität ausgeblendet, die beim Zählen von Pflanze und Tieren dann zur Anwendung kommen soll? Statt an wenigen AKW-Standorten viel Strom und Wärme zu erzeugen haben wir jetzt einen immer größeren Landschaftsverbrauch durch Windkraftanlagen und insbesondere durch Photovoltaikanlagen. Dazu noch die den Boden auslaugenden Monokulturen für die Biomasseverstromung. Im Gutachten der GRS im Mai 2011 zu den KKW in Deutschland war die klare Aussage, dass ältere Anlagen aufgrund von durchgeführten Nachrüstmaßnahmen einen höheren Sicherheiststndard hatten als neuere ohne Nachrüstung. Die AKW mussten aus politischen Gründen abgeschaltet werden. In Japan wurden Fehler bei Planung und Aufsicht festgestellt. In Deutschland konnten solche Fehler trotz intensiver Suche nicht festgestellt werden.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik KarriereSPIEGEL
RSS
alles aus der Rubrik Berufsleben
RSS
alles zum Thema Allerhand Getier - KarriereSPIEGEL
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Fotostrecke
Attraktive Ausscheidungen: Der Wurmfarmer und seine Lieblinge
Verwandte Themen

Fotostrecke
Schweineflüsterer: Mit Disco-Nebel in den Stall

Fotostrecke
Von Beruf Ameisenhändler: Martin and the Ants

Fotostrecke
Herr der Insekten: Showdown im Gewächshaus

Social Networks