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10. Januar 2013, 09:33 Uhr

Schiffsplanerin

Tetris mit 7000 Containern

"Geh mir wech", dachte Anna Ketzscher, als sie zum ersten Mal das Container-Wirrwarr auf einem Frachtschiff sah. Heute sorgt sie als Schiffsplanerin dafür, dass jede Box den richtigen Platz bekommt. Was nach lustigem Container-Tetris klingt, erfordert höchste Konzentration.

Konzentriert blickt Anna Ketzscher an ihrem Arbeitsplatz auf ihre drei Monitore: Ladelisten, Schiffslängsschnitt und Containerschächte bauen sich vor ihr auf. Geschickt jongliert die 30-Jährige auf ihren Bildschirmen mit vielen Programmen gleichzeitig. Ihre Arbeit ist das Beladen von Containerschiffen. "Man muss viele Zahlen im Blick behalten und mit ihnen gut umgehen können", sagt die Schiffsplanerin des Hamburger Hafenbetreibers HHLA am Containerterminal Tollerort. Für sie scheint das kein Problem: "Ich mochte Mathe sehr gern."

Ihre jüngste Aufgabe war die Beladung der "Evergreen Smile", die eine maximale Kapazität von rund 7000 Standardcontainern hat. Laderaum und Deck müssen so beladen werden, dass die Container für den nächsten Hafen einfach gelöscht werden können, ohne dass Boxen für weitere Häfen im Weg stehen. Was sich so leicht anhört und am Computer wie ein Knobelspiel mit Farbplättchen wirkt, ist ein hochkomplexer, mit spezifischer Software unterstützter Logistikprozess.

"Nur was drin ist, weiß ich nicht"

"Wenn bei mehr als 2000 zu ladenden Containern eine Differenz von ein, zwei Boxen auftaucht, fangen Sie ganz schön an zu suchen." Ketzscher erinnert sich gut daran, wie ungläubig sie beim ersten Blick auf die Monitore reagiert hat: "Geh mir wech - und das ist jetzt mein Handwerkszeug." Sie lacht.

Minutiös tüftelt die Schiffsplanerin die Beladungspläne aus, verschiebt Boxen am Bildschirm nach rechts und links, von vorn nach hinten, von unten nach oben. Schließlich muss auch deren Gewicht ausgewogen über das gesamte Schiff verteilt werden. Der Reeder hat Ketzscher mit einer Buchungsliste vorgegeben, welche Container mit dem jeweiligen Schiff in welche Häfen transportiert werden sollen.

Vom Zentralplaner der Reederei erhält sie zudem den General Stowage Plan. Darin sieht sie, wo die zu löschenden Container stehen und welche Containerschächte (Bays) unter und über Deck neu beladen werden dürfen. Räumliches Vorstellungsvermögen zahlt sich aus. "Nur was in den Containern drin ist, weiß ich nicht", erzählt Ketzscher. Über Gefahr- und Kühlgut ist sie wegen spezieller Stellanforderungen informiert.

In ihrer Frühschicht arbeitet die Hamburgerin an den Plänen, dann übergibt sie "ihr Schiff" an einen Kollegen. Rund um die Uhr läuft diese Arbeit. Dass das übrige Team im Großraum nur aus Männern besteht, stört Ketzscher nicht: "Da ich in einer Spedition gelernt habe, war ich vom Beginn meines Berufslebens fast nur von Männern umgeben, die einen relativ rauen Ton anschlagen können. Es war für mich nicht ungewöhnlich, als ich in der Lkw-Abfertigung den Spruch zu hören bekamen: "Ach Gott, ein junges Mädchen." Sie finde es angenehm, mit weniger Frauen zu arbeiten: "Der berühmt-berüchtigte Zickenkrieg bricht hier nicht aus."

Zu Schulzeiten war Ketzschers Karriere so nicht absehbar. Nach dem Abitur lernte sie Speditionskauffrau, bewarb sich anschließend bei der HHLA - und kam zur Lkw-Abfertigung an den Tollerort. Nach knapp drei Jahren wechselte sie in die Projektarbeit und studierte nebenher Betriebswirtschaftslehre. Als die HHLA 2011 erstmals die Weiterbildung zum Schiffsplaner anbot, zögerte die Kauffrau nicht: "Das Kerngeschäft der HHLA, der Containerumschlag auf der Wasserseite - das war faszinierend für mich. Die Landseite kannte ich ja nun schon gut."

Es klappte für Ketzscher. Von gut 50 Bewerbern kam ein Fünftel in das Pilotprojekt, darunter drei Frauen - je eine für die drei HHLA-Containerterminals in Hamburg. Nach drei Monaten Theorie und einem Dreivierteljahr praktischer Einweisung hatte die Schiffsplanerin ihre neue Berufsbezeichnung. Stolz trägt sie diesen Titel auch auf ihrem Schutzhelm, den sie beim Besuch der Schiffe aufsetzen muss. Dort spricht sie mit dem Ersten Nautischen Offizier den Stau - Fachjargon für Ladung - ab. "Erst wenn er den Plan gebilligt hat, fangen wir an zu laden", berichtet Ketzscher. Containerbrücken sind nun in Bewegung, hieven die Boxen von Bord, und Van-Carrier rollen über das Gelände, um die Container abzuholen und neue anzulanden. Das Im- und Exportgeschäft pulsiert im Hafen.

Almut Kipp, dpa/ant

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