Haben die Arbeitsmarktreformen Gerhard Schröders zum Rückgang der Arbeitslosigkeit und dem Aufbau der Beschäftigung beigetragen? Zum zehnten Jahrestag der Agenda-2010-Rede am 14. März sahen das die meisten Kommentatoren so. Andere Stimmen behaupten dagegen, die höhere Erwerbstätigkeit heute sei kein wirklicher Erfolg: Das Arbeitsvolumen - die Summe der insgesamt in der Wirtschaft gearbeiteten Arbeitsstunden - habe nämlich nicht zugenommen, es seien nur Stellen aufgespalten worden. Wer hat recht?
Ein Blick auf die Zahlen zeigt: Das Arbeitsvolumen lag 2012 mit 58,12 Milliarden Stunden um gut vier Prozent über dem Stand von 2003 mit 55,88 Milliarden Stunden. Man muss fast 20 Jahre, bis ins Jahr 1994, zurückgehen, um einen ähnlich hohen Wert zu finden. Der Arbeitsmarkterfolg der letzten Jahre ist also auch am Arbeitsvolumen ablesbar. Gleichzeitig ist richtig, dass sich die Verteilung der Arbeitszeit strukturell verändert hat. Teilzeitjobs haben besonders zugelegt. Ihr Anteil an der Beschäftigung ist kontinuierlich gestiegen. Das geht aber offenbar nicht zwangsläufig zu Lasten der Vollzeitbeschäftigung.
Zwar lag die Zahl der Personen mit einem Vollzeitjob 2012 noch minimal niedriger als 2003 (24,30 versus 24,32 Millionen). Den aktuellen Prognosen zufolge wird aber bereits 2013 die Zahl der Vollzeitbeschäftigten den Wert von 2003 übersteigen. Das ist das Ergebnis eines Trendbruchs: Bis 2006 gab es einen langanhaltenden Rückgang von Vollzeitjobs, seitdem legen sie wieder zu.
Keineswegs die einzige Ursache für die gute Arbeitsmarktentwicklung
An der Agenda 2010 und den Hartz-Reformen lässt sich manches kritisieren, und sie sind auch keineswegs die einzige Ursache für die erfreuliche Arbeitsmarktentwicklung der letzten Jahre. Die Stärke der deutschen Exportindustrie, die viele Jahre sehr moderate Lohnentwicklung, die steigende internationale Nachfrage nach den hierzulande hergestellten Produkten - das sind beispielsweise einige weitere Faktoren, die eine Rolle spielen. Wie stark welcher Faktor im Einzelnen zur Gesamtentwicklung beigetragen hat, lässt sich nicht präzise beziffern. Es ist aber nicht ernsthaft zu bestreiten, dass die Arbeitsmarktreformen der Regierung Schröder einen relevanten Beitrag geleistet haben.
Heute gilt es, ist die Balance zwischen Fördern und Fordern besser auszutarieren und noch fehlende Leitplanken zum Schutz sozialer Standards zu ergänzen. Die Lohn- und Vermögensungleichheit ist nach den Hartz-Reformen weiter angestiegen. Für viele gilt es als ausgemacht, dass die Agenda 2010 im Paket mit den Hartz-Reformen dafür verantwortlich ist. Was dabei aber häufig übersehen wird: Nicht erst seit der Agenda 2010 und den Hartz-Reformen erleiden Geringqualifizierte Reallohnverluste. Der Trend zu mehr Lohnungleichheit und atypischen Erwerbsformen begann bereits lange vorher.
Vollzeitbeschäftigung schützt nicht vor Armut
Richtig ist aber auch, dass Schröders Reformen bestehende Trends teilweise noch verstärkt haben. Derzeit schützt selbst Vollzeitbeschäftigung nicht immer vor Armut. Hier wäre ein Mindestlohn in vernünftiger Höhe hilfreich. Zudem hätte man die Deregulierung der Zeitarbeit mit besseren Schutzmechanismen gegen unerwünschte Nebeneffekte verbinden können. Die mittlere Dauer der Arbeitsverhältnisse dort ist sehr kurz, der Lohnnachteil von Zeitarbeitern ist zumindest teilweise ungerechtfertigt. Mittlerweile wurde da immerhin durch die stufenweise Angleichung der Löhne von Leiharbeitern und Stammkräften etwas nachgebessert.
Bei aller Kritik im Detail: Sieht man sich die Situation am deutschen Arbeitsmarkt unvoreingenommen an, lässt sich nicht wegdiskutieren, dass sich Schröders Arbeitsmarktreformen unterm Strich ausgezahlt haben.
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