Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

ThemaVorsicht, Kunst! - KarriereSPIEGELRSS

Alle Artikel und Hintergründe


 

Karriere in der Kunstbranche Malen nach Zahlen

142 Millionen Dollar hat kürzlich ein Gemälde bei einer Auktion erzielt: Der Kunstmarkt ist völlig durchgedreht, auch in Deutschland boomt das Geschäft. Wer als Künstler vom Kuchen etwas abhaben will, muss auch unternehmerisch denken - ob ihm das liegt oder nicht.

Der allererste Kunstmarkt der Welt wurde erfolgreich verhindert. "Du sollst dir kein Bildnis machen" von Gott, heißt es schon im zweiten der Zehn Gebote, die Moses damals freundlicherweise entgegennahm.

Es half alles nichts: Die Kunstbranche dreht sich seit gut zehn Jahren in immer neue Sphären, seit die Gegenwartskunst in Auktionshäusern Höchstpreise erzielt. Im Zuge der Weltwirtschaftskrise suchten alle nach Investitionsobjekten, deren Wert bombensicher steigt. Und statt wie sonst nur nach Goldbarren zu greifen, entdeckten viele auf einmal die bildende Kunst als Anlage. Als im Herbst ein Triptychon von Francis Bacon für 142 Millionen Dollar versteigert wurde, war das ein neuer Höhepunkt.

"Die Meldung ist nicht mehr, welches tolle Kunstwerk verkauft wurde - sondern zu welchem Preis", sagt die Kunstwissenschaftlerin Friederike Hauffe, die diese Entwicklung früh erkannt hat - und seit zehn Jahren an der Freien Universität Berlin Weiterbildungen in Kunstmanagement anbietet. Dort können sich Galeristen, Kuratoren, Sammler, Künstler und alle, die es werden wollen, mit Wissen über den Markt versorgen.

Fotostrecke

5  Bilder
Von Beruf Kunstberater: Kauf doch mal das hier
Jeder in der Branche will ein Stück vom Kuchen haben, die Strukturen ändern sich. Das zeigt schon die Anzahl der Künstler: So waren 1991 bei der Künstlersozialkasse, bei der sich freischaffende Künstler versichern, in der Sparte "Bildende Künstler" gerade mal 18.732 Personen gemeldet; 2012 waren es 62.000.

"Die Grenzen zwischen den einzelnen Berufen und den Sparten der Branche weichen zusehends auf", sagt Friederike Hauffe. "Künstler kuratieren Ausstellungen, Sammler betreiben Museen und handeln." Das habe zwar positive Effekte, bringe aber auch eine größere Unsicherheit mit sich.

"Wir agieren ökonomisch, dürfen aber nicht darüber reden"

Der Businessansatz etabliert sich peu à peu auch an anderen Kunsthochschulen: An der Freien Akademie der Bildenden Künste in Essen gehören Managementkurse zum Studienangebot, an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Karlsruhe nennt man es gleich "Professionalierungsseminar". Hier lernen Studenten, wie man seine Preise gestaltet, wie der deutsche Ausstellungsbetrieb funktioniert, wie man einen Katalog aufbaut, aber auch wie man seine Arbeiten am besten lagert. Meist handelt es sich um kurze, punktuelle Seminare. Am umfassendsten aufgestellt ist sicher das Zentrum für Internationales Kunstmanagement CIAM, das einen fachübergreifenden Masterstudiengang anbietet. Allerdings ist die 2005 von vier Düsseldorfer und Kölner Kunsthochschulen gegründete Einrichtung akut von der Schließung bedroht.

Bei Künstlern gibt es eine natürliche Scheu vor der Business-Seite ihrer Arbeit. "Es gibt eine rhetorische Regel in unserem Geschäft", erklärt Hauffe. "Wir agieren ökonomisch, dürfen aber nicht darüber reden. Sonst verkauft sich Kunst nicht." Doch das "merkantile Element" hat sich in den vergangenen Jahren gewandelt, sagt Karin Lingl, Geschäftsführerin des Bonner Kunstfonds, der bildende Künstler finanziell unterstützt. "Bei den Abschlussausstellungen der Meisterklassen vor 15 Jahren lagen nicht einmal Preislisten aus", sagt sie, heute seien die Rundgänge dagegen eher "PR-Shows".

Sechs Tipps zum Überleben als Künstler

Zitate starten: Klicken Sie auf den Pfeil

Der Kunstfonds ist eine der etabliertesten Förderinstitutionen in Deutschland. Das Fördersystem ist komplex, die Zahl der ausgelobten Preise und Zuschüsse mittlerweile fast unüberschaubar. Und angesichts der immer prekären Lage der Künstler gibt es wahrscheinlich keinen, der nicht wenigstens einmal darüber nachgedacht hat, sich um ein Stipendium zu bewerben, am liebsten natürlich in der legendären Villa Massimo in Rom. 1,1 Millionen Euro verteilt allein Lingls Fonds im Jahr, 70 Künstler oder einzelne Initiativen werden damit unterstützt, mal gibt es Geld für Projekte, mal Arbeitsstipendien, 18.000 Euro sind das derzeit.

Die Förderungen seien vor allem gedacht für Künstler, die noch nicht etabliert sind, so Lingl, und noch nicht hundertprozentig wissen, in welche Richtung es gehen soll. 70 bis 80 Prozent der Bewerber zählt sie zur Gattung "Nachwuchs". Anfang der Achtziger, erzählt sie, seien zwischen 250 und 400 Bewerbungen im Jahr eingegangen - heute 1700. Ein Grund, warum diese Art der Förderung nötig ist, liegt an den wachsenden Genres Installation, Konzept-, Sound- und Videokunst: "Klassische 'Flachware' ist als Einzelstück natürlich leichter verkaufbar als ein Video", sagt sie.

Viele jobben nebenbei - mit Glück in der Kunstbranche

Stipendien und andere Fördermittel sind jedoch nicht darauf angelegt, den Lebensunterhalt eines Künstlers zu sichern. "Ganz viele jobben nebenher", sagt Lingl. Wer Glück hat, kann in seiner Branche bleiben, baut Ausstellungen auf, arbeitet in Galerien oder bei Kunsttransporten oder heuert als Künstlerassistent bei einem etablierten Kollegen an - allein der isländische Konzeptkünstler Olafur Eliasson, der seinen Standort vor Jahren nach Berlin verlegt hat, hat ein Team von 70 Leuten um sich.

Karin Lingl rät Künstlern, Atelierverbände zu gründen und gemeinsam Ausstellungen zu organisieren - auch wenn sie letztlich auch Konkurrenten sind, sei die Multiplikatorenwirkung enorm.

Denn nur so generiert man die Aufmerksamkeit, die man braucht, um etwa irgendwann auf den großen Kunstmessen vertreten zu sein, auf der Art Basel mit ihren internationalen Ablegern zum Beispiel, auf der Art Cologne und der eher kleinere Kunstmesse Karlsruhe. "Die meisten Künstler werden von Galerien durchgesetzt", sagt Friederike Hauffe. Doch das wird immer schwieriger, wie eine aktuelle Studie zeigt: In Deutschland vertreten 700 Galerien 11.000 Künstler und machen zusammen 450 Millionen Euro Umsatz. Aber allein 80 Prozent davon erwirtschaften nur die 15 Prozent der umsatzstärksten Galerien.

Das Idealbild, das man von Künstlern gerne zeichnet, ist das eines Seismografen für soziale Entwicklungen. Entsprechend das Bild, das die Kunstbranche derzeit abgibt. Es geht, wie überall, um den Warenwert.

  • KarriereSPIEGEL-Autorin Anne Haeming (Jahrgang 1978) ist freie Journalistin in Berlin.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
Kritzelbilder: Ist das Kunst, oder kann das weg?
Verwandte Themen

Fotostrecke
Tobias Meyer: Der erfolgreichste Auktionator der Welt

Fotostrecke
Disney-Zeichner Gulbransson: Ente gut, alles gut

Fotostrecke
Geister, Teddys, Joseph Beuys: So schön kritzeln die Leser

Social Networks