Joballtag einer Hauptkommissarin Wir sind doch die Guten
Auf "Bullenschwein" oder "Bulette" reagiert sie gar nicht mehr. Hauptkommissarin Birgit Reimann ist Beschimpfungen gewohnt. Schwieriger für sie: Nazis schützen, obwohl sie selbst gern gegen rechts demonstrieren würde.
Seit über 30 Jahren ist Birgit Reimann im Polizeidienst und schildert in ihrem Buch "Die Großstadt ist mein Revier" mit Szenen aus dem Alltag, wie eine Polizistin arbeitet. So möchte sie "deutlich machen, dass in den blauen oder grünen Uniformen normale Menschen stecken, die das, was sie erleben, auch irgendwie wegstecken müssen", schreibt Reimann - hier ein gekürzter Auszug aus dem Kapitel "Allein unter Männern".
"Manchmal frage ich mich, ob es nicht auch kreativere Beschimpfungen für meinen Beruf gibt. 'Bullen, verpisst euch, keiner vermisst euch!', brüllen die Sprechchöre, schon gefühlte Stunden lang. Dazwischen ruft immer mal wieder einer: 'Scheißbullen!' oder 'Bullenschweine!'
Ein leichter Nieselregen hat eingesetzt. Es ist Ende September, nicht warm, aber ich schwitze in meiner Ausrüstung: Arm- und Beinschoner, darüber der Einsatzanzug aus einem besonders festen Stoff, die P6 und die Handschellen am Gürtel, die schweren Schuhe und zu allem Überfluss auch der Helm, der Schild mit Schlagstock, außerdem baumelt um meinen Hals noch die Gasmaske. 'Kleiner Kampfanzug' nennen wir das. Der sieht schon nicht klein aus, aber wenn man einige Zeit drinsteckt, kommt er einem nur noch groß und schwer vor.
Wenn ich das Ding nachher ausziehe, werde ich mich federleicht fühlen. Ich kann es kaum erwarten, aber momentan sieht es nicht so aus, als würde das hier bald zu Ende sein: Wir begleiten eine Demonstration gegen Rechts. Direkt neben mir steht Manfred, den Namen des Kollegen auf der anderen Seite habe ich vergessen.
Ich persönlich finde es gut, dass gegen Rechts demonstriert wird, und ich würde auch mitmarschieren, aber heute gehört es nun mal zu meinem Job, für Sicherheit zu sorgen, und ich muss mit meinen Kolleginnen und Kollegen eben aufpassen, dass niemand vor lauter 'Eifer' andere verletzt. Denn für heute ist auch ein Naziaufmarsch angekündigt.
Das wird gleich Ärger geben
Wir sind hier, um die Menschen, die an der Demonstration gegen Rechts teilnehmen, zu schützen. Aber es ist auch unsere Aufgabe, dafür zu sorgen, dass keiner der Demonstranten jemanden angreift, der am Naziaufmarsch teilnimmt. Das heißt, wir schützen die Nazis ebenso wie deren Gegner, auch wenn mir das zu Anfang merkwürdig vorkam. Doch Gewalt sollte eben von keiner Seite ausgehen.
Eine Weile sah es so aus, als wäre das eine rundum friedliche Veranstaltung. Aber dann kamen von irgendwoher rechte Parolen, woher, ist mir ein Rätsel, weil der Naziaufmarsch extra in einen anderen Stadtteil verlegt worden war. 'Diese Idioten', stöhnt Manfred. Und er hat recht. Das wird auf jeden Fall Ärger geben.
Erste Beschimpfungen werden gerufen, in Richtung der Rechten, aber vor allem gegen uns, weil wir die ja auch schützen. Mir wird noch wärmer in meiner Kampfmontur. Ich habe das dumpfe Gefühl, dass heute noch etwas passiert. Ich hoffe, dass ich mich täusche! Leider täuscht mich mein Gefühl aber selten. Inzwischen beginnt es zu dämmern. Das Blaulicht der Einsatzwagen, die hinter uns stehen, sieht man jetzt deutlicher. Es flackert über unsere weißen Helme und über die dunkler werdende Masse der Demonstranten.
Ich würde gerne etwas trinken, vor allem aber müsste ich mal für kleine Polizistinnen. Daran ist in dieser Situation natürlich nicht zu denken. Die Kollegen sind da deutlich im Vorteil. Bisher ist niemand auf die Idee gekommen, während solcher Einsätze ein Dixiklo für uns hinzustellen.
'Deutsche Polizisten - Mörder und Faschisten!' Die Stimmung scheint sich zuzuspitzen. Ich sehe mich um. Hinter uns sind ein paar Schwarzgekleidete mit Springerstiefeln und Glatzen, es sind höchstens fünfzehn, aber sie brüllen ihre Parolen so laut, dass man denken könnte, es wären mindestens doppelt so viele.
Sie verstehen nicht, warum wir sie nicht zu ihren Gegnern lassen
Vor uns: ein Pulk von Demonstranten, die sich durch die Rechten provoziert fühlen. Ich schätze, es sind vielleicht fünfzig, aber von meiner Warte aus kann ich das schwer überblicken. Ich habe nur den Eindruck, dass es mehr werden. Sie verstehen ganz offensichtlich nicht, warum wir sie nicht zu ihren Gegnern lassen. Sie haben den Eindruck, dass wir die Nazis schützen und zulassen, dass sie von denen verspottet werden. Ihr ganzer Ärger richtet sich jetzt gegen uns. Wenn das hier eskaliert, gibt das einen richtigen Kampf. Für alle Fälle stehen die Wasserwerfer in Position. Ich hoffe, dass die heute nicht eingesetzt werden müssen.
Und dann kommt plötzlich Bewegung in unsere Reihe, irgendwo neben uns muss es angefangen haben. Geschubse und Gerangel. Es geht also doch los. Die Demonstranten, die uns eben noch aus sicherer Entfernung beschimpft haben, drängen jetzt in unsere Richtung. Ich spüre etwas Hartes gegen meine Schulter prallen und packe den Schlagstock fester.
Zwei Stunden später ist das Gerangel vorbei. Die meisten Demonstranten sind verschwunden, auch die friedlichen, leider. Wir stehen inzwischen wieder bei unseren Einsatzwagen und überprüfen die Papiere einzelner Personen, mit denen es Ärger gegeben hat.
"Birgit, kommst du mal?" Manfred hält eine junge Frau fest am Arm. Sie scheint ungefähr so alt wie ich zu sein. Ihre Hände sind bereits mit Handschellen gefesselt. Ihr langes, braunes Haar ist feucht vom Regen und hängt ihr ins Gesicht.
Ich habe heute Abend noch was vor
'Verdammte Bullenschweine!', zischt sie, als ich auf sie zugehe. 'Scheiß Bulette!' Die Frau sieht mich feindselig an, während ich sie abtaste. Ich mache einfach meine Arbeit und ignoriere ihre Beschimpfungen. Wenn ich jetzt jede Beamtenbeleidigung zur Anzeige bringe, komme ich erst morgen früh nach Hause, und eigentlich habe ich heute Abend noch etwas vor.
Ich bin unendlich müde, meine Kleidung klebt an mir, meine Knochen schmerzen, und ich würde wesentlich lieber Feierabend machen, als Demonstrantinnen zu durchsuchen. Als ich fertig bin, hält Manfred mir einen Kaffee hin. Ich nehme dankend an. Nach zwei Schlucken meldet sich meine Blase wieder.
Auf der Fahrt zurück zur Dienststelle spricht keiner im Mannschaftswagen ein Wort. Wir halten unsere Helme auf den Knien. Alles ist feucht und klamm. Wir sind hundemüde. Es riecht nach Schweiß und kaltem Kaffee.
Ich fühle mich leer und kaputt. Manchmal habe ich den Eindruck, dass manche Menschen zwanghaft provozieren müssen, sobald sie eine Uniform sehen. Ich frage mich, ob irgendjemand das gut fand, was da heute passiert ist. Ich kann es mir nicht vorstellen.
Eher glaube ich, dass es für niemanden gut war. Aber warum ist es dann passiert? Und warum passiert es immer wieder? Ich verstehe sehr gut, dass Menschen für ihre Meinung demonstrieren wollen. Ich habe das auch getan. Und ich habe auch vor, es wieder zu tun. Aber das geht doch auch ohne Gewalt. Woher kommt diese Wut auf die Polizei? Sind wir nicht die Guten?"
- Birgit Reimanns Karriere begann 1982 im Streifendienst der Hamburger Polizei. Nach ihrem Hochschulstudium war sie für die Kriminalpolizei tätig, außerdem arbeitete sie einige Jahre im "Landeskriminalamt Kinderpornographie". Heute ist sie bei der Hamburger Polizei im gehobenen Dienst tätig.
Gaby Gerster
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