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25. Dezember 2012, 14:09 Uhr

Obdachlosenquartier in Berlin

Gäste in der Kältehilfe

Von Mathias Hamann

Natürlich würde sie Maria und Joseph aufnehmen. Hanna Faißt leitet die Kältehilfe der Berliner Stadtmission und sorgt dafür, dass Obdachlose ein Quartier für die Nacht bekommen. Die Arbeit fordert sie auch an Weihnachten: als Seelsorgerin, Sozialberaterin, Managerin und Sicherheitsverantwortliche.

"Hanna, kannst du jemanden für mich rausschmeißen? Er hat mich schon den ganzen Abend angemacht und mich beleidigt." Hanna Faißt blickt ihre Mitarbeiterin an, die hat gerade den Kopf durch die Tür gesteckt. Sie bekommt ein "ja" genickt. Hanna Faißt steht auf, lässt sich den Mann zeigen. Bestimmt und entschlossen sagt sie zu ihm: "Sie müssen jetzt gehen." Der Mann in der grünen Jacke steht auf, sie geht voran, er hinterher, sie öffnet die Tür, er eilt hinaus. Sie muss zurück ins Büro, eine Liste kopieren.

Fünf Stunden vorher, 18 Uhr. Hanna Faißt steht im Festsaal der Berliner Stadtmission. In der Nähe des Berliner Hauptbahnhofes feiern Obdachlose den Heiligen Abend. Es gibt Kaffee und Kuchen, später Gänsekeule, Weihnachtssingen und Geschenke. Ein Mann sackt mit Kopf nach unten, zwei Mitarbeiter eilen hinzu, klopfen ihm auf die Backen, er redet nicht. Sie rufen den Notarzt.

"Ich bin nicht im Dienst, noch nicht", erklärt Hanna Faißt ihr Nichteingreifen. Wozu sollte sie hingehen, es kümmern sich Menschen. Sie wird später viele der Gäste wiedersehen, die kommen dann zu ihr in die Notübernachtung für Obdachlose. Dort bekommen sie einen Schlafplatz, ärztliche Versorgung, Tee und - wer nach der Weihnachtsfeier noch hungrig ist - auch Suppe und Salat.

Gäste, so heißen die Menschen, die zum Übernachten kommen

Vor acht Jahren, 2004, feierte sie zum ersten Mal Heiligabend hier bei der Berliner Stadtmission. Ihr gefiel es so gut, dass sie auch während ihres Studiums immer wieder bei der Obdachlosenhilfe mitarbeitete. Der Nebenjob wurde zum Hauptjob. Nun betreut sie die Kältehilfe und trägt an den Abenden die Verantwortung, heute für 15 Mitarbeiter und 120 Gäste. Gäste, so heißen die Menschen, die zum Übernachten kommen. Aus den Augenwinkeln sieht Hanna Faißt, wie zwei Sanitäter den zusammengesackten Mann abtransportieren. Ihr Gesicht zeigt Erleichterung. Irgendwie ist sie doch schon im Dienst.

Was sagt die Familie? "Die hätte mich schon gern am Baum, aber findet meine Arbeit hier wichtiger." Bescherung und Feier gibt es trotzdem, am 27. Dezember. Jetzt geht sie nach unten in ihr Büro. Erster Blick auf den Dienstplan. Ein kleiner Schreck, nur wenige Mitarbeiter, ein Blick auf die nächste Liste, "aber dafür viele Freiwillige".

Wie hat sie sich auf den Abend vorbereitet? "Die Kollegen haben erzählt, dass es erst an den Tagen nach Heiligabend stressig wird." Erst dann wird vielen Gästen ihre Einsamkeit klar. Da kommen viele Emotionen hoch, und sie brauchen Seelsorge. Da wird Gott wichtig. "Gott ist wie eine zusätzlich Karte, die ich habe", sagt sie und erklärt. Manchmal sei sie mit ihrer Hilfe als Mensch am Ende, dann vertraut sie auf Gott, dass einem Obdachlosen noch geholfen wird oder dass er sich helfen lässt. Dadurch kann sie Hoffnung ausstrahlen.

Würde sie auch Maria und Joseph die Tür öffnen? Hanna Faißt lacht: "Natürlich, und die bekommen hier auch ärztliche Betreuung." Die Mitarbeiter trudeln ein. Die Chefin verteilt Aufgaben - Küche, Türkontrolle, Theke, Schlafbereich. Mit dem Securitymitarbeiter geht sie die Hausverbote durch. An einer Wand hängen Zeichnungen, eine zeigt einen Mann in orangefarbenem Shirt. Der darf nicht herein, er hat eine Schlägerei angefangen. "Die meisten unserer Gäste sind friedlich und freundlich", erklärt Hanna Faißt. Trotzdem braucht es Hausverbote - auch in einer christlichen Einrichtung - zum Schutz von Mitarbeitern und Gästen.

Mitarbeiter checken Gäste auf Waffen, Drogen, Alkohol

Dann geht es in einen kleinen Raum mit drei Sofas, hier haben sich die Mitarbeiter versammelt. Hanna Faißt erzählt eine Geschichte aus einem Adventskalender und betet: "Herr, ich wünsche uns einen ruhigen Abend. Segne unsere Mitarbeiter und unsere Gäste." Amen. Es ist 21 Uhr, die Arbeit beginnt - die Mitarbeiter eilen zur Türkontrolle und checken dort Gäste auf Waffen, Drogen, Alkohol; die Küchencrew macht Eiersalat, und Hanna Faißt begrüßt die Ankömmlinge: Polen, Russen, Rumänen, Deutsche.

Die Gäste wünschen frohe Weihnachten oder fragen nach Hilfe. Eine lebhafte Dame möchte mit ihren Sohn und Enkel sprechen. Im Beraterraum kann sie in Ruhe telefonieren. Währenddessen bekommt Hanna Faißt einen Anruf aus dem Schlaftrakt. Die Mitarbeiter dort brauchen Unterstützung. Drei Gäste werden wegen Kleiderläusen und Krätze behandelt, die Ärztin wurde aus ihrem Behandlungsraum ausgesperrt. Die Dame hat ihr Telefonat beendet, und Hanna Faißt greift sich die Schlüsselkarte für das Arztzimmer und einen Mitarbeiter, sie eilen zum Team im Schlaftrakt.

Wieder zurück winkt sie ein deutscher Gast heran, er tut sich schwer mit dem Schlafen unter den Bierbänken. "Ein Einzelzimmer haben wir leider nicht", muss Hanna Faißt schmunzeln. Er lächelt etwas, erzählt, dass er beim Sozialamt nicht genügend Hilfe bekomme. Sie will ihm eine Liste mit Wohnprojekten kopieren, da kann er selbst vorbeischauen.

Menschen aus Osteuropa stellen inzwischen die Mehrheit in der Kältehilfe

Wie viele Leute schaffen den Schritt von der Straße? "Nicht genug", sagt sie. Wer aus Osteuropa kommt, dem hilft der deutsche Staat kaum. "Das liegt vor allem am... " Ihr ist der Name des Abkommens entfallen. Sie geht zu ihrem Büro-PC und schlägt nach: "Am Europäischen Fürsorgeabkommen." Bürger der Unterzeichnerstaaten haben ein Anrecht auf Unterstützung. Ehe sie weitererklären kann, kommt ein Mann mit schwarzer Lederjacke: der Securitydienst. Draußen sei der Gast, den der Notarzt nach seinem Zusammenbruch abtransportiert hat. Kann der sein Gepäck bekommen? Hanna Faißt regelt auch das.

Das Fürsorgeabkommen bedeutet, dass "einem Spanier in Deutschland recht einfach zu einer Wohnung geholfen werden kann, einem Deutschen sowieso". Einem polnischen Gast aber nicht. Menschen aus Osteuropa stellen inzwischen die Mehrheit in der Kältehilfe. Sie geht zurück zum Kopierer und zieht die zweite Seite der Liste mit den Wohnprojekten ab und gibt sie dem deutschen Gast.

Um Mitternacht kommt die Nachtschicht. Vier Leute übernehmen bis 8.30 Uhr den Dienst. Hanna Faißt erzählt vom ruhigen Abend ohne Polizeieinsatz. Ein Gebet auch für die neue Crew: "Herr sei bei Ihnen." Dann verteilt die Chefin die Schlüssel, verabschiedet die Mitarbeiter des Abends. Um eins geht auch sie nach Haus, eine halbe Stunde nach ihrem offiziellen Dienstschluss. Am nächsten Abend wird sie wieder da sein.

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