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Obdachlosenquartier in Berlin Gäste in der Kältehilfe

Heiligabend im Obdachlosenquartier: Gott als zusätzlich Karte Fotos
Mathias Hamann

Natürlich würde sie Maria und Joseph aufnehmen. Hanna Faißt leitet die Kältehilfe der Berliner Stadtmission und sorgt dafür, dass Obdachlose ein Quartier für die Nacht bekommen. Die Arbeit fordert sie auch an Weihnachten: als Seelsorgerin, Sozialberaterin, Managerin und Sicherheitsverantwortliche.

"Hanna, kannst du jemanden für mich rausschmeißen? Er hat mich schon den ganzen Abend angemacht und mich beleidigt." Hanna Faißt blickt ihre Mitarbeiterin an, die hat gerade den Kopf durch die Tür gesteckt. Sie bekommt ein "ja" genickt. Hanna Faißt steht auf, lässt sich den Mann zeigen. Bestimmt und entschlossen sagt sie zu ihm: "Sie müssen jetzt gehen." Der Mann in der grünen Jacke steht auf, sie geht voran, er hinterher, sie öffnet die Tür, er eilt hinaus. Sie muss zurück ins Büro, eine Liste kopieren.

Fünf Stunden vorher, 18 Uhr. Hanna Faißt steht im Festsaal der Berliner Stadtmission. In der Nähe des Berliner Hauptbahnhofes feiern Obdachlose den Heiligen Abend. Es gibt Kaffee und Kuchen, später Gänsekeule, Weihnachtssingen und Geschenke. Ein Mann sackt mit Kopf nach unten, zwei Mitarbeiter eilen hinzu, klopfen ihm auf die Backen, er redet nicht. Sie rufen den Notarzt.

"Ich bin nicht im Dienst, noch nicht", erklärt Hanna Faißt ihr Nichteingreifen. Wozu sollte sie hingehen, es kümmern sich Menschen. Sie wird später viele der Gäste wiedersehen, die kommen dann zu ihr in die Notübernachtung für Obdachlose. Dort bekommen sie einen Schlafplatz, ärztliche Versorgung, Tee und - wer nach der Weihnachtsfeier noch hungrig ist - auch Suppe und Salat.

Gäste, so heißen die Menschen, die zum Übernachten kommen

Vor acht Jahren, 2004, feierte sie zum ersten Mal Heiligabend hier bei der Berliner Stadtmission. Ihr gefiel es so gut, dass sie auch während ihres Studiums immer wieder bei der Obdachlosenhilfe mitarbeitete. Der Nebenjob wurde zum Hauptjob. Nun betreut sie die Kältehilfe und trägt an den Abenden die Verantwortung, heute für 15 Mitarbeiter und 120 Gäste. Gäste, so heißen die Menschen, die zum Übernachten kommen. Aus den Augenwinkeln sieht Hanna Faißt, wie zwei Sanitäter den zusammengesackten Mann abtransportieren. Ihr Gesicht zeigt Erleichterung. Irgendwie ist sie doch schon im Dienst.

Was sagt die Familie? "Die hätte mich schon gern am Baum, aber findet meine Arbeit hier wichtiger." Bescherung und Feier gibt es trotzdem, am 27. Dezember. Jetzt geht sie nach unten in ihr Büro. Erster Blick auf den Dienstplan. Ein kleiner Schreck, nur wenige Mitarbeiter, ein Blick auf die nächste Liste, "aber dafür viele Freiwillige".

Wie hat sie sich auf den Abend vorbereitet? "Die Kollegen haben erzählt, dass es erst an den Tagen nach Heiligabend stressig wird." Erst dann wird vielen Gästen ihre Einsamkeit klar. Da kommen viele Emotionen hoch, und sie brauchen Seelsorge. Da wird Gott wichtig. "Gott ist wie eine zusätzlich Karte, die ich habe", sagt sie und erklärt. Manchmal sei sie mit ihrer Hilfe als Mensch am Ende, dann vertraut sie auf Gott, dass einem Obdachlosen noch geholfen wird oder dass er sich helfen lässt. Dadurch kann sie Hoffnung ausstrahlen.

Würde sie auch Maria und Joseph die Tür öffnen? Hanna Faißt lacht: "Natürlich, und die bekommen hier auch ärztliche Betreuung." Die Mitarbeiter trudeln ein. Die Chefin verteilt Aufgaben - Küche, Türkontrolle, Theke, Schlafbereich. Mit dem Securitymitarbeiter geht sie die Hausverbote durch. An einer Wand hängen Zeichnungen, eine zeigt einen Mann in orangefarbenem Shirt. Der darf nicht herein, er hat eine Schlägerei angefangen. "Die meisten unserer Gäste sind friedlich und freundlich", erklärt Hanna Faißt. Trotzdem braucht es Hausverbote - auch in einer christlichen Einrichtung - zum Schutz von Mitarbeitern und Gästen.

Mitarbeiter checken Gäste auf Waffen, Drogen, Alkohol

Dann geht es in einen kleinen Raum mit drei Sofas, hier haben sich die Mitarbeiter versammelt. Hanna Faißt erzählt eine Geschichte aus einem Adventskalender und betet: "Herr, ich wünsche uns einen ruhigen Abend. Segne unsere Mitarbeiter und unsere Gäste." Amen. Es ist 21 Uhr, die Arbeit beginnt - die Mitarbeiter eilen zur Türkontrolle und checken dort Gäste auf Waffen, Drogen, Alkohol; die Küchencrew macht Eiersalat, und Hanna Faißt begrüßt die Ankömmlinge: Polen, Russen, Rumänen, Deutsche.

Die Gäste wünschen frohe Weihnachten oder fragen nach Hilfe. Eine lebhafte Dame möchte mit ihren Sohn und Enkel sprechen. Im Beraterraum kann sie in Ruhe telefonieren. Währenddessen bekommt Hanna Faißt einen Anruf aus dem Schlaftrakt. Die Mitarbeiter dort brauchen Unterstützung. Drei Gäste werden wegen Kleiderläusen und Krätze behandelt, die Ärztin wurde aus ihrem Behandlungsraum ausgesperrt. Die Dame hat ihr Telefonat beendet, und Hanna Faißt greift sich die Schlüsselkarte für das Arztzimmer und einen Mitarbeiter, sie eilen zum Team im Schlaftrakt.

Wieder zurück winkt sie ein deutscher Gast heran, er tut sich schwer mit dem Schlafen unter den Bierbänken. "Ein Einzelzimmer haben wir leider nicht", muss Hanna Faißt schmunzeln. Er lächelt etwas, erzählt, dass er beim Sozialamt nicht genügend Hilfe bekomme. Sie will ihm eine Liste mit Wohnprojekten kopieren, da kann er selbst vorbeischauen.

Menschen aus Osteuropa stellen inzwischen die Mehrheit in der Kältehilfe

Wie viele Leute schaffen den Schritt von der Straße? "Nicht genug", sagt sie. Wer aus Osteuropa kommt, dem hilft der deutsche Staat kaum. "Das liegt vor allem am... " Ihr ist der Name des Abkommens entfallen. Sie geht zu ihrem Büro-PC und schlägt nach: "Am Europäischen Fürsorgeabkommen." Bürger der Unterzeichnerstaaten haben ein Anrecht auf Unterstützung. Ehe sie weitererklären kann, kommt ein Mann mit schwarzer Lederjacke: der Securitydienst. Draußen sei der Gast, den der Notarzt nach seinem Zusammenbruch abtransportiert hat. Kann der sein Gepäck bekommen? Hanna Faißt regelt auch das.

Das Fürsorgeabkommen bedeutet, dass "einem Spanier in Deutschland recht einfach zu einer Wohnung geholfen werden kann, einem Deutschen sowieso". Einem polnischen Gast aber nicht. Menschen aus Osteuropa stellen inzwischen die Mehrheit in der Kältehilfe. Sie geht zurück zum Kopierer und zieht die zweite Seite der Liste mit den Wohnprojekten ab und gibt sie dem deutschen Gast.

Um Mitternacht kommt die Nachtschicht. Vier Leute übernehmen bis 8.30 Uhr den Dienst. Hanna Faißt erzählt vom ruhigen Abend ohne Polizeieinsatz. Ein Gebet auch für die neue Crew: "Herr sei bei Ihnen." Dann verteilt die Chefin die Schlüssel, verabschiedet die Mitarbeiter des Abends. Um eins geht auch sie nach Haus, eine halbe Stunde nach ihrem offiziellen Dienstschluss. Am nächsten Abend wird sie wieder da sein.

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insgesamt 16 Beiträge
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1. Wird leider viel zu wenig wertgeschätzt
janschütz 25.12.2012
Die Arbeit dieser Mitarbeiter und freiwilligen Helfer wird leider viel zu wenig beachtet und geschätzt, und die staatliche Unterstützung ist meist leider immer das Erste was in Zeiten klammer Kassen gekürzt wird, frei nach dem Motto: Mit den Schwachen kann man es ja machen. Ich empfinde es als widerlich, wenn der Spiegel gleichzeitig über opulente Millionärsmessen berichtet in denen sich die Schickeria mit Luxus zudröhnt. Viele von denen die dort gezeigt werden haben jegliche Bodenhaftung längst verloren und entziehen sich der allgemeinen Gesellschaft, die ihren Erfolg erst ermöglicht hat, auch noch durch Steuerhinterziehung. Ich möchte mal sehen wer sich von denen an Weihnachten in die Suppenküche stellen würde, um ein paar weniger Begünstigte zu versorgen.
2. Wer
chico 76 25.12.2012
in diesem Quartier gelandet ist, der dürfte den Glauben an einen Gott schon verloren haben. Dieser hätte ihm schon früher helfen müssen. Wenn er gekonnt hätte. Kann er aber nicht, deshalb muss es der Mensch machen, präventiv und posthum helfen.
3. Hilfe für die Verzweifelten
pre27 25.12.2012
Es ist manchmal schon schwer zu sehen, wo und wie Gott wirkt. Ich bin ganz froh darüber, dass Gott nicht wie ein Puppenspieler in unser Leben eingreift. Gott wirkt anders. Durch Menschen wie Hanna in der Notübernachtung. Ich finde es ganz beruhigend zu wissen, dass es solche Orte gibt. denn wenn es sonst keine Hoffnung mehr gibt, ist es schön, wenn es Menschen gibt, die mit einem beten.
4. !
janne2109 25.12.2012
Zitat von chico 76in diesem Quartier gelandet ist, der dürfte den Glauben an einen Gott schon verloren haben. Dieser hätte ihm schon früher helfen müssen. Wenn er gekonnt hätte. Kann er aber nicht, deshalb muss es der Mensch machen, präventiv und posthum helfen.
gefällt mir, besonders der Satz; hätte ihm schon früher helfen MÜSSEN. Klar doch, die anderen müssen ! dennoch ja diese freiwilligen Helfer sind nicht mit Geld zu bezahlen, toll, nur eben MÜSSEN gefällt mir nicht. Vor allem wenn andere müssen müssen.
5. Also Gäste sind wie in diesem beschriebenen
irreal 25.12.2012
Zitat von sysopMathias HamannNatürlich würde sie Maria und Joseph aufnehmen. Hanna Faißt leitet die Kältehilfe der Berliner Stadtmission und sorgt dafür, dass Obdachlose ein Quartier für die Nacht bekommen. Die Arbeit fordert sie auch an Weihnachten: als Seelsorger, Sozialberater, Manager und Sicherheitsverantwortliche. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/heiligabend-im-obdachlosenquartier-in-berlin-a-874640.html
Falle Übernachtungsgäste vgl. eines Hotels, wobei diese natürlich nicht nach Waffen oder anderem untersucht werden. Also doch keine richtig normalen Gäste. Ja es ist natürlich ganz wichtig, dass es Menschen gibt in unserem Land, die da für die Menschen sorgen die da irgendwie in unserem Land nicht mehr aufgefangen werden wollen oder können. So braucht sich auch keiner kümmern um eine wahre Veränderung einer ethischen Auffassungsgabe und Frau Hanna Faißt wird es wohl kaum verändern, vielleicht noch nicht mal verändern wollen, weil eigentlich haben manche und besonders diese Helferlein ganz individuell dabei den größten Gewinn. Ich seh das ganz persönlich eben so. Gerade weil auch Weihnachten ist. MFG
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