Protokolle: Matthias Kaufmann
"Heimat ist nicht nur der Ort, an dem jemand geboren wurde, Heimat trägt jeder in sich. Es kann sein, dass ich meinen Erfolg in Deutschland meiner Heimat verdanke, denn ich schreibe viele Texte über Russland.
Der gebürtige Russe Wladimir Kaminer, 44, kam 1990 nach Deutschland und wurde mit Büchern wie der gerade verfilmten "Russendisko" berühmt. In seinen Texten geht es oft um seine speziell russische Sicht der deutschen Wirklichkeit.
Wie weit dieser Einfluss der Heimat geht, kann man an den ehemaligen NVA-Offiziere zeigen. Viele von ihnen sind heute erstklassige Versicherungsvertreter. Sie verkörpern die Angst vor der Zukunft, denn sie haben eine Mauer bewacht, die die DDR vor Veränderung schützen sollte. Aber sie sind auch lebende Beweise dafür, dass man Veränderungen überstehen kann: Haben sie nicht den Staat, den sie bewachen sollten, am Ende überlebt? Aus diesen Erfahrungen heraus können sie völlig aufrichtig und glaubwürdig über die Risiken des Lebens sprechen und bieten als Vertreter einen Versicherungsvertrag an, der davor schützen soll. Wäre ihre Heimat nicht die DDR, sie könnten nicht so gut Versicherungen verkaufen.
Ich habe viele Geschichten aus der Heimat mitgebracht, die ich in meine Bücher geschrieben habe. Heimat, das sind auch die Geschichten, die man erlebt hat. Wie meine Erinnerung an die Sowjethymne morgens um sechs im Radio. Manchmal träume ich schlecht davon, denn sie hat mich in den Tag gezwungen.
Aufgewachsen im "Reich des Bösen"
Diese Geschichten hat man immer bei sich, ein ganzes Leben lang, ohne dass man sie sich ausgesucht hätte. Sie sind einfach da, wie eine Mutter. Oder wie der Papst, den sich die Katholiken auch nicht aussuchen. Sie lieben den Papst nicht für irgendwelche besonderen Fähigkeiten oder Eigenschaften, sondern für die Tatsache, dass er Papst ist. Er ist Teil ihres Lebens. Wie ihre Heimat.
In meinem Beruf kann ich viel von dem weitergeben, was ich in meiner Heimat gelernt habe. Geboren bin ich in der Sowjetunion, dem "Reich des Bösen", und da hat es furchtbar gekracht in den neunziger Jahren. Doch die Liebe zu dieser meiner Heimat steht über der Kritik an den konkreten Lebensumständen von damals.
Das Ende dieses "Reichs des Bösen" lehrte mich die Zerbrechlichkeit von Imperien, die Vergänglichkeit aller Systeme. Die Deutschen haben Angst davor, dass ein bestehendes System sein Ende finden könnte. Das hat mit der Geschichte ihrer Heimat zu tun.
Mich schreckt das nicht mehr, deswegen mag ich Veränderung. Diese Vorliebe weiterzugeben, das ist eine besonders schöne Seite meines Berufs. Meine lieben deutschen Landsleute, freut Euch doch über Neues: über neue Visionen, neue Systeme oder wenigstens über ein neues Getränk."
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