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Berufsnomaden und Heimat "NVA-Offiziere sind erstklassige Versicherungsvertreter"

Heimat in der Draufsicht: "Mir tut der häufige Perspektivwechsel gut" Zur Großansicht
Corbis

Heimat in der Draufsicht: "Mir tut der häufige Perspektivwechsel gut"

3. Teil: Sicherheitstreisender Jake Stratton - "Wie kann Nordkorea eine Heimat sein?"

"Als Mumbai im November 2008 von einer Serie von Terroranschlägen erschüttert wurde, war ich für meine Firma in Indien. Tagelang war die Lage verworren, bis sich die Sicherheitskräfte durchsetzen konnten. Die Terroristen hatten Geiseln genommen, auf den Straßen der Stadt wurde geschossen.

Der Brite  Jake Stratton  berät Unternehmen, die im Ausland aktiv sind, in Sicherheitsfragen. Er hat für seinen Arbeitgeber Control Risks jeweils mehrere Jahre in Indien, China und Taiwan gelebt und ist Mitglied im Royal Institute for International Affairs. Zur Großansicht
Control Risks

Der Brite Jake Stratton berät Unternehmen, die im Ausland aktiv sind, in Sicherheitsfragen. Er hat für seinen Arbeitgeber Control Risks jeweils mehrere Jahre in Indien, China und Taiwan gelebt und ist Mitglied im Royal Institute for International Affairs.

Meine Kollegen aus unserem Hauptsitz in London riefen mich besorgt an und fragten: Geht es dir gut? Ist dir auch nichts zugestoßen? Für einen Moment war ich irritiert, vor meiner Haustür blieb doch alles ruhig. Ich lebte 20 Meilen vom Zentrum entfernt. Chaos? Terror? Nicht bei mir!

Mir wurde damals ein Phänomen bewusst, dass ich als erfahrener Mitarbeiter von einer Risiko- und Sicherheitsberatung wie Control Risks theoretisch längst kannte: Menschen fühlen sich in Gegenden heimisch und sicher, von denen Außenstehende glauben, dass man sie längst fluchtartig verlassen müsste. Wir beraten Unternehmen in Sicherheitsfragen, vor allem, wenn sie Geschäfte in fremden Staaten machen. Gerade weil die Wahrnehmung oft so unterschiedlich ist, suchen sie nach unabhängigem Rat. Auch 2008 in Mumbai kamen unsere Länderexperten mit Ihren Analysen zu einer realistischen Einschätzung der Lage - aber mein Bauchgefühl alleine hätte mich leicht täuschen können.

Dabei bin ich eigentlich eher vorsichtig. Meine berufliche Gewohnheit, eine Umgebung immer auf Sicherheitsaspekte abzuklopfen, lege ich privat nicht ganz ab. Ich lebe seit 20 Jahren in London. Selbst diese Stadt, die wie wohl keine andere mit Kameras überwacht wird, hat noch ein paar Ecken, die mir angesichts von Terrordrohungen manchmal Sorge bereiten.

Man arrangiert sich mit den Gefahren der Heimat

Andererseits bin ich früher viel gereist und weiß aus eigener Erfahrung, mit welchen Umständen und Gefahren man sich irgendwie arrangieren kann, wenn man sich in einer Umgebung heimisch fühlt. In Papua-Neuguinea konnte ich das leicht verstehen, obwohl die Bevölkerung dort arm ist und das moderne Leben, wie wir es kennen, unendlich weit entfernt erscheint. Aber es ist schön dort und die Menschen sind im Alltag sehr freundlich zueinander. Nigeria, ein Land, das ich zunächst einschüchternd fand, gefiel mir bald gut.

Eine ganz andere Erfahrung war dagegen eine Reise mit einer britischen Wirtschaftsdelegation nach Nordkorea. In dem Land ist die Uhr 1953 stehengeblieben. Für mich sahen die Menschen dort genau so geknechtet aus, wie man es sich im Klischee einer kommunistischen Diktatur vorstellt. Doch selbst sie werden Heimatgefühle mit Nordkorea verbinden, auch wenn wir uns das schwer vorstellen können.

Heimat ist der Ort, wo die eigenen Kinder aufwachsen

Für mich ist Heimat dort, wo meine Kinder aufwachsen. Ich habe zwei Kinder, und ihre Geburt in London hat mich mit dieser Stadt eng verbunden. Als ich nach Mumbai ging, waren sie 2 und 4 Jahre alt, und es stand fest, dass wir dort nur für wenige Jahre bleiben würden. So kommt es, dass ich zwar eine schöne Zeit in Indien hatte, für Indien aber nie Heimatgefühle entwickelt habe.

In London nutze ich jede Gelegenheit, um nach Wiltshire zu fahren. In der Grafschaft im Südwesten Englands habe ich meine Kindheit verbracht, dort habe ich noch zahlreiche Verwandte. Für mich ist das englische Landleben als Ausgangspunkt wichtig. Ich weiß, dass ich immer dorthin zurückkehren kann.

Mein Schwager lebt und arbeitet in Hongkong. Mit seiner Familie fliegt er regelmäßig nach Wiltshire, damit seine Kinder eine Beziehung zu dem Landstrich aufbauen können. Ich kann ihn verstehen und würde es auch so machen, wären wir noch im Ausland. Je stärker unser Leben globalisiert ist, desto wichtiger wird die Heimat als Rückzugsraum. Aber ich vermute, das werden unsere Kinder mal ganz anders sehen."

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insgesamt 2 Beiträge
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1. .
willi_der_letzte 13.04.2012
Zitat von sysopWer für den Beruf ins Ausland geht, lernt seine Heimat neu kennen: Sicherheitsprofi Jake Stratton sehnt sich an die Orte seiner Kindheit. Hans-Paul Bürkner, Weltchef von Boston Consulting, will die Heimat frei wählen. Und Berufsrusse Wladimir Kaminer erklärt, warum auch der Papst ein Stück Heimat ist. Berufsnomaden und Heimat: "NVA-Offiziere sind erstklassige Versicherungsvertreter" - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - KarriereSPIEGEL (http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,826931,00.html)
Zumindest dem ersten Satz kann ich 100% zustimmen. Die ewigen Nörgler in Deutschland sollten sich einfach mal ein wenig im Ausland aufhalten. Und ein Tip: Ballermann zählt nicht als Ausland.
2. Weltchef von Boston Consulting - aus Oldenburg
io_gbg 14.04.2012
Zitat von sysopWer für den Beruf ins Ausland geht, lernt seine Heimat neu kennen: Sicherheitsprofi Jake Stratton sehnt sich an die Orte seiner Kindheit. Hans-Paul Bürkner, Weltchef von Boston Consulting, will die Heimat frei wählen. Und Berufsrusse Wladimir Kaminer erklärt, warum auch der Papst ein Stück Heimat ist. Berufsnomaden und Heimat: "NVA-Offiziere sind erstklassige Versicherungsvertreter" - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - KarriereSPIEGEL (http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,826931,00.html)
Fein, aber im Ausland vergisst man doch eigentlich nicht, in welcher Region der Ort liegt, wo man herkommt! Der Weltchef nennt "Varel in Ostfriesland". Varel liegt im Kreis Friesland, der zwar auf der ostfriesischen Halbinsel liegt, aber wie der östliche Teil der Halbinsel nicht zu Ostfriesland (Ostfriesland (http://de.wikipedia.org/wiki/Ostfriesland)) gehört, sondern zum alten Oldenburg. Der Landkreis Friesland Landkreis Friesland (http://de.wikipedia.org/wiki/Landkreis_Friesland) "gehörte aber politisch nie zu Ostfriesland." und in Ostfriesland ist man sich dessen ebenso bewußt, wie im Landkreis Friesland, d. h. auch Varel.
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