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13. April 2012, 13:34 Uhr

Berufsnomaden und Heimat

"NVA-Offiziere sind erstklassige Versicherungsvertreter"

Protokolle:

Wer für den Beruf ins Ausland geht, lernt seine Heimat neu kennen: Sicherheitsprofi Jake Stratton sehnt sich an die Orte seiner Kindheit. Hans-Paul Bürkner, Weltchef von Boston Consulting, will die Heimat frei wählen. Und Berufsrusse Wladimir Kaminer erklärt, warum auch der Papst ein Stück Heimat ist.

"Es ist ein paar Jahre her, da bin ich in Darmstadt zum 20-jährigen Abiturtreffen gefahren. Ich musste den Treffpunkt im Schulgebäude ein wenig suchen. Bald hörte ich Stimmengewirr in einem der Räume. Als ich eintrat, sah ich zunächst viele unbekannte Gesichter. Einige riefen: 'Hans-Paul, wie schön! Hier bist du richtig.'

Bei den meisten meiner ehemaligen Klassenkameraden musste ich feststellen: Wäre ich ihnen zufällig und an einem anderen Ort begegnet, hätte ich sie nicht erkannt. Trotzdem wurde ein schöner Abend daraus.

Das Erlebnis zeigte mir, dass der Ort meiner Schulzeit letztendlich nur einer von vielen Orten ist, die in meinem Leben eine Rolle spielen. Ähnlich geht es mir mit meinem Geburtsort Varel in Ostfriesland. Ich habe dort oft die Ferien verbracht und in Varel gibt es vieles, an das ich mich gerne erinnere und an dem ich mich erfreue, wenn ich wieder dorthin komme: Das weite Land hinterm Deich, die Alleen, der Duft von frisch gemähtem Gras, der mich an die Sommer jener Jahre erinnert. Und vor allem auch Verwandte und Freunde von früher, die ich immer wieder gerne treffe.

In meinem Arbeitsalltag als weltweiter CEO der Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG) komme ich sehr viel herum. Ich besuche regelmäßig unsere Büros in aller Welt und unsere wichtigsten Kunden rund um den Globus. Im vergangenen Jahr dürfte ich 40 bis 50 Länder bereist haben. Ich zähle aber nicht mit.

Nicht nur die Deutschen jammern auf hohem Niveau

Manchmal neckt mich meine Frau damit, dass ich viele Flughäfen kenne, aber wenige Länder - und die Flughäfen sehen alle gleich aus. Sie weiß natürlich, dass das so nicht stimmt. Sicher, auf Geschäftsreisen hat man oft kaum Zeit, sich mit Land und Leuten zu befassen. Aber immer, wenn ich irgendwo etwas länger bin, erkunde ich die Umgebung und versuche, mit vielen Einheimischen ins Gespräch zu kommen. Die Orte, an denen ich eine gute Weile gelebt habe, kenne ich gut, darunter Oxford, New Haven, Thailand, die Philippinen.

Mir tut der häufige Perspektivwechsel gut, auch für meine Arbeit. Zum Beispiel beneiden viele Deutsche die Südkoreaner für ihren Fleiß und die Wachstumsstory, die das Land derzeit erlebt. Wer aber Südkoreaner über die eigenen wirtschaftlichen Sorgen und Nöte im Alltag klagen hört, versteht, auf welch hohem Niveau in Deutschland oft gejammert wird. Und ich merke: Jammern auf hohem Niveau können nicht nur wir Deutschen. Dem begegne ich in allen reichen Ländern der Welt.

Auch im Alter eine neue Heimat suchen

Derzeit ist meine Heimat Bochum - wieder, denn ich habe dort an der Ruhr-Uni studiert. Mein Begriff von Heimat: Das ist der Ort, wo meine Liebsten leben. Dahin kehre ich immer wieder zurück. Dieser Ort kann überall sein, wo wir eben leben möchten, selbst wenn wir erst vor einigen Jahren dorthin gezogen sind.

Wir möchten uns nicht auf einen bestimmten Heimatort für alle Ewigkeit festlegen. Viele Menschen wollen ja ihren Lebensabend in ihrem Herkunftsort verbringen. Aber ich halte nicht viel von der Idee, mich im Alter zur Ruhe zu setzen. Wenn ich fit bin, möchte ich weiter gestalten und aktiv sein. Und wenn es mir und meiner Familie gut erscheint, auch dann noch eine neue Heimat suchen."

Berufsrusse Wladimir Kaminer - "Die Heimat ist einfach da, wie der Papst"

"Heimat ist nicht nur der Ort, an dem jemand geboren wurde, Heimat trägt jeder in sich. Es kann sein, dass ich meinen Erfolg in Deutschland meiner Heimat verdanke, denn ich schreibe viele Texte über Russland.

Ich betrachte jeden Menschen als Projekt, seine Heimat ist die Projektskizze. Sie umfasst seinen Geburtsort, seine Erziehung, sein Volk und dessen Geschichte. Dazu gehören auch seine Altersgenossen, denn es spielt immer auch eine Rolle, wo man dazugehört. Ich habe früher zum Beispiel geglaubt, ich würde die anderen Russen am Strand leicht erkennen, auch im Ausland, schließlich haben wir alle einen Fleck von der Impfung am linken Oberarm: Zwei Einstiche für jeden Russen. Ich war sehr enttäuscht, als ich sah, dass DDR-Bürger die gleichen Impfflecken haben.

Wie weit dieser Einfluss der Heimat geht, kann man an den ehemaligen NVA-Offiziere zeigen. Viele von ihnen sind heute erstklassige Versicherungsvertreter. Sie verkörpern die Angst vor der Zukunft, denn sie haben eine Mauer bewacht, die die DDR vor Veränderung schützen sollte. Aber sie sind auch lebende Beweise dafür, dass man Veränderungen überstehen kann: Haben sie nicht den Staat, den sie bewachen sollten, am Ende überlebt? Aus diesen Erfahrungen heraus können sie völlig aufrichtig und glaubwürdig über die Risiken des Lebens sprechen und bieten als Vertreter einen Versicherungsvertrag an, der davor schützen soll. Wäre ihre Heimat nicht die DDR, sie könnten nicht so gut Versicherungen verkaufen.

Ich habe viele Geschichten aus der Heimat mitgebracht, die ich in meine Bücher geschrieben habe. Heimat, das sind auch die Geschichten, die man erlebt hat. Wie meine Erinnerung an die Sowjethymne morgens um sechs im Radio. Manchmal träume ich schlecht davon, denn sie hat mich in den Tag gezwungen.

Aufgewachsen im "Reich des Bösen"

Diese Geschichten hat man immer bei sich, ein ganzes Leben lang, ohne dass man sie sich ausgesucht hätte. Sie sind einfach da, wie eine Mutter. Oder wie der Papst, den sich die Katholiken auch nicht aussuchen. Sie lieben den Papst nicht für irgendwelche besonderen Fähigkeiten oder Eigenschaften, sondern für die Tatsache, dass er Papst ist. Er ist Teil ihres Lebens. Wie ihre Heimat.

In meinem Beruf kann ich viel von dem weitergeben, was ich in meiner Heimat gelernt habe. Geboren bin ich in der Sowjetunion, dem "Reich des Bösen", und da hat es furchtbar gekracht in den neunziger Jahren. Doch die Liebe zu dieser meiner Heimat steht über der Kritik an den konkreten Lebensumständen von damals.

Das Ende dieses "Reichs des Bösen" lehrte mich die Zerbrechlichkeit von Imperien, die Vergänglichkeit aller Systeme. Die Deutschen haben Angst davor, dass ein bestehendes System sein Ende finden könnte. Das hat mit der Geschichte ihrer Heimat zu tun.

Mich schreckt das nicht mehr, deswegen mag ich Veränderung. Diese Vorliebe weiterzugeben, das ist eine besonders schöne Seite meines Berufs. Meine lieben deutschen Landsleute, freut Euch doch über Neues: über neue Visionen, neue Systeme oder wenigstens über ein neues Getränk."

Sicherheitstreisender Jake Stratton - "Wie kann Nordkorea eine Heimat sein?"

"Als Mumbai im November 2008 von einer Serie von Terroranschlägen erschüttert wurde, war ich für meine Firma in Indien. Tagelang war die Lage verworren, bis sich die Sicherheitskräfte durchsetzen konnten. Die Terroristen hatten Geiseln genommen, auf den Straßen der Stadt wurde geschossen.

Meine Kollegen aus unserem Hauptsitz in London riefen mich besorgt an und fragten: Geht es dir gut? Ist dir auch nichts zugestoßen? Für einen Moment war ich irritiert, vor meiner Haustür blieb doch alles ruhig. Ich lebte 20 Meilen vom Zentrum entfernt. Chaos? Terror? Nicht bei mir!

Mir wurde damals ein Phänomen bewusst, dass ich als erfahrener Mitarbeiter von einer Risiko- und Sicherheitsberatung wie Control Risks theoretisch längst kannte: Menschen fühlen sich in Gegenden heimisch und sicher, von denen Außenstehende glauben, dass man sie längst fluchtartig verlassen müsste. Wir beraten Unternehmen in Sicherheitsfragen, vor allem, wenn sie Geschäfte in fremden Staaten machen. Gerade weil die Wahrnehmung oft so unterschiedlich ist, suchen sie nach unabhängigem Rat. Auch 2008 in Mumbai kamen unsere Länderexperten mit Ihren Analysen zu einer realistischen Einschätzung der Lage - aber mein Bauchgefühl alleine hätte mich leicht täuschen können.

Dabei bin ich eigentlich eher vorsichtig. Meine berufliche Gewohnheit, eine Umgebung immer auf Sicherheitsaspekte abzuklopfen, lege ich privat nicht ganz ab. Ich lebe seit 20 Jahren in London. Selbst diese Stadt, die wie wohl keine andere mit Kameras überwacht wird, hat noch ein paar Ecken, die mir angesichts von Terrordrohungen manchmal Sorge bereiten.

Man arrangiert sich mit den Gefahren der Heimat

Andererseits bin ich früher viel gereist und weiß aus eigener Erfahrung, mit welchen Umständen und Gefahren man sich irgendwie arrangieren kann, wenn man sich in einer Umgebung heimisch fühlt. In Papua-Neuguinea konnte ich das leicht verstehen, obwohl die Bevölkerung dort arm ist und das moderne Leben, wie wir es kennen, unendlich weit entfernt erscheint. Aber es ist schön dort und die Menschen sind im Alltag sehr freundlich zueinander. Nigeria, ein Land, das ich zunächst einschüchternd fand, gefiel mir bald gut.

Eine ganz andere Erfahrung war dagegen eine Reise mit einer britischen Wirtschaftsdelegation nach Nordkorea. In dem Land ist die Uhr 1953 stehengeblieben. Für mich sahen die Menschen dort genau so geknechtet aus, wie man es sich im Klischee einer kommunistischen Diktatur vorstellt. Doch selbst sie werden Heimatgefühle mit Nordkorea verbinden, auch wenn wir uns das schwer vorstellen können.

Heimat ist der Ort, wo die eigenen Kinder aufwachsen

Für mich ist Heimat dort, wo meine Kinder aufwachsen. Ich habe zwei Kinder, und ihre Geburt in London hat mich mit dieser Stadt eng verbunden. Als ich nach Mumbai ging, waren sie 2 und 4 Jahre alt, und es stand fest, dass wir dort nur für wenige Jahre bleiben würden. So kommt es, dass ich zwar eine schöne Zeit in Indien hatte, für Indien aber nie Heimatgefühle entwickelt habe.

In London nutze ich jede Gelegenheit, um nach Wiltshire zu fahren. In der Grafschaft im Südwesten Englands habe ich meine Kindheit verbracht, dort habe ich noch zahlreiche Verwandte. Für mich ist das englische Landleben als Ausgangspunkt wichtig. Ich weiß, dass ich immer dorthin zurückkehren kann.

Mein Schwager lebt und arbeitet in Hongkong. Mit seiner Familie fliegt er regelmäßig nach Wiltshire, damit seine Kinder eine Beziehung zu dem Landstrich aufbauen können. Ich kann ihn verstehen und würde es auch so machen, wären wir noch im Ausland. Je stärker unser Leben globalisiert ist, desto wichtiger wird die Heimat als Rückzugsraum. Aber ich vermute, das werden unsere Kinder mal ganz anders sehen."

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