Von Felix Zeltner
Seine Station ist an diesem Freitag im Januar voll belegt. Mit Kabeln und Schläuchen gespickte Menschen liegen in den Betten, die Überwachungsmonitore über ihnen zeigen die Körperfunktionen an, ständig bimmelt irgendwo ein Alarm. Hirntumore, Hirnblutungen, Blutvergiftungen - beinahe jeder Patient hier ringt mit dem Tod. Merk hat alle Befunde im Kopf, stimmt mit einem guten Dutzend Pflegern und Assistenzärzten die komplizierten Medikationen ab, tröstet die Angehörigen, macht die Verwaltung. Für alle hat er ein offenes Ohr. Wenn er mal nicht hinhört, sprechen die anderen bewundernd über sein Fachwissen.
Aber auch er will seinen wirklichen Namen und den seiner Klinik nicht in einer Zeitschrift lesen. Nicht, wenn es um das Thema Schwäche geht. Er macht die Tür seines kleinen Arztzimmers hinter sich zu.
"Ich bin als Mörder beschimpft worden, mit Stühlen angegriffen worden. Da kann man gar nichts machen, da kann man sich noch nicht mal wehren, nur die Arme vors Gesicht halten. Da kann man sich noch nicht mal besaufen. Man ist im Dienst, raucht zehn Zigaretten und bleibt fit für den nächsten Einsatz."
"Es ist wie ein Damoklesschwert"
Die Strukturen in vielen Kliniken seien immer noch wie beim preußischen Militär, erzählt Merk. "In der typischen Abteilung gibt's einen sehr dominanten Chef, der ist der König, der hat die absolute Befehlsgewalt und übt einen wahnsinnigen Druck aus. Und dahinter kommt ein Rattenschwanz an speichelleckenden Mitarbeitern." Eine Kultur des Umgangs mit Fehlern gebe es nicht. Zeigt einer Schwäche, mache er sich sofort angreifbar.
Mehrere Male stand er, der Erfolgreiche, kurz vor dem Burnout. "Es ist wie ein Damoklesschwert", sagt Merk, "man muss vorsichtig sein."
Viele seiner Kollegen seien zu Technokraten mutiert. Sie würden nur noch Studien und Laborwerte zitieren und die menschliche, private Seite total raushalten. Andere seien alkoholkrank geworden. Und wieder andere seien nicht mehr am Leben. Die Selbstmordrate unter Anästhesisten gilt verschiedenen Untersuchungen zufolge als die höchste innerhalb der Ärzteschaft.
Merk hilft sich mit Sport. Fünf Kilometer Schwimmen, hundert Kilometer Radfahren die Woche. "Wenn man nach der Arbeit drei Stunden bis zur Bewusstlosigkeit schwimmt, hat das allerdings auch was Pathologisches."
In seinem Job gibt es keine Konzepte gegen Burnout, es gibt keine Hilfe, keine Anlaufstellen innerhalb der Klinik, keine Supervision. Einer, der darüber auch öffentlich spricht, ist Andreas Schießl, 43, früher Notarzt, mittlerweile Oberarzt für Anästhesie und Intensivmedizin in München. "In der Akutmedizin wird das Frontpersonal alleingelassen", sagt er.
Ein Projekt mit Signalwirkung
Schießl hat das Projekt "Den Helfern helfen" ins Leben gerufen und hofft auf einen Start noch in diesem Jahr. "Eigentlich sind alle dafür, aber gleichzeitig müssen alle sparen."
Sein Ziel ist, dass Notfallmediziner endlich lernen, ihre Schwächen zu akzeptieren und darüber zu reden. Den Kliniken und ihren Ärzten will er einiges aufbrummen: Befragungen, Prozessanalysen, Kurse in Zeitmanagement und Stressbewältigung sowie regelmäßige Supervisionen und Gesprächsrunden.
In weiten Teilen der Berufswelt sei dies längst selbstverständlich, sagt der engagierte Arzt. "U-Bahn-Fahrer, Bankangestellte, Flugpersonal - alle bekommen Hilfe. Und nicht nur nach Katastrophen, sondern vorbeugend."
Es ist ein Projekt mit Signalwirkung - die am stärksten belasteten Helfer sollen ein Vorbild für die Gesundheitsbranche sein.
Fraglich ist nur, ob die Betroffenen überhaupt mitmachen. In einigen deutschen Kliniken gibt es längst Psychologen und Supervisionen, doch die Angebote werden nicht genutzt. Den sogenannten Balint-Gruppen, in denen sich Ärzte und Psychotherapeuten zum freiwilligen Austausch treffen, haftet der Ruf des Schwachen an.
"Es gibt bereits viel mehr Hilfe als noch vor 20 Jahren, aber wir sind nicht gesünder geworden", konstatiert Ärzte-Therapeut Mäulen. Die Helfer stehen sich selbst im Weg.
Zurück in Prien am Chiemsee. Den Raum 446 der Klinik Roseneck hat Maria Weber verlassen. Sie rollt zur Tür ihres Zimmers, sperrt auf, dann zieht sie sich mit einem Ruck am Türstock hoch. Ihre Beine wackeln wie Gummi, langsam schleift sie sich in ihr Zuhause. Mühsam dreht sie sich noch einmal um und lächelt. "Ich hoffe, ich konnte Ihnen helfen!"
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