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Journalistin auf dem Land Glücklich in der Heide

Journalistin Hilal Sezgin realisierte ihren Kindheitstraum vom Leben auf dem Land Zur Großansicht
Helen Macfarlane

Journalistin Hilal Sezgin realisierte ihren Kindheitstraum vom Leben auf dem Land

Aus Frankfurt am Main in die Lüneburger Heide: Journalistin Hilal Sezgin kündigte ihren festen Job und zog aufs Land - ohne Freunde oder Familie. Bereut hat sie den Umzug nicht. Die Mittagspausen verbringt sie jetzt im Stall, die Nachspeise pflückt sie frisch vom Feld. Nur die Kollegen fehlen ihr.

Am häufigsten fiel das Stichwort Mut. Was ich da vorhätte, sei aber sehr mutig, kommentierten Freunde. Den Mut hätten sie nicht, erklärten Bekannte, als wir einander auf einer Silvesterparty von unseren Plänen fürs nächste Jahr erzählten. So oft war von meinem angeblichen Mut die Rede, dass das bisschen Mut, das ich tatsächlich besaß, immer weiter schwand.

In einem Anfall von Übermut hatte ich innerhalb eines Jahres zunächst meine feste Stelle in einer Frankfurter Zeitungsredaktion gekündigt und beschlossen, einen Kindheitstraum von mir wahr zu machen: Ich wollte aufs Land. In Norddeutschland, für mich ein Synonym für viel Raum, Himmel und Weite, hatte ich mein Traumhaus gesucht und gefunden, am Rande eines 500-Seelen-Dorfs in der Lüneburger Heide. Wo ich keinen Menschen kannte.

Die anderen Partygäste schüttelten verwundert die Köpfe, als sie das hörten, und fragten, was denn der Grund für diesen Umzug sei. Nein, ich hatte mich nicht in einen Norddeutschen verliebt, ich würde allein wohnen wie zuvor in Frankfurt auch. Und: Nein, ich hatte dort keinen Job, ich arbeite als Freiberuflerin, das geht dank Internet von überall.

Ein Lamm? Hoffentlich im Ofen!

Tatsächlich hat sich an meiner Arbeit als Kulturjournalistin und Kolumnistin nicht viel geändert: Ich lese dieselben Nachrichten per Internet, bekomme dieselben Bücherberge zur Rezension geschickt, führe dieselben Recherchegespräche per Telefon. Abgesehen davon, dass ab und zu der Hahn dazwischen kräht, bekommen die Gesprächspartner meinen ländlichen Hintergrund gar nicht mit. Gut, einmal musste ich ein Interview abbrechen, weil die Pferde der Nachbarn ausbrachen. Ich stand telefonierend am Fenster, und der weiße Kaltblüter Ivo kam schnaubend um die Ecke und direkt auf mein Gartentörchen zugetrabt. In dem Moment entschied ich mich gegen ein elegantes Schlusswort und für Pferd und Törchen.

Ein anderes Mal rief meine Agentin gerade an, als mein Flaschenlamm Emil unter dem Schreibtisch nach Altpapier suchte. Ich sei ein wenig abgelenkt, sagte ich, ich hätte da ein Lamm. "Hoffentlich im Ofen!", sagte die Agentin so grausam wie ahnungslos. Inzwischen hat sie gelernt, dass auf meinem kleinen Hof hier, der sich nämlich unvermutet zu einem Domizil für allerlei Tierarten gemausert hat, kein Tier verspeist oder geschlachtet wird.

Um eine einzige Sache ist meine Arbeit allerdings ärmer geworden: um kleine Glossen über Menschen, Alltagsbetrachtungen zu Zeitgenossen in der Stadt. Der Straßenfeger, die Stammkunden des Kiosks gegenüber, eine schrullige Kollegin… früher liebte ich solche Themen. Mangels verfügbarer Straßenfeger, Kiosks und Kollegen fällt das nun weg.

Auf der anderen Seite schreibe ich nun monatlich eine Kolumne über meine Tiere. Es ist erstaunlich, wie genau man scheinbar "simple" Tiere wie Schafe kennenlernt, wenn man Jahr für Jahr mit ihnen lebt, sie Tag für Tag beobachtet. Gut vierzig Schafe habe ich von den Nachbarn übernommen; alle sind sie unterschiedlich. Das Joylein, dessen chronisch wundes Hinterteil ich jeden Abend eincremen muss, stürmt aus jeder Ferne herbei, sobald es seinen Namen hört. Josh hingegen, den ich mit der Flasche aufgezogen habe, ist zwar verschmust, erkennt aber seinen Namen nicht. Die beiden Dominos sind ein Herz und eine Seele, obwohl sie nicht direkt verwandt sind. Lava und ihre Mutter blieben, auch als Lava erwachsen wurde, dasselbe unzertrennliche Gespann.

Schafe lenken vom Schreiben ab

Es ist wundervoll, aus der Welt der Politik, der Bücher, E-Mails und Texte jederzeit eine kleine Auszeit nehmen zu können - eine Stippvisite im Stall, ein kleiner Spaziergang im Wald, oder kurz mal nach den Erdbeerbeeten sehen. Doch in gewisser Weise sind und bleiben es eben zwei Welten, die der Disziplin und die der Muße. Als ich einzog, reservierte ich mir das Zimmer mit dem schönsten Ausblick als Büro: In die eine Richtung geht es gen Wald mit seinen alten Eichen, in die andere auf die Weide der Schafe. Jeden Tag trippelt die Herde anmutig mehrmals hin und her.

Irgendwann montierte ich Rollos, um ihnen nicht ständig mit den Augen zu folgen. Aber ich wusste nach wie vor, dass die Schafe hinter den Rollos waren; noch am Morgen hatte Jana leicht gehinkt, sollte ich nicht noch einmal nach dem Rechten sehen? Ständig wurde ich durch meine Sorgen um und meine Freude an den Schafen vom Schreiben abgelenkt. Inzwischen habe ich mir in einem anderen Raum ein zweites Büro eingerichtet, nur zum Schreiben. Gegenüber liegt eine Kartoffelscheune. Man könnte sagen, dass das keine Verbesserung ist. Als ich noch in der Stadt lebte, klagte ich ständig darüber, aus dem Fenster auf triste andere Häuser zu sehen, jetzt bin ich umgeben von Natur und schaue freiwillig auf eine Kartoffelscheune. Was der Unterschied ist?

Mein Tag beginnt erst, wenn die Tiere ihre erste Mahlzeit erhalten haben, und er endet damit, dass das Geflügel in den sicheren Stall geht. Apropos: Jetzt ist es Zeit für die Nachtruhe der Gänse. Danach setze ich mich kurz zu den Schafen ins Stroh; bestimmt werden dann die Dominos herbeikommen, sie lassen sich abends gerne streicheln. Ob diese oder jene Besprechung heute oder morgen fertig wird - wen kümmert's? Aber wenn ich es wage, beim Streicheln innezuhalten, werde ich von den Dominos sachte, aber bestimmt mit einem Vorderbein angestupst.

Zur Autorin
  • Helen Macfarlane
    Autorin Hilal Sezgin (Jahrgang 1970) studierte Philosophie in Frankfurt am Main und arbeitete mehrere Jahre in der Feuilletonredaktion der "Frankfurter Rundschau". Seit 2007 lebt sie als freie Schriftstellerin und Publizistin in der Lüneburger Heide und betreibt dort einen kleinen Lebenshof mit 40 Schafen, Ziegen, Hühnern und Gänsen. Zuletzt erschien "Landleben. Von einer, die raus zog" im DuMont Buchverlag.

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1. Vorbildfunktion
renovatio06 04.07.2012
Großer Sport! Ich gratuliere Hilal Sezgin! Ebenso konsequent wie sie habe ich das noch nicht hinbekommen, hoffe aber, mich meinem Lebenstraum vom weitgehend selbstbestimmten Leben - auf einem Leuchtturm, übrigens - doch noch weiter anzunähern.
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