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Tabuthema am Arbeitsplatz "Ich arbeite im Krankenhaus. Und ich habe HIV."

Arbeiten mit HIV: Wir sind Krankenpfleger und Erzieher! Fotos
Corbis

73.000 Menschen in Deutschland sind an HIV erkrankt, mindestens zwei Drittel von ihnen arbeiten. Sie sind Ärzte, Erzieher oder Bankberater. Aus Angst vor einer Entlassung verschweigen die meisten im Berufsleben ihre Infektion - auch Kunden oder Patienten dürfen bloß nichts erfahren.

Die blöden Sprüche kommen meist dann, wenn es eh schon besonders stressig ist. Wenn alle Betten in der Klinik belegt sind und die Pfleger am Limit. Alte kranke Menschen im Akkord zu heben, zu waschen, zu beruhigen ist anstrengend. Für jeden. Noch mehr strapazieren Sven T. in diesen Momenten aber die Sätze von Kollegen: Warum er sich keine andere Arbeit suche, er mit seiner Erkrankung. Sie habe ihm etwas mitgebracht, sagt eine Kollegin manchmal. Es sind ausgeschnittene Stellenanzeigen.

Sven T. hat 2004 von seiner Infektion erfahren, während seiner Ausbildung. "Ich bin Krankenpfleger in einem Krankenhaus und HIV-positiv", sagt er. 32 Stunden pro Woche arbeitet er in einer geriatrischen Klinik, es könnten auch 42 sein. "Es gibt für mich keine Einschränkungen." Körperliche Beschwerden sind nicht das Problem des 32-Jährigen. Die Medikamente schlagen bei ihm sehr gut an, seit Jahren ist er unter der sogenannten "Nachweisgrenze", auch die Ansteckungsgefahr ist damit äußerst gering.

Doch die gesellschaftliche Entwicklung hält nicht mit der medizinischen Schritt, irrationale Ängste wiegen schwerer als wissenschaftliche Befunde. "Immer noch haben Leute Angst, sofort HIV zu bekommen, wenn sie mit einem Infizierten in einem Raum sind", sagt Sven T. Er kennt Krankenpfleger, denen nach ihrem "HIV-Coming-out" gekündigt wurde. In einem neuen Job würde er deshalb auch seine Erkrankung verschweigen. So wie es die meisten tun.

73.000 Menschen in Deutschland sind mit HIV infiziert, rund zwei Drittel von ihnen arbeiten laut der Deutschen Aids-Hilfe "wie andere Menschen auch". Das heißt: Einer von 1000 Beschäftigten ist HIV-positiv, sie sind Lehrer, Friseure und Ärzte. "Eine englische Studie zeigt, dass Menschen mit HIV nicht häufiger fehlen als ihre Kollegen", sagt Holger Wicht von der Deutschen Aids-Hilfe. Durch antiretrovirale Therapien mit mehreren Medikamenten ist im Gegensatz zu früher ein fast normaler Alltag möglich.

Doch kaum jemand kennt einen erkrankten Kollegen. HIV am Arbeitsplatz ist immer noch eines der größten Tabuthemen, besonders heikel wird es in den drei "K-Berufen": Kinder, Küche, Kliniken.

Gäste oder Patienten dürfen nichts erfahren

Manchmal wissen, wie bei Sven T., die Vorgesetzten und Kollegen Bescheid. Gäste oder Patienten dürfen aber bloß nichts erfahren - Unternehmen haben Angst, ihre Kunden zu verlieren. Dabei stellen Menschen mit HIV im Berufsleben keine Gefahr dar, betonen Experten nimmermüde. Trotzdem kommt es immer wieder zu Schwierigkeiten bis hin zu Kündigungen. "Unsicherheit oder Diskriminierung am Arbeitsplatz sind für die meisten größere Probleme als die körperlichen Symptome", sagt Wicht. Das Schlimmste sei, nie zu wissen, wie Freunde, Kollegen und Chefs auf die Nachricht reagieren, erzählt Sven T.

Knapp 30 Jahre nach Entdeckung des Immunschwächevirus fühlen sich laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov fast die Hälfte der Deutschen nicht genügend über die Krankheit informiert. Wenn am 22. Juli in Washington die 19. Welt-Aids-Konferenz beginnt, untersagen noch immer Staaten wie Singapur, Russland oder die Bahamas HIV-Infizierten die Einreise. Erst vor zwei Jahren hob Präsident Barack Obama das Einreiseverbot für die USA auf.

Rechtsanwalt Jacob Hösl aus Köln betreut seit 16 Jahren Mandanten, die aufgrund ihrer HIV-Erkrankung Probleme haben. "Arbeitgeber schieben meist andere Kündigungsgründe vor", sagt er. Doch selbst wenn HIV offen als Argument genannt wird: HIV-Positive sind in der Rechtspraxis nicht über das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz geschützt. Die Aids-Hilfe fordert daher, chronische Erkrankungen explizit als Diskriminierungsgrund anzuerkennen, zumindest sollten Gerichte eine HIV-Erkrankung als Behinderung ansehen - so wie es Ministerien und Ämter bereits tun.

Bald muss das Bundesarbeitsgericht in einem solchen Fall entscheiden. Das Ergebnis könnte wegweisend sein. Sebastian F. arbeitete als Chemielaborant bei einem Pharmaunternehmen. Noch in der Probezeit wurde ein HIV-Test verlangt, der junge Mann gab seine Erkrankung bekannt. Kurz darauf erhielt er die Kündigung und Hausverbot. Der Grund: Seine HIV-Infektion. Der Fall machte bundesweit Schlagzeilen. Vor zwei Gerichten ist Sebastian F. bereits unterlegen. Dabei gibt es nicht einmal eine rechtliche Grundlage für HIV-Tests am Arbeitsplatz, sagt Silke Eggers von der Deutschen Aids-Hilfe. Die Erkrankung sei für die Arbeit nicht relevant, daher dürfe auch nicht danach gefragt werden. Oder anders: Arbeitnehmer dürfen in diesem Fall lügen.

"Einmal hat mich eine Mutter erkannt"

Stephan Roth, 42, will seine HIV-Infektion nicht verschweigen. Der Erzieher aus Berlin möchte Vorbild sein, Ehrlichkeit ist seine beste Waffe. Seit fünf Jahren ist Roth positiv, er hat sich bei einem Ex-Freund angesteckt. In seinem Erzieherjob sagte er erst einmal nichts. Dann machte er bei einer Aufklärungskampagne mit. Plötzlich konnte ihn jeder sehen, auf Plakaten und in Zeitungen. Er sagte seinen Kollegen im Kindergarten Bescheid, für den Fall, dass Eltern "es rauskriegen". Doch negative Reaktionen blieben aus. "Einmal hat mich eine Mutter erkannt", sagt Roth. Sie hatte nur Worte des Lobes für seinen Mut.

Heute ist Roth als Personalleiter für 500 Kindergärten in Berlin verantwortlich. Auch bei ihm haben die Medikamente nach einer ersten "körperlichen Horrorphase" gut angeschlagen. Seinem Chef erzählte er bereits im Vorstellungsgespräch von seiner Infektion, fast alle Kollegen wissen Bescheid. "Je offener und ehrlicher ich von Anfang an bin, desto weniger mache ich mich angreifbar. Ich rate jedem dazu", sagt er.

Auch Sven T. wollte für mehr Aufklärung sorgen. In seiner Klinik schlug er eine HIV-Fortbildung für das Personal vor. "Auch damit endlich alle verstehen, dass ich mich im Beruf nicht mehr schützen muss als die anderen", sagt er. Doch die Idee wurde abgelehnt. Das sei nicht von Nöten, hieß es.

  • Lena Greiner (Jahrgang 1981) ist Redakteurin bei SPIEGEL ONLINE.

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1. Unwissen
online_reader 19.07.2012
Zitat von sysopCorbis73.000 Menschen in Deutschland sind an HIV erkrankt, mindestens zwei Drittel von ihnen arbeiten. Sie sind Ärzte, Erzieher oder Bankberater. Aus Angst vor einer Entlassung verschweigen die meisten im Berufsleben ihre Infektion - auch Kunden oder Patienten dürfen bloß nichts erfahren. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,845071,00.html
Ich habe vor ca. 20 Jahren meine Ausbildung zum Krankenpfleger im KH begonnen.Wir hatten damals eine Patienten auf Station die HIV positiv war.Als bei der Dienstübergabe erwähnt wurde , das Frau XY HIV positiv ist,wurde uns Azubis noch einmal von den Examinierten Kollegen eingeschärft bei dieser Patientin immer darauf zu achten Handschuhe zu tragen.Und man solle ihr auch lieber nicht die Hand geben.Damit man auch auf der sicheren Seite sei.Ich fand das Unwissen bereits damals erschreckend.Wenn selbst medizinisches Fachpersonal so wenig Ahnung und so viel Angst hat,was soll man dann von Leuten erwarten die keine medizinische Ausbildung haben.Es ist ,wie gesagt, 20 Jahre her.Aber irgendwie scheint es mir so ,das zumindest bei Leuten die nicht vom Fach sind das Unwissen und damit die Hysterie was Infektion im allgemeinen angeht noch immer groß sind.
2. optional
johann_krautmann 19.07.2012
Besonders in Krankenhäusern stellt sich die Frage nach dem Infektionsrisiko, beim Hantieren mit Nadeln, Blutkonserven oder Operationen. Lässt sich durch Medikamente tatsächlich das Risiko durch beispielsweise Blutaustausch verringern?
3.
miruwa 19.07.2012
Zitat von johann_krautmannBesonders in Krankenhäusern stellt sich die Frage nach dem Infektionsrisiko, beim Hantieren mit Nadeln, Blutkonserven oder Operationen. Lässt sich durch Medikamente tatsächlich das Risiko durch beispielsweise Blutaustausch verringern?
Als Pfleger in der Geriatrie haben sie mit Operationen und Blutkonserven nichts zu tun. Beim Hantieren mit Nadeln gelten die gleichen Regeln wie bei jedem anderen Pfleger auch. Und die gelten i.d.R. dem Eigenschutz und nicht dem Patienten. Ich bin nicht positiv, hab aber selbst lange auf chirurgischen Stationen in der Pflege gearbeitet. Mir fällt keine realistische Situation ein in der ich einen Patienten hätte infizieren können.
4.
GrinderFX 19.07.2012
Die können von mir aus überall arbeiten oder machen was sie wolle aber im Krankenhaus sollten sie nicht arbeiten. Dazu ist die Gefahr einfach zu groß! Es kommt nicht selten vor, dass Ärzte sich selber mal mit den Gegenständen und Spritzen verletzten. Vorallem dann, wenn sich Patienten wehren oder es zu unkontrollierten Zuckungen und Anfällen kommt.
5.
kibbs 19.07.2012
Zitat von johann_krautmannBesonders in Krankenhäusern stellt sich die Frage nach dem Infektionsrisiko, beim Hantieren mit Nadeln, Blutkonserven oder Operationen. Lässt sich durch Medikamente tatsächlich das Risiko durch beispielsweise Blutaustausch verringern?
es besteht eine größere gefahr das man als arzt oder schwester mit dem blut von patienten in berührung kommt als anders herum.also keine panik.ich muß auch als schwester damit klar kommen wenn auf einmal ein patient bei der aufnahme vor mirsteht bei dem dann rauskommt das er noro-virus,ne offene tuberkulose oder andere solche sachen hat.da kann ich ja auch nicht schreiend weglaufen.
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Aids-Medikamente: Kampf gegen die HIV-Infektion

HIV/Aids
Zahlen und Fakten in Deutschland
- in Deutschland leben etwa 78.000 Menschen mit HIV und Aids
- rund 63.000 HIV-Infizierte und Aidskranke sind Männer
- davon sind etwa 51.000 Männer homo- oder bisexuell
- 17.000 Menschen haben sich über heterosexuelle Kontakte infiziert
- im Jahr 2012 gab es etwa 3400 HIV-Neuinfektionen
- die Zahl der Todesfälle wird auf 550 geschätzt
- seit Beginn der Epidemie in den Achtzigerjahren gab es etwa 27.000 Todesfälle in Deutschland. Jährlich kommen etwa 500 Todesfälle hinzu.
Quelle: RKI, Stand November 2013
HIV-Infektion
Die Infektion mit HIV erfolgt über Körperflüssigkeiten wie Blut, Sperma und Scheidensekret, aber auch über die Muttermilch. Außer ungeschütztem Vaginal- und Analverkehr gilt die gemeinschaftliche Nutzung von Spritzen durch Drogensüchtige als ein Hauptübertragungsweg.

Bei normalem Körperkontakt gibt es dagegen kein Infektionsrisiko, da die Körperhaut im Gegensatz zur Schleimhaut über eine schützende Hornschicht verfügt. Bei Verletzungen oder Ekzemen können allerdings auch hier Erreger eindringen. Beim beruflichen Umgang mit Kollegen am Arbeitsplatz besteht ebenso wenig Ansteckungsgefahr wie bei Besuchen von Schwimmbad oder Sauna oder gemeinsamem Essen. Kein Risiko gibt es auch bei ärztlichen und zahnärztlichen Behandlungen, da die Desinfektion von Instrumenten das Virus zuverlässig abtötet.
Die Krankheit Aids
Das HI-Virus zerstört allmählich das Immunsystem, indem es die Zahl der T-Helferzellen im Blut drastisch senkt. Während in den ersten Wochen nach der Infektion grippeähnliche Symptome auftreten können (aber nicht müssen), folgen der Ansteckung mit HIV meist mehrere Jahre ohne körperliche Anzeichen. Währenddessen vermehrt sich das Virus im Körper. Mit dem Beginn der ARC-Phase ("Aids Related Complex") treten erneut Beschwerden wie nach der Infektion auf. Wenn die eigentliche Krankheit beginnt, spricht man von der Diagnose Aids ("Acquired Immunodeficiency Syndrome").

Aids wird durch verschiedene Erkrankungen definiert. Sogenannte opportunistische oder Sekundär-Infektionen und Tumoren nutzen die schwache Immunabwehr aus. Meistens stirbt der Patient an einer der Folgeerkrankungen. Doch können schon im Vorfeld virenhemmende Medikamente eingesetzt werden. Diese verlängern die Lebenserwartung und steigern die Lebensqualität der Betroffenen.
Das Virus
Das Humane Immundefizienz-Virus (HIV) ist ein Retrovirus. Diese Erreger sind in der Lage, ihren genetischen Code in das Erbgut der Wirtszelle des Menschen einzubauen. Deshalb kann das Virus nach einer Infektion nicht wieder vollständig aus dem Körper entfernt werden.

Das Virus kommt in zwei Stämmen vor. HIV-1 ist weltweit verbreitet. Mikrobiologen unterscheiden Subtypen mit den Buchstaben A bis I und O. Der zweite Stamm, HIV-2, ist vorwiegend in Westafrika verbreitet. Ansteckungs- und Krankheitsverlauf sind in beiden Fällen ähnlich.
Weltweite Verbreitung
Laut dem Aidsprogramm der Vereinten Nationen Unaids sind weltweit schätzungsweise mehr als 35 Millionen Menschen mit dem HI-Virus infiziert. Mit mehr als zwei Drittel der Infizierten bilden die Länder des südlichen Afrikas nach wie vor ein Zentrum der Epidemie.

Bis Ende 2012 erhielten rund 9,7 Millionen HIV-positive Menschen in Ländern mit niedrigem oder mittlerem Einkommen eine antiretrovirale Therapie - im Vergleich zu drei Millionen Patienten im Jahr 2007 und lediglich 400.000 in 2003.

Quellen: Robert-Koch-Institut (RKI), Unaids
Umgang und Leben mit HIV
Vor allem Homosexuelle unter 30 Jahren lassen sich regelmäßig testen. Sind sie positiv, ist die Infektion meist im frühzeitigen Anfangsstadium, die Behandlung kann das Fortschreiten der Erkrankung eindämmen.

Heterosexuelle oder Betroffene mit Migrationshintergrund kommen meistens erst, wenn sich die Symptome des geschwächten Immunsystems nicht mehr verleugnen lassen.

Bei 15 Prozent der neudiagnostizierten HIV-Patienten ist Aids daher bereits ausgebrochen. Inzwischen haben Betroffene - mit einer Differenz von etwa zehn Jahren - die gleiche Lebenserwartung wie gesunde Menschen. Sie sterben inzwischen häufiger an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung als an der durch einen Pilz verursachten Lungenentzündung, einst klassische Todesursache der Aidserkrankten. Jeder vierte HIV-Positive ist inzwischen älter als 50 Jahre.

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