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Hofierte Arbeitnehmer Der neue Wettbewerb um die Köpfe

Umworbene Arbeitnehmer: Wer 2011 im großen Stil einstellt Fotos
Corbis

Die deutsche Wirtschaft erlebt eine Wende: Arbeitnehmer als reine Kostenfaktoren, diese zynische Sicht ist passé. Fortan werden Unternehmen sie umwerben und hegen müssen. Und das gilt längst nicht nur für ausgewiesene Spezialisten - ein Ausblick von Henrik Müller.

Manche Umwälzungen laufen so langsam ab, dass die Zeitgenossen sie kaum bemerken. Eine solche Entwicklung erlebt Deutschland derzeit: eine Slow-Motion-Revolution, die Wirtschaft und Gesellschaft grundlegend verändern wird - und die die Entfaltungsmöglichkeiten jedes einzelnen dramatisch vergrößern wird.

Nichts Geringeres als eine Gezeitenwende vollzieht sich momentan. Die Bevölkerung schrumpft und altert. Das Zeitalter des Arbeitskräfteüberschusses geht zu Ende - die Ära des großen Köpfemangels bricht an. Während die Wirtschaft lautstark über die Knappheit an Bewerbern klagt und sich die Sozialpolitiker wegen der steigenden Kosten für die öffentlichen Kassen sorgen, eröffnen sich den Beschäftigen große Chancen.

Für immer mehr Menschen wird der Arbeitsmarkt zum Spielfeld ohne Grenzen. Sie haben die freie Auswahl unter den Arbeitgebern. Und sie nutzen sie.

Zunächst profitieren vor allem die jungen Hochqualifizierten, die umworben werden wie selten zuvor. Doch künftig werden immer weitere Kreise von den veränderten Bedingungen auf dem Arbeitsmarkt profitieren, auch Ältere und schwächer Qualifizierte.

Welche Möglichkeiten eröffnen sich in der neuen Jobwelt? Und wie kann man sie nutzen? Wie verändern sich die Spielregeln auf dem Arbeitsmarkt? Was bieten Unternehmen? Und was erwarten sie von den Bewerbern? Die neue Seite KarriereSPIEGEL gibt Antworten in einem neuen Umfeld. Orientierung in einer Zeit großer Umbrüche.

Rapides Minus bei den Arbeitskräften

Denn von nun an schrumpft das Arbeitskräfteangebot - und zwar dramatisch. 2008 hat das Erwerbspersonenpotential in Deutschland einen historischen Höhepunkt erreicht: 44,8 Millionen Menschen standen dem Arbeitsmarkt zur Verfügung. Jetzt geht es abwärts, zunächst noch recht langsam, doch in den kommenden Jahren gewinnt der Rückgang an Tempo.

Bis 2020 wird das Angebot an Arbeitskräften um 1,8 Millionen Menschen sinken, so hat es das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) errechnet. Bis 2025 schrumpft es dann noch einmal um weitere 1,8 Millionen. Ein rapides Minus von mehr als dreieinhalb Millionen Menschen binnen nur 15 Jahren. Das gab es noch nie. Und dabei gehen die Forscher sogar von recht optimistischen Annahmen für die zusätzliche Beschäftigung von Frauen, Älteren und Zuwanderern aus.

Fachkräftemangel
Sag mir, wo die Fachkräfte sind
Im Aufschwung brummt es bei den Unternehmen. Aber zugleich werden die Alarmrufe lauter, weil hochqualifizierte Fachkräfte fehlen: Wo es hakt, was man dagegen tun kann - ein Überblick.
Die MINT-Lücke
Im Februar 2011 konnten 117.000 Jobs für Spezialisten der MINT-Fachgebiete (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) nicht besetzt werden, 21.000 Stellen mehr als im Vormonat. Das meldet das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft. Der Fachkräftemangel werde zum "Bremsklotz für die konjunkturelle Erholung", warnte die Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände (BDA).
Trotzdem viele arbeitslose Ingenieure
Techniker sind am stärksten gefragt. "Ein Abschluss als Ingenieur ist derzeit nahezu eine Jobgarantie", so Willi Fuchs vom Verein Deutscher Ingenieure. Den vielen offenen MINT-Stellen standen im Januar aber knapp 87.000 Arbeitslose gegenüber. Viele seien schwer zu vermitteln, weil sie nicht die geforderte Qualifikation mitbrächten (im Fachbegriff "Mismatching"), meist wegen längerer Erwerbslosigkeit - so sehen es zumindest die Arbeitgeber.
Das Potential älterer Ingenieure
Ob es tatsächlich einen flächendeckenden Mangel gibt oder Engpässe in einigen Ingenieurberufen, ist in der Fachwelt umstritten. Einig sind sich fast alle Experten, dass Unternehmen stärker auf den Sachverstand älterer Ingenieure zurückgreifen könnten. Linderung der Not erwartet die Wirtschaft von der Anhebung des Rentenalters ("Rente mit 67"), die 2012 beginnt: Werde ein Jahr länger gearbeitet, blieben damit 50.000 Hochqualifizierte länger im Job.
Abbrecher: Fix aus dem Studium herausgeprüft
Die Branchenverbände trommeln seit vielen Jahren vehement, um mehr Abiturienten ins MINT-Studium zu locken. Technik, die nicht immer begeistert: Die deutsche Ingenieurs-Ausbildung ist eher wenig einladend - teils trist und praxisfern, teils übertrieben hart. So beendeten 2008 nur 52 Prozent aller Maschinenbaustudenten ihr Studium erfolgreich; 34 Prozent brachen es komplett ab, der Rest wechselte das Fach. Dass bei Maschinenbau-Prüfungen mitunter 80 Prozent durchfallen, sei "kein Beweis von Qualität", kritisierte BDA-Bildungsexpertin Barbara Dorn. Es gehe auch nicht an, dass Hochschulen die Studierenden schon im zweiten oder dritten Semester "hinauskomplimentieren".
Dauerstreit um Zuwanderer
Hochqualifizierte Fachkräfte aus dem Ausland könnten um Fachkräfte barmenden Unternehmen helfen, doch das ist politisch in Deutschland ein notorisch heikles Thema. Die Bundesregierung hat jetzt immerhin angekündigt, ausländische Berufsabschlüsse schneller und unbürokratischer anzuerkennen als bisher - auch als Willkommenssignal. Gabriele Sons von Gesamtmetall plädierte dafür, die Gehaltsgrenze für die uneingeschränkte Anwerbung qualifizierter Ausländer zu senken: von derzeit 66.000 auf rund 40.000 Euro im Jahr. Einen solchen Vorstoß plant bereits Sachsen im Bundesrat. Es könne nicht sein, "dass ein Zuwanderer mehr verdienen muss als ein Hochschulprofessor, um eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen", sagte Sachsens Innenminister Markus Ulbig (CDU).
Kann es sein, dass Weibsvolk anwesend ist?
In den Hörsälen und Labors des klassischen Ingenieurstudiums: eher nicht. In allen MINT-Fächern war 2009 ein Drittel aller Absolventen weiblich, in den technischen Disziplinen aber nur gut ein Fünftel, wie eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft zeigt. Bisher gelingt es den Ingenieurwissenschaften kaum, junge Frauen für ein Technikstudium zu begeistern. (mak/jol)
In den kommenden Jahren dreht sich eine Entwicklung um, die Deutschland in den frühen achtziger Jahren erlebt hat. Damals drängten nach und nach die geburtenstarken Jahrgänge auf den Arbeitsmarkt. Es herrschte drangvolle Enge. Die Arbeitslosenquote verdoppelte sich im Zuge der Rezession Anfang der achtziger Jahre - und verharrte über viele Jahre auf hohem Niveau, auch als sich die Wirtschaft erholt hatte. Noch einmal nahm die Arbeitslosigkeit in Folge der Wiedervereinigung kräftig zu, als die Lohnnebenkosten stark stiegen.

Mitarbeiter nur als Kostenfaktoren - die falsche Haltung

Politik und Wirtschaft reagierten damals, indem sie immer mehr Menschen aus dem Arbeitsmarkt drängten: durch Frühverrentungs- und Vorruhestandsregelungen, überwiegend staatlich subventioniert. Viele Beschäftigte bekamen den Eindruck vermittelt, sie seien unerwünscht und eigentlich überflüssig - bloße Kostenfaktoren, derer man sich lieber heute als morgen liebsten entledigen wollte.

Inzwischen können sich Unternehmen und Staat eine solche Haltung nicht mehr leisten. Denn Deutschland erlebt den ersten Aufschwung unter den Bedingungen der demografischen Wende. Frank-Jürgen Weise, Chef der Bundesagentur für Arbeit, sorgt sich bereits darum, der Faktor Mensch könnte knapp werden: "Der Mangel könnte so gravierend werden, dass er unser Wirtschaftswachstum limitiert."

Unternehmen tun sich schwer, Leute zu finden. Die Zahl der offenen Stellen steigt rasch. Im vierten Quartal 2010 war in Deutschland rund eine Million Jobs unbesetzt. Ein Viertel mehr als noch ein Jahr zuvor.

Akut mangelt es den Unternehmen vor allem an Ingenieuren und Naturwissenschaftlern. Bei den sogenannten MINT-Qualifikationen - Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik - fehlen inzwischen mehr als 117.000 Mitarbeiter, wie das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) ermittelt hat.

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insgesamt 134 Beiträge
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    Seite 1    
1. ist mir bislang nicht aufgefallen
charly993 24.03.2011
das bekommen wir seit meiner abizeit erzählt...in 5 jahren brauchen wir euch am arbeitsmarkt... das ist 23 jahre her und ich habe bis jetzt noch nichts davon gemerkt...trotz (oder wegen) hoher qualifikation...
2. Potential aktivieren
KeinSteinWieDerAndere 24.03.2011
Es wird Zeit viel ungenutztes Potential zu aktivieren. Warum gelingt es mir nicht jemanden zur Unterstützung bei der Haus- und Gartenarbeit zu finden. 12.- EUR/h netto zu wenig? Ja, weil man auch ohne Arbeit dieses Einkommen bekommt. Von wem? Der dumme Nachbarn zahlt mit seiner Arbeit so viel Steuern, die dann wieder verteilt werden, an die die lieber daheim bleiben und sich beim Nachmittags-Trash-TV weiter verblöden lassen.
3. Kurzschluss
forumgehts? 24.03.2011
Zitat von sysopDie deutsche Wirtschaft steckt mitten in einer Gezeitenwende: Arbeitnehmer als reine Kostenfaktoren, diese zynische Sicht ist passé. Fortan werden Unternehmen sie umwerben und hegen müssen. Und das gilt längst nicht nur für ausgewiesene Spezialisten - ein Ausblick von Henrik Müller. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,752588,00.html
Oh heilige Einfalt! Die deutschen Arbeitnehmer haben gar nichts zu erhoffen. Die Suche, das Werben und das Hegen wird im billigen Ausland erfolgen.
4. Hmm
Sapere aude 24.03.2011
Jaja, in der Zukunft wird alles besser.... da blenden wir mal einfach die Facharbeiterlawine aus Osteuropa aus, die ab Mai auf uns zurollen wird.
5. Niveaulos
Knippi2006 24.03.2011
Zitat von KeinSteinWieDerAndereEs wird Zeit viel ungenutztes Potential zu aktivieren. Warum gelingt es mir nicht jemanden zur Unterstützung bei der Haus- und Gartenarbeit zu finden. 12.- EUR/h netto zu wenig?
Sie meinen bar Kralle? Wie oft brauchen Sie denn jemanden? 1 x die Woche für 2 Stunden? Wenden Sie sich an eine Reinigungsfachfirma. Davon gibt es massig am Markt. Klar, dass solch unqualifiziertes Gequake wieder kommen musste. Ich wette, Sie haben nicht einen einzigen Zettel an ein schwarzes Brett eines Supermarktes gehängt, sie wollen sich hier nur ausk***en.
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