Hofierte Arbeitnehmer Der neue Wettbewerb um die Köpfe
Die deutsche Wirtschaft erlebt eine Wende: Arbeitnehmer als reine Kostenfaktoren, diese zynische Sicht ist passé. Fortan werden Unternehmen sie umwerben und hegen müssen. Und das gilt längst nicht nur für ausgewiesene Spezialisten - ein Ausblick von Henrik Müller.
Manche Umwälzungen laufen so langsam ab, dass die Zeitgenossen sie kaum bemerken. Eine solche Entwicklung erlebt Deutschland derzeit: eine Slow-Motion-Revolution, die Wirtschaft und Gesellschaft grundlegend verändern wird - und die die Entfaltungsmöglichkeiten jedes einzelnen dramatisch vergrößern wird.
Nichts Geringeres als eine Gezeitenwende vollzieht sich momentan. Die Bevölkerung schrumpft und altert. Das Zeitalter des Arbeitskräfteüberschusses geht zu Ende - die Ära des großen Köpfemangels bricht an. Während die Wirtschaft lautstark über die Knappheit an Bewerbern klagt und sich die Sozialpolitiker wegen der steigenden Kosten für die öffentlichen Kassen sorgen, eröffnen sich den Beschäftigen große Chancen.
Für immer mehr Menschen wird der Arbeitsmarkt zum Spielfeld ohne Grenzen. Sie haben die freie Auswahl unter den Arbeitgebern. Und sie nutzen sie.
Zunächst profitieren vor allem die jungen Hochqualifizierten, die umworben werden wie selten zuvor. Doch künftig werden immer weitere Kreise von den veränderten Bedingungen auf dem Arbeitsmarkt profitieren, auch Ältere und schwächer Qualifizierte.
Welche Möglichkeiten eröffnen sich in der neuen Jobwelt? Und wie kann man sie nutzen? Wie verändern sich die Spielregeln auf dem Arbeitsmarkt? Was bieten Unternehmen? Und was erwarten sie von den Bewerbern? Die neue Seite KarriereSPIEGEL gibt Antworten in einem neuen Umfeld. Orientierung in einer Zeit großer Umbrüche.
Rapides Minus bei den Arbeitskräften
Denn von nun an schrumpft das Arbeitskräfteangebot - und zwar dramatisch. 2008 hat das Erwerbspersonenpotential in Deutschland einen historischen Höhepunkt erreicht: 44,8 Millionen Menschen standen dem Arbeitsmarkt zur Verfügung. Jetzt geht es abwärts, zunächst noch recht langsam, doch in den kommenden Jahren gewinnt der Rückgang an Tempo.
Bis 2020 wird das Angebot an Arbeitskräften um 1,8 Millionen Menschen sinken, so hat es das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) errechnet. Bis 2025 schrumpft es dann noch einmal um weitere 1,8 Millionen. Ein rapides Minus von mehr als dreieinhalb Millionen Menschen binnen nur 15 Jahren. Das gab es noch nie. Und dabei gehen die Forscher sogar von recht optimistischen Annahmen für die zusätzliche Beschäftigung von Frauen, Älteren und Zuwanderern aus.
Mitarbeiter nur als Kostenfaktoren - die falsche Haltung
Politik und Wirtschaft reagierten damals, indem sie immer mehr Menschen aus dem Arbeitsmarkt drängten: durch Frühverrentungs- und Vorruhestandsregelungen, überwiegend staatlich subventioniert. Viele Beschäftigte bekamen den Eindruck vermittelt, sie seien unerwünscht und eigentlich überflüssig - bloße Kostenfaktoren, derer man sich lieber heute als morgen liebsten entledigen wollte.
Inzwischen können sich Unternehmen und Staat eine solche Haltung nicht mehr leisten. Denn Deutschland erlebt den ersten Aufschwung unter den Bedingungen der demografischen Wende. Frank-Jürgen Weise, Chef der Bundesagentur für Arbeit, sorgt sich bereits darum, der Faktor Mensch könnte knapp werden: "Der Mangel könnte so gravierend werden, dass er unser Wirtschaftswachstum limitiert."
Unternehmen tun sich schwer, Leute zu finden. Die Zahl der offenen Stellen steigt rasch. Im vierten Quartal 2010 war in Deutschland rund eine Million Jobs unbesetzt. Ein Viertel mehr als noch ein Jahr zuvor.
Akut mangelt es den Unternehmen vor allem an Ingenieuren und Naturwissenschaftlern. Bei den sogenannten MINT-Qualifikationen - Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik - fehlen inzwischen mehr als 117.000 Mitarbeiter, wie das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) ermittelt hat.
- 1. Teil: Der neue Wettbewerb um die Köpfe
- 2. Teil: Kosten runter, Rendite rauf? Das war gestern - eine neue Nachdenklichkeit ist eingekehrt
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