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Zoff um Heimarbeit "Jedem Mitarbeiter steht ein vernünftiger Arbeitsplatz zu"

Homeoffice: Darf die Katze überhaupt auf den Schreibtisch? Zur Großansicht
Corbis

Homeoffice: Darf die Katze überhaupt auf den Schreibtisch?

Über "bürokratischen Unsinn" toben Unternehmer, weil Arbeitsministerin Andrea Nahles die Bürogestaltung im Homeoffice neu regeln will. Gesundheitsexperte Walter Eichendorf kontert: Arbeitgeber tragen Verantwortung für Telearbeiter.

Zur Person
  • DPA
    Walter Eichendorf ist stellvertretender Hauptgeschäftsführer der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV). Gesundheitsexperten aus seinem Haus saßen im Ausschuss für Arbeitsstätten.
KarriereSPIEGEL: Nächste Woche will das Bundeskabinett eine neue Arbeitsstättenverordnung verabschieden - "völlig unrealistische und praxisferne Pläne" aus "Absurdistan", kritisiert der erboste Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer. Gängelt die Ministerialbürokratie Firmen und Angestellte, wenn selbst Heimarbeitsplätze normiert werden?

Eichendorf: Ich verstehe die Attacken nicht. Eigentlich wird nur eine antiquierte Verordnung gelöscht, die aus einer Zeit ohne Smartphones, Notebooks und iPads stammt. Einige Reste hat man in die neue integriert. Das ist völlig normal, da hat sich nicht viel verändert.

KarriereSPIEGEL: Kramer klagt darüber, dass die Arbeitgeber künftig auch für die Heimarbeitsplätze ihrer Mitarbeiter zu Hause verantwortlich sind. Sollen Firmen künftig im Ernst in Wohnungen kontrollieren, ob Mitarbeiter ihre Handballen ordentlich ablegen können?

Eichendorf: Wenn eine Tastatur so liegt, dass vor ihr kein Handballenbreit Platz mehr ist, werden Schulter- oder Nackenschmerzen den Mitarbeiter nach wenigen Tagen oder Wochen quälen. Dann rennt er von einem Orthopäden zum nächsten. Und niemand kann ihm helfen, weil natürlich niemand an den Handballen denkt. Für mich als Arbeitsschützer ist daher absolut essenziell, dass der Arbeitgeber die Verantwortung für das Wohlergehen seiner Beschäftigten wahrnimmt - auch bei Telearbeit.

KarriereSPIEGEL: Hört man bei solchen Detailkontrollen nicht leise den Amtsschimmel wiehern?

Eichendorf: Denkt man vielleicht spontan - aber dazu gibt es medizinische Studien. Die häufigsten Krankmacher bei Büroarbeit sind Maus, Tastatur, Bildschirm und eine schlechte Körperhaltung. Es ist doch klar, dass für Arbeitnehmer im Homeoffice dieselben Standards gelten müssen wie für die Kollegen im Betrieb. Alles andere wäre Käse.

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Homeoffice - so funktioniert's: Zehn Regeln für Arbeitnehmer
KarriereSPIEGEL: Der Arbeitgeberpräsident argumentiert, ein Chef könne Mitarbeitern sowieso nicht vorschreiben, wo sie arbeiten wollen. Statt am Schreibtisch sitzen viele lieber auf dem Sofa, mit dem Laptop auf dem Schoß.

Eichendorf: Von mir aus darf ein Mitarbeiter auch im Bett arbeiten, auf dem Boden liegen oder sich am Küchentisch den Rücken ruinieren - das ist seine Sache. Aber das entbindet einen Arbeitgeber nicht von der Pflicht, seine Beschäftigten vor arbeitsbedingten Gesundheitsgefahren zu schützen. Jedem Mitarbeiter steht ein vernünftiger Arbeitsplatz zu: mit einem geprüften Bildschirm, einem gesunden Bürostuhl, einer ergonomischen Tastatur. Das gilt auch für festangestellte Telearbeiter zu Hause.

KarriereSPIEGEL: Protestieren Unternehmen nur deshalb so vehement, um an der Ausstattung für Heimarbeitsplätze sparen zu können?

Eichendorf: Das will ich nicht unterstellen. Aber wir sind alle überrascht. Der Ausschuss hat zwei Jahre lang konstruktiv zusammengearbeitet, alles schien geregelt, und plötzlich reagiert der Arbeitgeberverband so heftig. Alles steht auf dem Prüfstand, sogar die jährlichen Unterweisungen nach dem Arbeitsschutzgesetz.

KarriereSpiegel: Bitte was?

Eichendorf: Das Thema betrifft nicht nur Telearbeiter, sondern alle Angestellten. Sie sollen einmal im Jahr geschult werden und lernen, wo gesundheitliche Gefahren am Arbeitsplatz lauern. Zum Beispiel, wie und wo ein Bildschirm stehen sollte, warum Pausen wichtig sind, dass es auf den Rücken geht, wenn man beim Tippen mit fliegenden Fingern in der Luft arbeitet, statt die Handballen aufzusetzen. Das dauert selten länger als eine halbe oder eine Stunde. In vielen Firmen ist das Praxis, aber der Arbeitgeberpräsident hält das auf einmal für unsinnig.

KarriereSPIEGEL: Viele Arbeitnehmer sind doch froh, wenn sie zu Hause arbeiten können. Sie machen bestimmt gern ein paar Abstriche, wenn sie dafür nicht im Stau stehen müssen und kostbare Zeit verlieren.

Eichendorf: Pro Heimarbeitsplatz spart der Arbeitgeber im Schnitt 150 Euro Büromiete plus jede Menge Nebenkosten. Dafür muss er dann aber auch dafür sorgen, dass zu Hause gesund gearbeitet werden kann.

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Arbeiten von zu Hause aus: Zehn Regeln für Arbeitgeber
KarriereSPIEGEL: Also muss der Chef künftig im privaten Bereich seiner Heimarbeiter herumschnüffeln?

Eichendorf: Da klingelt doch nur eine Fachkraft für Arbeitssicherheit, vielleicht auch der Betriebsarzt. Die schnüffeln auch nicht, sie prüfen nur den Bereich, den der Arbeitgeber offiziell für seinen Mitarbeiter eingerichtet hat.

KarriereSPIEGEL: Und stellen eventuell fest, dass die Sonne im falschen Winkel auf einen Schreibtisch am Südfenster scheint - auch darüber hat Arbeitgeberpräsident Kramer schon gespottet.

Eichendorf: Jetzt sind wir beim Thema Blendung. Es ist alles andere als lustig, wenn sich die Augen im krassen Gegenlicht auf einen Monitor konzentrieren müssen. Nach wenigen Tagen hat der Mitarbeiter Kopfschmerzen ohne Ende. Noch einmal: Warum sollten für Arbeitsplätze, die 30 Kilometer von der Firma entfernt liegen, andere Regeln gelten als in der Firma selbst? Büroplätze, die Migräneattacken fördern, sind in keinem Unternehmen erlaubt und natürlich auch nicht zu Hause. Ein Chef, der etwas anderes fordert, erweist sich selbst einen Bärendienst.

KarriereSPIEGEL: Dann ist es vorbei mit der Heimarbeit?

Eichendorf: Quatsch. Da hängt man einfach ein Rollo oder einen Vorhang hin.

KarriereSPIEGEL: Unternehmen klagen darüber, dass sie fortan prüfen müssen, ob elektrische Geräte die Luft im Arbeitszimmer nicht zu sehr erwärmen.

Eichendorf: Haben Sie schon mal Ihren Computer angeworfen, damit er das Zimmer heizt? Ich weiß gar nicht, wie viel Geräte in einem Büro stehen müssten, damit die Temperatur tatsächlich steigt. Ein PC, ein Drucker und ein Bildschirm schaffen das auf jeden Fall nicht.

KarriereSPIEGEL: Ob die Sonne blendet, die Beleuchtung für mindestens 500 Lux sorgt, wo das Fenster ist... das klingt schon nach Regelungswut. Die meisten Menschen wohnen eben nicht in hochmodernen Häusern und haben auch keine Designer-Büromöbel.

Eichendorf: So kompliziert ist es gar nicht. In der Regel reicht ein Schreibtisch aus dem Möbelgeschäft nebenan. Er sollte groß genug sein für Tastatur, Bildschirm und eine Papierablage. Und die Sache mit dem Fenster: Tageslicht ist doch wohl selbstverständlich. Alles andere würde einen Mitarbeiter ja in den Wahnsinn treiben. Das kann kein Chef wollen.

  • KarriereSPIEGEL-Autorin Silvia Dahlkamp (Jahrgang 1967) arbeitet in einer Hamburger Redaktion und daneben als freie Journalistin.

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insgesamt 121 Beiträge
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    Seite 1    
1. Und
VacekKacek 30.01.2015
wieder einmal glänzt Nahles mit unfassbarer Weltfremdheit und üerrragender Dummheit bei einer Gesetzesvorlage. Diese Frau überbietet sich regelmässig selber darin, auf Platz eins der Hitliste der Nichtskönner und Hasenhirne zu stürmen. Nur noch Dobrindt kann ihr bei dem Finish das Wasser reichen.
2. ach?
auf_dem_Holzweg? 30.01.2015
dann sagt das mal ALLEN Firmen mit Großraumbüros. Besonders Versicherungen und Banken bauen Groß-Fabrikations-Hallen mit allen Klimazonen der Welt in einem riesengroßen Raum, verschiedenste Tätigkeiten werden darin wahrgenommen. So durfte ich mal bei einer weltbekannten Großbank Konzepte erarbeiten während neben mir das Call-Center saß.Für unsere Tätigkeit nicht eben die optimale Hintergrundlautstärke. Besprechungsräume gab es quasi keine. Bei jedem und zugewiesenen "Arbeitsplatz" wären selbst Tierschützer erstaunt, da man weniger Platz hat als eine Legehenne im Durschnitt. Das ist der Preis wenn Deutschland weiterhin den amerikanischen Arbeitsweisen nacheifert, die Effizienz geht gegen Null, ebenso die Qualität.
3. Irgendeine
hajofroh 30.01.2015
Existenzberechtigung muss eine Institution wie die DGUV ja immer mal wieder nachweisen. Die Heimarbeit kommt da gerade Recht! Dass die Forderungen und Aussagen von Herrn Dr. Eichendorf völlig praxisfremd - und kaum umsetzbar sind - ist da doch wohl nur ein Randaspekt, den man ja wirklich vernachlässigen kann!
4.
istnurmeinemeinung 30.01.2015
Möglicherweise möchte der Arbeitnehmer aber auch gar keinen Besuch aus der Arbeit in seinem privaten Umfeld empfangen, aber trotzdem Heimarbeit leisten. Vielleicht sollte es einen Anspruch auf beratende Besichtigung des Heimarbeitsplatzes geben, aber keinesfalls sollte eine Pflicht eingeführt werden, welche die privaten Interessen des Arbeitnehmers beeinträchtig.
5.
forschung 30.01.2015
Ansich kann man die Argumente nachvollziehen. Das alles aber z.B. persönlich zu kontrollieren, finde ich schon ein bisschen übertrieben. Es sollte genügen, dass der Mitarbeiter einen Fragebogen ausfüllt, der eben die Punkte abklopft und ein Merkblatt dazu mitgibt. Das sollte ausreichen bei Mitarbeitern, denen man die Heimarbeit auch zutraut. Alles Andere ist Bevormungung oder das Absprechen der nötigen Einsicht bzw. Intelligenz des Mitarbeiters.
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